europa
Willkommen auf Lesbos PDF Drucken
Thomas Schmid, Berliner Zeitung, 04-11-2015


Vor Lesbos spielen sich dramatische Szenen ab. Täglich stranden hier tausende Mittelmeerflüchtlinge, mehr als an jedem andern Ort Europas. Sie werden von kleinen ausländischen Hilfsorganisationen empfangen und mit dem Nötigsten versorgt, oft auch aus stürmischer See gerettet.


SKALA SKAMNIAS (LESBOS). Die alte Frau steht da wie festgewurzelt, neben einer Feuerstelle mit Resten von verkohltem Holz. Sie hält einen langen Ast in die Höhe, an dessen Ende eine Schwimmweste in grellem Orange flattert. Es ist stürmisch. Das Meer tobt. Die Gischt klatscht an die Felsen. Und die Frau steht einfach da und hält ihre leuchtende Fahne in den Wind. Ihr Haus liegt direkt an der unbefestigten Küstenstraße, etwas außerhalb des Dorfes. Vor dem kleinen Stall meckert eine Ziege. Unter den Olivenbäumen scharren Hühner. Nachts macht die Bäuerin vor ihrem Haus ein Feuer an. Sie signalisiert den Flüchtlingen, wo das Wasser flach ist, wo sie anlanden können. Ihren Namen mag sie nicht nennen. „Ich bin nicht wichtig“, sagt sie.


Weiterlesen...
 
Der Zaun PDF Drucken

THOMAS SCHMID, Berliner Zeitung, 31.08.2015

Ungarn sperrt die Grenze zu Serbien mit Stacheldraht ab. So will man Flüchtlinge aufhalten. In Wahrheit aber soll vor allem das eigene Volk beruhigt werden



SZEGED. Der Schienenstrang verläuft schnurgerade durch die ebene Landschaft. Ganz hinten am Horizont, da wo sich die beiden Schienen zu berühren scheinen, sind kleine dunkle Punkte wahrnehmbar. Sie bewegen sich, kommen näher, werden größer und größer. Es sind Menschen, die auf dem Bahndamm daherkommen. Gruppen von Menschen. Jetzt sieht man deutlich, dass sie Beutel, Rucksäcke oder kleine Kinder tragen.


Sie schweigen, fragen nichts, lächeln verlegen zurück. Nur einer sagt "Salam alaikum". Er heißt Khaled, war in Damaskus medizinisch-technischer Assistent und hat ein dickes, von Narben übersätes Bein. Eine "barrel bomb" habe ihn erwischt, erklärt er in brüchigem Englisch, eine dieser mit Nägeln und Metallteilen gefüllten Fassbomben, die das syrische Regime aus Hubschraubern auf die Zivilbevölkerung abwerfen lässt. Jetzt geht er am Stock, wie seine alte Mutter auch. Er verabschiedet sich, dann humpeln beide weiter über die Eisenbahnschwellen, um den Anschluss an die Gruppe nicht zu verpassen.
Weiterlesen...
 
Die Angst vor dem Crash PDF Drucken
Thomas Schmid, Berliner Zeitung, 20.02.2015

In Griechenland wird hoch gepokert. Steht das Land vor dem Grexit oder stolpert es in die nächste Runde? Immer mehr Bürger plündern ihre
Konten.

ATHEN. Der alte Mann hat eine Botschaft. In kariertem Barchenthemd und mit schwarzer Baskenmütze hat er sich vor dem ehemaligen Königspalast aufgestellt, in dem heute das griechische Parlament tagt. Reglos wie eine Statue steht er da, spricht mit niemandem, schaut niemanden an. Auch unter dem Blitzlichtgewitter der Fotografen zuckt er mit keiner Wimper. In der rechten hochgereckten Hand hält er offene Handschellen, in der linken ein Plakat: „Diebe ins Gefängnis“. Mit den Dieben meint er ganz offensichtlich die korrupte Politikerkaste, die mit ihrer Vetternwirtschaft das Land in den Ruin getrieben hat.

