Es herrscht eine gespenstische Ruhe im Tal. Der Schnee verschluckt den Lärm des spärlichen Durchgangverkehrs. Eine junge Frau steht einsam mit ausgestreckten Armen da. Sie betet. Vor ihr 1337 Gräber, in Reih und Glied, wie auf einem Soldatenfriedhof. Doch nicht Kreuze stehen über den Gräbern, sondern grüne Holzstelen, und sie tragen alle dasselbe Todesdatum: Juli 1995. Grün ist die Farbe des Propheten. In Potocari, einem kleinen Dorf im Osten Bosniens, keine zehn Kilometer vor der Grenze zu Serbien, ist die letzte Ruhestätte der Opfer des grössten Massakers in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg: 1.337 Muslime aus Srebrenica liegen hier begraben. Der jüngste, Adnan Pitarevic, wurde gerade 14 Jahre alt. Über 5.500 weitere Leichen lagern noch in den Kühlhäusern im zentralbosnischen Tuzla. Nur wer identifiziert ist, wird beerdigt . Viele werden bis heute vermisst. An die 8.000 Menschen starben damals, die meisten wurden kaltblütig hingerichtet und in Massengräbern verscharrt.
Hier in Potocari war das Hauptquartier der UN-Truppen, die die Muslime der Enklave Srebrenica beschützen sollten. Diese umfasste neben dem gleichnamigen Hauptort über ein Dutzend Dörfer und lag war drei Jahre lang eine Enklave in feindlichem Gebiet. Als die bosnischen Serben das Bergwerksstädtchen Mitte Juli 1995 schliesslich stürmten, flüchteten sich 25.000 Menschen ins sechs Kilometer entfernte Potocari. Unter den Augen der niederländischen Blauhelme wurden die wehrfähigen Männer, und als solche galten selbst Greise, selektiert. Die Frauen und Kinder wurden in Busse verfrachet und ins Niemandsland zwischen den Fronten gefahren. Von dort gingen sie zu Fuss ins Gebiet, das unter Kontrolle der bosnischen Regierung stand, und waren gerettet. Die Männer aber wurden abgeführt und erschossen.
Abdulah Purkovic, 57, weiss noch genau, wie der Krieg in Srebrenica begann, das damals zu drei Vierteln von Muslimen und einem Viertel von Serben bevölkert wurde. Am oberen Ortsausgang der Stadt führt er heute ein Restaurant. Seine Brennnessel-Pilzsuppe schmeckt vorzüglich. Die traditionellen Burek, Blätterteigtaschen, füllt er mit Löwenzahn und wildem Spinat. Er weiß, wo er die Zutaten findet. Einen Monat lang hat er mit Tausenden Muslimen im Wald gelebt, als Arkans „Tiger“, serbische Paramilitärs, am 17. April 1992 Srebrenica mit schwerer Artillerie angriffen, Häuser brandschatzten und plünderten. Wenige Wochen danach eroberten muslimische Verbände die Stadt zurück. Einige serbische Dörfer der Umgebung wurden abgebrannt und wohl an die hundert Personen getötet. Fast alle Serben verliessen danach Srebrenica .
Dann begann die Hölle. Drei Jahre lang wurde Srebrenica von den Serben belagert und immer wieder mit Granaten beschossen. In der eingekesselten Stadt, die vor dem Krieg 6.000 Einwohner zählte, lebten auch noch mindestens 40.000 muslimische Flüchtlinge, die aus Zvornik, Bjelina und andern Städten Ostbosniens vertrieben worden waren. „Es gab nichts mehr zu essen“, erinnert sich Purkovic, „ein Kilo Salz kostete 50 Mark, eine Schachtel Zigaretten 100.“ Am Anfang wurde der Preis noch in der alten deutschen Währung festgelegt, schliesslich aber wurde das Salz zur Masseinheit aller Geschäfte. Es gab Hunderte von Verletzten, aber kein Verbandsmaterial mehr. „Wir betäubten die Verwundeten mit Schnaps“, berichtet Purkovic, der den Ärzten geholfen hat und nicht nur wilden Spinat, Löwenzahn und Brennnessel, sondern auch Heilkräuter kannte, „einigen Schwerverletzten amputierten wir Glieder mit einer Metzgersäge.“ Die humanitäre Lage war so alarmierend, dass die UNO im April 1993 die erste Schutzzone ihrer Geschichte einrichtete. Zunächst kamen kanadische, später holländische Blauhelme nach Srebrenica. 750 leicht bewaffnete UN-Soldaten sollten die muslimischen Verteidiger entwaffnen und die diesen waffentechnisch weit überlegeneren serbischen Aggressoren abschrecken. Beides gelang ihnen nicht. Die Muslime gaben zwar ihre wenigen schweren Waffen ab, im Vertrauen, von den Blauhelmen geschützt zu werden. Die leichten aber behielten sie vorsichtshalber zurück.
