Die Nacht gehört den Serben

Das Telefon ist das Wichtigste. Gani hat es in den Korridor hinausgestellt. Da ist es sicher vor den Heckenschützen, die auf dem Flachdach des hundert Meter entfernten Hochhauses Position bezogen haben. Das Büro des Menschenrechtskomitees von Peć, der zweitgrößten Stadt des Kosovo, liegt überdies auch im Visier der Sniper, die vom Bunker auf dem nahen Hügel ab und zu in die Stadt feuern. Kein Türschild weist darauf hin, wer hier arbeitet. „Die Leute finden uns auch so“, sagt Gani. Auch die Polizei hat das Büro gefunden. Vor drei Wochen schlug sie alles kurz und klein. Tahir Demaj, der Präsident der Organisation, liegt seither mit zwei gebrochenen Rippen in einer „Klinik“. Nicht im Krankenhaus, wo nur Serben arbeiten und Serben sich kurieren lassen, sondern irgendwo in einer Garage, einem Keller oder Schuppen, der  notdürftig zu einer Krankenstation umgebaut wurde. Besuch kann er aus Sicherheitsgründen keinen empfangen.

Mit einem solchen Besuch haben Gani und seine Freunde gerechnet. Also sind die Dokumente, die vom täglichen Terror zeugen, rechtzeitig in Sicherheit gebracht worden. Es sind Fotos mißhandelter Körper, eidesstattliche Erklärungen über Erfahrungen in Polizeistationen, ärztliche Atteste. Jeden Tag kommen Leute vorbei, um Zeugnis abzulegen. Auch heute. Die Tür geht auf, ein Mann legt schweigend einen Zettel auf den Tisch und verschwindet. In ungelenker Handschrift steht da geschrieben: „Ich, X.Y., wurde gestern um sechs Uhr abends bei Peklen, wo ich zu Fuß unterwegs war, von der Polizei festgenommen. Man hat  mich auf der Polizeistation schwer geschlagen. Um fünf Uhr früh ließ man mich gehen. Unterschrift: XY.“

„Bis 1990 hatten wir mit den Serben keine Probleme“, behauptet Imer Mohaxheri, der örtliche Präsident der LDK, der größten Partei der Kosovo-Albaner. „Doch dann wurde Mikel Marku erschossen, der Präsident der Anwaltskammer von Peć. Es war der Auftakt zu einer Repression, die bis heute andauert und längst zur Normalität geworden ist. Tausende von Männern sind seither von der Polizei unter dem Vorwand der Suche nach Waffen zuhause aufgesucht, verhört und geschlagen wurden. „Es ist der pure Terror“, sagt der LDK-Mann, „den Hodscha haben sie gezwungen, eine albanische Zeitung zu essen.“

In den letzten Monaten ist es schlimmer denn je. Von den 83.000 Einwohnern der Stadt, die mit rund 20 Prozent einen überdurchschnittlich hohen Anteil von Serben hat, seien bereits an die 20.000 geflohen, schätzt Mohaxheri, die meisten ins benachbarte Montenegro. Der Stadtteil Bersenik (albanisch: Dardania) ist fast völlig leer. 13.000 Menschen wurden allein dort von Sondereinheiten des Innenministeriums aus ihren Häusern vertrieben. Sie befürchtete das Einsickern der UCK-Guerilla vom nahen Dörfchen Lodja in die Stadt. Doch hat die Bevölkerung von Peć trotz alledem zugenommen. Etwa 27.000 Flüchtlinge aus umliegenden Dörfern haben sich in die Stadt gerettet, viele kommen aus dem von schwerer Artillerie völlig zerschossenen Decani.

Die Front verlief bis Montag am Stadtrand. Hundert Meter hinter dem Straßengraben. Lodja war fest in albanischer Hand. Nun haben es die Sondereinheiten der serbischen Sonderpolizei mit Hilfe von Hubschraubern und Panzern zurückerobert. Das Nachbardorf Goraždevac hingegen wird seit langem von Serben kontrolliert. Am Ortseingang türmen sich hohe Barrikaden aus Baumstämmen und Sandsäcken, die zu einer Slalom-Fahrt zwingen. Schwerbewaffnete Männer, viele von ihnen in zivil, kontrollieren Ausweise, stellen Fragen und bieten schließlich Pflaumenschnaps an. „Schon dreimal wurden wir von albanischen Terroristen angegriffen“, erzählt der Dorfpräsident Jugoslav Stevanović, „zwei Polizisten wurden angeschossen.“ In seinem Büro steht eine Sirene mit Handbetrieb aus dem Arsenal der Territorialverteidigung des alten Jugoslawien. Titos Konzept war, daß sich jedes Dorf notfalls selbst verteidigen muß. Jahre nach dem Tod des Marschalls ist es nun so weit.

„Alle sind hier bewaffnet“, bestätigt Drago in perfektem Deutsch. Er ist wie jedes Jahr aus Deutschland zum Urlaub in seinen Heimatort gekommen. Es ist erst sechs Uhr abends, und er ist der einzige Gast, der noch nüchtern ist. „Die Albaner sind hier Bürger zweiter Klasse, wenn es ihnen nicht paßt, können sie ja nach Albanien gehen“, sagt er, „ich bin in Deutschland auch  Bürger zweiter Klasse und muß eben nach Jugoslawien, wenn es mir in Deutschland nicht paßt.“ Das findet er ganz normal. Im übrigen, so erzählt er ganz nebenbei, würden die Albaner gefangene Serben in Schlangengruben werfen. „Den Schlangen ziehen sie aber vorher die Zähne, damit die Serben nicht am Gift, sondern vor Angst sterben.“ Ob er glaubt, daß man ihm glaubt?

Zurück in Peć. Es ist erst sieben Uhr abends. Doch die Stadt ist völlig ausgestorben. Erst gegen acht Uhr füllen sich allmählich die Cafés. Doch kein albanisches Wort ist zu hören. Serbische Lieder werden gesungen oder vielmehr gegrölt. Vor der Polizeistation verteilt ein Mann Waffen an ein Dutzend Zivilisten. Einer schießt auf der Restaurant-Terrasse eine Salve ab. Ist er betrunken? Die Umstehenden lachen. An der Straße, die zum Hotel führt, ist in jeder Vitrine ein Einschuß zu sehen. Die Läden gehören Albanern. Keine Scheibe wurde ausgespart, keine zweimal getroffen. Wieder ein Feuerstoß in der Ferne. Kein Albaner getraut sich auf die Straße. Der Abend und die Nacht gehören den Serben.

Thomas Schmid, 18.08.1998 (vermutlich unveröffentlicht)

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