Schon Jahre bevor es die UCK (Ushtria Clirimtare e Kosoves – Befreiungsarmee des Kosovo) gab, hatte Ibrahim Rugova vor ihr gewarnt. Der international nicht anerkannte albanische Präsident der südserbischen Provinz hatte seine Interview-Partner immer wieder darauf hingewiesen, daß die Situation im Kosovo explodieren werde, wenn seiner Politik keine Erfolge beschieden seien. Die Strategie des zum Politiker avancierten Literaturkritikers im Seidenschal bestand im gewaltfreien Widerstand. Nachdem Slobodan Milosevic, damals serbischer, heute jugoslawischer Präsident, 1989 die Autonomie des Kosovo auf verfassungswidrigem Weg abgeschafft hatte, bauten die Albaner einen parallelen Staat auf – mit einem gewählten Präsidenten, mit einem Parlament, das nur einmal tagte, weil die serbische Polizei mehr nicht zuließ, mit einem System der Krankenversorgung und mit einem Bildungswesen, das in einer Universität gipfelte, deren Professoren in Garagen und Wohnzimmern dozierten. Die Politik Rugovas hat Beachtliches geleistet, doch am politischen Umfeld änderte sich nichts. Die Albaner, 90 Prozent der Bevölkerung, waren von der Teilhabe an der staatlichen Macht und vom öffentlichen Dienst ausgeschlossen. Die Verwaltung von Provinz und Kommunen blieb Serben vorbehalten. Die Richter, die Ärzte im öffentlichen Krankenhaus, die Professoren der staatlichen Universität waren – von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen – Serben. Es herrschte Apartheid.
Die Politiker des Westens haben Rugova oft und gern empfangen. Seiner Bitte, das Kosovo-Problem aufs internationale Tapet zu bringen, haben sie jedoch immer wieder ausgeschlagen. Auch in Dayton, wo es nahe gelegen hätte, auch übers Kosovo zu verhandeln, ließ man Rugova abblitzen. Man brauchte Milosevic, um einen Friedensvertrag auszuhandeln, und der Potentat von Belgrad verbat sich jede Einmischung in seine inneren Angelegenheiten.
Oft hat Rugova gewarnt, daß wenn seine gewaltfreie Politik scheitere, gewaltbereitere Gruppen zum Zuge kämen. Doch als die UCK dann im Frühjahr 1996 in Bekennerbriefen die Verantwortung für Anschläge auf serbische Polizeiposten übernahm, wollte der friedfertige Präsident, dessen Amtssitz eine Holzbaracke am Rand des Fußballstadions von Pristina war, nicht glauben, daß Albaner gegen die serbische Herrschaft bewaffnet aufbegehrten. Wie viele internationale Beobachter meinte er, es handele sich um kriminelle Spinner oder serbische Provokateure. Und als im November 1997 anläßlich des Begräbnisses eines von serbischen Polizisten erschossenen albanischen Lehrers die UCK zum erstenmal bewaffnet und mit den Insignien ihrer Organisation, dem schwarzen Doppeladler auf rotem Hintergrund, an die Öffentlichkeit trat, sprach man weithin noch von einer Splittergruppe verwegener Hasardeure. Rugova selbst negierte auch damals noch die Existenz der UCK.
Doch im Frühjahr 1998 war nicht mehr zu übersehen, daß der serbischen Polizei ein ernst zu nehmender Gegner gegenüberstand. Eine halbe Stunde Autostunde von der Hauptstadt entfernt brauchte man nur die asphaltierte Überlandstraße zu verlassen und schon geriet man in eine Kontrolle der UCK. „Ihre Papiere bitte“, hieß es da oft in korrektem Deutsch, manchmal mit dem besonderen Timbre des Schweizer Idioms. Viele der zum Teil in Tarnuniform, zum Teil in schwarzem Dress gekleideten Kämpfer waren einer Abschiebung aus Deutschland zuvorgekommen oder freiwillig aus der Schweiz in ihre Heimat zurückgekehrt. Nach dem Massaker in der Drenica, bei dem der UCK-Gründer Adem Jashari und fast der ganze männliche Teil seiner Sippe massakriert wurden, entwickelte sich die bewaffnete Gruppe innerhalb von wenigen Monaten zu einer veritablen Armee, die im Sommer 1998 mindestes ein Drittel der Provinz kontrollierte, allerdings keine urbanen Zentren. Beim fehlgeschlagenen Versuch mit Orahovac (albanisch Rahovec) zum estenmal eine Stadt einzunehmen, kamen über hundert Menschen – zum großen Teil Zivilisten.
Im Sommer 1998 bekam die UCK auch ein konkretes Gesicht. Jakup Krasniqi, ein Geschichtslehrer, der wegen Anstiftung zu Unruhen von 1981 bis 1990 im Gefängnis saß, outete sich als der Sprecher der Aufständischen. „Wir wollen mehr als die Unabhängigkeit“, tönte er und erschreckte die westliche Diplomatie, „unser Ziel ist die Vereinigung aller Albaner auf dem Balkan.“ Die Amerikaner waren die ersten, die offiziell mit dem neuen Machtfaktor in Kontakt traten: Richard Holbrooke machte der UCK seine Aufwartung. Das Bild des US-Diplomaten, der sich, wie es sich in muslimischen Häusern gehört, die Schuhe ausgezogen hatte und in Socken neben einem albanischen Guerillero saß, der sich nicht die Mühe genommen hatte, aus seinen Militärstiefeln zu schlüpfen, ging um die Welt und bedeutete faktisch die diplomatische Anerkennung der Guerilla, die das serbische Regime weiterhin als terroristische Gruppe bezeichnete und bezeichnet.
