Im christlichen Europa hat man ihn einenAntichrist und Pseudoprophet geschmäht, ihn einen Verrückten, Epileptiker oder gar Trunkenbold gescholten. In Dantes Hölle schmort er mit aufgeschlitztem Bauch, Voltaire präsentierte ihn als Mörder und Wolllüstling. Wer aber war dieser Mohammed, den dänische Karikaturisten mit einer Bombe im Turban zeichneten oder als Pförtner am Himmelstor, der den noch qualmenden Selbstmordattentätern gesteht, leider seien dem Paradies die Jungfrauen ausgegangen?
Um Mohammed ranken sich viele Legenden. Einige hunderttausend Hadithe – Berichte über ein Ereignis im Leben oder über einen Ausspruch des Propheten – sind bekannt. Im 9. und 10. Jahrhundert unserer Zeitrechnung, also etwa 200 bis 300 Jahre nach Mohammeds Tod, entstanden grosse Hadith-Sammlungen. Der größte Teil der Hadithe widerspiegelt allerdings nicht Mohammeds Leben, sondern eher die Diskussionen und Streitereien unter den Anhängern des Propheten nach seinem Tod. Der historische Mohammed erschliesst sich eher aus einer anderen Quelle: der klassischen Prophetenbiographie. Die berühmteste – diejenige von Ibn Ishâq – wurde aufgrund mündlicher Überlieferungen 120 Jahre nach dem Tod des Propheten niedergeschrieben. Zudem bietet der Koran, der schon etwa 20 Jahre nach Mohammeds Tod fertiggestellt wurde, eine Fülle von Hinweisen auf das Leben jenes Mannes, der die Welt verändern sollte.
Mohammed wurde im Jahr 569 oder 570 in Mekka geboren. Seine Familie gehörte der Sippe der Hâshim und diese dem Stamm der Quraish an, die das Geschäftsleben der Stadt kontrollierten. Aus Mekka wurden Leder, Gold und Parfums exportiert, aus Afrika trafen Elfenbein und Sklaven ein, aus dem Mittelmeerraum Waffen, Getreide und Öl. Der Handel blühte. Zweimal jährlich zog eine Karawane von 2.000 Kamelen nach Syrien. Außerdem befand sich in Mekka die Kaaba mit dem eingemauerten Schwarzen Stein, eine Kultstätte bereits der vorislamischen Religionen auf der arabischen Halbinsel. Jedes Jahr kamen Pilgerscharen nach Mekka, was das Geschäft zusätzlich belebte.
In der reichen Handelsstadt wird Mohammed in eher ärmliche Verhältnisse hineingeboren. Sein Vater, Abd Allâh, verstirb noch vor der Geburt, seine Mutter, als er sechs Jahre alt wurde. So wächst der kleine Mohammed zunächst beim Grossvater, Abd al-Muttalib, auf, der am Zamzam-Brunnen bei der Kaba das Amt des „Tränkens der Pilger“ innehat. Nach seinem Tod kommt Mohammed, inzwischen acht Jahre alt, in die Obhut seines Onkels Abu Talib, der ihm Zeit seines Lebens beisteht und auch in den schwierigsten Tagen zu ihm hält, obwohl er nie dem Islam beitreten wird.
Als Kind hütet Mohammed Schafe, als Jugendlicher begleitet er seinen Onkel auf Handelsreisen nach Syrien, bei denen er auch mit christlichen Mönchen in Kontakt kommt. Einer von ihnen, Bahira, entdeckt der Legende nach zwischen den Schulterblättern des Zwölfjährigen das „Siegel des Propheten“, ein Muttermal oder eine Geschwulst in der Größe eines Taubeneis. Daran erkennt er den verheissenen Gesandten Gottes. Auf seine Mission, den Menschen die Worte Gottes zu offenbaren, ist Mohammed schon früher vorbereitet worden. „Als ich mit meinem Milchbruder hinter unsern Zelten die Schafe hütete“, berichtet er (laut Ibn Ishâk), „kamen zu mir zwei Männer in weissen Gewändern mit einem goldenen Becken, gefüllt mit Schnee. Sie packten mich, öffneten mir den Leib, nahmen mein Herz heraus, spalteten es, entnahmen einen schwarzen Blutklumpen und warfen ihn weg. Dann wuschen sie mein Herz und meinen Leib, bis sie ihn gereinigt hatten.“
Im Alter von 40 Jahren befindet sich der durch die Herzwäsche wunderbar gereinigte Mohammed offenbar in einer Sinnkrise – heute würde man vielleicht von midlife crisis sprechen -, jedenfalls begibt er sich zur Meditation in eine Höhle, wo ihm der Engel Gabriel erscheint und ihm eröffnet: „Mohammed! Du bist der Gesandte Gottes!“ Mohammed eschrickt und will sich vom Berg stürzen, aber „Gabriel sprach: ‚Lies!’ Ich entgegnete: ‚Was soll ich lesen?’ Da packte er mich und presste mich dreimal so, dass mir alle Kraft ausging, dann sagte: ‚Trag vor im Namen deines Herrn, der schuf.’ Da trug ich es vor.“ Der Engel spricht vor, Mohammed spricht nach. Der „Vortrag“ (arabisch: „qur’an“) ist der Koran. In der islamischen Tradition, vor allem in ihrer mystischen Ausprägung, gilt Mohammed als Analphabet. Deshalb habe er seine Kenntnisse über frühere Propheten nur durch direkte Offenbarung Gottes und nicht durch die Lektüre von jüdischer Thora und christlichen Evangelien haben können.