Weiterlesen...
 
Der Dschihadist, der keiner ist PDF Drucken

Thomas Schmid, Berliner Zeitung, 19.01.2015


Zweieinhalb Jahre war Mourad Benchellali in Guantánamo interniert. Wegen seiner Naivität, sagt er. Heute kämpft er darum, Jugendliche von ihrem Weg in den Islamismus abzubringen. Dort, wo sie besonders gefährdet sind - in Vénissieux, Frankreichs Hochburg der Salafisten.


VENISSIEUX. Die Geschäfte laufen schlecht und die Zukunft sieht düster aus. "Immer weniger wollen in heimatlicher Erde bestattet werden", klagt Ali K. , füllt zwei Tassen Tee und greift zur Zigarette, die er sich hinters Ohr geklemmt hat. Die kleine Firma, die ihn beschäftigt, bietet eine besondere Dienstleistung an: die Überführung von Leichen nach Algerien. "Gewiss, so ein Transport kostet eine Stange Geld", sagt der 45-Jährige, "aber das ist nicht das Problem, nein, immer mehr wollen hier beerdigt werden, weil ihre Verwandtschaft zum großen Teil hier lebt." Ali K. ist Franzose, aufgewachsen in Frankreich, geboren sieben Jahre, nachdem das Land seiner Väter die Unabhängigkeit erlangte. Wenn er selbst von den anderen, den französischen Franzosen spricht, sagt er: "Die Weißen". Und für die ist er schlicht ein Araber.



Khalida, seine Tochter, 17, trägt ein Kopftuch und schweigt. Ihr Bruder Ahmed, 15, nestelt an seinem Kapuzenpulli und mault: "Ich bin Algerier." Sein Vater lächelt milde und sagt: "Du sprichst ja nicht einmal Arabisch." Ahmed antwortet nur: "Jedenfalls habe ich nicht geschwiegen." Wie viele seiner Schulkameraden hat er die vom Staat angeordnete Schweigeminute für die ermordeten Mitarbeiter von Charlie Hebdo nicht mitgemacht. "Sie haben den Propheten beleidigt", schiebt er als Begründung nach. An der Wand hängt ein Bild der Kaaba, des schwarzen Steins von Mekka, des zentralen Heiligtums im Islam. Daneben, unter der algerischen Flagge, ein Porträt von Ali K.s verstorbenem Vater, mit Gewehr. 1938 geboren, hatte er als Bauernjunge auf Seiten der algerischen Befreiungsbewegung gekämpft. Er war Mudschaheddin, wie es damals hieß.

Weiterlesen...
 
Ein zerrissenes Land PDF Drucken

Thomas Schmid, Berliner Zeitung, 26.11.2014

Moldau steht vor einer Schicksalswahl. Am Sonntag wird ein neues Parlament bestimmt. Die Republik, eingeklemmt zwischen Rumänien und der Ukraine, muss sich entscheiden zwischen der EU und Putin

CHISINAU. Das schwere Eisentor öffnet sich und gibt den Blick auf den Tunnel frei. Der Minibus saust in den Berg, zu einer der größten unterirdischen Städte der Welt. An wichtigen Kreuzungen sorgen Ampeln dafür, dass es nicht zu Verkehrsunfällen kommt. Die Straßen heißen Boulevard Merlot, Rue Chardonnay oder Rieslingstraße. Doch sie sind nicht von Häusern gesäumt, sondern von riesigen Fässern und endlosen Reihen von Flaschen. "Es sind über 1,2 Millionen", behauptet Aurelia, die junge Frau, die Touristen durch das Labyrinth führt. Sie trägt eine dicke Steppjacke. Es ist recht kühl im Untergrund.

Weiterlesen...
 
<< Start < Zurück 1 2 3 4 5 6 7 8 Weiter > Ende >>

JPAGE_CURRENT_OF_TOTAL

copyright © 2008 | - Journalist | website designed by: kalle staymann

Der Blick in die Welt, Thomas Schmid