In Damaskus brennt die Botschaft Dänemarks und in Beirut das dänische Konsulat, im Westjordanland wird ein Deutscher entführt, den die Kidnapper für einen Dänen halten, in Kabul fordern Demonstranten den Abzug der dänischen Soldaten, im Jemen gehen Zehntausende auf die Straßen, der Irak friert sämtliche Wirtschaftsverträge mit Dänemark ein, arabische Länder ziehen die Botschafter aus Kopenhagen ab und grenzübergreifend boykottieren Muslime den Kauf dänischer Waren. Die islamische Welt ist im Aufruhr. Die Wut der Muslime richtet sich gegen die Dänen, doch gemeint ist der Westen.

Der dänische Ministerpräsident Rasmussen bedauert zwar inzwischen die Veröffentlichung der Karikaturen in der Zeitung „Iyllands-Posten“, aber dafür entschuldigen will er sich nicht. Schliesslich ist es nicht zum Oberzensor gewählt worden, sondern zum Premier. Westliche Spitzenpolitiker geben ihm Schützenhilfe und verurteilen die Angriffe auf diplomatische Einrichtungen in aller Schärfe. Leitartikler gehen auf die Barrikaden und verteidigen mit gespitzter Feder die Freiheit des Wortes. Ist nun der „Zusammenprall der Kulturen“, der „clash of civilizations“, den der Harvard-Professor Samuel Huntington schon vor 20 Jahren prophezeit hat, endlich eingetreten?

Der Konflikt zieht immer weitere Kreise, schaukelt sich hoch. Die Fronten werden begradigt (selbst der prowestliche König Jordaniens hält inzwischen die Veröffentlichung der Karikaturen für ein „Verbrechen“) und der Solidarisierungsdruck wächst auf beiden Seiten. Stimmen der Vernunft und der Mäßigung finden da kaum Gehör. Doch es gibt sie – auch in der islamischen Welt. So hat der Genfer Philosoph Tariq Ramadan, Enkel des Gründers der ägyptischen Muslimbruderschaft und Idol vieler muslimischer Rebellen in den französischen Vorstädten, mit bemerkenswerter Eindeutigkeit festgestellt: „Muslime müssen verstehen, dass in Europa Redefreiheit gilt. Punktum.“

Keine Frage: Der Massenprotest ist nicht spontaner Natur, sondern gezielt organisiert und gut orchestriert. Die Veröffentlichung der zwölf Karikaturen liegt schliesslich über vier Monate zurück. Im übrigen dürfte sie nur ein verschwindend kleiner Teil der Demonstranten überhaupt kennen. Insofern ist die Empörung  gesteuert. Imame, Hodschas und Mullahs verurteilten in den Freitagsgebeten die Schmähung des Propheten, Islamisten riefen die Menschen auf die Strasse, und die Machthaber liessen sie gewähren: Es ist allemal besser, der Protest richtet sich gegen den Westen als gegen das eigene korrupte Regime, das die drängendsten sozialen Probleme nicht zu lösen vermag. Dass Syrien, ein Polizeistaat mit einem Dutzend Geheimdiensten, den Sturm auf die dänische Botschaft hätte im Keim ersticken können, scheint ausser Frage. Nicht auszuschliessen ist allerdings, dass dem Regime die Sache aus dem Ruder gelaufen ist. Jedenfalls aber hatte die Unzufriedenheit ein Ventil.

Hunderttausende Muslime machen den dänischen Ministerpräsidenten für eine Publikation der freien Presse verantwortlich. Offenbar ist es für sie ganz selbstverständlich dass die Regierung die Medien kontrolliert. Eine andere Erfahrung haben sie in ihren autokratisch regierten Staaten nicht gemacht. Und dass Mohammed und der Islam überhaupt Gegenstand der Belustigung und des Spottes werden, kränkt tatsächlich viele Muslime. Solcherlei sind sie schlicht nicht gewohnt. Sie leben in einer Gesellschaft, in der die bildliche Darstellung des Propheten und die Kritik am Islam tabuisiert sind. Ob die Mehrheit der Muslime aber die Welle der Gewalt, die durch die islamische Welt schwappt, begrüssen, darf füglich bezweifelt werden. Da in den arabischen Medien darüber keine offene Debatte stattfindet und es keine einigermassen zuverlässige Meinungsumfragen gibt, sind wir in den Bereich der Spekulation verwiesen.

