Die „Schlacht um Paris“ des Maurice Papon

Täglich wurden Dutzende gefesselter Leichen aus dem Fluss gefischt. In den Wäldern am Stadtrand entdeckten Spaziergänger aufgeknüpfte Menschen. Und im Sportpalast waren 6.600 Männer von der Außenwelt völlig abgeschirmt der entfesselten Wut einer Polizei ausgesetzt, die mit Gewehrkolben, Knüppeln und Ochsenziemern auf ihre wehrlosen Opfer eindrosch. All dies ereignete sich nicht in einer fernen Diktatur, in einer Bananenrepublik der Dritten Welt, sondern in der Hauptstadt einer westeuropäischen Demokratie, 16 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, genauer: in Paris am 17. Oktober 1961. Das Massaker, dem über 200 Algerier zum Opfer fielen, war in Frankreich bislang mit einem Tabu belegt, das nun gebrochen wurde – dank dem Prozess in Bordeaux, bei dem Maurice Papon, 1942 bis 1944 Generalsekretär des Departements Gironde, die Deportation von 1.690 Juden zur Last gelegt wird. Derselbe Maurice Papon war 1961 Polizeipräfekt von Paris. Allein im Innenhof seiner Präfektur wurden am 17. Oktober 1961 mindestens 50 Algerier totgeschlagen.

Saad Ouazene erinnert sich noch genau an jene Tage im Oktober. Anfang der 50er Jahre hatte er seine Heimatstadt Bougie an der algerischen Küste verlassen, um, wie so viele, sein Glück in Paris zu suchen. „Wir kamen damals in verdreckten Slums und verlausten Absteigen unter, erledigten die schmutzigsten Arbeiten und hatten einen Jammerlohn, von dem wir einen Teil nach Hause an unsere Familien schickten“, sagt der heute 66jährige Rentner, der Mieter einer geräumigen Vierzimmerwohnung im zehnten Stock eines der in den 60er Jahren hochgezogenen Wohnblocks im Pariser Vorort Saint-Denis ist. An der Wand des Wohnzimmers hängen Ehrenurkunden in Silber für 20 und in Gold für 30 Jahre in Frankreich geleistete Arbeit, ausgestellt vom Arbeitsministerium. Saad Ouazene ist stolz darauf.

Damals, 1961, zierte noch keine Ehrenurkunde Saad Ouazenes Zimmer, sondern allein die grün-weiße Flagge mit rotem Stern und roter Sichel der algerischen Befreiungsfront FLN, die seit sieben Jahren gegen Frankreich Krieg führte. Es waren unstabile Zeiten. Im April hatten französische Generäle, die De Gaulle wegen seiner Verhandlungen mit der FLN des Verrats bezichtigten, in Algier zu putschen versucht. Rechtsextreme Militärs gründeten die OAS, die in Paris Bomben hochgehen ließ, um die Spannungen zu schüren. Im September entging der Staatschef nur knapp einem Attentat. Aber auch die FLN hatte ihre bewaffneten Einheiten in Frankreich, obwohl sie den Krieg nie in die Metropole „exportieren“ wollte. Denn immerhin stammten 80 Prozent ihrer Einkünfte aus den Abgaben der Immigranten. In Paris, wo Algerier bei Identitätskontrollen immer häufiger schweren Misshandlungen und Folterung ausgesetzt waren und im September die ersten Leichen aus der Seine gefischt wurden, töteten FLN-Kommandos zwischen Ende August und Mitte Oktober elf Polizisten. In diesem Klima verhängte Maurice Papon am 5. Oktober in Paris eine abendliche Ausgangssperre – für alle Algerier oder „muslimischen Franzosen aus Algerien“, wie man damals, Algerien war ja noch Frankreich, offiziell sagte. Eine selektive, rassistische Maßnahme, die einer verfassungsrechtlichen Überprüfung kaum standgehalten hätte.

