Über hunderttausend Bäume sollen es sein, und sie stehen alle in Reih und Glied, nach Kriegsende gepflanzt von den Arbeitern und Bauern unter dem stalinistischen Regime des Enver Hoxha. Der große Pinienhain, der sich am Strand außerhalb der albanischen Hafenstadt Vlora kilometerlang hinzieht, war wohl einst ein Stück kommunistisches Paradies auf Erden.  Zwar hat man, wie überall im Land, auch hier Betonbunker hingebaut. Aber sie stehen wie riesige Steinpilze zwischen den Bäumen, haben sich – über die Verwitterung braun geworden – ihnen angepasst und wirken wie artistisches Beiwerk zum künstlichen Wald. Doch dann sind da Hunderte, vielleicht Tausende völlig verrosteter bis aufs Skelett abgenagter und ausgenommener Autos, die überall verstreut herumliegen und dem Wald in eine bizarr-gruselige Welt verwandeln. Am vergangenen Mittwoch (19.1.) brannte hier ein kleines Licht. Es fiel jemandem auf. Er meldete es der Polizei. Und die entdeckte 28 Kurden und sieben Afghaner, die sich zu mitternächtlicher Stunde an einem Feuer wärmten. Sie warteten auf das Boot, das sie an die italienische Küste hinüberbringen sollte.

„Wir haben sie in unserer Mensa verköstigt und im Korridor des Kommissariats schlafen lassen“, berichtet Niko Shqina, Vizepolizeichef der Stadt, „es waren sehr freundliche Leute, überhaupt nicht aggressiv.“ Am nächsten Tag wurden sie an die Grenze nach Griechenland gebracht. Drei Tage zuvor war eine Polizeipatrouille im gespenstischen Wald auf 18 Chinesen gestoßen. Man hatte sie zunächst zur Botschaft ihres Landes nach Tirana gefahren, doch die wollte die Flüchtlinge nicht aufnehmen, und so fanden auch sie sich schon bald am griechischen Grenzzaun wieder. Auch sie hat der warmherzige Polizeioffizier im Korridor seines Kommissariats nächtigen lassen. Es ist ein kahler Gang, der in eine Ruine übergeht. Bei den Unruhen vor drei Jahren war als erstes das Polizeirevier gestürmt und in Brand gesetzt worden. Noch müssen sich der Polizeichef und sein Vize ein Büro teilen. Noch gibt es nur vier Arrestzellen. „Aber spätestens in einem Monat, wenn die wichtigsten Bauarbeiten abgeschlossen sind, haben wir wieder genügend Zellen“, meint Shqina. Wieviel genügend sind, will er nicht verraten. Vlora, eine Stadt mit etwa 100.000 Einwohnern, ist eine kriminelle Hochburg Albaniens.

In der abgelegenen Stadt im Süden wurde schon bald nach dem Zusammenbruch des stalinistischen Regimes 1991 geschmuggelt, was das wirtschaftlich zerstörte Land am meisten brauchte: Lebensmittel. Doch es dauerte nicht lange, bis die Profis merkten, was am meisten Profit zu bringen versprach: Flüchtlinge, Prostituierte, Waffen und Haschisch. Zum Schmugglerparadies wurde Vlora dann 1997. Nach dem Zusammenbruch der dubiosen Finanzinsitute, bei denen fast alle Albaner all ihre Ersparnisse verloren, kam es im ganzen Land zu Unruhen. Vlora war die erste Stadt, in der die Waffenarsenale der Armee und der Polizei geplündert wurden und ein bewaffnetes „Komitee“ die Macht übernahm. Das Beispiel machte im ganzen Land Schule. Der albanische Staat brach faktisch zusammen, die Armee löste sich auf. In Vlora wurden vier Mitglieder des Geheimdienstes gelyncht, der Bürgermeister flüchtete Hals über Kopf in die Hauptstadt. Es herrschte Gesetzlosigkeit und die Macht lag bald schon nicht mehr beim Komitee, sondern bei bewaffneten Banden überhaupt. Es gab 250 Tote, bis sich ein halbes Jahr später der Staat zurückmeldete und eine öffentliche Verwaltung mit Polizei und Justiz in der Stadt Einzug hielt. Ein Viertel der Bevölkerung war geflohen – die meisten aus Angst. „Ich habe mich sechs Monate lang kaum aus dem Haus getraut“, sagt Ilir, ein  30jähriger Mechaniker, „ich hatte ja eine kleine Tochter, die gerade vier Monate alt war.“ Und Ema, die Mutter des inzwischen dreijährigen Mädchens, meint: „Noch nie gab es so viele Vergewaltigungen in der Stadt.“