So widerspiegeln denn Schlagzeilen wie „Der Hass der Muslime“ („Der Spiegel“) oder „Muslime werden immer militanter“ („Frankfurter Allgemeine Zeitung“) vor allem das Bedürfnis nach kultureller Selbstvergewisserung.  Überhaupt ist die kulturkämpferische Pose vieler Kommentatoren ziemlich dégoûtant. Da wird Voltaire bemüht, als ob die Meinungsfreiheit auf dem Schafott läge. Und vor allem wird getan, als ob sie im Westen prinzipiell grenzenlos sei. Genozidleugnung aber ist strafbar, rassistische Hetze auch, und kein Chefredakteur würde einen „Judenwitz“ oder eine Karikaturen durchgehen lassen. Auch unsere Gesellschaft kennt Tabus, und es ist gut so. Und wer weiss schon, dass gegen  den österreichischen Karikaturisten Haderer auf Betreiben Griechenlands, das sich gerne als Wiege der Demokratie und des freien Geistes bezeichnet, ein europäischer Haftbefehl ergangen ist, weil er Jesus als kiffenden Hippie dargestellt hat? Auch hierzulande schreiten mitunter Gläubige zur Tat, wenn sie meinen, ihre Religion werde durch den Dreck gezogen.  In Paris stürmten katholische Fundamentalisten 1988 ein Kino, um gegen einen Film Scorseses zu protestieren, in dem dieser Jesus als sexuellen Lustmolch darstellte. 13 Menschen wurden schwer verletzt. Der Italiener Pasolini handelte sich in den 70er Jahren eine Anzeige ein, weil er einen Engel zeigte, der zur Inzucht aufforderte. Der deutsche Expressionist George Grosz wurde schon 1928 verklagt, weil er – als Protest gegen den Militarismus – einen Jesus mit Gasmaske malte.

Je weiter wir in der europäischen Geschichte zurückblicken, desto vertrauter müssten uns die Welt der heutigen Muslime, ihre Empörung und ihre Idiosynkrasien werden. Die Trennung von religiöser und staatlicher Sphäre, die in Europa mit der Renaissance und der Aufklärung eingesetzt hat, brauchte eine Reihe von Revolutionen, um sich politisch durchzusetzen. Die Säkularisierung war ein jahrhundertelanger Prozess, der in vielen Ländern des Westens bis heute noch nicht vollständig abgeschlossen ist. So zieht in der Schweiz (?)  noch immer der Staat die Kirchensteuern ein. In der muslimischen Welt hat die Trennung zwischen privat-religiösem und öffentlich-staatlichem Raum allenfalls ansatzweise eingesetzt. In Marokko ist der König sowohl staatliches Oberhaupt seiner Untertanen wie Emir der Gläubigen. In Algerien ist der Islam Staatsreligion und auch die jüngst reformierte Familiengesetzgebung orientiert sich noch immer zum Teil an der Scharia. In Ägypten …. Von Ländern wie Iran und Saudiarabien ganz zu schweigen.