Als die Serben im Juli 1995 die Enklave stürmten, brach ein Chaos aus. Alle flüchteten. „Wer Verletzte und Invalide hatte, stellte sie vors Krankenhaus“, erinnert sich Purkovic, der als Koch bei den ‚Ärzten ohne Grenzen’ arbeitete, „ich sorgte dann dafür, dass sie nach Potocari gefahren wurden.“ Der Selektion und dem sicheren Tod entging er selbst nur, weil er sich als Mitarbeiter der internationalen Hilfsorganisation ausweisen konnte. Vor seiner Ausreise nach Kroatien zwangen ihn serbische Soldaten jedoch, vor einem Radio-Mikrofon eine Botschaft zu verlesen. „Die Serben kamen als Befreier, alle Menschen sind nun glücklich, dass sie in Frieden leben können.“ Ungefähr solche Sätze habe er, bedroht von Gewehrläufen, gestottert. „In Potocari haben sich schreckliche Szenen abgespielt“, sagt Purkovic, „5.000 völlig verängstigte Menschen lagerten auf dem UN-Gelände und 20.000 davor, Familien wurden auseinandergerissen, alte Männer in einer Fabrikhalle gefoltert, ein von Soldaten mehrfach vergewaltigtes Mädchen beging Selbstmord…“ Die Stimme des Kochs stockt. Stumm wendet er sich ab und zieht sich in die Küche zurück.
Als der Krieg im November 1995 zu Ende ging, war kein einziger Muslim mehr in Srebrenica. Heute zählt die Stadt, die nach dem Friedensschluss von Dayton der „Serbischen Republik Bosniens“ zugeschlagen wurde, wieder halb so viel Einwohner wie vor dem Beginn der militärischen Auseinandersetzungen: etwa 2.500 Serben, von denen die meisten nach Kriegsende aus den Vororten Sarajevos, die mit dem Friedensabkommen von Dayton an die bosniakisch-kroatische Föderation fielen (siehe Karten), zugezogen sind, und etwa 400 muslimische Rückkehrer. Srebrenica ist vom Krieg arg gezeichnet. Zahlreiche Hausruinen zeugen vom Artilleriebeschuss, in den Mauern fast aller Gebäude finden sich Einschusslöcher.Von den fünf komplett zerstörten Moscheen wurde nur eine – mit Hilfe von Geldern aus Malaysia – wieder aufgebaut. Selbst der Hügel über der Stadt ist nicht mehr derselbe wie früher. Neben der mittelalterlichen Burg, von deren Zinnen aus der Sage nach die Witwe eines serbischen Grafen jeden Morgen einen erschöpften Mann, den sie sich ins Schlafgemach hatte bringen lassen, in den Tod stiess, steht jetzt ein hohes Eisenkreuz. Es wurde gleich nach der Eroberung im Juli 1995 aufgestellt. Das Signal war klar: Hier ist christliche, das heisst serbische Erde.
