Die Parole ist alt. Nun ist sie auch in Albanien angekommen: Enrichissez-vous! Bereichert euch! Auch der Dreikäsehoch, der im Straßengraben des „Boulevards der gefallenen Märtyrer“ im Zentrum von Tirana, mit einigen Halbwüchsigen Poker spielt, scheint die neue Regel der albanischen Gesellschaft kapiert zu haben. Ohne mit der Wimper zu zucken, die halb abgebrannte Zigarette im Mund, setzt er drei Geldscheine ein. Die übrigen, die er in den umliegenden Straßencafes erbettelt hat, hält sein nackter Fuß auf dem Asphalt fest. Wenige Meter hinter ihm wedeln Männer mit dicken Bündeln von Lek auf der Suche nach Mark und Dollars. Im Zentrum von Tirana, wo man vor drei Jahren noch Schwierigkeiten hatte, etwas zwischen die Zähne zu kriegen, drängeln sich nun Dutzende von Imbissbuden, Bars und Restaurants. Sie heißen „Amerika“, „Las Vegas“, „Freedom“, „Clinton“ und „Dollar“. Es ist unübersehbar: Albanien befindet sich im Aufbruch.
Zum drittenmal hintereinander ist der kleine Balkanstaat, der sich fast ein halbes Jahrhundert lang von der Auflenwelt hermetisch abgeschlossen hatte, im vergangenen Jahr Europameister geworden.Während andere Länder kaum über ein Nullwachstum hinauskommen, brilliert Albanien mit zwei Stellen vor dem Komma. Mit einem Wachstum des Bruttosozialprodukts von 13,4 Prozent ist es auch dieses Jahr wieder einsamer Spitzenreiter. Kein Wunder allerdings, wenn man quasi bei null beginnt. 1991 war die Wirtschaft des Landes faktisch kollabiert, und auch heute noch produziert das ärmste Land Europas nur einen Bruchteil dessen, was es in den letzten Jahren der Diktatur erzeugte.
Der Aufschwung, der das Stadtbild Tiranas in so kurzer Zeit so gewaltig verändert hat, ist vor allem den Emigranten zu verdanken. Etwa 400.000 Albaner, schätzungsweise zwölf Prozent der Gesamtbevölkerung arbeiten im Ausland – meistens illegal, vor allem in Griechenland, wo in der Landwirtschaft inzwischen jede dritte Arbeitkraft aus dem nördlichen Nachbarland kommt. Sie brachten auch im letzten Jahr wieder umgerechnet über 300 Millionen Dollar ins Land. Das ist fast doppelt so viel, wie Albanien über seine sämtlichen Exporte einnimmt. Mit ihrem im Ausland erwirtschafteten Geld bauen die Emigranten vor allem Wohnungen und Häuser. Durchaus verständlich. Denn mit sieben Quadratmeter Wohnfläche pro Person leben die Einwohner Tiranas etwa zehnmal enger zusammen als die Berliner. Zählte die Stadt beim Zusammenbruch der Diktatur etwa 300.000 Einwohner, so sind es heute, vor allem aufgrund der massiven Landflucht aus dem völlig verarmten Norden, 450.000. Und viele Remittenden fließen eben auch in den Bau von Bars, Kneipen und Restaurant, eine Investition, die nicht so viel kostet und schnell auch Geld abwirft. So boomt denn die Bauindustrie als einzige im Land.
40 Jahre lang hat Enver Hodscha Albanien mit eiserner Hand regiert. 1948 brach er die Beziehungen zum titoistischen Jugoslawien ab, 1961 zur Sowjetunion und 1978 schließlich auch noch zu China, dem letzten Verbündeten. Die wirtschaftspolitische Parole hiefl Autarkie. Die Verfassung von 1976 verbot Kredit- und Kapitalaufnahme im Ausland. Der Außenhandel hatte sich auf Kompensationsgeschäfte zu beschränken. Die Hinterlassenschaft der in Europa einzigartigen stalinistischen Diktatur war desaströs. Als das kommunistische Regime abdankte, brach der Wirtschaftskreislauf zusammen. Die landwirtschaftliche Produktion, vollständig kollektiv organisiert – nicht einmal ein privates Huhn wurde der Bauernfamilie zugestanden -, kam zum Erliegen. Die technologisch rückständige Industrie produzierte kaum noch. Mit eigener Kraft sollte einst der Sozialismus aufgebaut werden, aus eigener Kraft konnte es Albanien, schon in vorkommunistischer Zeit das Armenhaus Europas, nun nicht mehr schaffen. Nur massive italienische Hilfslieferungen über zwei Jahre hinweg verhinderten eine Hungerkatastrophe.
