Für Corax ist der Fall klar: Slobodan Milosevic ist ein Autist. Ein hartes Verdikt. Ein Gerichtspsychiater mag, sollte der serbische Potentat denn je vor die Schranken der Justiz kommen, da differenzierter urteilen. Doch Corax ist Karikaturist. Er lebt von der Zuspitzung. Überflüssiges lässt er weg. Seit Jahren zeichnet er Milosevic ohne Augen. Seine Aufgabe sei es, sagt der bekannte Belgrader Künstler, dessen wirklichen Namen Predrag Koraksic kaum jemand kennt, den Leuten die Angst zu nehmen. Die Saat scheint aufgegangen. Zu Hunderttausenden verlassen in diesen Tagen Pennäler ihre Schulen, Studenten ihre Universitäten, Arbeiter ihre Fabriken und Angestellte ihre Büros. „Milosevic, rette Serbien und bring Dich um!“ tönt es auf den Straßen. Ziemlich respektlos, wenn man weiß, dass schon Vater und Mutter des Geschmähten sich das Leben genommen haben. Überhaupt ziemlich respektlos. Immerhin ist Milosevic Präsident. Doch nun scheint er nur noch Diktator eines Schurkenstaates zu sein. Hier das Volk, dort der Tyrann.
Das war nicht immer so. Es ist gerade ein Dutzend Jahre her, da waren Volk und Führer eins. Da strömten 1988 Hunderttausende zum Park in Belgrad, wo die Save und die Donau zusammenfließen, um ihren „Slobo“ hochleben zu lassen. Und über eine Million Serben pilgerten 1989 mit Milosevic zum 600. Jahrestag der Schlacht auf dem Amselfeld nach Kosovo Polje, um den serbischen Anspruch auf die heilige Erde zu unterstreichen, die sie von Albanern okkupiert wähnten. Mit seiner „antibürokratischen Revolution“ mobilisierte Milosevic die Massen, säuberte seine Gegner aus dem Partei- und Staatsapparat und festigte seine Herrschaft. Die Jugend jubelte ihm zu, versprach doch der Mann, der sich 1986 zum Führer der serbischen Kommunisten aufgeschwungen hatte und sich drei Jahre später zum Präsident Serbiens kürte, mit der sklerotischen Herrschaft der Altkommunisten aufzuräumen. In Berlin fiel die Mauer, in Prag fegte die „samtene Revolution“ die alten Machthaber hinweg, in Bukarest flüchtete das verhasste Herrscherpaar Hals über Kopf und endete schließlich vor dem Peloton. In Belgrad aber griffen Zensur und Repression um sich.
Die „antibürokratische Revolution“ entpuppte sich schon bald als eine nationalistische Wendung der alten Elite, mit der es ihr gelang, ihre Herrschaft ins postkommunistische Zeitalter hinüberzuretten – ganz nach der Devise des Leoparden von Tommaso di Lampedusa „cambiare tutto perché non cambi nulla“ – „alles verändern, damit alles beim Alten bleibt“. Gegen die universitäre Jugend, die sich um ihre Hoffnungen betrogen fühlte und ihren Protest auf die Straße trug, ließ Milosevic schon 1991 die Panzer der Armee auffahren. Zehntausende Studenten, Akademiker und qualifizierte Fachkräfte gingen in den Folgejahren resigniert ins Exil. Ein brain-drain, der für die künftige Entwicklung Serbiens noch Folgen haben dürfte. Gleichzeitig entwickelte sich Belgrad von einer multiethnischen Metropole mit regem Kulturleben immer mehr zu einer grauen serbischen Provinzstadt. Aus dem Tito-Boulevard wurde die „Straße der serbischen Herrscher“, und auf der Terrazije, dem Hauptplatz im Zentrum, wurden nun CDs mit serbischer Folklore, Bilder von serbischen Fürsten, Tschetnik-Mützen und anderer nationalistischer Kitsch feilgeboten.
