„Wir brauchen uns nicht zu schämen“

Hinter dem von Unkraut überwucherten Feld, auf dem bis vor vier Jahren noch die Ferhadija, eine der ältesten und schönsten Moscheen des Balkans stand, beginnt der zentrale Markt von Banja Luka. Er führt hinab zu einer kleinen Brücke. Auf der abschüssigen Wiese auf der andern Seite des Flüßchens bieten jene Frauen ihre Waren an, die sich keinen Ladentisch auf dem Markt leisten können. Lela ist eine von ihnen. 35 Jahre lang war sie Buchhalterin des Kupferwerks in Zenica. Nun sitzt sie hier in der Wiese, vor sich die gehäkelten Stickwaren: weiße Tüchlein, wie sie Kommoden und Abstelltische zieren. Zenica liegt in der „Föderation“, dem von Muslimen und Kroaten kontrollierten Teil Bosnien-Herzegowinas, und Lela ist Serbin. Sie wurde nicht mit Gewalt vertrieben. Doch vor drei Jahren gab sie auf. Sie vermochte dem Druck, den Drohungen und den Schmähungen muslimischer Extremisten, nicht länger widerstehen und übersiedelte nach Banja Luka, der einzigen Großstadt in der „Serbischen Republik“, dem andern Teil des von fast fünf Jahren Krieg gezeichneten Landes. Jüngst hat das Serbische Bürgerforum von Zenica, eine Organisation, die sich für Toleranz und Zusammenleben einsetzt, sie zur Heimkehr aufgefordert. Doch das Antragsformular zur Rückgabe des Hauses koste 3.500 bosnische Dinar (umgerechnet 30 Franken), sagt sie, und ihr Gesuch würde wohl ohnehin abgewiesen, da sie Zenica ja „freiwillig“ verlassen habe. Von den Politikern fühlt sich Lela schlicht verraten, und Perspektiven, wie sich ihr Leben noch einmal zum Guten ändern könnte, sieht sie keine. Dabei ist sie doch erst 55 Jahre alt. Ein Sohn, der weiter unten auf der Wiese „arbeitet“, und zwei Enkelkinder sind ihr einziger Trost.

Für Perica Vucinic hingegen, der sich vor dem Krieg mit Landwirtschaft und Literatur beschäftigte, ist Politik das Lebenselixier. Er hat in Banja Luka vor zwei Monaten den „Reporter“ gegründet. Mit einer verkauften Auflage von 2.700 Exemplaren ist das Nachrichtenmagazin in der publizistisch weithin gleichgeschalteten Presselandschaft der „Serbischen Republik“ das einzige unabhängige und oppositionelle Medium. Thema der neuesten Ausgabe, einer Sondernummer: Der Konflikt in der bosnisch-serbischen Führung zwischen der in Banja Luka residierenden Präsidentin Biljana Plavsic und der alten Machtclique in Pale um ihren Vorgänger Radovan Karadzic, der Partei und Parlament kontrolliert. Plavsic sei nicht minder nationalistisch als Karadzic, warnt Vucivic. Doch räumt er ein, dass ihre Kampfansage an die Korruption in Pale ihr hier in Banja Luka durchaus Sympathien eingetragen habe. Ausnahmslos alle Zeitungen aber, von Rundfunk und Fernsehen ganz zu schweigen, hätten sich zum Sprachrohr der nationalistischen Ziele der bosnisch-serbischen Führung machen lassen, sagt der Publizist, deshalb habe er als Redakteure nur Personen eingestellt, die während des Krieges nicht journalistisch gearbeitet hätten.