Vor dem Krieg galt Srebrenica als die viertreichste Stadt Bosniens. Schon vor 2.000 Jahren hatten die Römer hier – sie nannten die Stadt Argentaria – Silber abgebaut. Heute wird vor allem Zink und Blei gewonnen, Silber (serbokroatisch: srebra) ist zweitrangig geworden. Aber waren vor dem Krieg 2.000 Bergleute in den Minen beschäftigt, sind es heute gerade noch 350. In der „Drina“, der Holzverarbeitungsfabrik der Stadt, fanden vor dem Krieg 617 Personen Arbeit, heute sind es 53. Und das Kurbad Crni Guber, zehn Kilometer ausserhalb der Stadt, das 1980 noch 25.577 Übernachtungen verbuchte, ist geschlossen. Srebrenica ist elend heruntergekommen. Es gibt buchstäblich nichts Schönes an dieser Stadt, keinen Platz, auf dem man verweilen möchte, kein Cafe, das einlädt, länger als fünf Minuten zu bleiben.
Im Hotel Donavia, einst ein Prunkstück, lacht man auf die Frage, wieviel hier ein Zimmer kostet. In den ungeheizten Räumen sind 35 Serben untergekommen, die in muslimischen Häusern gewohnt haben und diese wegen der Rückkehrer verlassen mussten. Zum Beispiel Marko Ilic. Auf dem Tisch seines Zimmers steht neben zwei übervollen Aschenbechern eine Zweiliterflasche aus Plastik. Da steht zwar „pivo“, „Bier“ drauf, aber es riecht nach Pflaumenschnaps. Nasse Wäsche hängt an einer Leine, die vom Fensterkreuz quer durch das Zimmer zum Kleiderschrank führt. Auf dem Boden steht ein Kaminstein, an dem, ungesichert, zwei elektrische Kupferkabel enden: eine primitive Heizung. Das hat Ilic irgendwo in einem seiner Kriege gelernt. In der Truppe des radikalen Serbenführers Vojslav Seseljs gekämpft, der in Den Haag wegen Kriegsverbrechen angeklagt ist, kämpfte er bei Vukovar gegen die Kroaten. Später stand er mit montenegrinischen Verbänden vor Dubrovnik, und irgendwo bei Srebrenica ging es dann gegen die „Türken“, wie er die Muslime nennt.
Doch so richtig kriegt er die Geschichte nicht mehr auf die Reihe. Schliesslich steckt noch immer eine Kugel in seinem Kopf. Von einem serbischen Polizisten, wie er sagt. Eine Operation konnte er sich nicht leisten. Ein Dokument bescheinigt ihm eine 80-prozentige Arbeitsunfähigkeit wegen epileptischer Anfälle. Über das serbische Volk ist Ilic verbittert. Den Schnaps trinkt er lieber mit den „Türken“ zusammen. Um seinen Hals aber baumelt eine Medaille. Das „Kreuz für die ehrenvolle Freiheit“, das ihn als guten Kämpfer ausweist, habe er 1993 persönlich von Mladic und Karadzic erhalten, behauptet er. General Ratko Mladic, Oberkommandierender der Armee der bosnischen Serben, hat das Massaker von Srebrenica persönlich geleitet. Der Psychiater Radovan Karadzic, Parteichef der radikal nationalistischen SDS, war damals Präsident der bosnischen Serbenrepublik . Beide werden seit Jahren wegen Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord vom Haager Tribunal gesucht.
Später treffen wir Ilic im Parteilokal der SDS an, die in der Stadt bei den letzten Wahlen noch immer fast einen Drittel der serbischen Stimmen gewonnen hat. Das Lokal ist völlig schmucklos und ausgekühlt. Man trinkt Bier. Die Haltung der anwesenden Parteigänger Karadzics ist offen feindselig, ein Gespräch nicht erwünscht.