Der Volksaufstand, für viele Jugendliche, vor allem männlichen Geschlechts, ein euphorisches Erlebnis, fegte das korrupte und verhasste Regime von Sali Berisha hinweg. Doch von den damals landesweit 700.000 geklauten Kalaschnikows wurden bis heute höchstens 120.000 zurückgegeben. „Wir haben nun mit der Einsammlung der Waffen begonnen“, sagt Niko Shqina mit unüberhörbarem Stolz in der Stimme, „am 18. Januar fuhren wir in einem Viertel mit drei Polizeiwagen vor. Man übergab uns 35 Kalaschnikows, vier leichte Maschinengewehre, 50 Handgranaten und 6.000 Schuss Munition.“ Immerhin ein Anfang. Mehr nicht. Allein in Vlore dürften über zehntausend Gewehre versteckt sein. Trotzdem: es herrscht Ruhe in der Stadt, die Leute haben die Angst verloren, zumindest tagsüber. „Fahren Sie bloß nicht nachts“, sagt Shqina zum Abschied.

Der Mann, der in den Tagen des Aufstands an der Spitze stand, heißt Albert Gjahatari. Nach dem Fall Berishas und mit dem Einzug der neuen sozialistischen Regierung wurde er Chef der Küstenwache Südalbaniens und stieg schließlich in die Direktion der nationalen Zollverwaltung auf. Nun arbeitet er in Tirana. Doch am Wochenende fährt er gerne in seine Heimatstadt. In einem vornehmen Restaurant, hoch über der Küste mit Blick auf die Bucht, die von der Insel Sazan geschützt wird, plaudert er von damals. Ja, das Komitee habe die Kontrolle an die Mafia verloren. Aber heute habe der Staat alles wieder in fester Hand. „Wenn hier noch fast täglich die Boote nach Italien abfahren, wenn Frauen und Flüchtlinge geschmuggelt werden“, sagt er und wiederholt es auf ungläubige Nachfrage, „dann sind die Italiener schuld.“ Die Italiener haben auf der vorgelagerten Insel einen Stützpunkt mit Radar und Schnellbooten, im Meer draußen ihre Kriegsschiffe, und auf dem albanischen Festland ist eine italienische Kompanie stationiert.

„Die Italiener wollen, dass Albanien nicht zur Ruhe kommt“, behauptet Gjahatari, „damit ihrer Tourismusindustrie in Albanien keine Konkurrenz erwächst, und sie wollen, dass die Probleme anhalten, damit sie für deren Lösung von der Europäischen Union Gelder kriegen.“ Auch die albanische Mafia sei ein Exportprodukt der Italiener. „Die sind Professoren, wir sind bestenfalls ABC-Schützen.“ Dass am vergangenen Donnerstag (20.1.) in Rom der Leiter der italienischen Hilfsaktion „Arcobaleno“ (Regenbogen) festgenommen wurde und gegen ihn wegen der Plünderung der Hilfsgüter in einem Flüchtlingslager, das die Italiener bei Vlore für Kosovo-Albaner eingerichtet hatten, ermittelt wird, hat ihn nicht erstaunt. „Wenn ich in Italien mich als Albaner zu erkennen gebe“, sagt Gjahatari, der aus beruflichen Gründen oft auf die andere Seite der Adria muss, „dreht mir schon am ersten Tag irgendein Italiener Prostituierte aus Albanien oder einem osteuropäischen Land an. Wer ist der Schurke? Er oder ich?“

