Die Frage erwischte mich kalt. „Wären Sie bereit, libyschen Milizen Geld zu überbringen, damit sie Waffen kaufen können?“ fragte ein junger Mann aus dem Publikum. Ich saß auf dem Podium. Bei der Veranstaltung ging es um den Arabischen Frühling von 2011. In Tunesien hatte eine Massenbewegung den Diktator Ben Ali ins Exil getrieben. In Ägypten war der „Pharao“ Mubarak zurückgetreten. Und in Libyen hatte sich der Protest gegen Gaddafi umgehend zu einem bewaffneten Aufstand verschiedenster Milizen gegen das totalitäre Regime entwickelt. Der junge Mann, der mir die etwas seltsame Frage stellte, wusste offenbar, dass ich in den 1980er Jahren Geld an die Guerilla in El Salvador überbracht hatte. „Nein“, gab ich ihm kurz angebunden Bescheid, „dazu wäre ich nicht bereit.“
Über 30 Jahre vor dieser Veranstaltung, am 3. November 1980, hatte die taz auf ihrem Cover zu einer Geldsammlung aufgerufen – unter der Schlagzeile „Waffen für El Salvador“. Der Aufruf nahm die ganze Titelseite ein. Die taz-Leser von heute, zumal die jüngeren unter ihnen, wird das befremden. Doch es waren andere Zeiten, und es war eine andere Zeitung.
Andere Zeiten. Der Vietnam-Krieg, in dem die US-Armee im Kampf gegen die Guerilla ganze Landstriche mit dem hochgiftigen Entlaubungsmittel „Agent Orange“ verseucht und Napalmbomben auf die Zivilbevölkerung abgeworfen hatte, war erst fünf Jahre zuvor mit über zwei Millionen Toten und dem Sieg des Vietcong zu Ende gegangen. Sieben Jahre zurück lag der von den USA unterstützte Putsch von General Pinochet gegen Salvador Allende, den gewählten sozialistischen Präsidenten Chiles. Henry Kissinger, damals Sicherheitsberater von US-Präsident Richard Nixon, hatte gesagt: „Ich sehe nicht ein, warum wir nichts tun und zusehen sollten, wie ein Land durch die Unverantwortlichkeit seines eigenen Volkes kommunistisch wird. Die Angelegenheiten sind viel zu wichtig, als dass sie den chilenischen Wählern zur Entscheidung überlassen werden könnten.“ Im Jahr 1980 war die politische Landkarte Lateinamerikas überwiegend schwarz. Auf dem Subkontinent herrschten weithin Militärdiktaturen, gestützt von den USA.
Nicaragua war da ein Lichtblick. Im Sommer 1979 hatte die Sandinistische Befreiungsfront die Diktatur Somozas, dessen Familienclan das Land über 40 Jahre regiert und ausgeplündert hatte, in einem bewaffneten Aufstand gestürzt und machte sich daran, im Hinterhof der USA einen sozialistischen Staat aufzubauen. Auch das benachbarte El Salvador, der kleinste Staat Mittelamerikas, wurde schon seit über 40 Jahren von Militärs regiert, immerzu unterstützt von den USA. Ende der 1970er Jahre hatte die Repression horrende Ausmaße angenommen. Hunderte von Landarbeitern, Gewerkschaftlern, Lehrern, die mehr soziale Gerechtigkeit und politische Reformen einforderten, waren von Mitgliedern der Nationalgarde, Soldaten der Armee und vor allem von paramilitärisch organisierten Todesschwadronen ermordet worden. Viele zu Tode gefolterte und mit Macheten zerstückelte Opfer wurden zur Abschreckung auf den Landstraßen liegengelassen.
