An Khalifa Haftar scheiden sich die Geister. Im Osten des Libyens, der Kyreinaika, wird er weithin als Held vergöttert, im Westen des Landes, in Tripolitanien, als Islamistenfresser verteufelt. Großmäulig hat der 73-jährige General angekündigt, nicht nur mit dem sogenannten Islamischen Staat (IS) aufzuräumen, sondern auch mit Ansar al-Scharia, dem libyschen Ableger von al-Kaida, und den Muslimbrüdern, die aus den ersten Wahlen Libyens als stärkste politische Kraft hervorgingen. Nun, Sirte, die Hochburg des IS steht vor dem Fall. Doch nicht die Truppen Haftars haben die Dschihadisten schon weitgehend vertrieben, sondern die Misrata-Miliz, die jahrelang das von den Muslimbrüdern dominierte Regime in Tripolis verteidigt hat und nun hinter der neuen, von der UNO vermittelten Regierung der nationalen Einheit steht.
Von nationaler Einheit kann in Libyen allerdings nicht die Rede sein. Ihr im Weg steht vor allem einer: Khalifa Haftar, der eigentliche Machthaber im Osten des Landes, wo zwei Drittel des libyschen Erdöls gefördert werden. Er ist eine imposante Erscheinung: 1,90 Meter groß, weißes Haar, akkurat gestutzter Schnäuzer, dunkle buschige Augenbrauen. Und er ist eine schillernde Figur mit einer abenteuerlichen Biographie.
Im Alter von 20 Jahren tritt der 1943 in der ostlibyschen Stadt Adschdabiya geborene Haftar in die Königliche Militärakademie von Bengasi, der Hauptstadt der Kyrenaika, ein. Dort lernt er den um ein Jahr älteren Muammar Gaddafi kennen und schließt sich dessen „Bewegung freier Offiziere“ an, die 1969 gegen König Idris putscht und die Macht übernimmt.
Unter Gaddafis Herrschaft macht Haftar schnell Karriere. Er wird zum Oberst befördert und befehligt 1973 im Jom-Kippur-Krieg gegen Israel eine libysche Panzereinheit, die Ägypten unterstützt und im besetzten Sinai den israelischen Sperrwall überwindet. 1978 und 1983 wird Haftar nach Moskau entsandt, wo er in sowjetischen Militärakademien ausgebildet wird. 1986 ernennt ihn Gaddafi zum Kommandanten des 11.200 Mann starken libyschen Expeditionskorps im Tschad, das im Norden des Landes gegen die von der französischen Armee und den USA unterstützten Regierungstruppen von Hissène Habré kämpft, einem der grausamsten Diktatoren, die Afrika hervorgebracht hat. 1987 fällt Haftar zusammen mit über 400 seiner Soldaten in Gefangenschaft.
Nach der militärischen Niederlage seiner Truppen geht Haftar in Opposition zu Gaddafi. Er ist gekränkt, dass dieser nicht zu ihm steht, sondern die Präsenz libyscher Truppen im Tschad schlicht leugnet. Offenbar auf amerikanischen Druck hin kommen schon bald die meisten Kriegsgefangenen frei. Sie haben eingewilligt, einer von der CIA im Tschad ausgebildeten Anti-Gaddafi-Truppe beizutreten. Ihr Kommandant wird schon bald Haftar selbst. Es ist Reagans „afrikanische Contra“, die in Libyen dereinst das Gaddafi-Regime destabilisieren und stürzen soll. Doch schon im Dezember 1990 stürzt ein anderer: Habré. Eine Woche danach schon schleust die CIA – inzwischen hat in den USA George Bush senior die Präsidentschaft angetreten – Haftars Truppe aus dem Tschad aus, zunächst nach Nigeria, dann nach Zaire, dem heutigen Kongo, von dort nach Kenia. Doch kein afrikanischer Staat will sie haben.
Über 300 Soldaten von Haftars geschlagenem Trupp landen im Dezember 1990 schließlich in den USA, wo sie in ein Flüchtlingsprogramm aufgenommen werden. Haftar selbst erhält die amerikanische Staatsbürgerschaft und lässt sich in Virginia nieder, etwa 15 Kilometer von der CIA-Zentrale in Langley bei Washington entfernt. Seine Ambition, Gaddafi zu stürzen, hat er nicht aufgegeben. 1993 plant er mit einigen Verschwörern ein Attentat auf den Diktator. Dass die CIA mit von der Partie ist, darf angenommen werden. Doch eine Woche vor dem vereinbarten Termin kommt es in Libyen zu zahlreichen Verhaftungen, einige Verschwörer werden erschossen.
Mit dem Ausbruch des Arabischen Frühlings wittert der alte Haudegen Morgenluft. Schon vier Wochen, nachdem in Bengasi die libysche Rebellion ihren Anfang nimmt, ist er im März 2011 in seiner Heimat zurück. Er organisiert desertierende Armeeeinheiten, übernimmt das Oberkommando der Rebellen, jedenfalls für eine Woche, bis er vom Nationalen Übergangsrat wieder abgesetzt wird. Schon wenige Monate nach dem Sieg der Rebellen und dem Tod Gaddafis zieht sich Haftar, der im neuen Libyen keine Rolle zu finden scheint, wieder in die USA zurück. Man hört nichts mehr von ihm.
Bis im Februar 2014. Da meldet sich Haftar unverhofft über eine Fernsehbotschaft zurück. Er ernennt sich zum neuen Armeechef, kündigt die Auflösung des Parlaments und die Absetzung der Regierung an. Man hält das noch weithin für Schaumschlägerei. Doch dann stürmen drei Monate später bewaffnete Männer, die auf das Kommando Haftars hören, das Parlament. Im Juni kommt es zu den Neuwahlen, die das von den moderat islamischen Kräften beherrschte Parlament verhindern oder zumindest hinauszögern wollte. Die laizistischen Kräfte gewinnen sie, müssen aber unter dem Druck von Milizen, allen voran jener von Misrata, schon bald das Feld räumen.
Seither tagt das international anerkannte Parlament in Tobruk, im Osten des Landes. Im März des vergangenen Jahres ernannte es Haftar zum Chef der Libyschen Nationalarmee. Im Westen sitzt die international anerkannte Regierung der nationalen Einheit, im Osten das international anerkannte Parlament, das diese Regierung unter dem Druck Haftars nicht anerkennt. Schon droht der alte General die Erdölterminals im zentralen Küstenabschnitt anzugreifen, wo zwei Drittel des Öls verschifft werden, und Öltanker gegebenenfalls zu beschießen. Die Terminals sind unter der Kontrolle der Petroleum Facility Guard, einer der stärksten Milizen, die zur neuen Einheitsregierung hält – zur Zeit jedenfalls. Sie ist für ihre brüchigen Loyalitäten bekannt.
Martin Kobler, Chef der UNO-Mission in Libyen, sagte wiederholt. Man könne Haftar nicht einfach außen vor lassen. Man müsse eine Rolle für ihn finden. Bloß will Haftar mit Kobler darüber nicht sprechen. Er weigert sich schlicht, ihn zu empfangen. Es gibt für ihn da gar nichts zu bereden. Er ist sicher, welche Rolle ihm zusteht: er will derjenige sein, der – ob als Verteidigungsminister oder als Armeechef – die bewaffneten Verbände befehligt. Er ist nicht nur machtversessen. Das auch. Er ist davon überzeugt, dass er allein Libyen vor dem Chaos bewahren kann.
Thomas Schmid, Wochenzeitung (WOZ)(Zürich), 25.08.2016
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