Agim, so wollen wir ihn mal nennen, sieht das alles viel nüchterner. Seit fünf Jahren fährt der junge Mann als Schlepper über die Adria. Allein in den ersten drei Januarwochen ist er schon dreimal drüben gewesen. Bis vor einem halben Jahr starteten die Boote im Stadtzentrum. Seit die albanische Polizei aber den Strand fünf Kilometer in beiden Richtungen kontrolliert, startet er zehn Kilometer außerhalb, manchmal vor dem kleinen Fischerhafen Triporto hinter dem gruseligen Wald im Norden der Stadt, manchmal im Süden, kurz vor der alten Marinebasis, wo bis in die 60er Jahre vier sowjetische U-Boote stationiert waren und nun das türkische Militär eine Reparaturwerft einrichtet. Weshalb erzählt er das alles? Läuft er nicht Gefahr, dass der Reporter alles berichtet? „Ach, die Polizei, die weiß doch genau, was hier läuft“, sagt Agim, „aber die hat nicht ein einziges Patrouillenboot, um uns draußen festzunehmen, und die Italiener dürfen uns am Land nicht aufgreifen.“ Ein Polizist verdient zudem gerade 200 Mark im Monat. Soll er dafür seine Haut riskieren? Oder streicht er sein Schweigegeld ein? Dazu will Agim nichts sagen.

Zwischen 650 und 1000 Mark kostet zur Zeit die Überfahrt an die 60 Seemeilen entfernte Küste, die ein Schnellboot je nach Wetterlage in einer bis zwei Stunden schafft. An die 50 Boote sind irgendwo im Gelände versteckt. Bei gutem Wetter starten jede Nacht einige, in der Regel mit zwischen  zehn und 35 Personen an Bord. Etwa die Hälfte der Flüchtlinge seien Albaner, die den Weg allein hierher fänden, berichtet Agim, die andere Hälfte seien vor allem Kurden, aber auch Frauen aus Osteuropa, die von einem Schlepper an der griechischen Grenze abgeholt würden. Natürlich weiß er, dass die allermeisten Frauen, oft mit den übelsten Mitteln, in die Prostitution gezwungen werden. „Mit Frauenhandel und Drogen habe er nichts zu tun“, behauptet er, „ich bringe nur Männer oder Familien raus.“ Er sei nur Fluchthelfer. Mag sein. Oder auch nicht.

Vier „Fluchthelfer“ müssen die Flüchtlinge bezahlen: den Besitzer des Boots, der den größten Reibach macht und an Land zurück bleibt, den Fahrer, einen Mechaniker und den „Begleiter“. Während Fahrer und Mechaniker ihre menschliche Fracht an der  italienischen Küste nur ausladen und sofort zurück nach Albanien fahren, begleitet Agim die Flüchtlinge vom apulischen Ufer aus zu Bahnhöfen und Busstationen. Danach besteigt er in Bari die reguläre Fähre zurück nach Albanien. Einen Pass hat er nicht. „Aber die Italiener sind froh um jeden Albaner, der ihr Land verläßt, und die Albaner müssen mich ja nehmen.“ Während Fahrer und Mechaniker einen festen Geldbetrag, in der Regel tausend Mark pro Passage, vorab einstreichen, erhält Agim von jedem Albaner, der telefonisch meldet, dass er am Zielort, irgendeine Stadt in Italien, heil angekommen ist, 100 Mark, die vorher in Vlora bei einer Vertrauensperson hinterlegt wurden. Die meisten Flüchtlinge benachrichtigen Verwandte, Freunde und Fluchthelfer vor Ablauf einer Frist von 24 Stunden nach der Landung. Ist kein Anruf eingegangen, zum Beispiel, weil der Flüchtling von der Polizei aufgegriffen wurde, gehört das hinterlegte Geld der Vertrauensperson. In seiner Clique würden die Regeln eingehalten, sagt Agim, man bescheiße sich nicht.

