Hundert Tage Schonfrist pflegen die Medien politischen Neueinsteigern zuzugestehen. Angela Merkel scheint sie nicht nötig zu haben. Die deutsche Bundeskanzlerin, 65 Tage im Amt, hat einen überzeugenden Start hingelegt – vor allem auf dem diplomatischen Parkett. „Kann die das?“, hatte die SPD in ihrer Wahlwerbung gefragt, und der Unterton war unüberhörbar: Eine Frau, eine aus dem Osten, eine ohne Erfahrung in öffentlichen Ämtern. Hier Schröder, der Staatsmann, im Umgang mit den Mächtigen der Welt erfahren, mit den besten Kontakten zu Industriebossen, der souveräne Medienkanzler – dort die graue Maus, unbeholfen, sich verhaspelnd, irgendwie eben doch immer noch „Kohls Mädchen“.
Nun aber führt „Angie“ jene Beliebtheitsskala deutscher Politiker an, auf der über fünf Jahre lang der frühere Aussenminister Joschka Fischer, der Stirnrunzler der Nation, unangefochten oben stand. Die Kanzlerin bewegt sich zwar noch immer etwas linkisch, ihre Sprache ist holprig. Aber vielleicht macht sie just das dem deutschen Normalo, der sich mit den gleichen Problemen herumschlägt, sympathisch. Ihre Gesten wirken einstudiert, mitunter so offensichtlich, dass sie geradezu authentisch zum Ausdruck bringen: Bei dieser Person ist noch nicht alles ein- und abgeschliffen. Da scheint noch der Mensch durch. Bei Schröder bedurfte es dazu einer Wahlniederlage. Als er in jener unvergesslichen Septembernacht übergeschnappt seinen Sieg hinausposaunte, da verlor er seine staatsmännische Maske. Unter ihr trat der pure Machtmensch hervor.
Man hat sich in der deutschen Politik an Männerfreundschaften gewohnt. Helmut Kohl pflegte „mein Freund Boris“ zu sagen, wenn er Jelzin meinte. Sie schwitzten gemeinsam in der Sauna – was vor allem die Karikaturisten erfreute. Auch Schröder hielt viel von Männerfreundschaft. Zum Beispiel zu Wladimir Putin. Er nannte ihn einen „lupenreinen Demokraten“. Über Freunde redet man schliesslich nicht schlecht. Nur mit George W. Bush klappte es nicht so recht. Wegen des Irak-Krieges, in den Schröder keine deutschen Soldaten schicken wollte, vor allem wohl, weil er befürchtete, andernfalls die Wahlen zu verlieren. Das Verhältnis zwischen den beiden war giftig.
Bei soviel Romanzen und Emotionen tut Merkels Nüchternheit geradezu wohl. Sie ließ sich weder in Washington noch in Paris noch in Moskau umgarnen. Chiracs Handkuss nahm sie ungerührt hin. Dem US-Präsidenten warf sie die Verhältnisse in Guantánamo vor, und den russischen Potentaten konfrontierte sie mit seinem Krieg gegen die Tschetschenen. Das hat Schröder nie gewagt – und auch nicht dessen Außenminister Joschka Fischer, der als heimlicher Oppositionsführer immer laut über die „stille Diplomatie“ seines Vorgängers Klaus Kinkel geschimpft hatte. Und dann hat „Angie“ noch die Chuzpe, sich in Moskau mit Dissidenten und Bürgerrechtlern zu unterhalten. Hut ab!
Die Ironie der Geschichte: Zur Zeit sind SPD und Grüne in der Bredouille. Während der US-Angriffe auf den Irak waren zwei deutsche Geheimdienstler im Zweistromland unterwegs, was der früheren Regierung nun als Kriegsbeteiligung und als Bruch eines Wahlversprechens angekreidet wird. Doch wer erinnert sich noch an die Merkel, die im Februar 2003 als Oppositionsführerin im Weißen Haus vorstellig wurde und wenige Tage zuvor in der „Washington Post“ unter dem Titel „Schröder spricht nicht für alle Deutsche“ einen Artikel platzierte, in dem sie ziemlich unverhohlen für eine deutsche Kriegsbeteiligung warb?
Auch in der Sozialpolitik zeigt sich die Kanzlerin flexibel. Früher stand sie für einen harten Kurs und im Ruf des Neoliberalismus. Heute redet sie viel von sozialer Gerechtigkeit und muss sich den Vorwurf anhören, sie setze sozialdemokratische Politik durch. Nun, man könnte mit dem Maler Francis Picabia sagen: „Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann.“ 65 Tage hat Merkel nun hinter sich. Gestartet ist sie gut. Doch jetzt, wo sie die erste Schnuppertour in der grossen, weiten Welt hinter sich hat, geht es zuhause ans Eingemachte. Um Gesundheits- und Energiepolitik. Noch mehr als die gespaltene Opposition und vielleicht noch mehr als den sozialdemokratischen Koalitionspartner muss sie die Heckenschützen aus der eigenen Partei fürchten. Diejenigen, die ihr den souveränen Start missgönnen und schon immer überzeugt waren, eigentlich die besseren Kanzler zu sein.
Thomas Schmid, November 2005 (eventuell unveröffentlicht)