Doch zurück zur Historie. Mohammed ist ein ziemlich erfolgreicher Kaufmann – und von daher möglicherweise des Lesens und Schreibens durchaus kundig. Jedenfalls hat er in Mekka sowohl Kontakt mit den dort ansässigen Christen wie Juden. Im Alter von 25 Jahren heiratet er die 40jährige Chadidscha, eine wohlhabende Handelsfrau, die ihn zuvor beauftragt hat, eine Karawane nach Syrien zu begleiten. Solange sie lebt, wird Mohammed keine andere Ehe eingehen. Chadidscha gebärt ihm drei Söhne, die alle schon im Kindesalter sterben, und vier Töchter. Die jüngste unter ihnen, Fatima, heiratet später Ali, einen Cousin von Mohammed, der vierter Kalif wurde und als „Stammvater der Imame (Begleiter Gottes)“ unter den Schiiten besondere Verehrung geniesst.
Nach seinem Erweckungserlebnis in der Höhle kritisiert Mohammed öffentlich die Vielgötterei der Mekkaner. Hauptthemen seiner Predigten sind das Jüngste Gericht und der Monotheismus, der Glauben an einen einzigen Gott. Bei der Elite der Stadt macht er sich höchst unbeliebt, weil er die traditionellen Götter schmäht, noch mehr aber, weil er die Reichen kritisiert und von ihnen mehr Unterstützung für die Armen einfordert. Bei jüngeren Leuten, vor allem aber auch bei den Handwerkern und den Unterschichten, stösst er mit seinem Plädoyer für mehr Verteilungsgerechtigkeit hingegen auf offene Ohren. So wächst der Druck auf Mohammed und seine Anhänger. Die Potentaten der Stadt rufen zum Boykott der Sippen Hâshim und Muttalib, aus denen sich die Muslime vorwiegend rekrutieren, und verbieten Eheschließungen und Handel mit diesen. Ein Teil der Anhänger des neuen Glaubens emigriert schliesslich nach Abessinien, dem heutigen Äthiopien, das vom christlichen Negus regiert wird. Zum afrikanischen Land jenseits des Roten Meeres bestehen seit langem regelmässige Handelsbeziehungen.
Im Jahr 619 sterben Chadidscha und Abu Talib, der Onkel Mohammeds, der gleichzeitig Führer der Hâshim ist. Dessen Nachfolger ist ein erklärter Gegner Mohammeds. Für die Anhänger des neuen Glaubens wird es nun eng in Mekka. Sie setzen sich im Jahr 622 ins rund 400 Kilometer weiter nördlich gelegene Jathrib ab, das später Medina al-Nabi (Stadt des Propheten) heissen wird. In Medina hat Mohammed schon zahlreiche Anhänger gewonnen. Ausserdem ist er dort als Schlichter der Streitigkeiten der beiden ansässigen arabischen Stämme willkommen. Überdies gehört fast die Hälfte der Stadtbevölkerung drei jüdischen Stämmen an, denen der Monotheismus, den Mohammed predigt, so fremd nicht ist. Es kommt zu einem Vertrag zwischen den zugewanderten Muslimen und Mohammeds lokalen Anhängern, der ihre gegenseitigen Verpflichtungen, aber auch die Beziehungen zu den Juden regelt. Diese „Gemeindeordnung von Medina“ begründet die „umma“, die „Gemeinschaft der Gläubigen“, die zunächst ausdrücklich auch die Juden schliesst. Nicht mehr der Stamm, sondern der Glaube konstituiert die Gemeinschaft. Das Jahr der Hidschra, der Übersiedelung Mohammeds nach Medina, wird zum Jahr 1 der neuen islamischen Zeitrechnung.