Angesichts des um sich greifenden Terrors grübelte selbst Monseñor Oscar Arnulfo Romero, Erzbischof von San Salvador, der lange Zeit dem konservativen Flügel des Klerus angehört hatte, über die Legitimität eines bewaffneten Aufstands nach. Immerhin verbürgte Artikel 7 der damals gültigen salvadorianischen Verfassung dem Volk unter bestimmten Bedingungen ein „Recht auf Aufstand“. Die Kirche dürfe einen solchen nicht verurteilen, „wenn einmal alle friedlichen Mittel für die Entwicklung hin zu sozialer Gerechtigkeit erschöpft sind und die Schäden, die der Aufstand mit sich bringt ein kleineres Übel als die gegenwärtige Situation wären“, befand der Erzbischof. Im Februar 1980 forderte er US-Präsident Jimmy Carter auf, die Waffenhilfe an sein Land einzustellen. Am 23. März 1980 schließlich hielt er eine aufsehenerregende Predigt. Von der Kanzel der Kathedrale donnerte der Kirchenmann: „Kein Soldat ist gezwungen, einem Befehl zu folgen, der gegen das Gesetz Gottes verstößt. Einem amoralischen Gesetz ist niemand unterworfen. Es ist an der Zeit, dass ihr euer Gewissen wiederentdeckt (…). Die Kirche (…) kann angesichts dieser großen Gräuel nicht schweigen (…) Im Namen Gottes und im Namen dieses leidenden Volkes, dessen Klagen jeden Tag lauter zum Himmel steigen, ersuche ich euch, bitte ich euch, befehle ich euch im Namen Gottes: Hört auf mit der Repression!“
Es war seine letzte Predigt. Am folgenden Tag wurde er von einem Scharfschützen am Altar erschossen. Landarbeiterorganisationen, Bauernverbände, Gewerkschaften waren eingeschüchtert, gelähmt. Ziviler Widerstand schien nicht mehr möglich. Nun gingen Guerilla-Organisationen, die sich schon in den 70er Jahren formiert hatten und sich noch im selben Jahr zur Befreiungsfront Farabundo Martí (FMLN) zusammenschlossen, zum bewaffneten Aufstand über.
In dieser Situation rief die taz im Herbst 1980 dazu auf, Geld für Waffen zu spenden. Mit revolutionärem Pathos hieß es im Appell auf der Titelseite: „Die Militärregierung (…) hat mit ihren Truppen und den von den USA bezahlten, ausgerüsteten und befehligten Söldnerkommandos eine großangelegte militärische Offensive zur Ausrottung der Opposition eingeleitet (…). ’Sieg oder Tod’… diese Parole ist in El Salvador blutiger Ernst. Zum Sieg aber bedarf es Waffen (…) Wir fordern euch auf, (…) das Volk von El Salvador nicht waffenlos seiner Vernichtung zu überlassen.“ Unterzeichnet war der Aufruf mit „Die Mehrheit der Tageszeitung“. Eine Minderheit war offensichtlich dagegen. Den einen waren der revolutionäre Habitus und die mit ihm verbundenen Hoffnungen suspekt, andere waren überzeugte Pazifisten – die Friedensbewegung, die sich vor allem gegen die im Nato-Doppelbeschluss vorgesehene Stationierung neuer mit Atomsprengköpfen bestückter US-Raketen und Marschflugkörper auf westdeutschem Boden richtete, war im Entstehen und mobilisierte in den Folgejahren Hunderttausende zu zentralen Demonstrationen in Bonn. Wieder andere fanden schlicht, es sei nicht Aufgabe einer Zeitung, Geld – wofür auch immer – zu sammeln. Journalisten hätten zu schreiben, basta.
Es waren nicht nur andere Zeiten, die taz war auch eine andere Zeitung. Viele Redakteure begriffen die taz nicht nur als Zeitung, sondern auch als politisches Projekt und sich selbst nicht nur als Journalisten, sondern auch als politische Akteure. Und viele Leser dankten es ihnen. Jedenfalls übertraf der Erfolg des Aufrufs „Waffen für El Salvador“ die kühnsten Erwartungen der Optimisten. Schon nach zwei Monaten waren über 200.000 DM auf dem Sonderkonto der „Freunde der alternativen Tageszeitung“ eingegangen.
Gesammelt wurde in Wohngemeinschaften, Kneipen, bei Veranstaltungen. Die Kampagne wurde von Dutzenden Solidaritätskomitees getragen und erfasste auch engagierte Kirchengruppen und Gewerkschaftskreise. Linke Taxifahrer fuhren Sonderschichten und überwiesen den zusätzlichen Verdienst aufs Spendenkonto. Ein Rentner aus Berlin schickte fünf Mark „für Munition“, wie er auf der Überweisung vermerkte. Ein 26-jähriger Bauingenieur aus Bremen zwackte 85.000 Mark von seiner Erbschaft ab. Eine Gruppe von Ärzten und Lehrern, ebenfalls aus Bremen, überwies über Jahren hinweg, ein Zehntel des Weihnachtsgeldes. Peter von Oertzen, Landesvorsitzender der SPD Niedersachsens, spendete, „weil es politische Probleme gibt, die sich nicht anders als mit der Waffe lösen lassen. Auch der bekannte Theologe Helmut Gollwitzer, der sich während der Nazi-Zeit in der „Bekennenden Kirche“ engagiert hatte, entrichtete einen Obolus. Und Philipp Agee, der die CIA, der er zwölf Jahre gedient hatte, auch wegen des Vietnam-Krieges 1969 verlassen hatte und fortan gegen seinen früheren Brötchengeber agitierte, fand die taz-Kampagne „wunderbar“.