Die übergroße Mehrheit der 400.000 Algerier in Frankreich unterstützte wohl den algerischen Unabhängigkeitskampf. Andererseits kontrollierte die FLN das algerische Milieu in Paris nahezu total. „Alkohol, Tanz, Glücksspiel und Zigaretten waren verboten“, erinnert sich Saad Ouazene, „wer erwischt wurde, bekam es mit den Schlägertrupps der FLN zu tun und riskierte im Wiederholungsfall die Hinrichtung.“ Die FLN hatte Gerechtigkeitskomitees ins Leben gerufen, um Zwistigkeiten zu schlichten, sie kontrollierte die Sauberkeit der Toiletten in den algerischen Absteigen und forderte von jedem Algerier einen finanziellen Beitrag zur Unterstützung des Unabhängigkeitskampfes. „Alle entrichteten ihren Obolus, wirklich alle“, versichert Saad Ouazene, „wer sich weigerte, bezahlte mit dem Leben.“ Er muss es wissen. Als Chef einer FLN-Sektion war er selbst zuständig für die Zwangskollekte.

Am 17. Oktober 1961 also hatte die Pariser FLN die Algerier zu Protestdemonstrationen gegen die „rassistische Ausgangssperre“ aufgerufen. Es war das einzige Mal während des acht Jahre dauernden Unabhängigkeitskrieges, dass sie ihre Anhänger auf die Straße rief. Waffen oder auch nur Messer mit sich zu führen, hatte sie ausdrücklich untersagt. Zu Zehntausenden stürmten die Immigranten aus der Banlieue in die Innenstadt. Zu Auseinandersetzungen kam es nicht, wie alle zeitgenössischen Augenzeugen betonten. Es gab weder verletzte Polizisten noch wurden der Öffentlichkeit Waffen präsentiert. Die Algerier wurden an den Ausgängen der U-Bahn von den wartenden Polizisten einfach zusammengeschlagen und in Fahrzeuge, oft requirierte Busse des öffentlichen Verkehrs, verfrachtet und abtransportiert.

Saad Ouazene wurde schon im U-Bahnschacht verdroschen, zurück konnte er nicht, weil Massen neuer Demonstranten zum Ausgang drängten, weitere Prügel setzte es im Bus. Durch ein Spalier von Polizisten gelangte er über einen mit Flaschenscherben gepflasterten Weg mit gebrochenen Fingern – er hatte den Schädel vor den Gewehrkolben zu schützen versucht – in den Sportpalast. Als dieser nach zwei Tagen für ein Konzert des amerikanischen Sängers Ray Charles evakuiert werden musste, wurden die festgenommen Algerier durch ein weiteres Spalier („Empfangskomitee“, wie es die Polizei selbst nannte) in einen Saal des nahen Ausstellungsgelände getrieben und von dort nach weiteren acht Tagen ins Identifikationszentrum Vincennes gebracht. Nach über zwei Monaten schließlich wurde der schwer verletzte Saad Ouazene im Januar 1962 ins Krankenhaus eingewiesen, das er – nur knapp dem Tod entronnen – nach einer komplizierten Schädeloperation Ende März verließ. Die Odyssee hatte ein Ende. Geblieben ist eine zentimetertiefe Narbe und die Erinnerung an das, „was Menschen Menschen antun können, bloß weil sie ein bisschen anders aussehen.“

Bei der Demonstration in Paris im Oktober 1961 verletzter Algerier. (Foto: Elie Kagan – der Fotograf hat das Bild dem Reporter geschenkt.)

Der Horror vom 17. Oktober spielte sich vor den Augen zahlreicher Franzosen ab. „Doch die schauten einfach weg“, sagt Elie Kagan, „niemand protestierte, es ging ja nur gegen die Araber, oder die ‚Ratten‘, wie man damals zu sagen pflegte.“ Der Fotograf, der heute in einer schlichten Altbauwohnung im Zentrum von Paris wohnt, wird nun endlich seine alten Fotos los. „Damals wollte niemand meine Bilder, nicht einmal die Kommunisten, die hatten wohl Angst vor einer Beschlagnahmung ihrer Zeitung“, sagt er, nur „Témoignages Chretiens“, ein engagiertes christliches Wochenblatt, habe damals den Mut aufgebracht, seine Fotos zu publizieren.

