Ruinen zerschossener Häuser und Mauern mit Einschusslöchern künden von den Tagen des Schreckens. Viele Gebäude stehen halbfertig da, als Rohbau. Die wenigen Neubauten mit frisch getünchten Fassaden sind nur freundliche Farbtupfer in dieser grauen Stadt. „Wo Rauch aufsteigt“, sagt Abdulah Purkovic, „da ist Leben.“ Es ist unangenehm feucht und kalt im Talkessel zwischen den dicht bewaldeten Bergen, aber nur wenige Schornsteine rauchen. „Srebrenica ist eine tote Stadt“, behauptet Purkovic, „es gibt hier nicht einmal Chinesen.“ In ganz Bosnien-Herzegowina findet man kaum eine Kleinstadt, in der sich nicht wenigstens ein Dutzend Chinesen niedergelassen haben.
Srebrenica ist zur Chiffre geworden. Der Name des Bergwerkstädtchens steht für das größte Massaker in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg. Und auch für das Versagen der internationalen Gemeinschaft. Srebrenica war die erste UN-Schutzzone der Weltgeschichte. Als Truppen der bosnischen Serben im Juli 1995 den Ort überrannten, flüchteten sich etwa 25.000 bosnische Muslime (Bosniaken) ins sechs Kilometer entfernte Potocari, zum Hauptquartier der holländischen Blauhelme. Unter deren Augen verfrachteten die Soldaten des Generals Ratko Mladic Frauen und Kinder in Busse, um sie ins Niemandsland zwischen den Fronten zu fahren und dort freizulassen. Die Männer aber wurden abgeführt und erschossen. Wegen Mordes an über 8.000 Flüchtlingen aus Srebrenica steht seit Ende Oktober Radovan Karadzic, damals Führer der bosnischen Serben, Präsident der von ihm gegründeten Republika Srpska und Vorgesetzter von Mladic, vor den Schranken der internationalen Justiz in Den Haag.
Purkovic, der heute am oberen Ortsausgang von Srebrenica ein kleines Gasthaus führt, erinnert sich noch genau an die schreckliche Zeit. Drei Jahre lang wurde Srebrenica von den Soldaten Mladics belagert und immer wieder mit schwerer Artillerie beschossen. Die Stadt, die damals 6.000 Einwohner zählte, beherbergte auch noch 40.000 muslimische Flüchtlinge, die aus den Städten und Dörfern Ostbosniens von den Serben vertrieben worden waren. „Als nach zehn Monaten Belagerung ein erster UN-Konvoi Lebensmittel brachte, hatten wir bereits die ersten Hungertoten zu beklagen“, berichtet Purkovic, der damals als Koch bei „Ärzte ohne Grenzen“ arbeitete, „wir lebten von Löwenzahn, Brennnesseln und wildem Spinat. Es gab viel Tote und hunderte Verletzte, aber kein Verbandsmaterial mehr. Wir betäubten die Verwundeten mit Schnaps und amputierten Glieder mit einer Metzgersäge.“ Nach der Erstürmung der Enklave entging Purkovic dem sicheren Tod nur, weil er sich als Mitarbeiter einer internationalen Hilfsorganisation ausweisen konnte.
Sieben Wochen nach dem Massenmord von Srebrenica zerfetzte eine Granate in Sarajevo 37 Menschen. Es war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Nun bombardierte die Nato massiv serbische Stellungen und erzwang schließlich einen Waffenstillstand, der Ende 1995 in den Frieden von Dayton mündete. Es war ein höchstproblematischer Kompromiss, den die bosnische Regierung mit Slobodan Milosevic, dem serbischen Machthaber, der den Krieg vom Zaune gerissen hatte, einging. Aber er ersparte dem belagerten Sarajevo einen vierten Kriegswinter mit vielen weiteren Toten. Bosnien-Herzegowina wurde als schwacher Gesamtstaat erhalten, aber in zwei gleich große sogenannte Entitäten aufgeteilt: die bosniakisch-kroatische Föderation und die Republika Srpska (die bosnische Serbenrepublik). Zwar verloren die Serben, die 70 Prozent Bosnien-Herzegowinas erobert hatten, einige Gebiete. Faktisch aber wurde damit ein Parastaat, der durch militärische Gewalt und ethnische Säuberung entstanden war, international legitimiert.