Es dauerte kein Jahr, bis die erste Million Mark gesammelt war. Wie aber kamen die Moneten zu den Adressaten? Die Guerilla hatte ja kein Konto, auf das man Geld hätte überweisen können, ohne dass es gleich blockiert worden wäre. So flog alle paar Monate jemand aus der taz-Belegschaft mit Dollar-Bündeln nach Mittelamerika.
Anfang 1983 fiel die Aufgabe mir zu. In einer Bank in Berlin-Charlottenburg, wohin das Geld vom taz-Konto zur Sicherheit regelmäßig auf ein unverdächtiges Konto überwiesen wurde, führte man mich in einen fensterlosen Raum. Ein Mann, neben dem ich mir in meinen Klamotten wie ein dahergelaufener Penner vorkam, stellte sich als Vizedirektor des Geldinstituts vor und präsentierte mir auf einem Silbertablett, es war wirklich ein Silbertablett, einen stattlichen Haufen von Hundert-Dollar-Scheinen, zu Bündeln verpackt. Tausend-Dollar-Scheine gab es schon nicht mehr. Die letzten waren 1945 gedruckt und 1969 aus dem Verkehr gezogen worden. Wenn ich mich recht entsinne, lagen 180.000 Dollar vor mir – wofür ich beim damaligen Hungerlohn der taz ziemlich genau 15 Jahre hätte arbeiten müssen. Das Nachzählen dauerte über eine Stunde. Die Summe war korrekt. Der Vizechef der Bank war furchtbar neugierig, aber dezent genug, nicht direkt zu fragen, erkundigte sich dann nur, ob ich den Flug in die USA schon gebucht hätte und wollte wissen, wohin es denn gehe. „Ja, ja, in die USA, New York“, log ich, steckte das Geld in eine schwarze Aktentasche, verschwand und nahm ein Taxi zum Flughafen Berlin-Schönefeld – für einen Flug nach Havanna, der übrigens über die aufgelaufenen Zinsen der Spendengelder finanziert wurde.
An der „Zonengrenze“ hinter Berlin-Rudow kontrollierten die Beamten nur den Pass. In der Toilette am Flughafen packte ich die Geldbündel in eine mitgebrachte Plastiktüte von „Aldi“ um. Die schien mir unauffälliger als das schwarze Aktenköfferchen, und tatsächlich hatte ich bei der Sicherheitskontrolle keine Probleme. Alles lief auf dem Förderband durch den Scanner. Niemand schaute in die Plastiktüte. Hätte am Flughafen ein Kontrolleur die vielen Dollars entdeckt, hätte ich ihn gebeten, eine Telefonnummer in Ost-Berlin anzuwählen, die man mir für den Notfall mitgegeben hatte. Handys gab es ja noch keine. Im Außenministerium der DDR, die ja ebenfalls für Solidarität mit der FMLN-Guerilla die Trommel rührte, wusste man Bescheid.
Der Flieger landete in Kuba. Man wies mir ein Hotel in Havanna zu, weil der Anschlussflug nach Managua erst am nächsten Tag startete. Um der Ausreise- und Einreisekontrolle zu entgehen, verbrachte ich – zusammen mit drei Polittouristen, die auf dem Weg ins revolutionäre Nicaragua waren – die Nacht schlaflos, immer meine Aldi-Tüte fest im Blick, im Transitraum. In Managua interessierte sich kein Grenzbeamter für meinen Plastikbeutel. Mit dem Taxi fuhr ich zu einem Genossen. Und in der prallen tropischen Mittagssonne im Innenhof seines Häuschens warteten fünf Guerilleros in Zivil, fünf Vertreter von fünf salvadorianischen Organisationen, die sich in der FMLN zusammengeschlossen hatten. Über eine Stunde zählten wir das Geld nochmal nach, teilten die Scheine in fünf gleich dicke Bündel. Die Guerilleros nahmen jeder einen, leisteten eine Unterschrift, dankten und verschwanden.