„Gewalttätige Demonstrationen algerischer Muslime in Paris“, titelte „Le Figaro“ am 18. Oktober. „Le Monde“ schob der FLN die Verantwortung für „die blutigen Ereignisse von Paris“ zu, weil „der muslimische Terrorismus der Ursprung dieser Dramen ist.“ Und in den Spätnachrichten des französischen Fernsehsenders wurde den grauenhaften Stunden gerade zwei Minuten und 14 Sekunden eingeräumt – weniger als einem Professor Heim, der sich in der gleichen Sendung über Pilze ausließ und einem Bischof, der gerade den Flugschein gemacht hatte. Die Zeitschrift „Les Temps modernes“, die Maurice Papon der Anstiftung eines Pogroms bezichtigte, wurde kuzerhand beschlagnahmt. Ebenso erging es dem Magazin „Partisans“, in dem der Verleger François Maspero, der am 17. Oktober einige verletzte Algerier in Sicherheit gebracht hatte, über die Leichen in der Seine schrieb. Das Buch „Rattenjagd in Paris“, das die Journalistin Paulette Peju wenige Monate nach dem Massaker verfasste, wurde verboten, und der Jacques Panijels Film „Oktober in Paris“ schon bei seiner Erstaufführung in einem Cine-Club beschlagnahmt. Proteste kamen vor allem von jüdischer Seite und von einigen Intellektuellen. Doch als eine Gruppe um Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Louis Aragon, André Breton und Claude Lanzmann Parteien, Gewerkschaften und demokratische Organisationen zum Protest gegen die „rassistische Raserei, die an die dunkelsten Tage der Besetzung durch die Nazis erinnert“, aufrief, stieß sie auf keine Resonanz. Am 8. Februar 1962 – wenige Monate nach dem größten Massaker im demokratischen Europa der Nachkriegszeit – wurden bei einer Demonstration gegen die OAS an der Pariser U-Bahn-Haltestelle Charonne neun Menschen von der Polizei erschlagen. 500.000 Personen gaben ihnen das letzte Geleit. Die Opfer waren alle Franzosen.

Charonne ist im kollektiven Gedächtnis der Franzosen haften geblieben, über den Oktober 1961 hingegen wissen nur wenige Bescheid. Es wurde verdrängt und tabuisiert. Vor sechs Jahren hat der Pädagoge Jean-Luc Einaudi – „die Geschichte ist zu wichtig, um sie den Historikern zu überlassen“ – eine umfangreiche Recherche über das Massaker an den Algeriern in Paris veröffentlicht. Aufgrund von Dutzenden von Zeugenaussagen und der Totenlisten des Pariser Friedhofs, wo viele Opfer des Pogroms eingeäschert wurden, kam er zum Schluss, dass mindestens 200 Algerier in den dramatischen Tagen des Oktobers getötet wurden. „Es könnten bis 300 gewesen sein“, sagt er heute. Einaudi, der beim Prozess in Bordeaux jüngst in den Zeugenstand gerufen wurde, will auf keinen Fall den Mord an Frankreichs Juden, deren Deportation der Vichy-Funktionär Maurice Papon angeordnet hat, mit dem Mord an den Algeriern vergleichen. Chirac hat die Mitschuld Frankreichs an der Ermordung der Juden öffentlich eingestanden. Der gaullistische Mythos, dass die Franzosen ein Volk von Widerständlern waren, ist damit offiziell zu Grabe getragen, das Tabu der massenhaften Kollaboration von Franzosen mit der deutschen Besatzungsmacht ist gebrochen. „Es ist Zeit“, sagt Einaudi, „dass nun auch das große Tabu der französischen Nachkriegsgeschichte gebrochen wird: die französischen Verbrechen im Algerien-Krieg und in diesem Zusammenhang auch das Massaker vom Oktober 1961, über das General de Gaulle in seinen Memoiren kein einziges Wort verloren hat.“

