Am Suk, dem kleinen überdachten Markt von Dahra, dem größten Viertel der libyschen Hauptstadt, haben einige Geschäfte geöffnet. Der Fleischer hängt ein Dutzend Lammhälften an die Haken. Ein Lebensmittelladen bietet Reis, Nudeln, Konserven an, alles importiert aus Tunesien. Auf der Straße ist ein Gewürzehändler vorgefahren. Auf der Ladefläche seines Lieferwagens türmen sich Minze, Dill, Petersilie und Koriander aus dem 120 Kilometer entfernten Khomes. „Die Straße nach Tripolis ist wieder frei“, freut sich der Händler. Auch das Musikgeschäft ist offen, und der Friseurladen hat Hochbetrieb. Morgen wird Id al-Fitr gefeiert, das große Fest, nach dem Ende des Fastenmonats Ramadan. Und da wird tüchtig getafelt.
In Tripolis, das seit drei Tagen vollständig unter Kontrolle der Rebellen steht, sind noch viele Läden geschlossen, aber zumindest Lebensmittel gibt es. Das Angebot ist bei weitem nicht so vielfältig wie in anderen Jahren, es fehlt an vielem, aber es reicht für das große Familienessen. Nahrung ist nicht das Problem, unter dem die Bewohner der Hauptstadt leiden. Vieles jedoch ist deutlich teurer geworden, weil die Transportkosten ungewöhnlich hoch sind. Für einen Liter libysches Benzin bezahlte man vor dem Aufstand 20 Piaster – umgerechnet acht Cents, heute kostet der Liter Sprit, importiert aus Tunesien, das selbst kein Erdöl hat, zweieinhalb Dinar, einen Euro.
Vielen Familien geht nun allmählich das Geld aus. Seit schon bald zwei Monaten können die Menschen ihre Ersparnisse nicht mehr abheben, weil die Banken kein Geld herausrücken, vielleicht keines mehr haben. Gaddafi und seine Entourage hätten alles geplündert, sagen die Leute. Zwar hat die Rebellenführung die Öffnung der Banken angeordnet. In Dahra sind sogar die Bankangestellten zur Arbeit erschienen. Aber den Schlüssel der Bank habe ein Wärter, sagen sie, und der sei nicht aufzutreiben. Doch eigentlich sei das egal, weil es in der Bank sowieso kein Geld gebe. Viele zehren von ihren letzten Geldreserven, man hilft sich aus und wartet auf bessere Zeiten. Man kauft nur das Allernötigste, das Essen eben – und neue Kleider für die Kleinen, wie jeden Ait el Fitr, so wie es Mohammed, der Prophet, in einem Hadith empfohlen hat.
Das riesige Problem, unter dem in der Zweimillionenstadt Tripolis fast alle leiden, ist die Wassernot. Deshalb sind auch die Teehäuser und Restaurants geschlossen. Es gibt kein Wasser. Jedenfalls kein fließendes. Einige wenige haben das Glück, in der Nähe eines Ziehbrunnens zu wohnen. Aber auch dort ist das Wasser oft versiegt. In Dahra ist ein Zisternenwagen mit zehntausend Liter Wasser vorgefahren. Dutzende von Frauen, Kindern, jungen Männern eilen mit Eimern und Kanistern herbei. Jeder kriegt so viel, wie er will. Bezahlt wird nicht. Wie aber kommt es, dass in Tripolis ein katastrophaler Wassermangel herrscht? „Wir werden das Problem bald lösen“, sagt Sabri Wali, der beim städtischen Wasseramt arbeitet, nun dem Stadtteilkomitee von Dahra angehört und den Zisternenwagen organisiert hat, „es sind technische Probleme.“
Ähnlich hatte sich jüngst auch Mahmud Shaman, Sprecher des Nationalen Übergangsrats, des obersten Gremiums der Rebellen, bei einer Pressekonferenz in Tripolis geäußert. „Es gibt Wasser für alle“, sagte er zur Verblüffung der Journalisten und fügte dann hinzu, „wir haben nur einige technische Probleme, die wir nun angehen.“
„Wir rätseln alle, wir wissen nichts“, sagt Ahmed Koran, „es gibt nur Gerüchte über die Ursachen der Wassernot.“ Der pensionierte Universitätsprofessor ist zum Suk von Dahra gekommen, weil es in seinem Außenviertel der Hauptstadt kaum ein Laden geöffnet ist, und er will ja seiner vielköpfigen Familie einen richtigen Id al-Fitr bescheren. Die einen meinen, sagt er, Gaddafis Truppen hätten das Wasser bakteriell verseucht und die Zufuhr sei deshalb unterbrochen worden. Andere vermuten, Gaddafi habe die Wasserleitungen zerstören lassen. Und wieder andere behaupten, er habe die Wasserpumpen gestohlen.
