Die Erde dreht sich zärtlich, compañera

Die Nationalgardisten der Diktatur flüchteten kopflos, Autos mit rot-schwarzen Fahnen fuhren hupend durch die Straßen, vor dem Stadion stürzte die Statue des Despoten in den Staub, zu Fall gebracht mit Hilfe von zwei Baukränen. Die Menge johlte und tanzte auf den Straßen. Der Erzbischof mahnte zur Ruhe. Von den Strapazen der vergangenen Tage gezeichnete junge Männer feuerten in die Luft. In Managua herrschten am 19. Juli 1979 Chaos und Siegestaumel. Am Tag danach strömten Hunderttausende auf den großen Platz vor der Kathedrale der Hauptstadt Nicaraguas, um den Sieg der sandinistischen Guerilla über die Diktatur des Somoza-Clans zu feiern, der das Land 42 Jahre lang im Würgegriff gehalten hatte.

All dies ist heute genau 30 Jahre her. Daniel Ortega, die herausragende Figur der fünfköpfigen Regierungsjunta, die die Macht übernommen hatte, war damals 33 Jahre alt. Unter Somoza hatte er sieben Jahre im Gefängnis gesessen. Verwaltungserfahrung hatte er keine. Die andern Mitglieder der Junta auch nicht. Die Politik der Revolutionäre konnte sich trotzdem zeigen lassen: Bauern in abgeschiedenen Gegenden hatten nun zum erstenmal in ihrem Leben Zugang zur Gesundheitsversorgung. Innerhalb von vier Jahren sank die Analphabetenquote von 50 Prozent auf 13 Prozent. Eine Agrarreform wurde in Angriff genommen.

Die sandinistische Revolution stieß in Europa auf überaus breite Sympathie, vor allem auch im geteilten Deutschland. Im Westen  entstanden –  im Schoß des studentischen Milieus, der Stadtteilorganisationen, der Gewerkschaften, der Jungsozialisten, der Kirche – Hunderte von Solidaritätskomitees. Im Osten war die Solidarität mit Nicaragua ein zentrales Anliegen der Partei- und Staatsführung – schließlich stand das neue Nicaragua, allem Gerede von Blockfreiheit zum Trotz, von Anfang an im eigenen Lager. Die Gewerkschaften des FDGB trieben Solidaritätsbeiträge ein, über deren Verwendung viele rätselten. Die Regierung unterstützte nach Kräften den Aufbau des sandinistischen Staates. Doch gab es in der DDR auch unabhängige  Solidaritätsgruppen, die schnell ins Visier der Stasi gerieten.

In Berlin-West solidarisierte sich „Die Tageszeitung“ (taz) mit der sandinistischen Revolution

Viele Westdeutsche machten sich nach dem Sieg der Revolution nach Nicaragua auf, um vor Ort zu helfen – ob als Arzt oder Krankenschwester, Tischler oder Ingenieur, Lehrer oder Student, jede und jeder fand irgendwo eine Nische, eine Möglichkeit, sich nützlich zu machen, beim Aufbau des neuen Gemeinwesens mitzuhelfen. Die Euphorie war groß, der Elan  ungebrochen. Und als nach dem Regierungsantritt von Helmut Kohl 1982 die Hilfe für Nicaragua weitgehend eingestellt wurde und der konservative US-Präsident Ronald Reagan die exilnicaraguanischen Truppen der Contras bewaffnete und das Land mit einem langjährigen Krieg überzog, wuchs die Solidaritätsbewegung noch an. Wie im Spanischen Bürgerkrieg 1936-1939, in dem internationale Brigaden die Republikaner gegen die franquistischen Truppen unterstützt hatten, so wurden nun – allerdings unbewaffnete – Brigaden für Nicaragua aufgestellt: Kaffeebrigaden halfen bei der Ernte der roten Bohnen. Andere Brigaden pflückten Baumwolle. Und es gab auch Gesundheitsbrigaden.