Ob sie das Geld mit über die Grenze nach El Salvador nahmen, weiß ich nicht. Aber Waffen kauften sie davon wohl nicht. Waffen hatten sie genug, erbeutet bei Überfällen auf Armeekasernen, wohl auch über das „befreundete Ausland“, vulgo: die Staaten des Ostblocks, erhalten. Man habe das Geld für Bürokosten, den Nahrungsmittelanbau in Kriegszonen und medizinische Betreuung verwendete, bekannte später ein Guerilla-Kommandant im Gespräch mit der taz. Das ist durchaus plausibel. „Ich glaube übrigens nicht, dass mit dem Geld Waffen gekauft wurden“, sagt auch der frühere taz-Justitiar und spätere Bundestagsabgeordnete der Grünen Christian Ströbele, der die taz-Kampagne mitinitiiert hatte, „aber eine Aktion ‚Mullbinden für El Salvador’ wäre keine gesellschaftliche Provokation gewesen.“ Will heißen: hätte keine Millionen eingefahren.
„Waffen für El Salvador“ hingegen war durchaus eine Provokation. Der Aufruf führte zu einem unerwarteten Spendenfluss und schon nach einem Monat, im Dezember, wurde die taz-Kampagne auch zum Thema einer Fragestunde im Bundestag. Und bereits am 12. Januar 1981 wollte Ottfried Hennig, Mitglied der CDU-Fraktion im Bundestag und Bundesvorsitzender der Landsmannschaft Ostpreußen, von der Bundesregierung wissen, ob es nach ihrer Ansicht legal sei, „Geld für Waffen für El Salvador zu sammeln, und wenn nicht, warum wird gegen die namentlich bekannten Verantwortlichen (…) nichts unternommen, sei es durch Einleitung eines Strafverfahrens, sei es durch Beschlagnahme der für Waffenkäufe bestimmten Gelder?“ Bundesjustizminister Jürgen Schmude (SPD), beschied dem CDU-Mann: „Eine Rechtsgrundlage, die es der Bundesregierung ermöglichte, rechtswidrige Sammlungen zu unterbinden oder gegen die Verantwortlichen Maßnahmen zu ergreifen, besteht nicht“, denn für die Regelung und Beaufsichtigung von Sammlungen seien die Länder zuständig, im vorliegenden Fall der Westberliner Innensenator Heinrich Lummer (CDU). Der Westberliner Senat seinerseits teilte noch im Jahr 1981 mehreren Mitgliedern des Bundestages, die in der Sache vorstellig geworden waren, mit, das Westberliner Sammlungsgesetz vor 1973 biete keine Handhabe zu einer Verbotsverfügung. Dies wäre allenfalls möglich, wenn die öffentliche Sicherheit und Ordnung gefährdet wären.
Damit war die Querele nicht beendet. 1982 stellte eine stattliche Reihe von Bundestagsabgeordneten der CDU/CSU-Fraktion gemeinsam an die Bundesregierung eine Kleine Anfrage zur Kampagne „Waffen für El Salvador. Insgesamt waren es zwölf Einzelfragen. Die letzte lautete: „Würde die Bundesregierung auch zwei Jahre lang ausschließlich auf die Kompetenz der Bundesländer verweisen, wenn in der Bundesrepublik Deutschland Geld für Waffen für eine Befreiungsbewegung in Polen oder der DDR gesammelt würde?“ Antwort: „Die Bundesregierung sieht keine Veranlassung, auf eine solche hypothetische Frage einzugehen.“
Die CDU/CSU-Fraktion schaffte es nicht, den Abbruch der Kampagne zu erzwingen. Doch dann kriegte sie ausgerechnet von der FMLN-Guerilla, Nutznießer derselben, Schützenhilfe. Gewiss ungewollt, aber objektiv eben. Im April 1983 wurde bekannt, dass Melida Anaya Montes alias „Comandante Ana María“, die Nummer 2 der FPL (der größten der fünf Guerillaorganisationen, die sich in der FMLN zusammengeschlossen hatten) ermordet worden war. Eine Woche danach beging der legendäre Führer der FPL, Salvador Cayetano Carpio alias „Comandante Marcial“, Nummer 1 der FPL, in Managua, der Hauptstadt Nicaraguas, Selbstmord. Er hatte den Mord an seiner Stellvertreterin, die stärker als er auf politische Verhandlungen setzte, in Auftrag gegeben. Vielleicht haben ihm die sandinistischen Genossen die Pistole auf den Tisch gelegt, um sich und ihm einen Mordprozess zu ersparen und ihm einen ehrenvollen Abgang zu ermöglichen. Gerüchte gab es viele, Gewissheiten wenige.