Heute sind 96 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche privatisiert. Durchschnittlich besitzt eine Bauernfamilie anderthalb Hektar Land. „Zu wenig, um rentabel zu wirtschaften“, meint Gerd Barnickel, der als deutscher Experte im albanischen Landwirtschaftsministerium arbeitet, „alles wird importiert: 98 Prozent der im Land verspeisten Kartoffeln, 100 Millionen Eier allein im vergangenen Jahr aus Israel, gepökeltes Schweinefleisch aus Griechenland, Käse aus Deutschland und und und.“ Allein für den Import von Mehl, Getreide und Teigwaren gab Albanien mehr aus, als es durch sämtliche landwirtschaftlichen Exporte einnimmt. Ausgeführt werden vor allem Heilkräuter (40 Prozent der Agrarexporte), Fische und Tabak, aber auch 400 000 lebende Frösche, vor allem für die Gourmets in Frankreich und Italien. Landwirtschaftlichen Exporten in Höhe von 24 Million Dollars standen im vergangenen Jahre Importe in Höhe von 160 Millionen Dollars gegenüber. Die Agrarproduktion, die in den Jahren 1993 und 1994 beachtliche Zuwachsraten hatte, stagniert seit zwei Jahren.
Albanien blieb nach dem völligen Zusammenbruch gar nichts anderes übrig, als sich wirtschaftlich zu öffnen. „Die Gesetze sind ja gar nicht so schlecht“, sagt der Wirtschaftsexperte Stefan Kola, „aber bei ihrer Anwendung hapert es dann eben, und dann kommt noch diese albanische Mentalität hinzu.“ In der Tat hat die Regierung in Tirana unter dem Druck der wirtschaftlichen Katastrophe und der internationalen Finanzinstitutionen, eine ausgesprochen kapitalfreundliche Gesetzgebung gezimmert: Freier Gewinntransfer, vier Jahre Steuerfreiheit für alle Unternehmen, die seit zehn Jahren im produktiven Sektor wirtschaftlich tätig sind und nun in Albanien investieren; 60 Prozent Rückgabe der Gewinnsteuer bei Reinvestition im produktiven Sektor; keine Besteuerung abfließender Devisen. Alles schön und gut, aber letztlich scheitert der willige Investor dann doch oft an der Bürokratie und am Mangel an professionellem Verwaltungsmanagement. Und so springen Leute wie Kola ein. Er arbeitet im „Albanischen Zentrum zur Förderung ausländischer Investitionen“, einer vor drei Jahren gegründeten Regierungsinstitution, die für den Ortsunkundigen schwerlich zu orten in einem ärmlichen Büro einer alten Lagerhalle untergebracht ist und sich bemüht, den Geschäftsleuten bei der Suche nach albanischen Partnern, in wirtschaftsjuristischen Belangen und bei der Registrierung ihrer Unternehmen behilflich zu sein. Kola, der, obwohl nie Parteimitglied, zu kommunistischen Zeiten als Chef der Industrieabteilung von Tirana zwölf Jahre lang 75 Betriebe betreute und danach fünf Jahre dem letzten Ministerpräsidenten der Diktatur, Adil Carcani, als Berater diente, ist von Berufs wegen zu Optimismus verpflichtet, kann aber seine Skepsis kaum verhehlen. „Es wird sehr schwierig sein, für den produktiven Sektor ausländische Investoren zu gewinnen.“
Auch Genc Celo von der staatlichen „Agentur zur Restrukturierung der Unternehmen“ sieht eher schwarz. Dem früheren Chemie-Ingenieur obliegt es, die Privatisierung oder gegegebenenfalls Liquidierung 33 großer Unternehmen in die Wege zu leiten. Die Hälfte dieser Fabriken und Kombinate hat im vergangenen Jahr nichts produziert, die andere Hälfte war in der Regel zwischen fünf und 30 Prozent ausgelastet. Bei sechs Unternehmen ist das Todesurteil schon gesprochen. Andere werden in Joint Ventures umgewandelt. Gerade für die größten Industriekomplexe des Landes wie etwa die Metall- und Stahlindustrie von Elbasan interessiert sich aber das ausländische Kapital wo gut wie gar nicht. „Solche Riesenanlagen wurden ja damals nicht nach wirtschaftlichen Kriterien gegründet“, meint Celo, „sondern aus politischen und ideologischen Gründen.“ Das kommunistische Albanien brauchte eine Arbeiterklasse.
