Die 300 Kilogramm Sprengstoff waren unter Gemüse versteckt. Der Mann, vermutlich Pakistaner, lenkte den grünen Pick Up über den alten Marktplatz in Scharm el- Scheich. Der Zeitzünder tickte. Noch zwei Minuten. Dann sah der Mann die Polizeikontrolle, liess das Fahrzeug stehen und gab Fersengeld, bevor eine gewaltige Explosion spielende Kinder in Stücke riss. Der zweite Fahrer, Pakistaner, hatte auf seinem Pick Up 300 Kilo Sprengstoff geladen. Augenzeugen sahen ihn mit hoher Geschwindigkeit die Hauptstrasse entlang fahren. Dann bog er plötzlich scharf rechts ein – auf die Empfangshalle eines großen Touristenhotels zu. Einige dachten, er sei betrunken. Zwei Wachen wollten ihn aufhalten. Sie wurden überfahren. Sekunden später raste das Fahrzeug in die Rezeption und explodierte. Über 30 Menschen starben.
Noch ist London gelähmt vom Terror. Und schon schlägt er wieder zu. Diesmal also in Scharm el-Scheich, dem touristischen Zentrum Ägyptens, dem Ort internationaler Kongresse. Und wer ist als nächster dran? Rom, weil Berlusconi Soldaten in den Irak geschickt hat? Paris, weil dort muslimische Schülerinnen im Unterricht keine Kopftücher tragen dürfen? Steckt hinter der Wahl der Ziele überhaupt ein Kalkül? Kann es auch Genf oder Zürich treffen?
Zur Angst kommt die Hilflosigkeit. Nun sind sie also, unerkannt, mitten unter uns – ob zuhause oder im Urlaub. Aber wie kann man diesen Wahnsinn stoppen? Wer sein Leben nicht nur aufs Spiel setzt, sondern es beendigen will, fürchtet nichts mehr, weil er nichts mehr zu verlieren hat. Wenn der eigene Überlebenstrieb ausgeschaltet ist, kann keine Drohung mehr verfangen. Der Selbstmordattentäter spottet jeder Macht. Er setzt die Gesetze ihrer Logik ausser Kraft. Er verkörpert die radikale Negation jedes zivilisatorischen Zusammenlebens, weil er all ihre Regeln quasi souverän missachtet. Das verstört, verunsichert, lähmt.
Professionelle Profiler sind ratlos. Was haben Selbstmordattentäter gemeinsam? Was zeichnet sie aus? Sind es frustrierte Modernisierungsverlierer, ewig zu kurz Gekommene? Das mag für die 13 Selbstmordattentäter von Casablanca stimmen, deren Sprengsätze im Mai 2002 zeitgleich an fünf verschiedenen Orten der Stadt 43 Menschen töteten. Sie kamen alle aus demselben Elendsviertel der marokkanischen Handelsmetropole. Aber die 19 Attentäter, die am 11. September 2001 in New York und Washington, nur mit Teppichmessern bewaffnet, an die 3.000 Menschen in den Tod schickten, entstammten alle der gebildeten Mittelschicht. Sie hatten eine solide Ausbildung und eine berufliche Karriere vor sich. Der radikale Islamismus, so meinten wir bis vor kurzem, rekrutiere in Europa seine Anhänger vor allem in den Ghettos der Grossstädte – unter ausländischen Jugendlichen oder eingebürgerten Jugendlichen ausländischer Herkunft, die, von den Einheimischen zurückgewiesen, sich auf ihre kulturellen und religiösen Wurzeln besinnen. Die Attentäter von London aber waren zwar überdurchschnittlich dunkler Hautfarbe, ansonsten aber unauffällige junge Männer, freundlich, angepasst, kurzum integriert, wie man sich es als braver Brite nur wünschen kann.