Gewiss war nur, dass in der Guerilla, der die taz Gelder für Waffen zukommen ließ, eine interne Auseinandersetzung stattfand, die zu einem Mord und einem Selbstmord geführt hatte. Nun war auch in der taz eine interne Auseinandersetzung angesagt. Auf Seite 1 schrieb die Zeitung am 22. April 1983: „Die taz hat durch das Konto ‚Waffen für El Salvador’ 3,2 Millionen DM an die FMLN weitergegeben. Sobald präzisere Informationen über die Ereignisse innerhalb der FPL vorliegen, werden wir über die Fortsetzung der Spendenkampagne diskutieren müssen. Hierzu sind wir auf die Meinung unserer Leser und der Spender angewiesen.“
Viele Leser warteten keine präziseren Informationen ab. Und die taz öffnete ihnen ihre Spalten. „Ihr von der taz meint deshalb [wegen Mord und Selbstmord] eure Spendenkampagne ‚Waffen für El Salvador’ in Frage zu stellen. Was ist das für eine Arroganz zu sagen: ‚Die benehmen sich nicht alle, wie es sich für anständige Revolutionäre gehört’“, schreibt eine Katharina aus Hamburg. Und eine Eva aus Berlin ist geschockt, kommt dann aber zu sich und stellt fest: „Neben ihren persönlichen Mängeln sind auch Guerilleros Produkte ihrer Umgebung und der gewaltsame Widerstand geht eben doch auf Dauer auf Kosten der Menschlichkeit.“ Sie schließt aber dann mit den Worten: „Egal, was hinter dieser skrupellosen Ermordung steckt, es geht immer noch um die Befreiung von El Salvador (…), Also Leute, lasst uns weiter Waffen spenden!“ Und ein El-Salvador-Komitee wirft der taz vor, „die moralische Integrität des FMLN als Organisation anzuzweifeln und diese Zweifel auf die Leser zu übertragen“, und zeigt Verständnis für „die Entscheidung des FMLN, innere Differenzen nicht in der breiten Öffentlichkeit zu diskutieren, um die nicht immer gefestigte Solidarität nicht durch Verwirrung zu gefährden.“
In der riesigen Flut von Leserbriefen fand sich relativ wenig Kritik an der Guerilla und an der taz-Sammelaktion. „Eine Zeitung hat die Leser(-briefe), die sie verdient“, schrieb taz-Redakteur Klaus-Wolschner umgehend, „sicher ist es eine bestimmte Lobby, die sich (…) als Erste auf die vorsichtige Infragestellung der Solidarität mit der salvadorianischen Guerilla zu Wort meldete.“ Unser Mann aus Bremen warnte davor, „zur Tagesordnung überzugehen“. In der taz-Redaktion selbst war die Solidarität brüchiger und die Verwirrung größer als unter den Lesern, die sich zu Wort meldeten – oder die zu Wort kamen.
Die taz-Kampagne „Waffen für El Salvador“ lief weiter, aber nun eher auf Sparflamme, und die Gelder flossen spärlicher. Aber immer wieder flammte taz-intern die Debatte auf. So forderte in der Ausgabe vom 5. Januar 1987 Inlandsredakteur Max Thomas Mehr, der die Einrichtung des Kontos von Anfang an scharf kritisiert hatte, sich vom Mythos der bewaffneten Befreiung zu verabschieden, auf zivilen Widerstand zu setzen und die Geldsammlung für Waffen einzustellen. Der ehemalige Lateinamerika-Redakteur Klaus-Dieter Tangermann, der die Kampagne an vorderster Stelle initiiert hatte, hielt ihm in derselben Ausgabe entgegen, dass gerade die zivile Opposition in El Salvador „ihre neuen Bewegungsmöglichkeiten als Ergebnis der Guerillaaktivitäten“ anerkenne, es also sinnvoll sei, die Kampagne weiterzuführen.