Zum Beispiel Irena. Aufgewachsen ist sie in Zagreb, der Hauptstadt Kroatiens. Ihre Mutter stammt aus Serbien und ihr Vater aus der Lika, einem Gebiet Kroatiens mit einst hohem Anteil an serbischer Bevölkerung. Als es 1991 zum Krieg in Kroatien kam, verlor der Vater seine Arbeit in Zagreb – bloß weil er Serbe war. Und so wurde auch Irena indirekt Opfer der nationalistischen Politik des kroatischen Präsidenten Franjo Tudjman. Die Familie zog nach Banja Luka. Irena hat ihre besten Freundinnen in Zagreb zurückgelassen. Nun arbeitet die 21jährige Frau als Redakteurin bei „Reporter“. Dass die Muslime aus Banja Luka vertrieben wurden, bestreitet sie schlicht: „Niemand hat sie gezwungen zu gehen.“ Sie seien einfach gegangen, vielleicht aus Angst vor dem Krieg oder aus andern Gründen. Von den Lagern in Omarska und Trnpolje, wo Tausende von Muslimen abgeschlachtet wurden, habe sie zwar gehört, aber gesehen habe sie das alles nicht. Irena war damals erst 16. Offenbar hat sie das Schreckliche, wovon sie nur gehört hat, nicht weiter beschäftigt. Etwas entschuldigend sagt sie zum Abschied, sie sei erst seit einem Jahr Journalistin.

Karlo Visaticki weiß es besser. Seit zehn Jahren ist er Pfarrer der katholischen Bischofskirche von Banja Luka: Noch etwa zehntausend Muslime und (katholische) Kroaten leben in der Region. Über zehnmal so viel wurden vertrieben. Allein in Banja Luka wurden bei der Vertreibung 200 Muslime und 80 Kroaten getötet. Alle 16 Moscheen der Stadt wurden geschleift. Im nahen Prijedor, einer einst mehrheitlich muslimisch besiedelten Stadt, wurden zwischen 12.000 und 15.000 Muslime und Kroaten ermordet. Über den Schrecken berichtet der Geistliche mit sanfter Stimme – und in fast akzentfreiem Schweizerdeutsch. Fünf Jahre lang war er in Zofingen (AG) Pfarrer. Das Friedensabkommen von Dayton gesteht den Flüchtlingen das Recht zu, an ihre Ursprungsorte zurückzukehren. Doch niemand verhilft ihnen zu diesem Recht. „Es gibt den Willen nicht“, sagt Visaticki, „auch in der internationalen Gemeinschaft nicht.“ Dann zeigt der Pfarrer den Glockenturm. Der oberste Teil ist arg zugerichtet. Hunderte von Geschossen sind eingeschlagen. Gleich neben der katholischen Kirche steht die orthodoxe Kathedrale. Nur ein niedriger Holzzaun trennt den Garten des orthodoxen Bischofs vom Rasen seines katholischen Kollegen. Doch der Nachbar hat nach dem Feuerüberfall nicht einmal vorbeigeschaut.

Miodrag Zivanovic ist zweifellos einer der klügsten Politiker in der „Serbischen Republik“. Als Vorsitzender der kleinen Sozialliberalen Partei kritisiert er den Nationalismus jeglicher Couleur und als Direktor des Medienzentrum „Prelom“ gibt er eine Comic-Zeitschrift heraus, die sich über die nationalistischen Hitzköpfe lustig macht. Zivanovic hat seit Kriegsende den Kontakt zu nichtnationalistischen Parteien der „Föderation“ gesucht. Nun ist er Mitglied des achtköpfigen antinationalistischen Schattenkabinetts, zu dem sich serbische, kroatische und muslimische Politiker zusammengefunden haben. Im Zivilleben ist Zivanovic Professor für Philosophie an der Universität von Banja Luka. „Das größte Kriegsverbrechen“, sagt er heute, „war die Belagerung Sarajevos.“ Während des Krieges in Kroatien war er als Offizier der serbisch dominierten Jugoslawischen Volksarmee in Westslawonien im Einsatz. Danach war er vier Jahre lang Offizier der bosnisch-serbischen Armee. „Die ‚ethnische Säuberung'“, erklärt er, „war nicht Folge, sondern Ziel des Krieges.“ Westslawonien war 1991 eine der ersten Regionen, die im Krieg „ethnisch gesäubert“ wurden. Weshalb er an einem Krieg, dessen Ziel er verabscheue, denn teilgenommen habe, weiß der Professor heute nicht zu erklären. „Alles ist paradox“, sagt der Philosoph, der sich auf Logik spezialisiert hat. Und noch überraschender: „Ich bereue nicht, im Krieg gewesen zu sein. Krieg ist eine radikale Lebenssituation, die die persönliche Erfahrung bereichert.“

