Lieber Papst, befreie uns vom Teufel

Padre Teodoro lächelt milde, hat für jeden ein gutes Wort übrig, streichelt Kinderköpfe und mahnt zur Geduld: „Alle kommen an die Reihe.“ An seinem kleinen Kiosk im Kreuzgang der Kirche zur Heiligen Jungfrau von Carmen im Zentrum von Havanna herrscht mächtig Andrang. Der 76jährige Karmelitermönch bittet um Ruhe. Schließlich hat Jesus vor zweitausend Jahren die Händler aus dem Tempel verjagt. Also wird hier nicht gefeilscht. Alles hat seinen festen Preis. Der Kalender mit Gebeten und den schönsten Kirchen des Landes kostet fünf Pesos, das Poster mit dem Papst, gedruckt in Mexiko, einen Peso, Heiligenbildchen gibt es umsonst. Auch die Jungfrau der Barmherzigkeit (mit Strahlenkranz) läuft gut. Der Renner aber ist ein Button mit der Aufschrift „Johannes Paul II., Botschafter der Wahrheit und der Hoffnung“. Die Kids reißen sich um den Anstecker.

Auch goldumrandete Bilder vom Petersdom mit seinen Kolonnaden hält Padre Teodoro feil. Traum einer fernen Welt, unerreichbar für die Kubaner, wie alles, was im Ausland liegt. Doch einer war da. Vor einem Jahr pilgerte der kubanische Revolutionsführer nach Rom, traf sich mit dem Papst und behauptete zum Entsetzen vieler Parteigenossen, er sei ein sehr religiöser Mensch. Damals entstand das Foto, das das Regime nun als Plakat drucken ließ: Im blauen Anzug reicht Kubas Staats- und Parteichef dem Heiligen Vater die Hand zum Gruß. „Der Papst ist willkommen und wird es immer sein“, heißt es auf dem Poster. Wer das Gegenteil behauptet, riskiert Ärger. In Kuba gibt es nur   e i n e   öffentliche Meinung. Gespaßt wird nicht: Das Plakat mit dem Stoßseufzer „Lieber Papst, befreie uns vom Teufel!“ hing nur wenige Stunden an der Mauer einer Gasse in der Altstadt.

Wenn der Mann aus Rom am kommenden Mittwoch auf dem Flughafen von Havanna kubanische Erde küßt, geht ein jahrelanges diplomatisches Ringen zuende. Doch wer wird danach als Sieger dastehen: Der Pontifex maximus oder der Maximo lider (größter Führer), wie sich Fidel Castro gern titulieren läßt? Der 77jährige Pole, knapp 20 Jahre im Amt, arbeitete vier Jahre in der Fabrik, bevor er seine Berufung zum Priester erkannte. Der 72jährige Kubaner, fast 40 Jahre im Amt, genoß sieben Jahre lang die Erziehung von Jesuiten, bevor er sich der Sache der Arbeiter und Bauern verschrieb. Der eine steht nach dem Kalten Krieg auf der Siegerseite, der andere gibt sich noch längst nicht verloren. Die beiden alten Herren haben wohl trotzdem oder gerade deswegen mehr gemeinsam, als man auf den ersten Blick annehmen könnte. Beide haben rigide Moralvorstellungen, bei beiden paart sich missionarischer Impetus mit strategischem Geschick, beide haben eine Vorliebe für starre Hierarchien und fordern blinde Gefolgschaft. Und selbst in ihren politischen Positionen berühren sie sich. Der Pole wettert gegen die Auswüchse des wilden Kapitalismus, und dem Kubaner ist soziale Gerechtigkeit allemal ein ernsthaftes Anliegen.