Eine ganze Gesellschaft wurde in den nationalistischen Strudel gerissen. Intellektuelle, die einst als liberale Marxisten unter Tito ihre Jobs verloren hatten, tauchten nun als Apologeten eines Großserbiens wieder auf. In der serbischen Volkskultur tief verwurzelte Mythen wurden neu belebt: die Serben als auserwähltes und himmlisches Volk, die Serben als ewige Opfer. Haben sie nicht Europa vor dem Ansturm der Türken, der Ungläubigen gerettet? Fielen Sie nicht im Ersten Weltkrieg dem Ränkespiel der Großmächte zum Opfer und im Zweiten Weltkrieg der Terrorherrschaft der kroatischen Ustascha? Hat nicht der Kroate Tito die Serben schlechter als andere jugoslawischen Völker gestellt? Wahrheit und Legenden vermischten sich. Geschichte wurde umgedeutet, Realitäten ausgeblendet. Anfang 90er Jahre sprachen viele Serben wie selbstverständlich von einem Genozid, der ihnen bevorstehe. Und dass sich der Vatikan, Kroatien und Deutschland gegen Serbien verschworen hatten, war geradezu ein Allgemeinplatz. Wer sich dem nationalistischen Wahn entgegenstellte, galt als Vaterlandsverräter. Eine Wende, wie sie nach dem Zusammenbruch des Kommunismus alle anderen osteuropäischen Länder vollzogen, fand in Serbien nicht statt. Stattdessen hörte man – erst leise, dann immer lauter – die Kriegstrommeln.
Ein gängiger Topos besagt, unter den Völkern des Balkans gebe es einen tief verwurzelten, ewigen, quasi ontologisch begründeten Hass und Jugoslawien habe ein halbes Jahrhundert Frieden nach dem Zweiten Weltkrieg nur der kommunistischen Knute zu verdanken. Kein Wunder also, dass nach dem Tod Titos die Menschen „da unten“ sich wieder die Köpfe einschlügen. Gewiss war unter Titos Herrschaft jede nationale Frage tabuisiert, und gewiss unterdrückte sein Regime jede oppositionelle Regung. Doch der Topos vom Völkergefängnis trügt. Der jüngste Krieg auf dem Balkan hat weniger ethnische als politische und auch wirtschaftliche Ursachen. Aber es gelang den Machthabern, den Konflikt in ethnische Bahnen zu lenken, ihn zu ethnisieren.
Anders als andere serbische Grosskopfeten – wie etwa der rechtsextreme Vojislav Seselj, der monarchistische Wirrkopf Vuk Drakovic oder der bosnische Serbenführer Radovan Karadzic – war Milosevic nie ein Nationalist aus Überzeugung. So wenig wie er überzeugter Kommunist war. Sein Ziel war nicht die Verwirklichung einer Idee, sondern allein die Macht. Kommunist musste er sein, um in den 80er Jahren die Karriereleiter hochzusteigen, Nationalist wurde er, oben angekommen, um seine Macht zu festigen. Nach dem Zusammenbruch des osteuropäischen Kommunismus hätte Jugoslawien nur weiter bestehen können, wenn es demokratisiert und dezentralisiert worden wäre. Die beiden reichsten Republiken, Slowenien und weniger deutlich auch Kroatien, beide katholisch und mit mitteleuropäischer Vergangenheit, wollteb im historischen Wendejahr 1989 just diesen Weg beschreiten. Doch in Serbien, das dem orthodoxen Glauben anhängt und kulturhistorisch von Byzanz und dem Osmanischen Reich geprägt ist, setzte sich unter Milosevics Ägide die genau gegenteilige Tendenz durch: die beiden autonomen Provinzen Kosovo und Vojvodina wurden im selben Jahr 1989 gleichgeschaltet, womit Serbien auch den Anspruch einer Vorherrschaft im künftigen Jugoslawien anmeldete. In Slowenien und Kroatien gewannen danach die Kräfte, die auf eine Sezession drängten, endgültig Oberwasser.
Und das hieß Krieg. Der kurze Krieg in Slowenien im Sommer 1991 wurde, anders der journalistische Kanon immer wieder behauptet, nicht von Milosevic, sondern von der jugoslawischen Armee vom Zaune gebrochen. Milosevic hat sogar auf sein Ende gedrängt. Anders in Kroatien. Da lebte eine 12 Prozent starke Minderheit von Serben, die in den Grenzgebieten zu Bosnien und Serbien angeheizt von serbischen Nationalisten und verängstigt auf Grund des nationalistischen Kurses des kroatischen Präsidenten Franjo Tudjman, den Aufstand probte. Innerhalb von drei Monaten hatten im Herbst 1991 serbische Freischärler, unterstützt von der jugoslawischen Armee, ein Viertel Kroatiens unter ihre Kontrolle gebracht und „ethnisch gesäubert“. Im Folgejahr besetzten serbische Paramilitärs und die jugoslawische Armee wieder innerhalb von nur drei Monaten 70 Prozent des Territoriums Bosniens, wo der serbische Bevölkerungsanteil 31 Prozent betrug. Noch über drei Jahre dauerte der Krieg in Bosnien, ohne dass sich die Fronten wesentlich verschoben. Zwei Drittel der Bevölkerung waren vertrieben, an die 200.000 Menschen getötet, allein das über drei Jahre lang belagerte Sarajevo hatte 10.000 Tote zu beklagen und in Srebrenica waren über 7.000 Männer massakriert, als die Nato mit Bombenangriffen auf Stellungen der bosnischen Serben neue Kräfteverhältnisse schafften.