Kurzfristig gibt es keine Lösung. Wir werden mit der terroristischen Bedrohung erst mal leben müssen. Es wird weitere Attentate geben. Geheimdienst und Polizei können den Terroristen das Handwerk erschweren. Aber langfristig wird die Gefahr nur gebannt werden können, wenn in der islamischen Welt Demokratien autoritäre Regimes ersetzen, wenn die Moderne Einzug hält mit ihrer Trennung zwischen staatlicher und religiöser Sphäre, wenn sich die Legitimation der politisch-rechtlichen Ordnung von religiösen Weltdeutungen abkoppelt. Im christlich geprägten Europa haben Renaissance, Reformation und Aufklärung den modernen Rechtsstaat, der sich auf einen Gesellschaftsvertrag gründet, ermöglicht. In der islamischen Welt stehen eine autoritäre Herrschaftstradition und eine erzpatriarchalische Gesellschaftsordnung, die beide religiös grundiert sind, einer politischen Modernisierung entgegen. Aber es gibt auch im Maghreb, im Nahen Osten und im islamischen Südosten Asiens Ansätze zu einer Reform des Islams, Beispiele einer Säkularisierung der Poltik (wie etwa in der Türkei) und Kräfte, die nach einer Demokratisierung streben.
Doch die islamischen Gesellschaften stehen unter einem Generalverdacht, den Westen und seine Werte abzulehnen. Nichts falscher als das. Es gibt autoritäre Regimes, die um ihre Macht fürchten und antiamerikanische Ressentiments schüren, und es gibt andererseits Millionen jugendlicher Muslime, die am liebsten nach Westeuropa oder Amerika auswandern würden, wenn sie nur dürften. Der Erfolg des Fernsehsender Al Djazira widerspiegelt das Bedürfnis nach freier Information. Doch es gibt auch eine weit verbreitete Skepsis vor allem gegenüber den USA. Das ist nicht verwunderlich angesichts der Doppelmoral, die die amerikanische Nahostpolitik auszeichnet. Nie haben die USA ihren Schützling Israel ernsthaft zur Einhaltung des Völkerrechts gedrängt und die völkerrechtswidrige Siedlungspolitik in der besetzten Westbank wie die Annexion Ostjerusalems akzeptiert. Die USA haben die afghanischen Taliban aufgepäppelt, unter deren Schutzschirm die El Kaida Osama Bin Ladens erst aufblühen konnte. Sie haben den Despoten Saddam Hussein im Krieg gegen den Iran unterstützt, und sie sind weiterhin mit dem reaktionärsten Regime des Nahen Ostens verbündet, dem wahabitischen Saudiarabien, das Ehebrecherinnen steinigt, Frauen das Autofahren verbietet und lange Zeit überall im arabischen Raum radikale islamistische Gruppen finanziert hat. Die Bilder von geknebelten, gefesselten, gedemütigten Muslimen auf der US-Basis Guantánamo und von folternden US-Soldaten im irakischen Gefängnis von Abu Ghraib vervollständigen das Bild der Arroganz einer Macht, die zu Menschenrechten und Demokratie ein taktisches Verhältnis zu haben scheint.
Und dass die USA mit ihrem jüngsten Krieg gegen den Irak den internationalen Terrorismus, den sie auszurotten versprachen, geradezu befördert haben, kann ernsthaft nicht mehr bezweifelt werden. Fast täglich kommt es nun im Irak zu Selbstmordattentaten, die in einer Woche durchschnittlich so viele Todesopfer kosten wie London und Sharm el-Sheikh zusammen. Bloss wagen keine westlichen Journalisten mehr, vor Ort zu gehen und zu berichten. Auch von Afghanistan, wo die Taliban wieder erstarken, ist in den Medien kaum mehr die Rede. Und die beiden westlichen Provinzen Pakistans, die von Islamisten regiert werden und wo in Koranschulen fundamentalistische Imame die Hirne junger Menschen waschen, sind auch aus dem öffentlichen Blickfeld entschwunden. Sollte es den Islamisten, die Armee und Geheimdienst des Landes infiltriert haben, gelingen, den Staatschef General Pervez Musharraf zu töten, was ihnen mindestens zweimal beinahe geglückt wäre, rückt ein Albtraum in den Bereich des Denkbaren: Islamisten verfügen über Atombomben.
