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Landlust |
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Thomas Schmid, Berliner Zeitung, 05.052012
Die Krise drückt, doch die Griechen verzagen nicht.
Grün ist die Hoffnung: Sie werden Bauern, gründen
Kartoffel-Bürgerinitiativen oder erfinden neue Währungen.
THESSALONIKI. Der
schlaksige Mann bückt sich, zupft einige Blättchen von seinen Pflanzen,
zerreibt sie zwischen Daumen und Zeigefinger und hält dem Besucher
Krümel unter die Nase. "Hier, riech mal!" Thymian, Oregano, Rosmarin,
Lavendel. Grigoris ist stolz auf sein kleines Paradies, in dem auch
Rhabarber und Rote Bete wachsen. Und mitten zwischen Salaten und
Tomaten steht ein junger Olivenbaum. Noch ist sein Holz
geschmeidig und glatt. Früchte wird er bestenfalls in fünf
Jahren tragen, vielleicht auch erst in zehn. Ob Grigoris sie je pflücken
wird, weiß er nicht. Wie lange wird er, der seinen Nachnamen lieber
nicht in der Zeitung lesen will, es hier allein aushalten? Der
19-Jährige, aufgewachsen in Thessaloniki, der zweitgrößten Stadt
Griechenlands, ist nach dem Abitur aufs Land gezogen, nach Epanomi, ins
leer stehende Haus seiner Großeltern auf der Halbinsel Chalkidiki.
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Abgestürzt |
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Thomas Schmid, Berliner Zeitung, 11.02.2012
Der Sparkurs, der Griechenland
aufgezwungen wurde, hat Zehntausende ins Elend getrieben.
In Athen ist die Zahl der Obdachlosen dramatisch angestiegen.
ATHEN.
Vor zwei Jahren noch hat Markos in seinem Gebirgsdorf auf dem Peleponnes
ein kleines Stück Land bebaut, Weinstöcke beschnitten und Oliven
gepresst. Nun liegt er in sechs schmutzige Steppdecken gehüllt, drei
über sich, drei unter sich, auf dem Bürgersteig einer Gasse in der
Altstadt von Athen. Neben ihm schlafen vier Männer. Markos hält
Wache. Es ist kurz vor Mitternacht. "Die Marokkaner haben Messer",
sagt er, "sie rauben uns aus."
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Wie eine Decke aus Blei |
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Thomas Schmid, Berliner Zeitung, 07.11.2011
Athen ist fest im Griff der Rezession. An Hilfe durch
die Politik glaubt hier niemand mehr. Unter den Menschen machen sich
Hoffnungslosigkeit und Resignation breit.
Die Fokionos-Negri-Allee gehörte vor noch nicht allzu langer
Zeit zu den Prachtboulevards der griechischen Hauptstadt. Cafés säumen
die Fußgängerzone, Bauhaus-Stil und Art Déco zeugen von glanzvollen
Zeiten. Vergangenen Zeiten. Der Brunnen ist trockegelegt. Der Rasen
ungepflegt. Die Hälfte der Läden steht zum Verkauf aus. Und unten an der
Ecke, wo eine Kirche seit Wochen geschlossen ist, weil niemand die
Schäden eines Kabelbrandes beseitigt, ist das Pflaster aufgerissen. Ein
Kiosk stand einst hier. Doch der Händler hat aufgegeben und ihn
abmontiert.
