Yaish ist die Freundlichkeit in Person. Mit höflicher Geste lädt er ein, Platz zu nehmen, lässt Tee servieren. Er spricht leise, unaufgeregt. Ein bescheidener Mann mit dem Charme eines Buchhalters vielleicht, jedenfalls aber einer, dem man auch nachts um halb eins in einer dunklen Gasse begegnen kann, ohne den Drang zu verspüren, die Seite zu wechseln. Yaish, 52, ist seit drei Wochen Bürgermeister von Nablus, der größten Stadt in der von Israel besetzten Westbank. Und Yaish, europäisch gekleidet und sauber rasiert, gehört der Hamas, der Partei der Bärtigen, an. In Nablus hat die islamistische Bewegung, die von den USA als terroristische Vereinigung eingestuft wird, bei den jüngsten Kommunalwahlen 73 Prozent der Stimmen erhalten. Im Gemeinderat stellt sie nun 13 der 15 Abgeordneten. Die beiden andern sind an die Fatah gegangen, die einst von Jassir Arafat gegründet wurde und seit dessen Ableben von Mahmud Abbas, dem Präsidenten der palästinensischen Autonomiebehörde, geleitet wird.
Am 25. Januar soll in den besetzten Gebieten nun ein neues Parlament gewählt werden. Werden die Terroristen schon bald auf demokratischem Weg die Macht übernehmen? Oder werden die Wahlen im letzten Moment doch noch abgesagt – und die Islamisten um ihren absehbaren Sieg geprellt? Abbas hofft, die Hamas parlamentarisch einbinden und so bändigen zu können. Doch wird der Präsident nicht bald selbst in den Fängen der Islamisten zappeln?
In den engen Gassen der Altstadt, wo es nach frisch gemahlenem Kaffee und orientalischen Gewürzen riecht, wo Massen von Menschen, Leib an Leib, sich durch den Markt schieben, sind die Mauern mit Abertausenden von Plakaten beklebt: Junge Männer mit Kalaschnikow, erschossen von Soldaten der israelischen Armee, aber auch Bilder von Yehie Ayyash, der „Ingenieur“ genannt wurde, weil er Experte im Bau von Bomben und Sprengstoffgürteln war, und von Sajnab Abu Salam, der Frau, die sich in Jerusalem in die Luft jagte und drei weitere Menschen mit sich in den Tod riss. Sie alle sind „Märtyrer“. Mindestens ein Dutzend grosser steinerner Gedenktafeln erinnert in Nablus an sie, die meisten errichtet von Hamas. Die Mauern der Altstadt sprechen eine martialische Sprache.
Im Büro des Bürgermeisters hingegen hängt nur ein riesiges Bild eines freundlichen alten Mannes, der vor dem Felsendom von Jerusalem steht und dem Eintretenden einladend entgegenwinkt. Es ist Arafat. „Er ist nun mal der Führer des palästinensischen Volkes“, sagt Yaish, der Hamas-Mann. Eigentlich müsste schon längst das Konterfei des neuen Präsidenten an der Wand hängen. Doch da habe es eben „technische Probleme“ gegeben. Den überwältigenden Wahlerfolg seiner Partei führt der Bürgermeister auf zwei Motive zurück. Die Leute hätten die herrschende Fatah für die Korruption abstrafen wollen, und sie hätten das soziale Engagement von Hamas gewürdigt. Damit hat er wohl recht. Bestechlichkeit und Schlendrian in der Verwaltung der Autonomiebehörde sind endemisch. Die Leute sind sauer. Während man in den öffentlichen Krankenhäusern Schlange steht um Medikamente, die es dann doch nicht gibt, gelten die islamischen Kliniken als effizient und billig dazu. Und die Kampagne von Hamas für saubere Straßen kam gut an. Aktivisten der Partei zogen von Haus zu Haus, um mit den Leuten über Schmutz und andere Probleme zu reden. Zum Abschied drückten sie ihnen einen Zettel in die Hand, um sie an die Pflicht des „Sakkat“ zu erinnern.