Der Nachschub an Terroristen, die mit ihrem Leben abgeschlossen haben, ist vorerst gesichert. Was den nahöstlichen Krisenherd betrifft allemal. „Ich schwöre beim Namen Allahs, die waren so glücklich, wenn sie weggingen“, sagte Thabet Mardawi, der für die Rekrutierung und Ausbildung von Selbstmordattentätern für den Islamischen Dschihad in der Westbank zuständig war, jüngst im Gespräch mit FACTS, „ ich habe in meinem ganzen Leben noch nie glücklichere Personen gesehen. Einmal hatte ich zwei, die zusammen eine Mission übernehmen sollten, aber wir hatten nur einen Sprengstoffgürtel fertiggestellt. Sie begannen einen Streit um den Gürtel. Jeder wollte als erster Märtyrer sein. Wenn ich Personen zurückwies, die nicht geeignet waren – und das kam zweimal vor -, wurden die richtig sauer.“ Mardawi sitzt heute in einem Gefängnis in Beersheba, am Rand der israelischen Negev-Wüste, einsitzt. Er wurde zu 21 mal lebenslänglich verurteilt. Die elf lebenden Bomben, die er losgeschickt hatte, haben 21 Israelis getötet. „Es ist nicht falsch, Selbstmordattentäter als Waffe gegen die israelische Besatzungsmacht einzusetzen“, sagt Mardawi, der schon bald drei Jahre in Haft ist, „die Palästinenser haben keine andere Waffen. Israel aber hat Kampfflugzeuge, Hubschrauber und Soldaten. Die Märtyrer, die ich losschickte, waren keine Kinder, sondern Menschen, die jeden Tag die Tragödie Palästinas sahen. Wenn du siehst, wie dein Vater und dein Bruder erschossen werden oder wie deine Mutter von israelischen Soldaten gedemütigt wird, was gibt ein Mensch denn da schon auf? Leben und Tod sind dann dasselbe.“ So redet der Überlebende.
Rache für ermordete Familienangehörige mag in einzelnen Fällen ein Beweggrund gewesen sein, sich und unschuldige Zivilisten selbst in die Luft zu jagen. Den meisten ging es wohl eher um den Ruhm, den sich Selbstmordattentäter in den besetzten Gebieten bis heute erwerben. Ihren Angehörigen wird nicht kondoliert, sondern gratuliert. Die Märtyrer werden gefeiert und die Familien erhalten eine finanzielle Unterstützung. Zwar erlaubt der Koran den Selbstmord so wenig wie die Bibel. Aber wer im Dschihad für Gott falle, sei kein Selbstmörder, argumentieren islamistische Exegeten des Korans, sondern ein „Istishhad“, ein Märtyrer. Und die gelangen direkt ins Paradies. Davon sind die Selbstmordattentäter überzeugt, und vielleicht glauben sie sogar tatsächlich, dass sie sich dort mit 72 Huris, mandeläugigen Jungfrauen, vergnügen dürfen, wie es im Koran heisst.
Selbstmordattentate hat es in verschiedenen Kulturen gegeben. In der islamischen Welt sind sie allerdings ein relativ neues Phänomen, das anfang der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts auftauchte. Allerdings haben die Selbstmordattentäter des Libanon und später Palästinas einen historischen Vorläufer: die Assassinen. Diese führten im 12. und 13. Jahrhundert vor allem Krieg gegen die seldschukischen Herrscher. Ihre militärische Unterlegenheit kompensierten sie mit einer Strategie des Terrors. 170 Jahre lang zitterten Wesire, Generäle und Gelehrte des sunnitischen Establishment um ihr Leben. Die Herrscher der Assassinen züchteten regelrechte Mordkommandos. Deren Waffen war der Dolch. Zeitgenössische Beobachter waren verwundert, dass die Attentäter nach gelungener Tat nie Anstalten machten zu fliehen, um dem sicheren Tod zu entgehen.
