„Frankreich langweilt sich“, steht am 15. März 1968 über dem Leitartikel von „Le Monde“, Frankreichs größter Tageszeitung. „In Spanien, Italien, Belgien, Algerien, Japan, Amerika, Ägypten, Deutschland und selbst in Polen demonstrieren und kämpfen die Studenten (…) Die französischen Studenten aber sorgen sich darum, ob man den Mädchen den freien Zugang zu den Zimmern der Burschen gestattet.“ In den Studentenheimen herrscht striktes Kontaktverbot zwischen den Geschlechtern. Als zu Jahresbeginn der Sport- und Jugendminister an der Universität Nanterre bei Paris ein Schwimmbad einweihen will, bittet ihn ein Student um Feuer, zündet sich eine Zigarette an und sagt: „Herr Minister, ich habe Ihr Weißbuch über die Jugend gelesen, auf 300 Seiten steht kein einziges Wort über die sexuellen Probleme der Jugend.“
In Frankreich ist es mit der Langeweile bald vorbei, und der aufmüpfige Student, ein deutscher Jude, wird zum Sprecher einer Revolte, die in einen der größten Massenstreiks der Geschichte mündet. Sein Name: Daniel Cohn-Bendit. Als er zwei Wochen nach den Ereignissen, von denen gleich die Rede sein wird, nach einem Deutschlandbesuch nicht mehr nach Frankreich einreisen darf, demonstrieren in Paris Tausende Studenten unter der Parole: „Wir sind alle deutsche Juden“. Heute ist Cohn-Bendit Fraktionschef der Grünen im Europäischen Parlament.
Die Aufhebung der Geschlechtertrennung in den Wohnheimen ist eine der wichtigsten Forderungen der Studenten. Der Unmut erreicht bald die Sorbonne. Am 3. Mai besetzen Studenten die Hörsäle der altehrwürdigen Hochschule im Zentrum der Hauptstadt. Die Universität wird polizeilich geräumt und geschlossen. 574 Personen werden in Haft genommen.
Nun eskaliert die Situation. Von Tag zu Tag demonstrieren mehr Studenten. Militanz mischt sich mit Heiterkeit. „Unter dem Pflaster liegt der Strand“, heißt eine Parole, „es ist verboten zu verbieten“, eine andere. Die Hauptforderung: Freilassung aller Inhaftierten. Am 10. Mai versammeln sich im Quartier Latin 20 000 Studenten. An die 60 Barrikaden werden errichtet. „In der Rue Gay Lussac entstehen plötzlich zehn Barrikaden hintereinander“, erinnert sich Cohn-Bendit später, „militärisch gesehen hatte das überhaupt keinen Sinn, aber alle hatten Lust, Barrikaden zu bauen.“
Die Situation ist explosiv. Der Soziologieprofessor Alain Touraine und Cohn-Bendit gehen zu Verhandlungen in die Sorbonne. Der Rektor fragt den Studentenführer, den er nicht erkennt, was er denn vorschlage. „Sie lassen die Bullen abziehen und öffnen die Sorbonne“, antwortet der, „ich werde drei oder vier Bands auftreiben, und es gibt ein Fest. Die Leute werden tanzen, trinken und glücklich sein.“
Doch dann klingelt das Telefon. Der Erziehungsminister klärt den Rektor auf, dass der Mann, mit dem er rede, Cohn-Bendit sei. Die Verhandlungen werden abgebrochen. Die Polizei greift mit einer Brutalität durch, die den Studenten die Sympathien der Anwohner zutreibt. Und da die Kämpfe live über Radio übertragen werden, weiß bald ganz Frankreich von der „Nacht der Barrikaden“. Zwei Tage danach rufen die Gewerkschaften zu einem Generalstreik auf. Eine Woche später sind zehn Millionen Franzosen im Ausstand. Das Land scheint vor einer Revolution zu stehen.
Betriebe werden besetzt. Streikende Fußballspieler hissen auf der Zentrale des Fußballverbandes die rote Fahne. Junge Katholiken stürmen eine Kirche und verlangen vom Pfarrer eine Diskussion statt einer Predigt. Komitees schießen aus dem Boden wie Pilze nach dem Herbstregen. Eine „Gruppe Jean Jacques Dux“ fordert gleichen Lohn vom Studenten bis zum Greis, die Herstellung eines sozialistischen Über-Ichs und die Anwendung der duxistischen Geldtheorie.
Ganz Frankreich ist paralysiert. Bahnen und Busse stehen still. Die Taxifahrer streiken, und bald gibt es auch kein Benzin mehr. Anarchisten fordern auf den Straßen „Die Phantasie an die Macht“, und Kommunisten verlangen eine „Volksfrontregierung“. Es riecht nach Revolution – und was macht der Präsident? Er verschwindet. Charles de Gaulle begibt sich im Hubschrauber außer Landes. Er fliegt nach Baden-Baden. Dort ist das Hauptquartier der französischen Truppen in Deutschland. Deren Oberkommandierender, General Jacques Massu, ist ein alter Mitstreiter de Gaulles aus Zeiten der Résistance.
Dieser alte Haudegen also kriegt nun Besuch vom Staatschef. „Es ist alles im Arsch, die Kommunisten haben eine totale Lähmung des Landes herbeigeführt“, habe de Gaulle, kaum dem Hubschrauber entstiegen, geklagt, so erinnert sich Massu in seinen Memoiren, „ich ziehe mich zurück, und da ich mich und meine Familie in Frankreich bedroht sehe, suche ich bei Ihnen Zuflucht.“ Auch de Gaulles Ehefrau, sein Sohn und dessen Frau und ihre vier Kinder sind auf Bitte des Präsidenten nach Baden-Baden gekommen. „Herr General“, antwortet Massu, „Sie sitzen in der Scheiße, und da müssen Sie noch etwas bleiben. Kehren Sie zurück! Es gibt keine andere Lösung.“ Der Algerien-General appelliert an die Soldatenehre General de Gaulles. „Man will mich nicht mehr“, jammert der Präsident. „Man braucht Sie in Paris“, muntert ihn Massu auf. Der Besuch dauert anderthalb Stunden. Dann fliegt de Gaulle zurück.
Während der Abwesenheit des Präsidenten wuchern in Paris die wildesten Spekulationen. Es gibt Gerüchte über Truppenbewegungen. Viele fürchten, dass de Gaulle die Macht, die ihm entglitten ist, militärisch zurückerobert. Doch der Präsident kommt ohne Armee zurück, tritt aber in Generalsuniform ans Mikrofon und verkündet seinem Volk: „Französinnen und Franzosen, (…) ich habe 24 Stunden lang ausnahmslos alle Möglichkeiten in Betracht gezogen (…). Ich habe meine Beschlüsse gefasst. Unter den gegenwärtigen Umständen werde ich nicht zurücktreten.“ Dann kündet er die Auflösung des Parlaments an und ordnet Neuwahlen an. Seine kurze Rede schließt er, wie gewohnt, mit den Worten: „Vive la République! Vive la France!“ Eine halbe Million Franzosen, „das schweigende Frankreich“, geht nun für den Präsidenten auf die Straße. General de Gaulle hatte das Gesetz des Handelns zurückerobert. Die Streikbewegung zerfällt. Bei den Parlamentswahlen Ende Juni gewinnen die Gaullisten eine absolute Mehrheit. Der Präsident sitzt wieder fest im Sattel, und in Frankreich kehrt Ruhe ein.
Thomas Schmid, „Berliner Zeitung“, 05.05.2008 und 26.05.2008 (in zwei Teilen erschienen)