Srebrenica, dessen Bevölkerung sich vor dem Krieg aus drei Vierteln Muslimen und einem Viertel Serben zusammensetzten, liegt in der Republik Srpska. Zwar sind etwa 15 Prozent der vertriebenen Muslime zurückgekehrt. Doch sind sie in der Gemeinde nun die Minderheit. Aber obwohl in ganz Bosnien die allermeisten Bürger Parteien ihrer eigenen Ethnie wählen, hat die SDA, die Partei der Muslime in Srebrenica die Wahlen gewonnen. Es ist die einzige Gemeinde in der Republika Srpska, die nicht von einer serbischen Partei regiert wird – dank einer Bestimmung des Wahlgesetzes, das es den Vertriebenen erlaubt, nicht an ihrem Wohnort, sondern an ihrem Heimatort die Stimme abzugeben. Doch Vizebürgermeister Camil Durakovic, wie sein Vorgesetzter ein Muslim, meint, dass Bosnien nur eine Zukunft habe, wenn es die ethnischen Schranken überwindet. Seine Partei hat auf Gemeindeebene eine Koalition mit der SNSD gebildet, der Partei von Milorad Dodik, dem Präsidenten der Republika Srpska. Die Angestellten des öffentlichen Dienstes sind zur Hälfte Serben, zur Hälfte Muslime.
Doch Dodik hält von einem multiethnischen rein gar nichts. Seit Monaten droht er immer wieder damit, seine Republika Srpska vom bosnischen Gesamtstaat abzuspalten. „Letzte Woche eilte er nach Belgrad, um sich von Biljana Plavsic empfangen zu lassen“, berichtet Durakovic. Die direkte Nachfolgerin von Karadzic an der Spitze der Republika Srpska, die zu Kriegszeiten dem Oberkommando von Mladics Armee angehörte, war vom Jugoslawien-Tribunal in Den Haag im Jahr 2003 zu elf Jahren Gefängnis verurteilt und am 29. Oktober vorzeitig entlassen worden. Was soll der gewöhnliche Serbe von Kriegsverbrechern halten, wenn selbst ihr Präsident ihnen huldigt? „Karadzic“, da ist sich Durakovic sicher, „gilt hier in Srebrenica unter den Serben weiterhin als Held. Der Vizebürgermeister könnte ihnen seine Unterschenkel zeigen. Aber auch die deutlich sichtbaren Narben würden keinen überzeugen.
Als Mladics Soldateska die UN-Schutzzone stürmten, floh Durakovic wie etwa 10.000 weitere Männer aus der Enklave in die Wälder. Den einwöchigen Marsch nach Tuzla überlebte nicht einmal die Hälfte von ihnen. Tausende starben in den Minenfeldern, wurden von Granaten zerfetzt, von Maschinengewehren niedergemäht, starben an Erschöpfung oder wurden von serbischen Soldaten füsiliert, nachdem sie sich ergeben hatten. „Ich war damals 16 Jahre alt und der jüngste auf dem Todesmarsch“, sagt Durakovic, der von einer Granate schwer verletzt wurde, „alle andern meiner Schulklasse hatten sich zum UN-Hauptquartier nach Potocari geflüchtet. Kein einziger von ihnen hat überlebt.“
„Mögen die Tränen der Mütter zum Gebet werden, damit Srebrenica nie wieder geschieht, niemandem und nirgendwo“, steht auf einem Gedenkstein am Mahnmal von Potocari. 3 215 identifizierte Opfer des Massenmords von Srebrenica sind hier begraben. Auf 3 215 grünen Stelen, aufgestellt in Reih und Glied wie auf einem Soldatenfriedhof, steht dasselbe Todesdatum: „Juli 1995“. Präsidenten aus aller Herren Länder sind zum Mahnmal von Potocari gepilgert. „Aus ganz Bosnien haben Schulklassen den riesigen Friedhof besucht“, sagt Durakovic, „aber nicht eine aus Srebrenica.“
Was in Srebrenica vor 14 Jahren passiert, darüber spricht man hier kaum. Viele zurückgekehrten Muslime haben den Eindruck, ihre Geschichte interessiere die serbischen Nachbarn ohnehin nicht. Viele Serben sehen nur ihr eigenes Schicksal. Die meisten unter ihnen stammen aus den Vororten von Sarajevo, die nach dem Friedensschluss von Dayton an die bosniakisch-kroatische Föderation fielen. Sie sind aus Zentralbosnien geflüchtet – aus Angst vor Rache oder weil sie sich in die Häuser geflüchteter Muslime einquartiert hatten. Hier in Srebrenica, im Osten Bosniens, fanden sie wieder leere Häuser. Inzwischen haben sie diese den Muslimen, die nicht zurück wollen, entweder abgekauft oder sie gegen ihre eigenen eingetauscht. Die Konflikte um Eigentum sind jedenfalls weitgehend geklärt.