Trotzdem ist der Kommunist mit der Einladung des Katholiken ein großes Risiko eingegangen. In den bald 40 Jahren, die seit dem Einzug seiner zerlumpten Guerilleros in die Hauptstadt vergangen sind, hat nur er selbst vor Hunderttausenden auf dem Platz der Revolution gesprochen. In der Regel stundenlang. Der Papst wird der erste sein, der ebenfalls Hunderttausende versammeln wird, und just auf demselben Platz, dem Sanktuarium Fidel Castros, unter dem riesigen Porträt von Che Guevara. Es ist, als ob die Italiener auf den Petersplatz in Rom strömen würden, um den Worten Fidels zu lauschen, der, in seine olivgrüne Uniform gekleidet, vom Balkon des Vatikan spräche. Und was der hohe Gast dann sagt, weiß niemand. Aus Überzeugung und Castro zum Gefallen wird er sicher das US-Embargo angreifen. Doch wird er auch in unmißverständlichen Worten die Verletzung von Menschenrechten und den Mangel an politischen Freiheiten anprangern? Und was wird geschehen, wenn dann Applaus ausbricht oder gar Rufe wie „Libertad! Libertad!“ – „Freiheit! Freiheit!“ – ertönen? Wird in diesem Fall die Polizei unter den Kameras der CNN eingreifen? Und was wird der Papst dann dazu sagen?

Schon hat Kardinal Jaime Ortega vor übertriebenen Hoffnungen gewarnt. Nachdem der Erzbischof von Havanna den Papstbesuch noch vor kurzem mit der Geburt Jesu verglichen hatte – „nichts mehr wird so sein wie vorher“ -, versucht er nun, seine Schäfchen auf den Boden der Tatsachen zu holen: Der Papstbesuch werde keine politischen oder wirtschaftlichen Ergebnisse zeitigen. Aber eins scheint sicher:  Es wird dem Staatschef nach dem Massenspektakel schwierig sein, die noch sehr bescheidenen Freiräume der Kirche wieder zu beschneiden, ohne das Risiko eines Konflikts mit einer wachsenden Zahl von Menschen einzugehen, die ihre Hoffnungen in die Kirche setzen. Und wenn die Tür auch nur einen kleinen Spalt weit offen ist, so säuselt da doch schon ein neuer Wind durch. In neun der zehn Diozösen des Landes werden inzwischen katholische Publikationen an die Kirchengemeinden verteilt, in denen auch das Schicksal der Gefangenen, das Verhältnis zwischen Zivilgesellschaft und Staat und auch der Zusammenbruch des Realsozialismus zum Thema gemacht wird.

Doch darf der Einfluß der katholischen Kirche andererseits auch nicht überschätzt werden. Die Hunderttausende, die zu den päpstlichen Messen in den vier Städten des Landes strömen werden, sind noch lange keine Partisanen einer oppositionellen Bewegung. Viele werden aus purer Neugier hingehen, viele aus einem religiösen Impetus, der mit der kirchlichen Institution recht wenig zu tun hat. Die Kubaner sind zwar insgesamt ein durchaus religiöses Volk, aber die Kirche hatte auf der Insel nie die Bedeutung, die sie in andern Ländern Lateinamerikas erlangte. Der Grund liegt in der Kolonialgeschichte. Während die spanischen Eroberer anderswo die ansäßige indianische Bevölkerung unter Einsatz von Tausenden von Priestern missionierten, rotteten sie in Kuba die Indianer schlicht aus und importierten für die Arbeit auf den riesigen Zuckerplantagen schwarze Sklaven aus Afrika, allein zwischen den Jahren 1821 und 1860 über 350.000.