Die Rückeroberung der von Serben kontrollierten Teile Kroatiens und der Vorstoß der bosnischen Armee nach den Angriffen der Nato führten zur Flucht und Vertreibung hunderttausender Serben. Das nationalistische Versprechen, wonach alle Serben das Recht hätten, in einem gemeinsamen Staat zu leben, schien sich zu erfüllen. Doch war kein Großserbien entstanden, sondern das kleine, über die Sanktionen in bittere Armut getriebene Serbien um 700.000 serbische Flüchtlinge reicher geworden – und Milosevic, der die Kriege und die Niederlagen an erster Stelle zu verantworten hat, war zum Friedensengel aufgestiegen. Er hatte das Abkommen von Dayton ermöglicht. Seine Macht in Restjugoslawien (Serbien und Montenegro) war unerschüttert, und die meisten Serben wussten gar nicht, was Krieg heißt. Auf Serbien war ja in all den Jahren keine Bombe, keine Granate und kein einziger Schuss gefallen. Der Krieg hatte außerhalb der Grenzen stattgefunden. Erst drei Jahre später sollte er auch in Serbien ankommen. Die explosive Situation im Kosovo hatte man in Dayton ausgeklammert, um Milosevics Unterschrift unter das Abkommen nicht zu gefährden. Die Albaner der südserbischen Provinz, die zu Hunderttausenden aus den staatlichen Betrieben und dem öffentlichen Dienst entlassen worden waren, waren seit Jahren einer erbarmungslosen Repression ausgeliefert. Der vierte Krieg war absehbar, doch niemand tat etwas, seinen Ausbruch zu verhindern. Die albanische UCK-Guerilla begann ihn, die serbische Sonderpolizei schlug gnadenlos zurück, die Nato beendete ihn mit einer umfassenden Bombardierung der serbischen Infrastruktur, und Milosevic schien danach fester denn je im Sattel zu sitzen.
Doch dann unterlief dem gewieften Taktiker ein Fehler. Um seine Amtszeit zu verlängern, ließ Milosevic im Juli putschartig die Verfassung ändern – die Verfassungskommission des Parlaments erhielt den Text eine Stunde vor Sitzungsbeginn – und setzte vorzeitig Neuwahlen an. Er hatte damit gerechnet, dass sich die chronisch zerstrittene Opposition in der kurzen Zeit bis zum Wahltermin auf keinen gemeinsamen Kandidaten würde einigen können. Zudem war er wie viele Langzeitdiktatoren, die sich mit Hofschranzen umgeben, einer gewissen Realitätsblindheit erlegen. Er unterschätzte den Missmut, der sich in der Bevölkerung breit gemacht hatte.
Vojislav Kostunica, den die Opposition zu ihrem Kandidaten kürte, konnte die Hoffnungen eines resignierten, gebeutelten und verarmten Volkes bündeln und erreichte bei den jugoslawischen Präsidentschaftswahlen nach eigenen Angaben auf Anhieb mit über 51 Prozent die absolute Stimmenmehrheit. Das Regime gesteht zwar seine Niederlage ein, will dem Oppositionsführer aber nur knapp 49 Prozent der Stimmen einräumen und verlangt eine Stichwahl am kommenden Wochenende. Solange Milosevic sich weigert, die Wahlunterlagen herauszurücken und die von der Opposition und von unabhängigen Instituten ermittelten Ergebnisse mit den offiziell präsentierten abzugleichen, darf man getrost Wahlbetrug unterstellen – dies umso mehr, als die Vertreter der Opposition vor der Verkündung der Resultate aus der zentralen Wahlkommission vertrieben worden waren und offenbar nicht einmal die in der Kommission verbliebenen Mitglieder – fast alle Milosevic ergebene Richter – die Unterlagen einsehen konnten.