Der „Sakaat“, der Almosen für die Armen, gehört neben der Anerkennung Allahs als einzigen Gott, den fünf täglichen Gebeten, dem Fasten während des Ramadans und der „Hadsch“, der Pilgerreise nach Mekka, zu den fünf Pfeilern des Islam. In dieser Woche wird Eid-el-Adha gefeiert, das traditionelle Opferfest. Es ist der Tag, an dem die Muslime Gott ein Lamm opfern und den Armen den „Sakaat“. Der Bürgermeister hat sich nicht nur als erfolgreicher Geschäftsmann einen guten Ruf erworben, sondern auch als Präsident des „Islamischen Solidaritätkomitees“, eines Ablegers von „Hamas“, dem viele Gläubige und auch Organisationen den „Sakaat“ zukommen lassen. Das Geld wird in soziale Projekte investiert. Um Gott zu gefallen, sagt Yaish.
Und was sagt der Bürgermeister zum Terror gegen israelische Zivilisten? Er heißt ihn nicht gut, er verurteilt ihn aber auch nicht. Er sagt nur: „Israel hat unser Land geraubt.“ Rechtfertigt das den Terror? „Man muss immer das Ganze sehen und nicht nur einen Teil. Jeder hat ein Recht in Frieden zu leben und in einem freien, unbesetzten Land.“ Und verbessern sich nun mit dem Sharons Abtritt von der politischen Bühne die Chancen, die verhasste Besatzung loszuwerden? Über die große Politik mag der Mann, den die Besatzungsmacht 1992 aufgrund seiner politischen Aktivitäten völkerrechtswidrig in den Südlibanon deportiert hat, nicht reden. Er ist nur noch Bürgermeister von Nablus. Und da gibt es genug zu tun: Es fehlt an Schulen und Turnhallen, der militärische Konflikt hat Kinder traumatisiert, zerschossene Häuser müssen repariert werden. Es spricht vieles dafür, dass Hamas nicht wegen, sondern trotz ihrer radikalen Ideologie gewählt worden ist. Die Leute, so erfährt man hier auf Schritt und Tritt, haben die Nase voll von Gewalt und sehnen sich nach einem normalen Leben.
Ein normales Leben in Ruhe und Ordnung. Doch die öffentliche Sicherheit, klagt der Bürgermeister, sei nicht mehr gewährleistet. Seit drei Wochen sehe man in der 150.000 Einwohner zählenden Stadt keinen einzigen Polizisten mehr auf der Strasse. Israel habe der palästinensichen Polizei befohlen, Posten und Kommissariate nicht mehr zu verlassen, weil die Armee „Sicherheitsoperationen“ durchführen und bewaffnete Konflikte vermeiden wolle. Sicherheitsoperationen, das heisst: Terroristen jagen. Und „leider leider“, seufzt der erste Bürger der Stadt, würden sich die Polizisten dem Befehl der Besatzungsmacht fügen.
Das Gespräch ist zu Ende, weil es zwölf Uhr ist, Beginn der täglichen Bürgerstunde. Yaish öffnet die Türe, und schon bald ist sein Büro voll von Leuten, denen man ihre einfache Herkunft ansieht. Einer nach dem andern kommen sie an die Reihe, tragen ihr Anliegen vor, und für jeden hat der Bürgermeister eine Lösung oder wenigstens einen Ratschlag oder gute Worte. „Niemand darf dir dein Land stehlen“, sagt er zu einer jungen Frau, die sich über den Nachbarn beschwert, der einen Baum auf ihrem Stück Wiese gepflanzt hat. Es sind eindringliche Worte. Mit einem Landraub, da sind sich schliesslich alle Palästinenser einig, begann auch ihre Tragödie.
Bassam Jaber Darwish, Polizeikommandant von Nablus, wirkt weit weniger sanft als der Bürgermeister. Das mag mit seinem Beruf zusammenhängen oder mit seiner Vergangenheit. In seinem Büro hängen die Bilder elf getöteter Führer der Fatah, der er seit 1972 angehört. Viele der Porträtierten hat er persönlich gekannt. Er selbst wurde 1982 gefangen genommen und verbrachte 18 Monate im Ansar-Camp, einem berüchtigten Gefangenenlager im damals israelisch kontrollierten Südlibanon. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern, die im Ruch der Korruption standen, gilt Darwish als unbestechlich und als jemand, der durchgreift. Über 200 Autos, die von einer israelisch-palästinensischen Mafia aus Israel eingeschmuggelt worden waren, hat er jüngst einsammeln und öffentlich verschrotten lassen.