In Europa war die Säkularisierung Voraussetzung der Demokratie. An die Stelle des christlichen Untertan trat der Bürger mit seinen individuellen, einklagbaren  Rechten, auch jenem, seine Religion frei auszuüben oder aus der religiösen Gemeinschaft auszutreten. Im muslimisch geprägten Raum spielt die Gemeinschaft der Gläubigen ( die „Umma“) bis heute eine größere Rolle als das Individuum. Und während der Westen den allgemeinen Menschenrechten, wie sie in der bill of rights, der allgemeinen Menschenrechtserklärung  der französischen Revolutionäre oder der UN-Charta festgehalten sind, universelle Gültigkeit zuschreibt, halten orientalische Despoten wenig von Menschenrechten und bürgerlichen Freiheiten. Die Islamisten ihrerseits bestreiten mit dem Verweis auf islamische Werte in der Regel die allgemeine Gültigkeit der Menschenrechte und denunzieren diese als westliche, dem Islam wesensfremde. Der Islamismus quasi der vorweggenommene  Protest gegen  die Trennung von sakraler und profaner Sphäre, letztlich von Religion und Staat. Er ist hierin dem katholischen Fundamentalismus und den evangelikalen  Erweckungsbewegungen wesensverwandt.

In der Diskrepanz zwischen säkularisierter okzidentaler Gesellschaft und religiöser orientalischer Gemeinschaft steckt nun tatsächlich Sprengstoff für einen „Zusammenprall der Kulturen“. Bloß ist dieser alles andere als zwangsläufig. Man kann vieles dafür tun, dass es soweit kommt und dann – selffullfilling prophecy – sich selbstgefällig die Hände reiben, weil man es eben schon immer kommen sah. Wer den großen Krieg der Kulturen verhindern will, wird auf eine Modernisierung der muslimischen Gesellschaften setzen müssen, die den erstarrten Gesellschaften eine Entwicklungsperspektive bieten kann. Ihr steht nicht die religiöse Dogmatik im Weg. Es gibt – wie in der christlichen –  auch in der islamischen Welt theologische Reformkräfte und kulturelle Voraussetzungen für eine Demokratie. Was die Modernisierung blockiert ist eine autoritäre Herrschaftstradition gepaart mit einer erzpatriarchalischen Gesellschaftsordnung.

An dieser Blockade ist nun der Westen nicht unschuldig.  Aus Angst vor einer Destabilisierung unterstützten vor allem die USA, aber auch westeuropäische Staaten, im muslimischen Raum immer wieder autokratische Regimes, die jede demokratische Regung der Gesellschaft abwürgten und – gewollt oder nicht – islamistische Bewegungen förderten. Das gilt für Algerien wie Ägypten. Dem Irak gewährte der Westen umfangreiche Waffenhilfe in seinem Krieg gegen  Iran. Er unterstützte Saddam Hussein – bis dieser Kuweit überfiel. Und in Afghanistan rüsteten die Amerikaner die islamistischen Mudschaheddin von Hekmatyar aus, später griffen sie sogar den noch radikaleren Taliban unter die Arme. Viele Muslime erregen sich über den Westen, nicht weil sie seine Werte ablehnen, sondern weil sie das Vertrauen verloren haben, dass der Westen sie auch durchsetzen will. Dem einfachen Mann von der arabischen Strasse ist zudem nicht unmittelbar klar, weshalb der Westen bestimmten Staaten mit Sanktionen oder gar Krieg droht, wenn sie Resolutionen des UN-Sicherheitsrates nicht nachkommen, andererseits jedoch ungerührt hinnimmt, dass sich Israel um UN-Resolutionen, die es zur Rückgabe der besetzten Gebiete zwingen, schlicht foutiert. Und spätestens seit Bekanntwerden der Folterung irakischer Gefangener durch US-Soldaten unterstellt mancher Muslim den Amerikanern nicht nur ein taktisches Verhältnis zur Demokratie, sondern auch zu den Menschenrechten.