Die neu etablierte Gemeinde der Muslime startet nun immer wieder „Feldzüge“, wie es in der traditionellen Geschichtsschreibung heisst. Es sind schlicht Raubzüge, Überfälle auf Karawanen. Nichts Ehrenrühriges und nichts Verwerfliches. Es ist die herkömmliche Art arabischer Stämme, Machtgrenzen abzustecken und auch sich den Lebensunterhalt zu verdienen. Die Auseinandersetzung zwischen Medina und Mekka hat allerdings noch eine andere Dimension. Mekka ist das Zentrum vorislamischer religiöser Kulte. In der viel besungenen „Schlacht von Badr“ (624) siegen Mohammeds Anhänger über eine dreimal größere Streitmacht aus Mekka. 14 Muslime und 50 Ungläubige bleiben tot auf dem Feld zurück. Ein Jahr später stecken die Muslime allerdings beim Berg Ohod eine Niederlage ein und Mohammed wird durch einen Schwerthieb verletzt. Nun rechnen die Anhänger Mohammeds mit den Juden in ihrer Stadt ab: Wegen tatsächlicher oder vermeintlicher Kollaboration mit dem Feind werden zwei Stämme vertrieben, die Männer des dritten enthauptet und ihre Frauen an die Muslime verteilt. Sicher spielte eine Rolle, dass sie Mohammed nicht als Gesandten Gottes akzeptierten und den Islam nicht annahmen. Andererseits war solch rabiates Vorgehen bei Stammesfehden durchaus üblich. Jedenfalls konnten auch später in den Kalifaten Juden wie Christen als Angehörige von „Buchreligionen“ gegen eine Kopfsteuer als „Schutzbefohlene“ relativ unbehelligt ihr Dasein fristen und ihren eigenen Kulten anhängen.
628 schlossen Mekka und Medina einen zehnjährigen Waffenstillstand, der es Mohammed und seinen Muslimen erlaubte, im folgenden Jahr zum erstenmal nach Mekka zu pilgern. Nachdem immer mehr Stämme zum neuen Glauben überliefen, fiel Mekka 630 kampflos. Mohammed ging, so wird berichtet, zur Kaba, umkreiste sie, auf seinem Kamel reitend, siebenmal, liess sich den Schlüssel zur Kaba bringen, öffnete sie, entnahm ihr eine Taube aus Aloeholz, zerbrach sie und warf sie fort. Fortan sollte die Kaba nicht mehr Zentrum „heidnischer“ Kulte sein, sondern höchstes Heiligtum des Islam.
Nach der Einnahme Mekkas unterwarfen sich zahlreiche Stämme der aufstrebenden Macht freiwillig. Man will auf der Gewinnerseite stehen. Mohammed sicherte seine Macht auch durch Heiraten ab. Nach dem Tode Chadidschas vermählte er sich noch zwölfmal. Einige der Frauen waren Witwen von Kriegsgefallenen, andere ehelichte er, um Stämme an sich zu binden. Innerhalb von nur zehn Jahren war Mohammed zum mächtigsten Mann der arabischen Halbinsel aufgestiegen. Aber kaum auf der Höhe seiner Macht angelangt, wurde er 1632 sterbenskrank. Aischas, seine Lieblingsfrau, die er kurz nach dem Tod Chadidschas als Sechsjährige geheiratet hatte, auch wenn die Ehe erst vollzogen wurde, als sie etwa zehn Jahre alt war, schildert – dem Prophetenbiographen Ibn Ishâk zufolge – den letzten Tag Mohammeds folgendermassen: „An jenem Tag kam der Prophet von der Moschee zurück und legte das Haupt in meinen Schoss. Da trat ein Mann aus der Familie Abu Bakrs ein. In der Hand trug er ein grünes Zahnputzholz, und als ich den Blicken des Propheten entnahm, das er das Holz gerne gehabt hätte, fragte ich ihn: ‚Möchtest du das Zahnputzholz?’ Er bejahte. Ich nahm das Hölzchen, kaute es für ihn weich und gab es ihm. Er rieb sich damit so gründlich die Zähne, wie ich es noch nie an ihm gesehen hatte, und legte es beiseite. Dann bemerkte ich, wie mir sein Kopf auf meinem Schosse schwer wurde, und als ich ihm darauf ins Antlitz sah, waren seine Augen starr. Er sprach: ‚Ja! Der Erhabenste Gefährte ist Der im Paradies!’“
Thomas Schmid, erschienen (unter anderem Titel) in „Facts“ (Zürich), 16.02.2006
Bild: history_docu_photo
Quellen:
Ibn Ishâq, Das Leben des Propheten, Spohr Verlag 1999
Hartmut Bobzin, Mohammed, Verlag C.H.Beck 2000
Annemarie Schimmel, Muhammad, Hugendubel Verlag 2002