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Viel Provinz und wenig Geld |
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Thomas Schmid, Berliner Zeitung, 18.05.2011
Die griechische Depression hat sich längst von Athen aus bis in
den letzten Winkel des Landes ausgebreitet. In Kozani schließen die
Zechen, in Naoussa hoffen sie auf Alexander den Großen
KOZANI/NAOUSSA. Die Kundschaft wurde weniger. Eines Tages
konnte Dimitris die Miete nicht mehr zahlen. Schließlich räumte er
seinen Jeans-Laden, nach nur zwei Jahren. "Wäre ich bloß in Deutschland
geblieben", ärgert sich der Grieche, der in Gelsenkirchen Früchte und
Gemüse verkaufte, "wir lebten nicht schlecht, aber meine Frau wollte
zurück." Nun verbringt er seine Tage auf dem Hauptplatz von Kozani und
schlürft kalten Kaffee. Wie Kostas, mit dem Dimitris einst die Schulbank
gedrückt hat. Der hat sein Restaurant vor einer Woche dichtgemacht:
"Meine Stammgäste aßen immer häufiger selbst am Sonntag lieber zu
Hause." Und Orestis, der zwanzig Jahre als Typograf in einer Klitsche
arbeitete, die zu Jahresbeginn Insolvenz anmeldete, sagt nur: "Mein
Leben ist zu Ende. Mit 45 kriege ich doch nirgends mehr einen Job. Was
aus den drei Kindern einmal werden soll, weiß ich nicht. Wahrscheinlich
werden sie auswandern."
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Kleiner Gefallen - großer Schaden |
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Thomas Schmid, Berliner Zeitung, 10.05.2010
Weil in Griechenland fast jeder jeden schmiert, entgehen dem
Staat Steuern in Milliardenhöhe
ATHEN. Vor zehn Jahren war alles wunderbar. Das Geschäft
boomte. "Einem Richter baute ich ein Haus - es war die Mitgift für seine
Tochter - für 600 000 Euro", erzählt Petros Villegas, der sich mit
gutem Grund anders nennt, als er heißt, "und das Ferienhaus für den
Kapitän der Marine war noch etwas teurer." Beide Häuser stehen in
Kifissia, dem nobelsten Vorort von Athen, wo Platanen und Pinien
Schatten spenden und die neureiche Schickeria in Edelboutiquen einkauft.
Der Richter und der Kapitän verdienten beide monatlich rund 2 000 Euro.
Für den Bauingenieur besteht kein Zweifel, dass er Schwarzgelder
verbaut hat. Über zwei Millionen Häuser stehen in Griechenland, die
illegal errichtet wurden. "Heute ist das schwieriger geworden", sagt
Villegas, "und deshalb flüchtet das Geld ins Ausland, vor allem nach
Zypern."
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Abgebranntes Land |
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Thomas Schmid, 06.05.2010
GRIECHENLAND-KRISE - Mit einem Generalstreik wehren sich die
Griechen gegen die dramatischen Kürzungen. Die Proteste eskalieren, drei
Menschen sterben. Ökonomen warnen vor den Gefahren des
Sanierungskurses.
ATHEN. Zumindest an diesem Mittwoch scheint er der mächtigste
Mann Griechenlands zu sein. Yiannis Panagopoulos sitzt in seinem
Chefsessel. Er ist völlig ruhig, während Funktionäre herumwieseln,
Telefone klingeln, Akten gereicht werden und der Lärm von Sprechchören
in sein Büro dringt. Von seinem Balkon aus sieht man Tausende Menschen
zum Sitz der GSEE strömen. Die GSEE ist der Dachverband der griechischen
Gewerkschaften, und Panagopoulos ist ihr Boss. Seit Mitternacht
streiken die Fluglotsen. In Piräus, der Hafenstadt bei Athen, liegen die
Fähren zur griechischen Inselwelt vor Anker. In der Hauptstadt sind ab
zehn Uhr die Zugänge zur U-Bahn zugesperrt. Die Taxi-Chauffeure sind für
sechs Stunden in Streik getreten. Seit Dienstag schon sind staatliche
Ämter geschlossen, Lehrer und Steuereintreiber im Ausstand, die Ärzte
versehen nur einen Notdienst. Er wird diese Nacht mehr als üblich
gebraucht werden. Mit Verletzten wird gerechnet. Noch kann Panagopoulos
nicht wissen, dass der Generalstreik Menschenleben kosten wird. Drei
Menschen verbrennen in einer von Randalierern angezündeten Bankfiliale.
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