Marco Polo, der 1273 Nordpersien durchquerte, hat die Legenden, die sich schon damals um den Assassinen-Herrscher Hasan ibn Sabbah rankten, nach Europa getragen. Danach soll der „Alte vom Berg“ junge Männer in seine Festung Alamut eingeladen und sie mit Haschisch voll gepumpt haben. Dann gaukelte er ihnen das Paradies vor. Er führte die Jüngling in seine Gärten. „Die besten Früchte wuchsen darin, während die Paläste mit goldenen Vogel- und Raubtiermotiven ausgemalt waren. In den Brunnen floss Wasser, Honig und Wein. Die schönsten Jungfrauen und Edelknaben sangen, musizierten und tanzten dort“, schreibt der venezianische Handelsreisende. Als die jungen Männer in einer armseligen Behausung aus ihrem Rausch erwachten und verkatert nachfragten, was sie denn da gesehen hätten, gab ihnen der Herrscher Bescheid, es sei das Paradies gewesen, in das sie eingehen würden, wenn sie als Märtyrer stürben. Danach waren die jungen Männer zu allem bereit.
Zwar leitet sich Assassinen etymologisch vom arabischen Wort „haschisch“ ab. Doch bezweifeln seriöse Orientalisten, dass die Assassinen tatsächlich gekifft haben. Sie nehmen eher an, dass der Ausdruck „Haschischi“ ein populäres Schimpfwort war, mit dem die Assassinen bezeichnet wurde und die heute noch im französischen „assassin“ (Mörder) und im italienischen „assassino“ weiterleben.
Die Assassinen waren eine ismailitische Sekte, die sich von den Schiiten abgespalten hatte. Von diesen übernahmen sie auch den Märtyrerkult, der auf die Schlacht von Kerbela zurückgeht, bei denen Hussein, der Enkel des Propheten, und seine ihm verbliebenen 72 Gefährten sich in aussichtsloser Lage dem Kampf stellten und allesamt starben. Noch heute gedenken die Schiiten jedes Jahr am Ashura-Fest, bei dem sich die Gläubigen sich selbst geisseln und blutend durch die Strassen pilgern, des Todes von Hussein im Jahr 680 unserer Zeitrechnung. Derselbe schiitische Opferkult sollte genau 1300 Jahre wieder eine Rolle spielen. Im Krieg gegen den Irak schickte Grossayatollah Khomeini Zehntausende schlecht bewaffneter junger Iraner, oft erst 12 Jahre alt, in „menschlichen Angriffswellen“ gegen die irakischen Stellungen. Mit dem Ruf „Ya Kerbela! Ya Husein! Ya Khomeini“ auf den Lippen wurden sie von Maschinengewehren niedergemäht oder starben in den Minenfeldern, an den schlimmsten Tagen über 20.000 an einem einzigen Tag. Die Kinder trugen rote Stirnbänder und einen Schlüssel um den Hals. Man hatte ihnen erzählt, mit diesem könnten sie die Pforte zum Paradies öffnen. In den ersten Jahren waren die Schlüssel noch aus Eisen, später dann aus Plastik.
Dann entdeckten die Milizen des libanesischen Bürgerkriegs (1975-1990) die Waffe der lebenden Bombe. Der erste Selbstmordattentäter anfang der 80er Jahre gehörte zwar der Syrischen Nationalistischen Partei, die sich vor allem aus arabischen Christen rekrutierte, doch die spekulärsten Anschläge verübte dann die vom Iran ausgehaltene schiitische Hizbollah. An einem Sonntagmorgen im Oktober 1983 rast ein mit Sprengstoff beladener Lastwagen ins Headquarter der US-Marines, Teil einer multinationalen Schutztruppe. 241 Amerikaner sterben. Ein überlebender Soldat, der das Gesicht des Selbstmordattentäters gesehen hatte, gab später zu Protokoll: „Er schaute direkt zu mir herüber und lächelte.“ Eine halbe Minute später donnerte ein Lastwagen in die Unterkunft der französischen Fallschirmjäger und tötete 58 Soldaten. Etwa die Hälfte der 50 Selbstmordattentate im libanesischen Bürgerkrieg ging auf das Konto der Hizbollah und der ebenfalls schiitischen prosyrischen Amal, die andere Hälfte auf jenes säkularer Organisationen wie der Kommunistischen Partei Libanons, der Partei der nasseristischen Sozialisten und der Syrischen Baath-Partei.