Die Sklaven brachten ihre Religionen mit, die sich in synkretistischer Form bis heute erhalten haben. Hinter der Jungfrau von Regla, der Schutzheiligen des Hafens von Havanna, erkennen viele Schwarze, aber auch immer mehr Weiße, die Yemaya, die Göttin des Meeres und der Fruchtbarkeit. In den Kirchen steht vielerorts eine Gipsfigur der Heiligen Barbara, nachts wird sie zum Chango, zum Gott des Blitzes und Donners, der sich als Weiberheld einen Namen gemacht hat. Und wenn Zehntausende von Kubanern jedes Jahr am 17. Dezember zur Kirche des Heiligen Lazarus wallfahren, mancheiner die letzten paar hundert Meter auf den Knien rutschend, reden viele von ihnen mit Babalu-Aye, dem afrikanischen Gott der Güte und Barmherzigkeit. Die Anhänger der Santeria, die ihren Ursprung bei den Yoruba im heutigen Nigeria hat, und des Palomonte, der aus dem Kongo kommt, sind in Kuba heute zahlreicher als die der katholischen Kirche. 40 Prozent der Kubaner sind katholisch getauft, von ihnen praktiziert vielleicht jeder dreißigste seinen Glauben. Der Santeria und ihr verwandten Kulten huldigen – wie lose oder eng auch immer – nach kirchlichen Angaben 16 Prozent, nach offiziellen Angaben 83 Prozent der Bevölkerung. Die meisten Anhänger der Santeria besuchen katholische Kirchen, tragen neben ihren Halsketten des Orula, der Yemaya, der Ochun, des Chango und anderer Götter aus dem afrikanischen Pantheon oft auch ein Holzkreuz mit dem Gekreuzigten und verehren den Papst. Der Erzbischof von Havanna seinerseits bezeichnete die Santeria als eine „Pseudo-Religion“, und Johannes Paul II. wird auf seinem Kuba-Trip zwar die kleine jüdische Gemeinde von Havanna besuchen, eine Begegnung mit einem Babalao, einem Priester der Santeria, steht jedoch nicht auf dem Programm.

Wenn auch die katholische Kirche im vorrevolutionären Kuba nicht so verwurzelt war wie etwa in Mexiko oder Mittelamerika, so hatte sie doch eine bedeutende Position im Bildungswesen. Sie unterhielt 1953 über 150 Schulen und in Havanna sogar eine Universität. Doch nachdem am 2. Januar 1959 die von Fidel Castro geführten Revolutionäre in der kubanischen Hauptstadt einmarschierten – Diktator Fulgencio Batista hatte sich in der Silversternacht aus dem Staub gemacht -, flohen schon bald Hunderttausende ins nur 150 Kilometer entfernte Miami, nicht nur die komplette Oberschicht, sondern auch viele verängstigte Bürger und auch über hundert Priester.

Schon im Jahr 1 der Revolution stellte sich das Episkopat klar gegen die neue Staatsmacht. Im November 1959 donnerte Alberto Martin Villaverde, Bischof von Matanzas, auf einer Messe: „In diesem Jahrhundert gibt es zwei Philosophien, die Philosophie des Materialismus und die Philosophie des Königreich Gottes. Es wurde der Materialismus gepredigt und Haß gesät, wir predigen das Königreich Gottes und säen Liebe.“ Ein halbes Jahr später forderte Enriquez Perez Serantes, Erzbischof Santiago, die Kubaner auf, „mit dem Kommunismus in gar keiner Weise zusammenzuarbeiten“. Noch hatte sich die Revolutionsregime nicht unter dem Druck des US-Embargos unter die Fittiche der Sowjetunion begeben und für kommunistisch und atheistisch erklärt. Nach der von der CIA logistisch unterstützten, aber gescheiterten Invasion von Exil-Kubanern in der Schweinebucht aber schlug das neue Regime erbarmungslos zu: Sämtliche Privatschulen, ob konfessionell gebunden oder nicht, wurden 1961 geschlossen und 132 katholische Geistliche wegen Kollaboration mit dem Batista-Regime des Landes verwiesen. Von den über 700 Priestern, die beim Triumph der Revolution in Kuba arbeiteten, blieben gerade noch knapp 200 übrig, von den über 2.200 Nonnen sogar nur noch jede zehnte. Im Dezember 1961 muckten die Bischöfe ein letztes Mal auf. In einem offenen Brief an Castro beschwerten sie sich über verschiedene Maßnahmen. Dann schwiegen sie 25 Jahre lang – bis zum nationalen kubanischen Kirchentreffen 1986, bei dem sie der sozialistischen Gesellschaft schließlich neben vielfacher Kritik auch einige gute Seiten attestierten.