Zwar eroberten die serbischen Streitkräfte in einer großangelegten Sommeroffensive, bei der an die 300.000 Albaner in die Flucht getrieben und Dutzende von Dörfern gebrandschatzt wurden, die von der UCK gehaltenen Gebiete zurück, doch die Guerilla war nicht geschlagen, nur verschwunden – wie der Fisch im Wasser. Sie hatte sich zum Teil unter die Flüchtlinge gemischt, zum Teil in die gebirgigen Wälder zurückgezogen. Und als nach der Waffenruhe vom vergangenen Oktober ein Großteil der Flüchtlinge in die Döfer zurückkehrte, sickerte auch überall die UCK wieder ein. Zum Jahresende war sie wieder so präsent wie im Sommer zuvor.
Daß die UCK die serbische Sommeroffensive so unbeschadet überstand, hat sie zweierlei zu verdanken. Erstens ist sie bei der Landbevölkerung, aber auch in den Städten ausgesprochen populär. Dies hat vor allem damit zu tun, daß nach Jahren der Unterdrückung und der alltäglichen Demütigung, sei es auf der Straße bei Polizeikontrollen, sei es in den Amtsstuben, endlich jemand der Arroganz der Macht Paroli bot. Die UCK hat für viele durchaus glaubhaft die Rolle des Rächers der Entrechteten eingenommen. Auch die Entführung und Ermordung serbischer Zivilisten und die Hinrichtung albanischer Kollaborateure – „wir werden sie töten, wenn sie den falschen Weg weitergehen“, hatte Krasniqi öffentlich angekündigt – hat dieser Popularität vermutlich kaum Abbruch getan. Der Haß auf die Serben ist groß. Und es herrscht Krieg. Zweitens ist die Organisation in der Bevölkerung tief verankert. Zwar gibt es militärische Einheiten, die in leeren Gebäuden kaserniert sind und für militärische Operationen fern ihrer angestammten Orte eingesetzt werden, aber ein Großteil der UCK-Männer stammt aus den Dörfern, in denen sie stationiert sind, viele leben sogar mit ihren Familien und verstehen sich einfach als Dorfwachen der UCK.
Spätestens die militärischen Auseinandersetzungen im Sommer haben gezeigt, daß an der UCK vorbei keine politische Lösung zu haben ist. War schon ein Kompromiß zwischen Rugova, dem moderaten politischen Führer der Kosovo-Albaner, und dem serbischen Regime kaum möglich, so schien es noch schwieriger mit den militärischen Führern zu einer Übereinkunft zu kommen. Viele von ihnen hängen großalbanischen Träumen nach und reden von einem „Albanien in seinen ethnischen Grenzen“, eine Horror-Vision für den Westen. Denn würden sich die Albaner Makedoniens einem solchen Staat anschließen wollen, zerbräche Makedonien, was den Appetit von Serben, Bulgaren und Griechen anregen könnte. Die alte makedonische Frage, die zu Beginn des Jahrhunderts zu zwei Balkan-Kriegen geführt hat und die mit der Schaffung eines unabhängigen makedonischen Staates historisch gelöst schien, wäre wieder offen. Doch schließlich schluckte die UCK die Kröte. Unter dem Druck des Westens und vielleicht in der Hoffnung, die Serben würden nicht unterschreiben, unterzeichnet der 29jährige UCK-Kommandant Hashim Thaci, der die albanische Delegation anführte, der auch Rugova angehörte, den Friedensvorschlag von Rambouillet, der den vorläufigen Verzicht auf die Unabhängigkeit und zudem die Entwaffnung der Aufständischen vorsah.
Die militärischen Auseinandersetzungen haben, wie zu erwarten war, die UCK gegenüber der LDK, der Partei Rugovas, politisch gestärkt. Vergangene Woche erklärte sich Thaci zum neuen Regierungschef des Kosovo. Noch ist unklar, ob das jüngste Treffen zwischen Rugova, der sich nach eigenen Angaben „unter serbischem Schutz“ befindet, und Milosevic ausschließlich unter Druck zustande kam, vielleicht sogar Folge einer direkten Erpressung war, oder ob der friedfertige Präsident mit dem Seidenschal, dem alle Gewalt zutiefst zuwider ist, tatsächlich glaubt, an der UCK vorbei verhandeln zu können. Es wäre eine fatale Fehleinschätzung. Zwar ist die Guerilla militärisch in den letzten Wochen vermutlich weitgehend zerschlagen worden. Doch schon rekrutiert sie unter den Flüchtlingsmaßen in Albanien neue Soldaten – zum Teil mit Zwang. Ganz so wie es eine reguläre Armee eines souveränen Staates im Kriegsfall tut.
Thomas Schmid, „Format“ (Wien), 12.04.1999
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