Doch nun hat ihn ausgerechnet Israel die Hände gebunden. Darwish bestätigt tatsächlich, was der Bürgermeister, sein politischer Gegner, behauptet hat. Sein Verbindungsoffizier, sagt der Polizeichef, habe ihm zwei Warnungen von der israelischen Armee übermittelt: Jeder Polizist, der mit Waffe oder in Uniform auf den Strassen von Nablus patrouilliere, werde sofort erschossen. „Uns blieb nichts anderes übrig, als die Order zu akzeptieren.“ Darwish ist sich sicher: „Die Israelis gönnen uns keinen Erfolg. Sie wollen, dass bei uns Chaos und Unordnung herrschen. Dann behaupten sie, wir würden die Situation nicht in den Griff kriegen, und rechtfertigen so die Fortsetzung der Besatzung.“ Das sei Scharons durchsichtige Strategie seit Jahren gewesen.
Israel fordert von der palästinensischen Autonomiebehörde schon lange, die bewaffneten Verbände der Parteien, die Al-Aksa-Brigaden der Fatah und die Kassem-Brigaden der Hamas sowie den Islamischen Dschihad, aufzulösen. „Wir sollen sie entwaffnen!“ empört sich der Polizeikommandant, „das würde Israel so passen, die wollen uns ohnehin in einen Bürgerkrieg zwingen! Nein, das müssen sie schon selber besorgen. Sie schalten und walten doch ohnehin in unserem Land, wie es ihnen passt.“
Über 300 Personen hat die israelische Armee in den letzten fünf Jahren, seit Ausbruch der zweiten Intifada im Oktober 2000, allein in Nablus erschossen, an die 500 wenn man das an die Stadt angrenzende Flüchtlingslager Balata mit einrechnet. Die Altstadt, im Mittelalter auf den Ruinen des römischen Neapolis errichtet, ist noch heute von den schweren Auseinandersetzungen 2002 gezeichnet. Haus für Haus kämpften sich damals israelische Soldaten auf der Suche nach Widerstandsnestern durch. Wenn es die militärische Logik erforderte, zertrümmerten sie Trennmauern, um von einem Haus direkt ins anliegende vorzustossen und eigene Verluste zu minimieren. Mauerstummel und halboffene Häuser zeugen vom rabiaten Vorgehen der Besatzungsmacht. Die fast tausend Jahre alte Khadra-Moschee wurde arg in Mitleidenschaft gezogen. Die Luftwaffe bombardierte zwei Fabriken, in deren mittelalterlichen Steingewölben seit einem halben Jahrtausend aus Olivenöl und Natron Seife hergestellt wurde. Die Palästinenser schlugen zurück. Das angebliche Grab des jüdischen Stammvaters Joseph, ein beeindruckender Kuppelbau am Rand der Stadt, ist heute eine Ruine.
Erst Mitte Dezember sind die Soldaten aus der Stadt wieder abgezogen. Zurückgelassen haben sie viel Verbitterung und eine neue Generation von Widerstandskämpfern. Etwa 500 Mann haben die Al-Aksa-Brigaden der Fatah in der Stadt unter Waffen. Weit schwächer ist der Islamische Dschihad, und die Kassem-Brigaden der Hamas, die die Wahlen so haushoch gewonnen hat, sind in Nablus – anders als im Gaza-Streifen – militärisch unbedeutend. Das kann sich schnell ändern.
Doch noch kontrolliert Al Aksa das Stadtzentrum. Fadi Kafishi, leicht erkennbar an seinem amputierten Unterarm, läuft uns zufällig spätabends im Gassengewirr der Altstadt über den Weg. Der Kommandant einer Al-Aksa-Brigade, der wohl etwa zwei Dutzend Männer befehligt, ist zusammen mit einem weiteren Kompagnon und zwei befreundeten Waffenbrüdern des Dschihad unterwegs. Die Viererbande ist schwer bewaffnet, aber ausgesprochen freundlich, verabredet ein Gespräch für den folgenden Tag und verschwindet in der Dunkelheit.