Im Bezirk Srebrenica gibt es heute dreimal mehr Serben als Muslime und in der Stadt sogar sechsmal mehr. So gut wie alle Einwohner haben Parteien ihrer Ethnie gewählt, die Muslime muslimische Parteien und die Serben serbische. Trotzdem verfügen die Muslime heute über eine Mehrheit im lokalen Parlament und stellen den Bürgermeister. Denn nach bosnischem Recht konnten Flüchtlinge ihr Wahlrecht auch an ihrem ursprünglichen Wohnort wahrnehmen. So wurde Abdurrahman Malkic also mit den Stimmen der exilierten Muslime Bürgermeister von Srebrenica, wo ihn eine Mehrheit der Einwohner mit Missachtung bestraft. Er ist nun mal Muslim, also nicht ihr Bürgermeister. Ja, er stand schlicht auf der andern Seite. Als Soldat der bosnischen Armee hat er die Enklave gegen die bosnisch-serbischen Angreifer verteidigt. Zweimal wurde er verwundet. Als Srebrenica fiel, wollte er sich, wie so viele Soldaten durch die Berge und Wälder nach Tuzla durchschlagen. Es gelang ihm nicht. So flüchtete er nach Serbien. Die Serben aber lieferten ihn an die bosnische Serbenrepublik aus. Zum Glück gelang es ihm, sich vom Internationalen Roten Kreuz registrieren zu lassen. Sonst hätte er vermutlich das Schicksal seines Vaters geteilt. Der wurde aus Potocari abgeführt und erschossen.
„Wir müssen über die Vergangenheit reden“, sagt Malkic, „daran führt kein Weg vorbei. Und die Verantwortlichen müssen bestraft werden. Es gibt keine Kollektivschuld eines Volkes, sondern Individuen, die Verbrechen begangen haben.“ Der Bürgermeister hat bestimmt recht. Doch es will in Srebrenica kaum jemand über das reden, was geschehen ist. Die Muslime nicht, weil die Wunden noch schmerzen oder weil sie immer wieder die Erfahrung machen, dass ihr Leid und ihre Toten hier ohnehin niemanden interessieren. Die Serben nicht, weil sie gerne verdrängen und zuerst ihr eigenes Schicksal sehen. Mussten nicht auch sie ihre Dörfer verlassen? Und gab es nicht auch unter den Serben Tote? „Mit dem Massaker haben wir nun wirklich nichts zu tun gehabt“, hört man immer wieder, „wir wussten ja nicht einmal davon, wir waren ja damals gar nicht hier.“ Doch das Problem ist: Die meisten wollen bis heute davon nichts wissen. Jedenfalls nichts Genaues. Andererseits scheint sie der große Friedhof von Potocari, nur sechs Kilometer entfernt, nicht zu stören. Ein Mahnmal aber ist er ihnen nun auch nicht gerade. Man nimmt ihn eben hin.
Für die Jugendlichen ist der Krieg eine Geschichte der Alten, mit der sie nicht belästigt werden wollen. Serben und Muslime gehen in dieselben Schulklassen, der Fussballclub ist gemischt. Und ein muslimischer Choreograph leitet eine Tanzgruppe von zwölf Mädchen, von denen elf Serbinnen sind. Tanja und Kosa sind zwei von ihnen. Beide stehen kurz vor der Matur. Tanja ist in Jaice geboren, das in der Föderation liegt. Kosa stammt aus Srebrenica und hat die Kriegsjahre im nahen Bratunac verbracht, das unter serbischer Kontrolle lag. Beide wollen Journalistinnen werden. „Zu den Muslimen unserer Klassen haben wir ein normales Verhältnis“, sagt Tanja, „aber über das Massaker reden wir nicht.“ Es sei eben ein unangenehmes Thema, begründet dies Kosa, und für die Muslime sei es schmerzlich. „Wir wissen ja nicht viel darüber, eigentlich interessiert es uns nicht“, gesteht sie schliesslich und redet für beide. Ob sie sich denn vorstellen könnten, einen Muslim zu heiraten? Die Antwort kommt aus zwei Mündern gleichzeitig: „Nein.“ Weshalb nicht? Die beiden schauen sich etwas verlegen an. „Die sind eben anders“, entscheidet sich Tanja. „Die haben eine andere Religion“, meint Kosa. „Und wenn du dich in einen Muslim verliebt?“ – „Na ja, verlieben kann man sich ja“, räumt sie schliesslich ein, „aber heiraten? nein.“
Zwei haben es doch gewagt. Amira und Milos Markovic sind das einzige muslimisch-serbische Ehepaar in ganz Srebrenica. Doch sie haben vor dem Krieg geheiratet – nur beim Standesamt, weder in der Kirche noch in der Moschee. Das war 1977. „Wir haben uns als Jugoslawen verstanden“, sagt Amira, die im Stadtzentrum einen Coiffeursalon besitzt, „die Probleme kamen ja erst auf, als sich die nationalistischen Parteien bildeten.“ Kurz vor dem Kriegsausbruch sind die beiden nach Serbien geflüchtet. Dort haben sie sich mit verschiedenen Jobs durchgeschlagen. Es war nicht einfach. Milos musste sich zudem vor der bosnisch-serbischen Polizei verstecken, die ihn für den Krieg rekrutieren wollte. Im Jahr 2000 kamen sie nach Srebrenica zurück. Eine Hilfsorganisation gab Amira einen Kredit für den Coiffeursalon, um der Familie einen Neustart zu ermöglichen.