Die allerersten Selbstmordattentäter im Nahost-Konflikt waren allerdings weder Libanesen noch Palästinenser, sondern kamen aus dem Fernen Osten. Im Mai 1972 feuerten drei Mitglieder der Japanischen Roten Armee, einer linksextremen kommunistischen Sekte, in der Ankunftshalle des internationalen Flughafens von Tel Aviv wahllos in die Menge ankommender Touristen und töteten 26 Personen, bis der erste Attentäter selbst unter den Schüssen israelischer Sicherheitsbeamter fiel, der zweite sich mit einer Handgranate in die Luft sprengte und der dritte festgenommen wurde. Der überlebende Attentäter emfand es offensichtlich als Schmach, davongekommen zu sein, und bat später den Richter, ein Todesurteil zu verhängen. Doch den Gefallen tat man ihm nicht. In der Geschichte Israels wurde bislang nur ein Mensch nach erfolgtem Gerichtsurteil hingerichtet: Adolf Eichmann. Der japanische Selbstmordattentäter wurde zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt, kam aber 1985 im Rahmen eines Gefangenenaustausches frei und war die erste und bisher einzige Person, der der Libanon förmlich politisches Asyl gewährte.
Japan hat seine eigene Tradition des mörderischen Einsatzes von Menschenleben: die Kamikaze. Im Zweiten Weltkrieg steuerten etwa 2.000 Kampfpiloten ihre Maschinen auf Schiffe der US-Marine, um diese in Grund und Boden zu bohren. Höchstens drei Prozent der Todespiloten trafen ihr Ziel, aber der psychologische Effekt war verheerend. „Kamikaze“ bedeutet auf deutsch „göttlicher Wind“. Im 13. Jahrhundert hatte ein Taifun über dem Japanischen Meer die Kriegsflotte der Mongolen zerstört. Obwohl in der japanischen Kultur Selbstmord von der Gesellschaft eher akzeptiert wird als in der islamischen oder christlichen Welt, handelt es sich bei den Kamikaze kaum um Selbstmörder im eigentlichen Sinn. Die Soldaten waren gewohnt, aus Treue gegenüber dem Kaiser in den Tod zu gehen. Einem Befehl sich zu widersetzen, war jenseits ihrer Vorstellungskraft, und der von Offizieren geäusserte Aufforderung zu einem „freiwilligen Einsatz“ wurde in der Regel als Befehl interpretiert.
Aber auch abgesehen von den Kamikaze sind die Selbstmordattentate keine nahöstliche Spezialität. Ab 1987 setzten die tamilische Guerilla LTTE („Tamil Tigers“) Sri Lankas Selbstmordattentäter ein. Bis heute sind bei über 200 suizidalen Attentaten der „Tigers“ über 500 Menschen getötet worden. Die LTTE setzte die lebenden Bomben in der Regel gegen Spitzenpolitiker und hohe Militärs ein. 1991fiel der indische Premierminister Rajiv Gandhi, dessen Mutter und dessen Großvater schon ermordet worden waren, einer Selbstmordattentäterin zum Opfer. 1993 traf den Präsidenten Sri Lankas, Ranashinga Prendesa, dasselbe Schicksal. Zwei Drittel aller Kamikaze-Aktionen der LTTE wurden von Frauen ausgeführt. Die Religion spielte bei den mehrheitlich hinduistischen Tamilen bei den Attentaten wohl keine Rolle, eher die Ergebenheit einem charismatischen, autoritären Führer gegenüber.