Und tatsächlich erscheint Fadi am helllichten Tag, wie versprochen, zum Interview irgendwo in einem Haus der verwinkelten Altstadt. Unbekümmert erzählt der heute 28-jährige von seiner Kindheit als Schafhirt und wie er sich mit 14 Jahren an der ersten Intifada – „damals warfen wir nur Steine“ – beteiligte. Schon bald wurde er festgenommen und von einem israelischen Gericht zu zwei Jahren Haft verurteilt, von denen er 18 Monate absass. Er berichtet, wie später ein Minenwerfer seinen rechten Unterarm zerfetzte und wie er in einer Sprengfalle den linken Daumen verlor. Viermal wurde Fadi von israelischen Soldaten beschossen. Zwei Notoperationen hat er hinter sich. Ein Teil des Magens musste ihm entfernt werden. In beiden Oberschenkeln stecken noch Projektile, fühlbar durch die Hose mit der blossen Hand. Fadi hat unwahrscheinliches Glück gehabt und ist wohl auch deshalb eine Legende geworden. Er behauptet, zu den meistgesuchten Männern der Westbank zu gehören. Jedenfalls muss er damit rechnen, von israelischen Soldaten präventiv liquidiert zu werden. „Und wie viele Israelis hast du getötet, Fadi?“ – „Ich bin im Widerstand, in einem besetzten Land.“ Den Terror gegen Zivilisten in Israel selbst lehnt der Kommandant entschieden ab. Doch die jüdischen Siedler in der Westbank hat er im Visier.
Hat der Mann keine Angst, uns am helllichten Tag zu treffen, sich fotografieren zu lassen. „Ich habe meine Leute postiert“, erwidert der Kommandant mit spitzbübischem Lachen. Tatsächlich lungert seine Eskorte herum. Einer bringt ihm sein Gewehr. Fadi ist stolz auf die Waffe. „Eine MB-22, neuestes Fabrikat, aus Israel hergeschmuggelt, fünfeinhalb Kilo schwer.“ Er demonstriert, wie er mit dem linken Arm anlegt, die Waffe auf den rechten Armstummel abstützt und zielt. Dann zieht er eine Pistole aus seinem Schuhschaft, scharf geladen. All das gepaart mit einer geradezu kindlichen Freude. „Als ich klein war, hatte ich einen Traum“, erzählt er, „es erschien mir ein Unbekannter, der sagte: ‚Fadi, steh auf, du musst etwas Grosses tun’.“ Inzwischen hat er sich eine Fama erworben. Sogar in in einem amerikanischen Magazin ist eine Geschichte über ihn erschienen. Eine Jüdin aus den USA hat ihm daraufhin einen Brief geschickt, an: Fadi, poste restante, Nablus, Westbank. Sie bat ihn, statt Blut zu vergiessen, sich für den Frieden zu engagieren. Fadi erzählt es sichtlich gerührt. Er ist Vater zweier Töchter. „Ich liebe das Leben“, sagt er etwas kokett, „ich möchte es mit vollen Zügen geniessen.“ Stattdessen schläft der einarmige Fadi jede Nacht anderswo, denn auch nach dem Abzug der Soldaten gibt es fast täglich Razzien in Nablus. „Den Frieden“, sagt er, „werde ich wohl nicht mehr erleben.
Diese Resignation teilt Fadi mit vielen Palästinensern. Die Hoffnung auf einen eigenen souveränen Staat, einst beflügelt vom Osloer Abkommen (19..), hat sich längst verflüchtigt. Ob in Israel Rabin oder Sharon, Peres oder Netanjahu, ob der Likud oder die Arbeitspartei oder eine Koalition der beiden an der Macht war, es wurden immer neue Siedlungen gebaut und neue Strassen zwischen diesen. Nablus ist eingeschlossen. Fünf Checkpoints wurden vor den Toren der Stadt errichtet. Die PLO hat das Existenzrecht Israels anerkannt. Die Hamas spricht von der Zerstörung Israels. Ihre Führung in Damaskus gebärdet sich radikal. Adnan Asfour, der vor einem Monat aus zwei Jahren israelischer Haft entlassen wurde und nun in Nablus auf der Liste der Hamas ins Parlament einziehen will, meint trocken: „Israel ist eine Realität.“ Jedenfalls sagt er das dem Reporter. Den eigenen Leuten gegenüber, behauptet Mashmud Shtayeh, der dieWahlkampagne der Fatah leitet, spreche er eine andere Sprache. Doch was kümmert es die Menschen in Nablus? Israel wird ohnehin nicht zerstört, und sie haben andere Sorgen. Die Hamas wird wohl die Parlamentswahlen in zwei Wochen gewinnen, weil den Leuten das Hemd eben näher ist als die Jacke. Präsident Abbas von der Fatah wird sich mit den Islamisten arrangieren müssen. Und es sieht alles danach aus, dass bald auch all jene, die im Palästina-Konflikt vermitteln wollen, neue Realitäten zur Kenntnis nehmen müssen. Man wird die Hamas nicht mehr einfach übergehen können.
Thomas Schmid, „Facts“, 12.01.2006 (unter anderem Titel erschienen)
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