Die Arbeit macht vor allem ihre Tochter Diana, die im Exil eine Lehre als Coiffeuse gemacht hat. Ein Haarschnitt kostet vier Konvertible Mark, wie die bosnische Währung heisst, umgerechnet drei Franken. Wenn der Strom ausfällt, und das kommt täglich vor, werden die Haare des Kunden am Holzofen getrocknet. Ob sie sich als Muslimin oder Serbin fühlt. Die 24jährige lacht. „Ich habe weder die Bibel noch den Koran gelesen“, bekennt sie, „mein Freund ist Muslim, und mein Bruder geht mit einer Serbin.“ Ihr ist das alles schnurzegal. Hauptsache: sie kommt eines Tages weg aus dieser öden, langweiligen Stadt.
Auch Milos, ihr Vater, der Ehemann Amiras, will weg. Aber wohin? Von Beruf ist er Metzger. Hier findet er keine Stelle. Die Arbeitslosigkeit beträgt 80 Prozent. Sechs Monate lang hat er im zehn Kilometer entfernten Bratunac bei einem Fleischer gearbeitet. Schwarz. Nur einen Monat hat man ihm ausbezahlt. Dann ist er gegangen. Soll er hier alt werden und von einer Rente von 80 Konvertiblen Mark, umgerechnet 60 Franken, leben? „Srebrenica ist eine tote Stadt“, sagt er, „sie taugt allenfalls als Filmkulisse.“
Tot? Langweilig? Öde? Nichts los in Srebrenica? Eine Gruppe von zehn Studentinnen und Studenten will sich damit nicht abfinden. Seit vier Tagen räumen sie in einer Ruine im Stadtzentrum den Schutt weg. Es ist das alte Kino, von Granaten zerstört, abgebrannt bis auf die Grundmauern. Bei eisiger Kälte kochen sie mitten im Schnee an einem offenen Feuer eine heisse Suppe. Anderthalb Jahre lang haben sie mit dem Gemeinderat und dem Bürgermeister verhandelt. 70.000 Konvertible Mark, etwas mehr als 50.000 Franken, hat man ihnen schliesslich für angeboten. Nun suchen sie selbst über eine öffentliche Ausschreibung eine Baufirma, die das Gebäude wieder instand setzt. Hier soll ein Jugendzentrum entstehen – mit einem Saal für Theater und Konzerte, mit einem Internet-Café und einem Tourismusbüro.
Religion und ethnische Zugehörigkeit spielen in der Gruppe der Fernstudenten keine Rolle. „Wir sind sechseinhalb Serben und dreieinhalb Muslime“, rechnet Aco Perendic durch. Die beiden Hälften sind der Sohn des gemischten Ehepaars Markovic. Am 29. Mai soll das Jugendzentrum eröffnet werden. Die Gruppe hat Nutzungsrechte für 15 ausgehandelt. Alle werden hier arbeiten. Zehn Arbeitslose weniger in der Stadt. Perendic wird fürs Theater zuständig sein. Schon jetzt leitet er eine Gruppe von 15 Laienschauspielern. Vor zehn Tagen erst haben sie in Vukovar gespielt, der alten kroatischen Barockstadt an der Donau, die von einer serbischen Soldateska zerstört wurde. Und gerade hat Perendic sein erstes Drama fertiggeschrieben. Es trägt den Titel „Fortschreitender Zerfall.““
Thomas Schmid, „Facts“(Zürich), 07.04.2005