Entschieden wurde nichts. Also dümpelte die Kampagne vor sich hin. Erst Bemühungen der Solidaritätsbewegung, die inzwischen auf einige harte Kerne geschmolzen war, sich des „Waffenkontos“ zu bemächtigen, zwangen die taz zu einer Entscheidung. Den „El-Salvador-Soligruppen“ wurde am 19. Juli 1988 eine ganze taz-Seite eingeräumt, um die notwendige Abgabe des Kontos an einen neuen Trägerverein zu begründen. Auf der geschenkten Seite stand dann ein langer Artikel, in dem unter dem Titel „Ein Medium verliert seine Legitimation“ vor allem gegen die taz gestänkert wurde. In einem kleinen Kasten wurde noch mitgeteilt: „Der neue Aufruf ‚Waffen für El Salvador’, der die [neue] Kampagne politisch begründet, hatte keinen Platz mehr. Eine Seite ist zu wenig.“ Platz hingegen war für ein Gedicht Roque Daltons, des bekanntesten Schriftstellers El Salvadors. Dass dieser, ein gestandener Kommunist, einst der Guerilla beigetreten und schon kurz danach, von einem Revolutionstribunal zum Tode verurteilt, von seinen eigenen Genossen hingerichtet worden war, erfuhren die Leser nicht.
Diese taz-Seite zeugte vom dogmatischen, kleingeistigen Sektierertum, das sich in der Solidaritätsbewegung breitgemacht hatte. Wahrscheinlich hat sie dazu beigetragen, dass sich kurz danach ein taz-Plenum mehrheitlich weigerte, das Konto abzugeben. Doch aus der gleichzeitig versprochenen Neubelebung der Kampagne wurde nichts. Aus verschiedenen Gründen: 1989 fiel in Berlin die Mauer. 1990 verloren in Nicaragua die Sandinisten die Wahlen und die Macht. Und in El Salvador bahnte sich ein Friedensabkommen an.
Am 16. Januar 1992 wurde in Mexiko-Stadt der Friedensvertrag zwischen der Regierung und der Guerilla unterzeichnet. Vier Tage später landete ich mit den letzten 62.500 US-Dollar in der mexikanischen Hauptstadt. Vier Frauen – drei gehörten der Finanzkommission und eine der politisch-diplomatischen Kommission der FMLN an – unterzeichneten die Entgegennahme der Greenbacks. Einen allerletzten Betrag in Höhe von 2.222,63 Euro, umgerechnet damals 2.998 US-Dollar, der sich danach noch angesammelt hatte, übergab der damalige taz-Korrespondent für Mittelamerika 2014 – 22 Jahre nach Friedensschluss – der Geschäftsführerin von Pro Búsqueda, einer salvadorianischen Organisation, die nach im Krieg verschwundenen Kindern sucht. Sie waren in der Regel von Militärs geraubt und an Adoptiveltern in den USA oder auch in Europa verkauft worden.
Auf dem Rückflug von Mexiko nach Berlin im Januar 1992 las ich, wenn ich mich recht entsinne und es mir nicht nur einbilde, ein Buch mit dem Titel „Kofferträger“, erschienen 1984. Der Autor, der deutsche Soziologe Claus Leggewie, schrieb über die Kanäle, über die Geld von deutschen und französischen Genossen – einer von ihnen war der der SPD-Spitzenpolitiker Hans-Jürgen Wischnewski („Ben Wisch“) – an die algerische Unabhängigkeitsbewegung floss. Im letzten Absatz des Buches heißt es: „Der Internationalismus ging weiter, ging erst richtig los. Im Vergleich zur Vietnam-Generation waren die Kofferträger eine kleine radikale Minderheit. Die von ihr gesammelten Spenden sind Almosen im Verhältnis zu den Hunderttausenden, die auf den Sonderkonten ‚Waffen für El Salvador’ eingehen.“
4.737.755,10 DM hat die taz-Kampagne insgesamt erbracht. Heute wäre eine solche Kampagne unvorstellbar – weil die Zeiten andere sind, weil die Zeitung eine andere ist und vermutlich auch weil der 2002 eingeführte Paragraph 129 b des Strafgesetzbuches die Unterstützung krimineller und terroristischer Vereinigungen auch im Ausland verbietet. Es ist ja oft nur eine Frage der Opportunität, was als Terrorismus gebrandmarkt wird. Arafat, Mugabe und Mandela galten vielen als Terroristen, bevor sie Staatsmänner wurden. Und Salvador Sánchez Cerén, der nach dem Selbstmord des FPL-Chefs Cayetano Carpio als „Comandante Leonel González“ dessen Nachfolge antrat, ist heute gewählter Staatspräsident von El Salvador.
Thomas Schmid, September 2018, veröffentlicht in: „40 Jahre taz. Das Buch“, S. 51-57.
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