Dass Karadzic ein Kriegsverbrecher ist, ist für Zivanovic offensichtlich. Und Ratko Mladic? Der Philosoph überlegt. Schließlich sagt er: „Mladic war immerhin nicht Führer irregulärer Truppen, sondern Oberkommandant der offiziellen (bosnisch-serbischen) Armee. Wenn er aber Verbrechen begangen haben sollte, muss er angeklagt werden.“ Wie ist die Zurückhaltung zu erklären? An der Verantwortung von Mladic für die Tötung von mindestens 3.000 muslimischen Gefangenen nach der Einnahme der UN-Schutzzone Srebrenica kann es keinen vernünftigen Zweifel geben. Hat der Politiker, dessen antinationalistisches Engagement in dieser verbohrt nationalistischen Atmosphäre so wohltuend wirkt, begründete Angst vor Repressalien, wenn er offen redet? Oder zögert er einfach, seinen ehemaligen Chef zu belasten?

Anders als Karadzic genießt Mladic in Banja Luka durchaus eine gewisse Popularität. Immerhin hat der frühere Armeechef seine Soldaten oft an vorderster Front besucht und gilt im Unterschied zum dichtenden Psychiater als persönlich bescheidener Mensch. Und die Massaker? Die Antworten sind fast immer dieselben: Massaker gab es auf allen Seiten, Krieg ist eben Krieg. Die Abneigung, sich mit der jüngsten Vergangenheit ernsthaft auseinanderzusetzen, ist allgemein. Srebrenica liegt erst zwei Jahre zurück und die Alltagssorgen sind groß.

Bracos „Music Hall“ ist jeden Tag proppenvoll. Auch heute sind wieder weit über tausend Jugendliche gekommen, vorwiegend im Alter von 15 bis 25 Jahren, um sich bei Lichtorgel mit Rockmusik vollzudröhnen. Die Vergangenheit ist vergangen und eine Zukunft gibt es nicht. Die Arbeitslosigkeit wird auf zwischen 50 und 80 Prozent geschätzt. Viele würden am liebsten auswandern. Aber wohin? Kroatien verlangt ein Visum und das von den Wirtschaftssanktionen gebeutelte Serbien liegt am Boden. Aber für heute abend wenigstens werden sie sich nicht als Looser fühlen. Morgen wird die Trostlosigkeit in der Großstadt Banja Luka, der heimlichen Hauptstadt der „Serbischen Republik“, wieder unübersehbar sein. Resignation und Apathie machen sich breit.

Banja Luka ist mondän – jedenfalls im Vergleich zu Pale, dem Bergdorf bei Sarajevo, wo Regierung und Parlament der „Serbischen Republik“ ihren Sitz haben. Aber das soll sich bald ändern. Wer Sarajevo hinter der ausgebrannten Nationalbibliothek Richtung Pale verlässt, stößt schon nach sechs Kilometern auf ein Ortsschild: „Stadt Serbisch-Sarajevo“. Aus Pale und drei weiteren Gemeinden soll eine Hauptstadt aus der Retorte entstehen. Die Modelle künden von monumentalen Regierungsbauten und Prachtalleen. Das Parlament hat beschlossen, dass „Serbisch-Sarajevo“ die neue Hauptstadt wird, die ethnisch „reine“ Alternative zum alten Sarajevo mit seinem ethnischen Mischmasch. Doch noch deutet außer dem Straßenschild nichts auf die helle Zukunft hin.

