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Die Angst der Roma vor den Schwarz-Jacken PDF Drucken

Thomas Schmid, Berliner Zeitung, 13.04.2010

REGIERUNGSWECHSEL IN UNGARN - Die Konservativen lösen nach acht Jahren die Sozialisten in Budapest ab. Dritte Kraft wird die rechtsextreme Jobbik-Partei, die mit ihrer paramilitärischen Garde die Minderheiten bekämpft.

BUDAPEST. Schmucke Einfamilienhäuser reihen sich aneinander. Blühende Begonien in gepflegten Gärten, durch Zäune klar abgetrennte Grundstücke, bewacht von Hunden. In Kistarcsa, einem Dorf zwanzig Kilometer außerhalb von Budapest, ist alles sauber, aufgeräumt, ordentlich. Fast alles. Über eine nicht asphaltierte Straße, die nach jedem Regenguss zur Schlammpiste wird, erreicht man die Siedlung, in der 400 Roma wohnen. In Ungarn nennt man sie gewöhnlich "Ciganyok", Zigeuner. Solange der Tonfall stimmt, ist dies nicht unbedingt abschätzig gemeint.

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Das Erbe der Diktatoren PDF Drucken

Thomas Schmid, Berliner Zeitung, 10./11.04.2010


Ein Ex-Fußballer im Hungerstreik, ein abgesetzter Staatsanwalt, ein entlassener Institutschef und ein Museumsleiter kämpfen für die Aufarbeitung der Geschichte Rumäniens. Ein schwieriges Unternehmen

In einer kleinen Straße im Zentrum von Bukarest, versteckt zwischen grauen Häusern und Plattenbauten, steht eine alte Villa, gebaut um die vorletzte Jahrhundertwende. Von außen ist es ein unscheinbares Gebäude. Doch in der großen Eingangshalle künden Marmor, Glasfresken und Holztäfelung vom Reichtum des einstigen Besitzers, eines Privatbankiers, dem das Haus als Bordell für betuchte Kunden diente. Die Kommunisten verboten Prostitution wie Privatbanken und nahmen das Gebäude in Beschlag, und nun, 20 Jahre nachdem die kommunistische Partei abdanken musste, sitzt im Chefsessel hinter dem alten Schreibtisch ein hagerer Mann mit grauem, eingefallenem Gesicht. Er zieht seine ärmellose gepolsterte Jacke, den darunterliegenden schwarzen Pullover und das Hemd hoch und zeigt seinen ausgemergelten Oberkörper. Teodor Maries ist - nach eigenen Angaben - seit 70 Tagen im Hungerstreik, wiegt trotz seiner beachtlichen Körpergröße von 1,85 Meter noch 55 Kilo und hat eine Körpertemperatur um die 35 Grad.

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Du sollst dich nicht erwischen lassen PDF Drucken

Thomas Schmid, Berliner Zeitung, 22.01.2010

In Athen schimpfen alle über Korruption und Klientelwirtschaft. Die neue Regierung verspricht Änderungen und riskiert damit einen heißen Frühling


ATHEN. Es ist schwierig, jemanden zu finden, der reden will. Alle sind misstrauisch. "Nennen Sie mich Kostas", sagt schließlich Kostas, der anders heißt, und bittet ins Hinterzimmer seines Geschäfts im Zentrum von Athen, wo er sich auf ein durchgesessenes Sofa fallen lässt. Das Büro ist vollgestopft mit leeren Kartons. Auf dem Tisch stapeln sich Lieferscheine, leere Bestellformulare, auch einige Rechnungen. Über dem alten Computer hängt eine Ikone: Die Muttergottes vergießt eine Träne. Sie scheint mitzuleiden. "Es geht uns schlecht", klagt Kostas, "und es wird noch schlimmer werden, man will uns an den Kragen. Ausgerechnet jetzt, wo das Geschäft schlechter läuft als je." Er sagt es in recht gutem Deutsch mit schwäbischem Akzent. Zehn Jahre hat der 59-jährige Kostas bei Daimler gearbeitet. Vor 25 Jahren ist er in seine Heimat zurückkehrt, um das Geschäft seines Vaters zu übernehmen. Während er im Hinterzimmer jammert, wartet vorne im Laden seine Frau zwischen Töpfen, Pfannen, Gläsern, Vasen und Staubsaugern auf Kunden.

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Vom Pott zum Erlebnispark PDF Drucken

Thomas Schmid, 02./03.01.2010


Das Ruhrgebiet zählt in diesem Jahr zu den Kulturhauptstädten Europas. Metropole Ruhr nennt sich die Gegend jetzt - obwohl das ganz schön übertrieben ist


ESSEN/DUISBURG. Melancholie schwingt in seiner Stimme mit, vor allem aber Respekt vor den Menschen dieser so wenig geliebten Region. "Das Ruhrgebiet hat es immer schwer gehabt", sagt Fritz Pleitgen, "nichts wurde seinen Bewohnern geschenkt. Sie haben sich alles selbst erarbeitet." Dann spricht er von den Wunden, die die Industrialisierung der Landschaft zugefügt hat, und ergänzt: "Die Menschen bauen wieder auf, was sie selbst zerstört haben."


Der Journalist, geboren in Duisburg, einst ARD-Korrespondent in Moskau und danach in Washington, ist in das Ruhrgebiet zurückgekehrt. Es sei ihm ans Herz gewachsen, sagt er - ohne jedes Pathos, ganz bescheiden, und man glaubt es ihm sofort. Schließlich ist es ein Stück Heimat. Er kennt den Menschenschlag im Revier, und er mag ihn.

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Nummer 1393 PDF Drucken

Thomas Schmid, Berliner Zeitung, 01.12.2009

Der gebürtige Ukrainer John Demjanjuk steht in München wegen Beihilfe zur Ermordung von 27 900 Juden vor Gericht. Es soll um die historische Wahrheit gehen. Aber dieser Prozess soll auch ein Zeichen setzen. Ein letztes vielleicht.

MÜNCHEN. Es wird schlagartig still, als sich die Tür in der Ecke öffnet. Endlich. Auf diesen Augenblick haben sie alle gewartet, die zahlreichen Journalisten, vor allem aber die 21 Nebenkläger, die von weither angereist sind, aus den USA, aus Israel und viele aus den Niederlanden. Eine Art Krankentrage wird hereingeschoben. Auf der Trage liegt ein Greis mit halboffenem Mund, geschlossenen Augen, unter einer himmelblauen Decke. Die blaue Baseballmütze verleiht der Szene etwas Frivoles. Ab und zu zupfen eine ukrainische Übersetzerin und ein Rechtsanwalt an der Decke, wenn sie herunterrutscht und einen Blick auf die braune Lederjacke und das graue Hemd freigibt. Hinter dem Rollstuhl sitzen zwei weiß gekleidete Sanitäter. Der Prozess gegen John Demjanjuk, geboren 1920 als Iwan Mykolajowytsch Demjanjuk, hat begonnen. Der staatenlose Ukrainer, der vor einem halben Jahr aus den USA abgeschoben wurde, ist in München wegen Beihilfe zum Mord in 27 900 Fällen angeklagt. Der letzte große Naziprozess, hört man nun immer wieder. Vielleicht.

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Der Blick in die Welt, Thomas Schmid