Padre Teodoro, einer der drei übriggebliebenen Karmelitermönche in der Kirche der Heiligen Jungfrau von Carmen, erinnert sich noch gut an die „Kirche des Schweigens“. Der Spanier aus Salamanca war 1953 nach Kuba gekommen, drei Monate vor dem Sturm auf die Moncada-Kaserne, dem Startsignal der Revolution. Damals seien jeden Sonntag 5.000 bis 6.000 Gläubige zur Messe in der großen Barockkirche aus dem 18. Jahrhundert gekommen. Später dann stand sie jahrzehntelang praktisch leer. Wer sich zur Religion bekannte, hatte nur Ärger im privaten und beruflichen Leben, Kinder religiöser Eltern wurden gehänselt und verspottet, und mitunter wurden Kirchgänger von einem Steinhagel empfangen. Das Waffensarsenal im antiklerikalen Kampf reichte von kleinen Gemeinheiten bis zu groben Tätlichkeiten. Wie Homosexuelle, Eierdiebe, Marihuana-Konsumenten und andere „asoziale Elemente“ wurden viele Priester, unter ihnen auch Jaime Ortega, der heutige Erzbischof von Havanna, in Umerziehungslager gesteckt.

Ein Wandel schien sich 1985 anzubahnen. Da erschien in Kuba ein Buch mit dem Titel „Fidel und die Religion“. In 23 Stunden Interviews hatte der Revolutionsführer mit dem brasilianischen Dominikanermönch Frei Betto über seine Kindheit auf dem Land, seine Erziehung durch die Jesuiten und vieles andere mehr gesprochen. In fünf Monaten wurde das fast 400 Seiten lange Gespräch in Kuba 600.000 mal verkauft. Überraschender als der Inhalt war, daß Castro überhaupt von Religion sprach. Doch es zeigte sich schon bald, daß hinter der publizistischen Offensive ein strategisches Kalkül stand. Castro suchte im lateinamerikanischen Kontext das Bündnis mit der Befreiungstheologie, die Papst Johannes Paul II. ein Jahr zuvor ex cathedra verurteilt hatte. In Nicaragua, einer sehr katholisch geprägten Gesellschaft, waren die Sandinisten an der Macht, und im aufständischen El Salvador, wo der katholische Bischof Arnulfo Romero von rechtsextremen Todesschwadronen ermordet worden war, sympathisierten breite Teile der Kirche mit der Guerilla.

Die zaghafte Öffnung begann in Wirklichkeit erst nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Blocks, der die kubanische Wirtschaft in eine tiefe Wirtschaftskrise stürzte, von der sie sich bis heute nicht erholt hat. 1991 hob die Partei das Verbot der Mitgliedschaft für religiös Bekennende auf, in der neuen Verfassung von 1992 schließlich wurde die religiöse Diskriminierung explizit verboten. Im selben Jahr sprachen sich die Bischöfe Kubas  zum erstenmal öffentlich gegen das US-Embargo aus. Das Eis hatte Risse bekommen. Acht Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges glaubt Castro den Papst auf der Insel verkraften zu können. Seine antikommunistische Rhetorik hat der Gast aus Rom, ganz auf der Höhe der Zeit,  längst durch die Kritik am ultraliberalen Kapitalismus ersetzt. Vermutlich wird Johannes Paul II., wie überall, auch über Familie, Ehe, Abtreibung und körperliche Liebe sprechen. In Kuba, wo 41 Prozent der Schwangerschaften abgetrieben werden und überdies eine traditionell permissive Sexualmoral herrscht, wird man darüber hinweghören. Und wenn der hohe Gast dann am internationalen Flughafen Jose Marti den Flieger besteigt, wird er vielleicht die große Inschrift lesen: „Creemos en la Revolucion“ – „wir glauben an die Revolution“, und vielleicht wird er lächeln. Ja, Kuba ist ein gläubiges Volk.

Thomas Schmid, „Berliner Zeitung“, 17.18.01.1998

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