Auch die laizistische kurdische PKK griff in der Endphase ihres Krieges gegen die Türkei zwischen 1996 und 1999 auf die diabolische Waffe der lebenden Bomben zurück. Zwei Drittel der 16 Selbstmordattentate in jenen Jahren wurden von Frauen verübt. Auch hier erklärt die Hörigkeit gegenüber dem Führer, Abdullah Öcalan, wohl die Bereitschaft, dem eigenen Leben ein Ende zu setzen. Allerdings ging es auch bei der PKK so freiwillig nicht zu, wie die Organisation selbst glauben machen wollte. Die 17jährige Leyla Kaplan zeigte sich erst bereit, sich selbst mit drei Polizisten in die Luft zu sprengen, nachdem eine andere Frau sich geweigert hatte und vor ihren Augen erschossen worden war.
Ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit trat die Strategie der lebenden Bomben erst mit den zahlreichen Selbstmordattentaten in Israel. Das erste wurde übrigens 1993, zehn Jahre nach dem mörderischen Attentat der Hizbollah auf das Hauptquartier der US-Marines in Beirut, verübt. Erst mit der zweiten Intifada, der sogenannten Al Aksa-Intifada, die 2000 folgten sich die Selbstmordattentate in schwindelerregendem Tempo. Und auch unter den Islamisten wurde nun unter Verletzung religiöser Prinzipien und gesellschaftlicher Normen Frauen rekrutiert. Die erste war Wafa Idris, die sich im Januar 2002 in die Luft sprengte und einen Israeli mit in den Tod riss. Die Selbstmordattentäterin war von ihrem Mann wegen Unfruchtbarkeit geschieden und zu ihrer Familie zurückgeschickt worden. Wollte sie so ihre Ehre wieder herstellen. Sie gehörte den Al-Aksa-Brigaden an, die sich von Arafats Fatah abgespalten hatten. Arafat selbst hatte zu den Frauen einmal zweideutig gesagt: „Ihr seid meine Armee der Rosen, die die israelischen Panzer zermalmen werden. Nach dem Attentat von Wafa Idris zog Scheich Yassin, der Chefideologe von Hamas, nach und erliess eine Fatwa, die den Frauen erlaubt, sich in die Luft zu sprengen. Um ein bisschen Gerechtigkeit im Paradies zu schaffen, versprach er ihnen, sie würden dort „noch schöner werden, als es die 72 Jungfrauen sind, die den männlichen Märtyrern versprochen sind.“ Allerdings hat die neuere Forschung ergeben, dass arabische Kommentatoren die Stelle im Koran, wo angeblich von Jungfrauen die Rede ist, missdeutet haben. Die Schriftzeichen, die bisher als „großäugige Huris“ übersetzt wurden, meinen vermutlich „weisse, kristallklare Trauben“. Auch nicht schlecht, aber eben für sexhungrige junge Männer doch weniger verlockend.
Seit dem Beginn der zweiten Intifada wurden in Israel bei etwa 130 Selbstmordattentaten rund 500 Israelis getötet und nun breitete sich die mörderische Strategie zunehmend in andere Weltgegenden aus. In Kaschmir bombten sich junge Männer in die Luft und in Tschetschenien forderten die „schwarzen Witwen“ die russische Armee heraus. Die Globalisierung des Selbstmordterrors bewerkstelligte aber erst El Kaida. Ihre Anhänger schlugen in Jemen, Kenia, Somalia, Saudiarabien, Marokko, Spanien und zahlreichen weiteren Ländern zu. Und die 19 Attentäte vom 11. September 2001 stammten aus sechs Ländern, ihre Helfer aus 15 und ihre knapp 3.000 Opfer aus über hundert Ländern. Der oberste Drahtzieher der Anschläge gegen die Symbole von Reichtum und Macht Amerikas, lebt vermutlich irgendwo in einer Höhle im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet. Eine bizarre Vorstellung. Und selbst wenn er heimlich gestorben sein sollte, würde das wohl erst mal wenig ändern.
Thomas Schmid, „Facts“ (28.07.2005)
Mitarbeit: Hanne Foighel, Monica Fahmy