Die italienischen Sperren zu durchbrechen sei keine Kunst, erklärt Agim. Die schweren Kriegsschiffe sind unfähig, die flitzenden Motorboote abzufangen. Und versenken dürfen sie sie ja nicht. Ab und zu zwingen allerdings die italienischen Schnellboote zur Umkehr. Doch inzwischen können es die Fluchtboote der Albaner, mit dem Gegner durchaus aufnehmen. Oft haben sie zwei Außenbordmotoren mit je 250 Pferdestärken. Seit einem Jahr sind in Albanien zwar nur noch Boote mit höchstens 75 PS erlaubt und einem Hubraum von maximal 100 Kubikzentimetern. Aber die Motoren werden ohnehin erst vor Abfahrt angebracht. „Wenn wir aber ein Boot ohne Motor finden“, hatte der Vizechef der Polizei gesagt, „können wir nichts tun, weil es nun mal keine Straftat ist, ein Boot zu besitzen.“ Als der Polizeipräfekt vor einem Jahr sechs Boote beschlagnahmte, wurde er kurzerhand von Banditen entführt. Die Geiselhaft dauerte zwölf Stunden. Dann gab er die Boote wieder frei und ließ sich in eine ruhigere Stadt im Landesinnern versetzen.

Während sich Agim über die Italiener lustig macht, will Krenar Xhafari ihnen den Prozeß machen. Er gehört zu den 34 Überlebenden des Unglücks vom März 1997. Damals, an einem Karfreitag, rammte ein Schiff der italienischen Marine die „Kater i Rades“, ein ausgedientes albanisches Patrouillenboot, das mit Flüchtlingen überfüllt war. 86 Albaner ertranken in der Adria zwischen Vlora und Brindisi. Krenar Xhafari verlor seine Frau und sein sechs Monate altes Töchterchen. Sein Bruder, Viron, überlebte ebenfalls, aber seine Frau und drei Kinder starben bei dem Unglück. Die Xhafari wohnen in einem unverputzten Haus, am Rande von Vlora, zwischen der Stadt und dem Industrieviertel, das aus Fabrikruinen besteht. In der engen Wohnung drängen sich schwarz gekleidete Frauen. Dem Besucher werden Kaffee und Schnaps gereicht. Der Vater der beiden Brüder ist am 12. Januar gestorben. „Er hat im Dezember einen Visumsantrag gestellt“, berichtet Krenar, „er wollte in Italien den Prozess um das Unglück von 1997 zu verfolgen und sein Lungenleiden im Krankenhaus von Perugia, das seine Aufnahme bereits zugesagt hat, kurieren lassen.“ Am 11. Januar traf ein Schreiben von der italienischen Botschaft in Tirana ein, worin ihm ein ablehnender Bescheid mitgeteilt wurde. Am 12. Januar, am Tag, an dem der Prozess wieder aufgenommen wurde, starb er. Am selben 12. Januar, vor zwei Wochen, kamen in Süditalien zwei Anwälte der Überlebenden der Schiffskatastrophe von 1997 bei einem Autounfall ums Leben. Krenar Xhafari glaubt an einen Mord. Auch das Boot, in das am vergangenen Silvester in Vlora 59 Flüchtlinge einstiegen, um das neue Jahrtausend in einer neuen Welt zu beginnen, sei von den Italienern angegriffen worden, meint er. Von 58 Passagieren fehlt bis heute jede Spur. Nur das Boot und die Leiche einer Frau wurden gefunden.

Die „Kater i Rades“ wurde ein halbes Jahr nach dem Unglück aus 800 Meter Tiefe geborgen – mit 57 Leichen. Die übrigen hat die Adria verschluckt. Auf dem Friedhof von Vlora sind 57 gleiche Gräber, in Reih und Glied, sechs tragen den Namen Xhafari. Hinter den Gräbern steht ein Monument aus Marmor. Es trägt die Inschrift: „Ihr seid vor einem abgrundtiefen Schrecken geflohen, und man hat euch in einen schrecklichen Abgrund geführt“.

Thomas Schmid, „Die Tageszeitung“ (taz), 25.01.2000

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