Während die verarbeitende Industrie im vergangenen Jahr negative Wachstumsraten eingefahren hat, zeichnet sich beim Rohstoffsektor ein Aufschwung ab. Zwar liegen die Nickelminen weiterhin still und wird kaum Kohle abgebaut. Doch die Produktion von Chrom ist in einem Jahr um 42 Prozent gestiegen – Albanien, einst drittgrößter Chromproduzent der Welt, produziert nun immerhin wieder ein Viertel dessen, was es es vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch erzeugt hat. Nun will die deutsche Preussag die Produktion auf Vordermann bringen. Sie will nach Aussage des albanischen Bergbauministers in den nächsten fünf jahren 50 Millionen Dollar in die Modernisierung der Anlagen investieren. Auch im Erdölsektor ist die Produktion auf einem Viertel des alten Niveaus angelangt. Doch bohren Shell, die französische Coperex und die kroatische INA nach neuen Ölfeldern im Land, und die Sondierung der Ölfelder vor der KÜste haben sich fÜnf internationale Konzerne aufgeteilt.
Ansonsten engagiert sich das Auslandskapital, zum groflen Teil aus Italien und Griechenland, vor allem im Handel, ein bisschen im Tourismus und auch beim Aufbau einer Infrastruktur. Die österreichische Rogner hat in Tirana das erste Fünfstern-Hotel gebaut, in dem eine Nacht im billigsten Zimmer 150 Dollar, etwa zwei albanische Monatslöhne, kostet. Die Weltbank investiert 20 Millionen Dollar in die Trinkwasserversorgung, Siemens will den Flughafen von Tirana ausbauen.
Aber auch in Albanien selbst entsteht nun Privatkapital, das nach Investitionsmöglichkeiten sucht und sie vor allem im Handels- und Dienstleistungssektor findet. Dass man es auch im ärmsten Land Europas zu etwas bringen kann, dafür steht der Name Vebi Alimuca. Der Besitzer der Vefa, der größten albanischen Holding, deren Kapital auf 200 bis 300 Millionen Dollar geschätzt wird, hat zwar nicht als Tellerwäscher angefangen, aber immerhin als unbedeutender kleiner Ladenbesitzer, nachdem er nach dem Zusammenbruch des Kommunismus als Feldwebel aus der Armee ausgeschieden war. Die Vefa hat das exklusive Recht, in Albanien Fiat, Heineken-Bier und Ballantines-Whiskey zu vertreiben, sie hat drei Hotels gebaut, will nun in die Produktion von Eiern und Schweinefleisch einsteigen und bietet für Spareinlagen den sensationellen Zinssatz von sechs Prozent pro Monat an. „Und schon bald“, sagt Alimuca an, „werden wir eine private Fernsehstation eröffnen.“
Es ist Samstagabend, und die unzähligen groflen Straßencafes am „Boulevard der gefallenen Märtyrer“ sind proppenvoll. Plötzlich knattert im Tiefflug, nur wenige Meter über den Häusern, ein Hubschrauber. Im unerträglichen Lärm versteht man sein eigenes Wort nicht mehr. Tausende Flugblätter segeln vom Himmel: Die Kulturabteilung der Vefa lädt zu einem Konzert ein. Vor dem Hauptsitz der Holding im Zentrum von Tirana, befiehlt ein junger Mann in Zivil den Passanten, nicht stehen zu bleiben, weiter zu gehen. „Weshalb?“ – „Sigurimi!“. Sigurimi hiefl die gefürchtete Geheimpolizei der kommunistischen Diktatur. Der junge Mann aber ist bloß für die Sicherheit, albanisch „sigurimi“, seines Bosses zuständig. Die Ankunft Veli Alimucas wird jeden Moment erwartet. Vor drei Monaten ist vor einem Super-Markt der Vefa eine Autobombe hochgegangen und hat vier Menschen getötet. Niemand weiß, wie Alimuca zu seinem Reichtum gekommen ist. Die gängigste Vermutung ist, dass er beim illegalen Waffenhandel kräftig absahnt.
Es ist ein offenes Geheimnis, dass über die albanischen Häfen in Durres und Vlora Waffen, Drogen, Prostituierte und Flüchtlinge geschmuggelt werden. Und wo das Kapital so sehr benötigt wird wie in Albanien, schaut man nicht so genau hin, wo es herkommt. Genauso wenig interessiert es, weshalb jedes dritte Auto im Land ein Mercedes Benz ist, Kaufpreis zwischen 2.000 und 5.000 Dollar. Wer zu genau hinschaut, riskiert viel. Das albanische Helsinki-Komitee, das sich um die Einhaltung der Menschenrechte kümmert, geht jedenfalls davon aus, dass die Ermordung des Polizeichefs von Pogradec und des Gefängnisdirektors von Tirana, Mitte bzw. Ende Juli, eine neue Etappe bei der Etablierung einer organisierten Kriminalität bedeutet. Ihre Parole ist auf dem besten Weg, gesellschaftsfähig zu werden: Bereichert euch! Enrichissez-vous!
Thomas Schmid, 15.08.1996 (vermutlich unveröffentlicht)
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