Mohammed Mgely hat seine eigene Erklärung. Der Universitätsprofessor für Geographie, auch er auf der Suche nach einem guten Lamm, kritzelt eine präzise Karte Libyens in den Notizblock. Das Wasser für Tripolis komme aus dem Hassawinah-Gebirge, etwa 600 Kilometer südlich von Tripolis. Vermutlich hätten Gaddafis Spezialeinheiten – aufgrund von Mangel an Diesel für ihre militärischen Fahrzeuge – den Treibstoff geklaut, mit dem die Pumpen betrieben wurden. Die Wasserleitungen seien wohl intakt geblieben. Wenn es so wäre, müsste nur Treibstoff ins Hassawinah-Gebirge gebracht werden. Zwar fördert Libyen zur Zeit kaum noch Öl, aber die in Tripolis gelagerten Reserven würden reichen, um die Pumpen in Gang zu setzen. Doch die Transportwege in die Wüste sind unsicher. Wer die militärische Kontrolle über das Gebirge hat, ist unklar.
Um Libyens traditionelle Wasserprobleme ein für alle Male zu lösen, hat Gaddafi in den 80er und 90er Jahren das Projekt des „Großen Künstlichen Flusses“ verwirklicht – in seinen gigantischen Dimensionen weltweit einzigartig. 60 Millionen Liter Wasser flossen täglich durch die vier Meter dicken Wasserrohre. Fortan bekam Tripolis sein Trinkwasser aus der Wüste – aus eiszeitlichen, fossilen Wasservorräten, die im Gestein etwa 300 Meter unterhalb des Meeresspiegels liegen. Umsonst warnten Ökologen, die Ressource sei nicht erneuerbar, erschöpfe sich in einigen Jahrzehnten und führe zu einer Senkung des Spiegels des erneuerbaren Grundwassers. Gaddafi ließ bauen, und die Leute waren zufrieden. Sie hatten zwar kein hochwertiges Trinkwasser, aber immerhin war es weniger salzhaltig als früher, und vor allem hatten sie nun immer Wasser und genug. Besser und billiger wäre es gewesen, meint Mgely, das Wasser aus dem Mittelmeer zu schöpfen und moderne Entsalzungsanlagen zu bauen.
Wie die Trinkwasserversorgung hängt auch die Elektrizität in Libyen zu einem großen Teil vom Erdöl ab. Die Stromversorgung der Hauptstadt ist prekär. Ganze Stadtteile werden immer wieder stundenlang von der Stromversorgung abgeschnitten. In den mit Kriegsverletzten überfüllten Krankenhäusern fehlt es zum Teil an Diesel für die Generatoren, die bei Stromausfall angeworfen werden. Medizinische Apparate sind lahmgelegt. Operationen müssen verschoben werden – für viele Schwerverletzte mit fatalen Folgen.
Öl aber, Voraussetzung für Wasser- und Stromversorgung, wird in Libyen zur Zeit kaum mehr gefördert, im Westen des Landes überhaupt nicht mehr. Ausländische Fachkräfte hätten die Anlagen in den Erdölfeldern verlassen, sagt Geographieprofessor Mgely. Die Rebellen hätten die Öl-Pipelines für die Versorgung Tripolis abgeklemmt. Die Ölterminals an der Küste seien jedoch nur wenig beschädigt. Sobald Frieden herrscht, werde das Problem in wenigen Wochen gelöst sein.
Bis es so weit ist, warten die Menschen in Tripolis, wo aufgrund des Benzinmangels angenehm wenig Autoverkehr herrscht, auf Tanker, die übers Mittelmeer kommen und dem Land, dessen Export bislang zu 95 Prozent und dessen Budget zu 80 Prozent vom Erdöl abhingen, aus der Patsche helfen.
Thomas Schmid, „Berliner Zeitung“, 30.08.2011