Es gibt in Srebrenica eine Metzgerei, einen Supermarkt, drei Frisiersalons, Imbissbuden, einige Kaffeestuben und Lebensmittelgeschäfte sowie eine Reihe kleiner Läden. Es wird verkauft. Es werden Dienstleistungen angeboten. Doch darüber hinaus gibt es kaum Arbeit. Nur zwei Fabriken haben sich nach dem Krieg in der weithin zerstörten Stadt angesiedelt: eine slowenische, die Autoteile herstellt, und eine schwedische, die Nahrungsmittel verarbeitet. Zusammen bieten sie gerade 150 Personen Beschäftigung. „Die Jugend“, gesteht Durakovic ein, „hat hier kaum eine Perspektive.“
Milana Nikolic will sich damit nicht abfinden. Sie ist Serbin und in Srebrenica geboren. Bevor 1992 die Stadt von Mladics Soldaten eingekesselt wurde, flohen alle Serben, auch ihre Familie. Damals war sie gerade elf Jahre alt. 1998 kehrte sie zurück. Heute managt die umtriebige Frau das Jugendzentrum, das zum Teil von der Europäischen Union finanziert wird. Hier bietet sie Kurse zur Friedenserziehung an. „Wir üben gewaltfreie Techniken der Konfliktlösung“, sagt sie in fließendem Englisch, „vermitteln Werte wie Toleranz und Respekt vor dem Andern.“ Hier kommen muslimische und serbische Jugendliche zusammen, gestalten ihre Freiheit, lernen im Internet surfen und machen Musik. „Und redet ihr auch über die Vergangenheit?“ – „Wir wollen vor allem ein Team sein“, antwortet Nikolic und lässt durchblicken, dass eine Diskussion über den Krieg und das Massaker von Srebrenica nur Streit bringen, jedenfalls den Zusammenhalt gefährden würde. „Die Jugendlichen haben mit dem Krieg doch nichts zu tun“, meint sie, „sie haben ja kaum Erinnerungen daran.“ Doch alles in Srebrenica – Ruinen und Einschusslöcher, Flüchtlinge und Armut – erinnern an den Krieg. „Wir wollen nach vorne schauen, nicht zurück“, erklärt sie schließlich entschlossen. Ob denn die Jugend hier tatsächlich eine Perspektive sieht? „78 Prozent der Jugendlichen in Bosnien-Herzegowina wollen abhauen“, sagt Nikolic, „wer Arbeit hat, bleibt; wer keine hat, geht.“ In Srebrenica dürften es mehr als 78 Prozent sein.
„Vor dem Krieg gehörte Srebrenica zu den reicheren Städten Bosniens“, sagt der diplomierte Goldschmied und Journalist Sadik Salimovic, der die Geschichte der Stadt wie kein anderer kennt, „so gut wie jede Familie hatte ein Auto – vorzugsweise der Marke Yugo – und viele auch ein Ferienhäuschen an der Adria. All dies war den Blei- und Zinkminen wie den Heilwasserquellen zu verdanken.“ Vor dem Krieg arbeiteten hier bis zu 2.000 Bergleute. Nach dem Krieg wurden die Minen privatisiert. Heute gehören sie einem Serben, der – so vermutet Sadik – Strohmann eines Russen ist. Nun beschäftigt das Bergwerk gerade noch etwa hundert Arbeiter – ausschließlich Serben. Das Kurbad, dessen Wasser zu Zeiten der Donaumonarchie bis in die USA exportiert wurde und das vor dem Krieg jährlich bis zu 25.000 Übernachtungen zählte , ist völlig heruntergekommen, das Gelände zum Teil überwuchert.
Von der goldenen Ära Srebrenicas kündet das Hotel Danuvia, das zwischen der orthodoxen Kirche und einer wieder aufgebauten Moschee steht. Ein großer Bau für eine so kleine Stadt. Doch an der Rezeption steht niemand. Zwischen den Fenstern hängt Wäsche zum Trocknen aus. Alte Leute schlurfen aus den Zimmern, um zu schauen, wer da zu ihnen gekommen ist. Jede und jeder hat eine lange Geschichte zu erzählen, holt irgendwelche vergilbten Dokumente, Briefe, Ausweise, die das Gesagte untermauern sollen. Es geht um Krieg, Flucht, verlorene Wohnungen, Rechtsansprüche, Eingaben bei Ämtern. Die Flüchtlinge – alle Serben – teilen sich zwei völlig verdreckte Toiletten. Warmes Wasser gibt es nicht. Auch keine Heizung. Sie leben von einer bescheidenen Rente zwischen umgerechnet 50 bis 150 Euro im Monat. Schon acht Jahre leben die meisten hier unter erbärmlichsten Bedingungen. Niemand kümmert sich um sie. Sie scheinen jede Hoffnung, dass sich für sie je etwas ändern könnte, verloren zu haben.
Thomas Schmid, „Berliner Zeitung“, 18.11.2009 (unredigierte Fassung)