Noch ist Pale „Hauptstadt“. Das Dorf wirkt verschlossen, zurückweisend, abwesend. Zwischen den Säulen einer Tankstelle trotten ein paar Kühe. Petar, ein 24jähriger Mann mit viel Gel im Haar und hochgeschobener Sonnenbrille, hat es sich auf einem Stuhl bequem gemacht und lacht vor sich hin. Er ist Flüchtling aus Vogosca, einem Vorort von Sarajevo, der nach dem Abkommen von Dayton im Frühling des vergangenen Jahres von den Serben an die „Föderation“ abgetreten werden musste. Petar wartete damals nicht, bis die „Islamisten“ kamen, sondern machte sich schon vorher dünn. Viereinhalb Jahre lang war er an der Front bei Sarajevo gewesen. Natürlich hatte er in der belagerten und beschossenen Stadt Freunde. Aber er will sie nie mehr sehen. Nur zehn Autominuten entfernt liegt Sarajevo. Neugierig sei er schon, wie die Stadt aussehe, meint Petar, aber solange es dort Muslime gebe, wolle er nicht hin. „Wir leben in einem besetzten Land“, sagt er zum Abschied, „sobald die internationalen Truppen abziehen, wird es wieder Krieg geben. Und dann, wenn wir unter uns sind, werden wir schon sehen, wer stärker ist.“ Arbeit hat Petar keine, und wie es mit ihm weiter geht, weiß er nicht.

Schützenwagen mit französischen und italienischen Soldaten hinter aufgepflanzten Gewehren rollen bedächtig über die Straßen. Steht die Verhaftung Radovan Karadzics bevor? Er residiert 350 Meter hinter dem Posten der IPTF (International Police Task Force) entfernt. „Ab und zu geht er dort drüben längs, um im Dorf eine Pizza zu essen“, sagt der argentinische Vizechef des Postens und zeigt zum Fenster hinaus auf die Straße, die keine 50 Meter entfernt ist. Anders als in Banja Luka ist hier Karadzics Konterfei noch längst nicht von allen Hausmauern verschwunden.

Vojislav Mirlukinovic, seit zwei Jahren Bürgermeister von Pale, findet, alle Seiten müssten sich an den Vertrag von Dayton halten. Soll also der berühmteste Bürger seiner Gemeinde an das Internationale Kriegsverbrechertribunal in Den Haag ausgeliefert werden? „Unser Gesetz sieht eine Auslieferung nicht vor“, wehrt der erste Mann der Gemeinde ab, „wenn wir Beweise haben, stellen wir Verbrecher vor unser eigenes Gericht.“ Nach dem „Verbrechen von Prijedor“ hätten die Serben das Vertrauen in die internationalen Truppen verloren. In Prijedor wurde vor zwei Wochen Simo Drljaca, der Polizeichef der Stadt, verantwortlich für Massaker an Tausenden von Muslimen, bei der versuchten Festnahme von britischen Soldaten erschossen. Im Juni 1992, zwei Monate nach Kriegsausbruch, erinnert sich Mirlukinovic, der damals am Gymnasium von Pale Philosophie lehrte, „riefen wir die Muslime auf, Pale zu verlassen, weil sie Opfer von Racheakten werden könnten“. Auf Lastwagen seien 450 Muslime nach Sarajevo gebracht worden. Pale habe seine Muslime gerettet, sagt der Bürgermeister, „wir brauchen uns für nichts zu schämen.“ Den Prozess der Vertreibung der Muslime hat der aus der „Serbischen Republik“ geflohene TV-Journalist Mladen Vuksanovic in seinem jüngst auch in deutscher Sprache erschienenen Tagebuch aus Pale („Pale – im Herzen der Finsternis“) akribisch beschrieben. Den Namen Vuksanovic habe er noch nie gehört, sagt der Bürgermeister, der sich im übrigen für seine Bürger eine „gerechte kapitalistische Gesellschaft wie in der Schweiz, wo die Menschen geachtet werden“.

Auch im Restaurant „Dayton“ denkt man an die Zukunft. Es befindet sich auf halber Strecke zwischen Pale und Sarajevo, just an der Grenze zwischen „Föderation“ und „Serbischer Republik“. Die Kennzeichen der Autos, die vor dem Restaurant parken, verraten, dass hier ein interethnischer Treffpunkt ist. Am einem Tisch sitzen drei Herren: Mladen, ein Serbe aus Sarajevo, der bei Kriegsbeginn nach Belgrad geflüchtet ist; Rajko, ein Kroate aus Osijek (Kroatien), der in Lugano wohnt, und Miro, ein Muslim aus Sarajevo, der während des Krieges in Österreich lebte und nun wieder in seine Heimat zurückgekehrt ist. Irgendwann vor dem Krieg, zu jugoslawischen Zeiten, haben sie in Pale zusammen die Skiferien verbracht. Jetzt liegen auf dem Tisch drei Funktelefone. „Politik interessiert uns nicht“, sagt Miro, „hier geht es nur um Business“. Das Handy piepst. Der Mann verschwindet ins Hinterzimmer.