Nach offizieller Darstellung gab es im Zusammenhang mit der Demonstration der Algerier gegen die Ausgangssperre drei Tote – zwei Algerier und ein Franzose, der an Herzversagen verstorben ist. Zwar gab Papon jüngst zum erstenmal zu, dass vielleicht 15 bis 20 Algerier umgekommen seien – allerdings als Folge inneralgerischer Auseinandersetzungen. In der Tat wurden beim Machtkampf zwischen der Algerischen Nationalbewegung NMA und der konkurrierenden FLN in Frankreich vermutlich an die 4.000 Algerier getötet. Doch 1958 hatte sich zumindest in Paris und Umgebung die FLN überall durchgesetzt. Die MNA war liquidiert. Constantin Melnik, 1961 im Innenministerium fürs Polizei- und Nachrichtenwesen zuständig, hält Papons Behauptung denn auch für Unfug und meint, dass die Toten vom Oktober Opfer „dramatischer polizeilicher Entgleisungen“ gewesen seien. Er spricht von 100 bis 300 Toten. Doch einen Tötungsbefehl habe es nicht gegeben. Gewiss nicht. Fest hingegen steht, dass Papon seinen Polizisten versicherte, dass er die Verantwortung übernehme, wenn sie in einer bedrohlichen Lage als erste schießen würden. „Ihr seid gedeckt, ich gebe euch mein Wort“, hatte der Polizeipräfekt von Paris gesagt. Wenn ein Nordafrikaner erschossen werde, hatte er versprochen, werde dafür gesorgt, dass beim Toten eine Waffen gefunden werde. „Unter der Verantwortung Papons, 1956 bis 1958 Präfekt von Constantine, wurde im Osten Algeriens die Folter zum Instrument der Wahrheitsfindung, unter seiner Regie kam es zu Massenerschießungen“, sagt Einaudi, „unter der Verantwortung Papons wurde in Paris seit 1958 gefoltert, sind Leute verschwunden.“

Vier Wochen nach dem Massaker verkündete Maurice Papon im Stadtrat: „Wir haben die Schlacht um Paris gewonnen.“ Es war eine deutliche Anspielung auf die „Schlacht um Algier“ von 1957, die Massu gewonnen hatte. Der französische General hatte den von der FLN ausgerufenen Generalstreik gebrochen und die Untergrund-Kommandos aus der algerischen Hauptstadt vertrieben – mit massivem Terror und Folter. Über seine eigenen Methoden schwieg sich Papon vor dem Stadtrat aus. Doch Constantin Melnik gibt zu, dass vor allem die unter Papon zusammengestellten Hilfstruppen der Pariser Polizei in breitem Maßstab gefoltert hätten. Es waren parapolizeiliche Verbände, die von französischen Offizieren angeführt wurden und sich vorwiegend aus Harkis rekrutierten, Algeriern, die im Krieg auf Seiten der Franzosen kämpften.

Unter dem Druck der neuen Debatte um Papons Vergangenheit hat nun die Kulturministerin Catherine Trautmann die vorzeitige Öffnung der Archive angekündigt. Der Historiker David Assouline durfte schon einen Blick in die Akten werfen, und die Tageszeitung „Libération“ publizierte eine Seite eines Registers der Staatsanwaltschaft. Elf Namen sind aufgelistet, und jedesmal heißt es unter der Rubrik Todesursache „Totschlag“. Rund 60 Verfahren wurden im Zusammenhang mit dem Massaker vom Oktober 1961 eröffnet, und alle wurden eingestellt – aufgrund der 1964 verkündeten Amnestie aller im Zusammenhang mit dem Algerien-Krieg verübten Verbrechen. „Es ist paradox, dass Papon wegen der ‚Rattenjagd‘ vom 17. Oktober 1961 nicht verfolgt wird“, urteilt der renommierte Historiker Pierre Vidal-Naquet, der schon kurz nach der Tragödie öffentlich protestiert hat, „Leute wurden getötet und in die Seine geworfen, einfach weil sie das Gesicht von Algeriern hatten. Das ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit und müsste als solches verurteilt werden. Solche Verbrechen wurden 1964 als nicht verjährbar deklariert.“

Ob es je zu einem Prozess kommen wird? Ob Chirac sich eines Tages bei den Algeriern öffentlich entschuldigt? Jean-Luc Einaudi hat da seine Zweifel. Da würde sehr viel aufgewühlt, meint er, doch andererseits müsse die Wahrheit endlich ans Licht. „Die Republik darf nicht mit dieser großen Lüge leben.“ Und inzwischen treibt den Autor der gründlichsten Recherche über den Pariser Oktober 1961 ein Verdacht um. War das Massaker Teil eines größeren Plans? Wollten Kreise um Papon und Innenminister Debré die Wiederaufnahme der Verhandlungen von Evian, die im März 1962 zu einem unabhängigen Algerien führen sollten, torpedieren? Nur so eine Arbeitshypothese…

Thomas Schmid, „Berliner Zeitung“, 15./16.11.1997