Tausende junge Deutsche schwitzten auf den Kaffeeplantagen, litten unter Mosquito-Schwärmen und konnten sich mit der lokalen Bevölkerung oft nur radebrechend unterhalten. Sie schliefen auf Pritschen, ernährten sich von gallo pinto, einer Speise aus schwarzen Bohnen und Reis, manchmal garniert mit etwas Frischkäse oder einem Ei, und lasen Omar Cabezas’ autobiographischen Roman „Die Erde dreht sich zärtlich, Compañera“. Man mag heute darüber schmunzeln. Man mag von naiven Gutmenschen reden, von revolutionärer Romantik. Gewiss machten sich auch viele Traumtänzer, Abenteurer und Sektierer nach Nicaragua auf, andere hatten gerade eine gescheiterte Liebesbeziehung hinter sich und suchten einen Neuanfang.  Fakt ist jedoch, dass etwa 15.000 Westdeutsche in den zehn Jahren der sandinistischen Herrschaft sich in Nicaragua engagierten, für wenig oder gar kein Geld arbeiteten, Fachkräfte ausbildeten, Menschen halfen oder wenigstens helfen wollten. Für viele von ihnen war die Konfrontation mit Not, Elend und – in der Regel nur indirekt – auch Krieg eine prägende Erfahrung.

Von der politischen Entwicklung allerdings bekamen viele der Erntearbeiter und Aufbauhelfer wenig mit, oder sie verschlossen die Augen vor dem, was sie nicht sehen wollten. Eine Zensur der Presse gab es, schon bevor der Krieg kam, mit dem sie schließlich rechtfertigt wurde. Oppositionelle Parteien wurden schon früh bedrängt. Und die Indianer der Atlantikküste wurden im großen Stil vertrieben, viele ihrer Dörfer und Städte zerstört. Wer jahrelang in Nicaragua arbeitete, und es waren viele, konnte die autoritären Tendenzen nicht übersehen. In den politischen Zirkeln der Westdeutschen in Managua wusste man Bescheid. Doch man schwieg, und geschwiegen wurde darüber lange auch in den zahlreichen Solidaritätskomitees. Wer die Mißstände und Verbrechen in Managua oder Westberlin ansprach, geriet schnell in den Ruch, die Sache der Contra zu vertreten. In Kriegszeiten war Frontbegradigung angesagt.

Für die Ostdeutschen, die es nach Nicaragua verschlagen hatte, stellten sich solche Probleme nicht. Nicaragua war zumindest in den Teilen, wo kein Krieg herrschte, viel freier als die DDR. Es gab eine oppositionelle Presse und oppositionelle Parteien. Nur das interessierte die ostdeutschen Aufbauhelfer nicht, durfte sie nicht interessieren. Die meisten Ostdeutschen lebten abgeschottet unter sich im Hotel Las Mercedes am Rand der Hauptstadt. Die DDR lieferte dem befreundeten Nicaragua ein komplettes Krankenhaus – Hospital Carlos Marx, heute Hospital Alemán-Nicaragüense – samt 80 Ärzten, Schwestern, Technikern und Dolmetschern, sie baute für das sandinistische Parteiorgan „Barricada“ eine Druckerei. Und wer im Flughafen Managua ankam, den erinnerten schon die Boxen aus Sperrholz, in denen die Grenzbeamten erhöht saßen, die schräg gestellten Spiegel und der Geruch des Desinfektionsmittel an den Flughafen in Berlin-Schönefeld. Zudem half die DDR tüchtig beim Aufbau eines neuen Staatssicherheitsdienstes. Sie lieferte die technische Ausrüstung für die Überwachung, während die kubanischen Genossen für die Ausbildung der Kader sorgten. Auch dass nicaraguanische Offiziere auf Rügen ausgebildet und kriegsverletzte Soldaten in den Krankenhäusern der DDR behandelt wurden, war Ausdruck der Solidarität der DDR mit dem sandinistischen Staat.