Die „Serbische Republik“

Im Februar 1992 fand in Bosnien-Herzegowina ein Referendum über die Loslösung aus dem jugoslawischen Staatsverband statt. Muslime und Kroaten votierten mit überwältigender Mehrheit für einen unabhängigen Staat. Die Serben, etwa 30 Prozent der Bevölkerung, boykottierten die Abstimmung. Die übergroße Mehrheit von ihnen wünschte vermutlich den Verbleib in Jugoslawien, das nach dem Abfall Kroatiens und Sloweniens immer mehr zu einem serbischen Staat wurde. Im März 1992 erklärte sich Bosnien-Herzegowina für unabhängig. Serbische Freischärler, unterstützt von der Jugoslawischen Armee, eroberten danach in wenigen Monaten etwa zwei Drittel des Territoriums. Etwa vier Jahre lang wurde Krieg geführt, ohne da· sich die Fronten wesentlich verändert hätten. Erst Nato-Angriffe auf serbische Stellungen im Juli 1995 und der Einmarsch der kroatischen Armee führten zu einer neuen Lage. Muslime und Kroaten, die über zwei Jahre lang gegeneinander Krieg geführt hatten, eroberten nun gemeinsam große Teile des Landes zurück. Im Dezember 1995 wurde in Dayton (USA) ein Friedensvertrag unterzeichnet: Bosnien-Herzegowina wird als Gesamtstaat aufrechterhalten, gliedert sich aber in zwei Teile, in die (muslimisch-kroatische) Föderation Bosnien-Herzegowinas und in die Serbische Republik (nicht zu verwechseln mit Serbien, dessen Hauptstadt Belgrad ist). Den Flüchtlingen und Vertriebenen wird das Recht zur Rückkehr an ihre Heimatorte garantiert.

Der Machtkampf bei den bosnischen Serben:

Gemäß dem Friedensvertrag von Dayton dürfen Personen, die wegen Kriegsverbrechen gesucht werden, keine öffentlichen Ämter bekleiden. Radovan Karadzic, während des Krieges unbestrittener Führer der bosnischen Serben, trat danach vor einem Jahr als Präsident der „Serbischen Republik“ zurück, behielt aber die Fäden in der Hand. Bei den Wahlen im vergangenen September wurden Biljana Plavsic zu seiner Nachfolgerin und Momkilo Krajisnik als Vertreter der Serben ins dreiköpfige Präsidium des Gesamtstaates Bosnien-Herzegowina gewählt. Plavsic, die während des Krieges einen genauso extrem nationalistischen Diskurs wie ihr Mentor Karadzic führte und die „ethnischen Säuberungen“ öffentlich rechtfertigte, geriet in diesem Frühjahr mit der Machtclique um Karadzic, die in Pale bei Sarajevo regiert, in Konflikt. Seit einigen Monaten residiiert sie nun in Banja Luka, der einzigen Großstadt der „Serbischen Republik“. Anfang Juli kam es schließlich zum offenen Streit. Plavsic beschuldigte vor allem den Innenminister Dragan Kijac, einen Mann Karadzics, der Korruption. Sie löste das Parlament auf, um Neuwahlen anzusetzen. Das Parlament anerkannte seine Auflösung nicht und versuchte stattdessen ein Amtsenthebungsverfahren gegen die Präsidentin einzuleiten. Regierung, Parlament und Partei stehen im wesentlichen gegen Plavsic, die in jüngster Zeit vor allem von den USA politische Unterstützung erhält. Die relativ schwache liberale und sozialdemokratische Opposition will die Präsidentin zumindest in ihrem Kampf gegen Mafia und Korruption unterstützen. Inzwischen hat sich Plavsic öffentlich für die Verhaftung Karadzics ausgesprochen. Die Polizeispitze und vermutlich auch die Armeeführung stehen im Lager von Pale.

Thomas Schmid, „Facts“ (Zürich), 24.07.1997