Kostunica hat überzeugt. Weil er anders als die anderen Oppositionsführer sich nie in die Macht hat einbinden lassen und auch nie mit Milosevic gekungelt hat. Weil er nicht der Korruption geziehen werden kann. Weil er bescheiden ist – er wolle nicht die Macht, sagte er, sondern den Rechtsstaat und sei bereit, sich mit den wenigen Befugnissen, die die Verfassung dem Präsidenten zubilligt, zu begnügen. Weil er den Menschen die Rückkehr zur Normalität verspricht. Aber auch, weil er ein serbischer Nationalist ist – kein aggressiver, bornierter Hitzkopf, aber eben doch nationalistisch gesinnt wie die meisten seiner Landsleute auch. 1974 verlor Kostunica seine Stelle als Assistent an der Universität, weil er gegen die neue Verfassung, die dem Kosovo mehr Autonomie zugestand, protestierte. Auch er hat einmal von einem Großserbien, das Bosnien und Teile Kroatiens einschließen sollte, geträumt. 1992 spaltete er sich von der Demokratischen Partei ab – unter dem Slogan „Erst Serbien, dann Demokratie“. Er pflegte immer, wenn auch in jüngster Zeit moderater, einen antiamerikanischen Diskurs. Zwar verurteilte er die Massaker und die Kriegspolitik Milosevics im Kosovo. Doch verweigerte er sich dem Ansinnen des serbisch-orthodoxen Bischofs Artemije, in einer Erklärung Bedauern über das Unrecht auszudrücken, das den Kosovo-Albanern im Namen Serbiens angetan worden war. Und es gibt sogar ein Foto, auf dem er sich mit Kalaschnikow im Arm mit serbischen Freischärlern im Kosovo zeigt – im Sommer 1998, als 250.000 Albaner aus ihren Dörfern vertrieben wurden.
Diesen unguten Vorzeichen zum Trotz hat sich auch die radikale studentische „Otpor“ (Widerstand), die mutigste Opposition der letzten Monate, die der Repression am meisten ausgesetzt war, hinter Kostunica gestellt, ganz nach dem Motto: Erst muss Milosevic weg, dann sehen wir weiter. Wenn der Wahlsieger sich im Machtkampf, der in diesen Tagen auf der Straße und mit Sicherheit auch im Apparat stattfindet, durchsetzt, könnte in Serbien mit zehn Jahren Verzögerung die Wende einsetzen, die nach dem Fall der Mauer von Berlin ganz Osteuropa erfasst hat. Der Weg aber in eine freie, demokratische Gesellschaft wird ungleich schwerer sein als in den übrigen ehemals kommunistischen Staaten. Nicht nur weil Serbien wirtschaftlich zerrüttet ist. Irgendwann werden die Serben sich mit der Kriegsschuld auseinandersetzen müssen. Milosevic hat nicht als einsamer Diktator drei Kriege geführt. Viele haben mitgemacht, viele haben applaudiert, viele haben zugeschaut. Auf einer kollektiven Lebenslüge lässt sich halbwegs eine Demokratie aufbauen, aber kein Vertrauensverhältnis zu den Nachbarstaaten. Erst wenn sich gegen das völkische Staatsverständnis, das auf das ethnisch definierte Kollektiv abhebt, ein republikanisches durchsetzt, das die Bürger ungeachtet ihrer nationalen Zugehörigkeit als gleichberechtigte Subjekte versteht, wird eine Normalisierung zwischenstaatlicher Beziehungen und eine nachhaltige Befriedung und Stabilisierung des Balkans möglich werden. Das gilt für das Kernland Serbien wie für das Kosovo, Montenegro, Bosnien und Kroatien. Nach Tudjmans Tod zeichnet sich zumindest in Kroatien diese republikanische Wende nun ab. In Montenegro sind Vertreter der ethnischen Minderheiten, der Albaner und der Sandzak-Muslime an der Regierung beteiligt. In Serbien sind die Weichen noch nicht gestellt. Wenn Kostunica auf seinen nationalistischen Positionen beharrt, wird er vermutlich nur eine Figur des Übergangs. Aber als solche ist er angesichts der Machtverhältnisse vorerst unersetzbar.
Setzt sich Kostunica im Machtkampf gegen Milosevic nicht durch, droht hingegen ein Krieg – nicht nur in Montenegro, wo sich der Druck, aus Jugoslawien auszusteigen, verstärken wird, sondern auch in Serbien selbst. Dann könnte Mira Markovic, die Gattin des serbischen Potentaten, eine überzeugte Kommunistin, recht behalten. Sie sagte: „Wir sind über Blutvergießen an die Macht gekommen“ und meinte damit den Sieg der kommunistischen Partisanen Titos im Zweiten Weltkrieg, „und wir werden sie nur unter Blutvergießen wieder abgeben.“
Thomas Schmid, „Die Weltwoche“, 5.10.2000