Die tradierte Regelung gesellschaftlicher Beziehungen durch religiöse Normen bricht für viele Muslime erst in der Emigration auf. Zwischen dem Alltag und der hergebrachten Kultur mit ihren religiösen Wertvorstellungen tut sich plötzlich ein Graben auf. Die Rolle der Frau, die sexuellen Freiheiten, die Kritik der Medien am eigenen Premier oder Präsidenten, die Sitten und Unsitten der Gesellschaft sind mit den alten moralischen Massstäben nicht mehr zu begreifen.  Man hat es mit einem scheinbar permissiven Staatswesen  zu tun, das seine Autorität und Legitimität nicht mehr oder weniger verbrämt von religiösen Weltdeutungen herleitet, sondern vom Willen seiner Bürger. Viele Muslime sind in dieser Situation verunsichert, umso eher, wenn ihnen die nationale oder kulturelle Zugehörigkeit zum Gemeinwesen, in der Regel eher implizit als explizit, abgesprochen wird. So suchen sie Rückhalt in einer religiösen Gemeinschaft, die ihnen suggeriert, sie bräuchten sich nicht anzupassen, ja dies sei sogar Verrat am Glauben, Sünde.

Auch in unseren Gesellschaften selbst wächst so der Nährboden für einen „Zusammenprall der Kulturen“. Der „clash of civilizations“ droht damit nicht mehr nur eine Auseinandersetzung zwischen Okzident und Orient zu werden, die mit modernen Kampfflugzeugen und selbstgebastelteten Sprengstoffgürteln ausgetragen wird, sondern auch zu einem Bürgerkrieg in unseren Städten. Kommt es schon bald zum Krieg der Pariser Banlieue gegen die Quartiers bobos (bohémiens bourgeois) oder gar  von Zürich 4 gegen  Zürichberg und Goldküste.

Gemach, gemach.  So weit ist es noch lange nicht. Zwar mag es in den muslimischen Ländern wie auch unter den vor einer oder zwei Generationen nach Europa zugereisten Muslimen Kräfte geben, die auf einen solchen Konflikt zusteuern, gar ein Armageddon herbeisehnen. Doch in den muslimischen Ländern wie in der muslimischen Diaspora in Europa will die Mehrheit der Menschen vor allem ein normales Leben, Arbeit, Sicherheit und eine Zukunft für sich und auch für die Kinder. Das gilt für die besetzten palästinensischen Gebiete, wo die fundamentalistische Hamas gewählt wurde, wie für den von einem religiösen Eiferer regierten Iran. Millionen und Abermillionen von Muslimen würden nach Westeuropa und in die viel geschmähte USA auswandern, wenn die Grenzen offen wären. Sie würden Familie, Freunde, Olivenhaine und Bazar für eine bessere Zukunft verlassen.

Viele haben das vor einer oder zwei Generationen getan. Andere tun es heute. Und es werden weitere Generationen ankommen, solange das Armutsgefälle besteht. Was der Verlust von Heimat bedeutet, machen sich nur die wenigsten von uns Schweizern, Deutschen, Franzosen, Europäern klar. Hinzu kommt noch die zurecht geforderte Integrationsleistung der Emigranten. Doch die Geschichte ist keine Einbahnschiene.  Auch wir die Eingeborenen müssen uns anpassen, mit den neuen Gegebenheiten klar kommen. Wir müssen akzeptieren, dass sich Kulturen im steten Wandel befinden, auch unsere eigene sich verändert – gerade weil sie mit andern Kulturen zusammentrifft, sich an ihnen reibt. Multikulti ist keine Hirngespinst von so genannten Gutmenschen, sondern schlichte Realität. An Pizzeria, Döner Kebab und Schawarma haben wir uns längst gewöhnt. Weshalb sollten wir uns nicht in nicht allzu ferner Zukunft auch über eine prächtige Moschee am Zürichhorn oder am Bärengraben zu Bern freuen? Wir würden damit ein Zeichen setzen: Ihr seid angekommen, ihr gehört zu uns. Und wenn die Moscheen dann in 50 Jahren so leer stehen wie heute die Kirchen, wären sie noch immer Zeugen einer gelungenen Integration.

Thomas Schmid, „Facts“, 09.02.2006 (unredigierte Fassung)

Mitarbeit: Andreas Bucher, Benedict Rüttimann