Doch gab es in der DDR auch ein Dutzend unabhängiger Solidaritätskomitees, vor allem im Umkreis der Kirche. Der Priesterpoet und sandinistische Kulturminister Ernesto Cardenal, der mit seiner sanften Stimme, dem weißem Bart und der Baskenmütze auch im Westen manches Herz eroberte, galt im Osten, wo die Partei der Kirche feindlich gegenüberstand, vielen als Beweis der Kompatibilität von Sozialismus und Kirche. „Wir wollten in der großenweiten Welt kleine Projekte in einem kleinen Land unterstützen, das von unserem kleinen Land selbst unterstützt wurde, und blieben doch nur observierte und gegängelte Randgäste“, schreibt Willi Volks, Mitglied der kirchlichen „Initiativgruppe Hoffnung Nicaragua“ in Leipzig ernüchtert im Rückblick. Die unabhängigen Gruppen hatten sich mit unzähligen praktischen Problemen herumzuschlagen, wenn sie Hilfsgüter oder Spendengelder nach Nicaragua senden wollten. Ihre Mitglieder konnten ja nicht wie Westdeutsche einfach ins Flugzeug nach Managua einsteigen. Man hielt sie alle für potentielle Republikflüchtlinge.

In Berlin-Ost sammelte die „Berliner Zeitung“ Brillen für die Bevölkerung Nicaraguas

Doch einer schaffte aufgrund eigener Initiative schon 1981 den Sprung nach Nicaragua.  Bei der Alphabetisierungskampagne 1980 hatte sich herausgestellt, dass viele Nicaraguaner zwar die großen Buchstaben auf der Schultafel, nicht aber die kleinen in der Zeitung lesen konnten. Christoph Links, damals Lateinamerika-Redakteur der Berliner Zeitung, hatte eine pfiffige Idee. Jeder DDR-Bürger hatte ja bei Bedarf alle zwei Jahre Anrecht auf eine neue Brille, aber die alte warf kaum einer weg. Man warf in der Mangelwirtschaft überhaupt wenig weg. Also setzte Links einen Aufruf „Brillenfür Nicaragua“ in seine Zeitung und brachte an der Glastür des Verlagsgebäude ein Plakat an: „Soli-Aktion der Berliner Zeitung: Brillen  für Nikaragua hier abgeben!!!“ Innerhalb von sechs Wochen kamen 62.000 Brillen zusammen. Und Links durfte seine erste Westreise antreten – nach Nicaragua, um als Reporter über die Verteilung von DDR Brillen an Bauern zu berichten.

In den zehn Jahren zwischen dem militärischen Sieg der Sandinisten im Juli 1979 und ihrer Wahlniederlage an den Urnen im Februar 1990 haben rund15.000 Westdeutsche und sicher über 1.000 Ostdeutsche zeitweise in Nicaragua gelebt. Sind sie sich begegnet? Willi Volks von der Leipziger „Initiativgruppe Hoffnung Nicaragua“, der kurz vor dem Mauerfall das erste Mal nach Managua fliegen durfte, und Erika Harzer aus West-Berlin, die in Nicarag drei Jahre lang Elektriker ausbildete, haben 30 Jahre nach dem Sieg der Sandinisten nachgefragt und den Sammelband „Aufbruch nach Nicaragua. Deutsch-deutsche Solidarität im Systemwettstreit“ herausgegeben. Erschienen ist er im Ch.Links Verlag, den der ehemalige Redakteur der Berliner Zeitung schon einen Monat nach dem Mauerfall gegründet hat. Fazit der Recherche: Die DDR-Bürger in Managua waren angehalten, Westkontakte zu meiden und gegebenenfalls über sie Rapport zu erstatten. Die BRD-Bürger waren überhaupt nicht neugierig auf Bekanntschaft mit den Ostdeutschen. So reiste jeder mit der Mauer im Koffer nach Nicaragua. Manchmal begegnete man sich dort trotzdem, bei offiziellen Terminen. Die Nicaraguaner stellten dann oft den Wessi dem Ossi vor – oder umgekehrt – und waren erstaunt, dass die Deutschen, die ja so fern ihrer Heimat im tropischen Mittelamerika sich trafen, sich nichts zu sagen hatten.

Ernüchternd ist das Nachspiel: Als die Sandinisten im Februar 1990 die Wahlen verloren und die Macht an die Konservativen abgeben mussten, schwand in der westdeutschen Solidaritätsbewegung das Interesse an Nicaragua schnell. Nur wenige führten ihre Projekte fort. Man hatte ja nicht nur den Menschen vor Ort helfen wollen, sondern auch ein politisches Programm unterstützt. Und das gab es nicht mehr. Und die DDR gab es bald auch nicht mehr.

Thomas Schmid, „Berliner Zeitung, 18./19.07.2009