Einleitend: Es ist schwierig, in Serbien eine oppositionelle Politik zu betreiben, und es ist leicht, von Deutschland aus die serbische Opposition zu kritisieren, ich will es trotzdem tun. Als ich im letzten Sommer zwei Monate im Kosovo war, wurden 300.000 Albaner vertrieben und über hundert albanische Dörfer zerstört. Die serbische Opposition in Belgrad schwieg, machte dies jedenfalls nicht zu einem zentralen Thema ihrer Politik. Und da frage ich mich, was ist das für eine Opposition, die schweigt, wenn die Regierung 300.000 Mitbürger in die Flucht treibt? Ich habe genau das von einem Monat Zoran Djindjic, den Vorsitzenden der Demokratischen Partei und vielleicht wichtigsten serbischen Oppositionspolitiker, gefragt. Er befand sich bereits im Exil in Montenegro, dem kleineren Bundesstaat der jugoslawischen Föderation und lebte dort unter Polizeischutz. Damals wurde er am staatlichen Belgrader Fernsehen fast täglich als Verräter bezeichnet, genauso wie einen Monat zuvor Slavko Curuvija, der oppositionelle Verleger, der am hellichten Tag einem Killerkommando zum Opfer fiel. Djindjic mußte um sein Leben fürchten. Ich habe ihn also danach gefragt, weshalb die Opposition die Vertreibung von 300.000 Albanern im Kosovo nicht zu einem Thema machte – ich habe ihn nicht in einem vertraulichen Hintergrundgespräch, sondern in einem Interview gefragt, und so kann ich denn die Antwort hier auch öffentlich sagen. Djindjic sagte erstens, daß noch nicht klar sei, was sich im letzten Sommer im Kosovo denn eigentlich abgespielt habe, das alles müsse noch untersucht werden und und und. Ich bin überzeugt, er wußte, was sich abgespielt hat, es waren Kriegsverbrechen, aber er fand es unklug, dies in aller Offenheit Kriegsverbrechen zu nennen. Zweitens sagte mir Djindjic, daß jede Partei, die damals das Kosovo ins Zentrum der eigenen Politik gerückt hätte, schnell zu einer Sekte verkümmert wäre. Es ist ein sehr opportunistisches, man kann auch sagen realpolitisches Argument.

Die Demokratische Partei, die vielleicht wichtigste Kraft der Opposition in Serbien, hat zwar Milosevics Politik im Kosovo kritisiert, aber deren Opfern hat sie jede Solidarität verweigert. Die Opposition Vuk Draskovics, der vor zweieinhalb Jahren täglich an vorderster Front gegen Milosevic marschiert und im Januar in die Regierung eingetreten ist und vor zwei Monaten die Regierung wieder verlassen hat, kann man kurz abhandeln. Wenn Djindjic ein bißchen opportunistisch ist, ist es Draskovic im Quadrat. Vor einer Woche forderte er offen die Entgiftung des nationalistisch verseuchten Serbiens. Vor drei Monaten, als die Kosovo-Albaner zu Hunderttausenden vertrieben wurden oder flohen, sagte er, die Albaner hätten die Katastrophe inszeniert, wörtlich: „Nach Theateranweisungen weinen albanische Frauen nun vor Fernsehkameras an den Grenzen und fragen, wo ihre Männer sind.“

Es gibt natürlich auch noch eine andere Opposition in Serbien, die weniger parteipolitisch organisiert ist: die Frauen in Schwarz, der Belgrader Kreis unabhängiger Intellektueller, Otpor. Es sind wichtige Kerne einer Zivilgesellschaft, und in der Regel zeigten sie sich offener für das, was im Kosovo abläuft. Ich vergesse nie das Gespräch, das ich im Mai mit zwei etwa 20 Jahre alten Studenten in Podgorica, der Hauptstadt von Montenegro hatte. Beide gehörten der Otpor-Gruppe an, die sich erst im letzten Spätherbst nach der Verabschiedung eines restriktiven Hochschulgesetzes, das die Universitäten direkt der Kontrolle des Staates unterstellte, und eines nicht weniger restriktiven Mediengesetzes formierte. Ihr Kampf galt den totalitären Tendenzen des Regimes von Slobodan Milosevic. Diese beiden Studenten also, die beide aus Belgrad geflohen waren, weil einige ihrer Kommilitonen zu harten Strafen verurteilt worden waren und vor allem weil sie befürchteten, für den Krieg im Kosovo zwangsrekrutiert zu werden, sprachen davon, wie sie schon im vergangenen September den Kontakt zu kosovo-albanischen Studenten suchten und wie sie nun – in Montenegro umherirrend, immer auf der Hut vor Militärsperren – Albaner in den Flüchtlingslagern aufgesucht hatten.

Ich schildere all dies etwas ausführlich aus einem Grund. Man muß sich mal in die Position eines Kosovo-Albaners versetzen. Ich rede immer noch vom letzten Sommer. Der Krieg hat ja nicht mit den Nato-Bomben, sondern im Frühjahr 1998 nach neun Jahren Friedhofsruhe begonnen mit Attentaten der UCK und massiven Gegenschlägen, Massakern und Massenvertreibungen durch die serbische Polizei und zum Teil auch durch die jugoslawische Armee. Als Kriegsverbrechen in großem Ausmaß geschahen (und etwas anderes ist die Zerstörung von Dörfern und die Vertreibung der Zivilbevölkerung nicht, selbst wenn man davon ausgeht, daß die UCK eine Organisation von Terroristen ist, gegen die der Staat sich wehren muß), gab es im Kosovo keine einzige laut vernehmbare Stimme eines serbischen Protests. Kein serbischer Schriftsteller, kein serbischer Professor, kein serbischer Politiker aus dem Kosovo protestierte gegen diesen Skandal. Es gab unter den Serbinnen des Kosovo keine „Frauen in Schwarz“, die dagegen protestierten, was den Albanern angetan wurde, es gab keine serbischen Menschenrechtler, die öffentlich gegen die tagtägliche Folter an Albanern protestierten. Die Albaner mußten das Gefühl haben, die Serben würden davon ausgehen, daß es eben schon die richtigen treffe: die Albaner nämlich. Man darf sich nicht wundern, daß viele Albaner die Schuld nun kollektiv den Serben anlasten. 

Es gibt natürlich keine Kollektivschuld der Serben. Aber es gibt eben auch nicht nur eine verbrecherische politische Führung und ein unschuldiges Volk – wie es übrigens auch die Nato implizit behauptete, wenn sie nach eigenen Aussagen mit den Bomben nur die Führung zum Einlenken bringen, nicht aber das Volk zermürben wollte. Eine Lüge übrigens. Aber das ist hier nicht das Thema.

Es gibt in Serbien ein Regime, das von Kriegsverbrechern geleitet wird, es gibt viele miltiärische, paramilitärische und auch viele zivile Serben, die sich im Kosovo an Kriegsverbrechen beteiligt haben. Zivile Serben haben im Kosovo geplündert und sich am Leid der Albaner bereichert. Viele haben einfach nur zugeschaut oder weggeschaut, einige wenige haben ihren albanischen Nachbarn auch geholfen, wofür es schon einige Zivilcourage benötigte. Im Kosovo haben die Serben mitkriegen müssen, was den Albanern angetan wurde und man hat geschwiegen.

Und in Serbien. Djindjic sagte mir in Montenegro Mitte Mai, daß die Serben nur die Bomben der Nato sähen, nicht aber, was im Kosovo läuft. Haben die Serben, bevor die Nato-Bomben fielen, zum Beispiel im letzten Sommer oder auch in diesem Januar oder März, als bevor die Bomben fielen, wieder Zehntausende Albaner vertrieben wurden, gemerkt, was ablief? Sie hätten es wissen können, in Belgrad gibt es wie überall auf dem Balkan fast vor jeder Wohnung Satellitenschüsseln. Ich vermute mal, die Mehrheit der Serben wollte es nicht so genau wissen. Und ich denke, da ist die erste Aufgabe jeder Opposition in Serbien. Sie muß den Menschen in Belgrad, Novi Sad, Nis, überall klar machen, was die serbische Politik der letzten zehn Jahre für die Albaner bedeutet hat. Und noch mehr. Die serbische Opposition hat ein Jahrzehntlang Milosevic kritisiert, ohne je die serbische Kriegsschuld im Fall Kroatien und Bosnien-Herzegowina zu einem zentralen Thema zu machen.

Sie hat es nicht gemacht, weil die serbische Elite selbst zum großen Teil in den Nationalismus verstrickt war. Die übergroße Mehrheit der Serben hat vermutlich gar nicht wahrgenommen, was Milosevics Regime in Kroatien und Bosnien angerichtet hat, weil der Krieg ja immer nur im Ausland geführt wurde. Während Vukovar von serbischer Artillerie in Schutt geschossen wurde, während Sarajevo drei Jahre lang belagert war, war ja in Serbien all die Jahre hindurch kein einziges Haus beschädigt. Der Krieg kam für die Serben erst mit den Nato-Bomben an. Ohne eine aufrichtige Beschäftigung mit der eigenen Geschichte wird es in Serbien keine demokratische Machtalternative geben, die einen Ausweg aus der selbstverschuldeten Isolation aufzeigen und auch zu einer Integration und Stabilisierung des Balkan beitragen könnte.

Abschließend noch eine Bemerkung: Die Serben sind in gewisser Weise Paria geworden. Mir geht es nicht darum, zu sagen, daß die Serben die schlechteren und die Albaner die besseren Menschen sind. Wozu Albaner auch fähig sind, sehen wir in diesen Tagen im Kosovo. Es wurden serbische Häuser zu Dutzenden in Brand gesteckt, Serben wurden gekidnappt, gefoltert, getötet. Für die Opfer mag der Grund ihres Schicksals unwichtig sein. Der Sudetendeutsche oder der Schlesier, der 1945 unter den Knüppeln der Kommunisten fliehen mußte, sah erst mal nur den Knüppel und nicht den Zusammenhang zwischen Vertreibung und nationalsozialistischer Besatzungspolitik. Aber niemand käme deshalb auf die Idee, die Verbrechen der Nazis mit denen der Kommunisten (und die Vertreibung der Deutschen war ein Verbrechen) gleichzusetzen. Genauso falsch wäre es, albanische und serbische Schuld gleichzusetzen, nur weil Albaner eben auch nicht die besseren Menschen sind. Es gab zehn Jahre serbischer Willkürherrschaft im Kosovo, eine Apartheidgesellschaft, die die Albaner jeder Würde beraubte und sie – von Mißhandlungen und Folter mal abgesehen – täglich demütigte. Und es gibt eine Kriegsschuld des serbischen Regimes, in die die Elite und auch darüber hinaus viele Serben verstrickt sind, an vier Kriegen im Balkan. Ich denke, das muß das zentrale Thema der serbischen Opposition werden, wenn sie das Regime Milosevics wirklich überwinden will.

Thomas Schmid, Referat über die serbische Opposition an der Humboldt-Uni am 26.06.1999