Der Palazzo Serra di Cassano, auf halbem Weg zwischen dem Königspalast von Neapel und Santa Lucia, dem alten Fischer- und Schmugglerhafen, gelegen, beherbergt heute das renommierte „Italienische Institut für philosophische Studien“. Wer es aufsuchen will, muß mit dem Hintereingang vorliebnehmen. Das große Eingangsportal des Palasts ist seit dem 20. August 1799 verschlossen. An jenem fernen Tag führte die Garde des Königs Ferdinand IV. den jungen Gennaro Serra durch dieses Tor, um ihn zum Schafott zu geleiten. Die Bourbonen hatten die Macht zurückerobert. Gerade sechs Monate lang hatte die Republik existiert. Gennaro Serra war zweiter Kommandant der Zivilgarde des neuen Regimes gewesen und Militärberater der Schriftstellerin Eleonara Pimentel Fonseca, der bedeutendsten Figur der Republik. Nachdem der Revolutionär enthauptet war, verfügte sein Vater, Herzog Francesco Serra di Cassano, daß das Tor, das den Blick zum Königspalast freigibt, erst wieder geöffnet werden dürfe, wenn Neapel eine freie Stadt sei.
„Das Tor ist immer noch geschlossen, weil die Bürger Neapels nicht wirklich frei sind“, doziert Antonio Gargano, Generalsekretär des Instituts, „Freiheit bedeutet schließlich auch, daß sich die Bürger zu jeder Tag- und Nachtstunde frei bewegen und auch problemlos ihren Geschäften nachgehen können. Doch es werden Schutzgelder erpreßt. Die Camorra kontrolliert jeden Quadratmeter Neapels. Solange die Stadt von der Camorra nicht befreit ist, wird das Tor zu bleiben.“ Das Institut hat eine außerplanmäßige Vortragsreihe organisiert – für die 500 Soldaten, die in Neapel im Kampf gegen die Camorra im Einsatz sind. Immerhin sind trotz der subtropischen Hitze, die die Stadt seit Tagen heimsucht, über 20 Infanteristen gekommen, um dem Philosophen zuzuhören.
Nach dem 85. Camorra-Mord dieses Jahres hatte die italienische Regierung Anfang Juli die Entsendung von Militärs nach Neapel beschlossen. Offenbar bloß zur Beruhigung der Bevölkerung und vielleicht der Touristen. Denn die 500 Soldaten, allesamt Rekruten in der Grundausbildung, bewachen nun öffentliche Gebäude. Immerhin ersetzen sie da etwa 350 Polizisten, die jetzt für den Kampf gegen die Camorra frei werden, womit der Umfang der einsatzfähigen Polizeikräfte um lächerliche zwei Prozent gestiegen ist. Die Unterwelt ließ sich nicht beeindrucken. Am 5. August wurden Raffaele Altamura und seine beiden Söhne Gaetano und Eduardo erschossen, Nummer 97, 98 und 99, wie die lokale Presse registrierte. Antonio Privato hatte mehr Glück. Die Bombe, die vor seiner Wohnung entdeckt wurde, konnte rechtzeitig entschärft werden. Am 23. Juli war sein Bruder Rosario verhaftet worden, weil er bei einer Abrechnung unter Camorra-Clans im Vormonat versehentlich Silvia Ruotolo, eine an den Querelen der kriminellen Organisation völlig unbeteiligte Frau erschossen hatte. Rosario hatte nach seiner Festnahme „gesungen“, worauf Giovanni Alfano, mutmaßlicher Camorra-Boss des Vomero, eines Mittelstandviertels von Neapel, in Handschellen gelegt wurde. Wenn er weiter singt, so die explosive Botschaft an Rosario, wird sein Bruder sterben. Um die „omertà“, das Gesetz des Schweigens, durchzusetzen, schreckt die Camorra vor keinem Mittel zurück.
Das Gesetz des Schweigens versucht die Camorra nicht nur im eigenen kriminellen Milieu, sondern auch in der Gesellschaft durchzusetzen. Silvia Ruotolo wurde mitten in der Stadt am hellichten Tag erschossen. Doch nur zwei oder drei Augenzeugen seien bereit gewesen auszusagen, beklagt sich Carlo Visconti, obwohl Dutzende das Verbrechen miterlebt hätten. Der Ermittlungsrichter spricht von einer „omertà civile“, einem mafiösen Schweigen der Bürger. Doch weshalb soll der gewöhnliche Mann von der Straße der Polizei und der Justiz helfen, wenn ihn diese letztlich vor der unerbittlichen Rache der Camorra nicht schützen können? Das Mißtrauen der Neapolitaner den staatlichen Institutionen gegenüber hat also gute Gründe und zudem auch eine lange Geschichte. Oft genug waren die Politiker schließlich nicht Gegner, sondern Partner der Camorra, haben von ihr profitiert oder sie für ihre eigenen Zwecke eingespannt.
Entstanden ist die klassische Camorra Neapels zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts. Ihr Vorläufer war die spanische „Bruderschaft der Garduna“, eine Geheimgesellschaft, die in Spanien bereits 1417 aktenkundig wurde, sich auf Schutzgelder und kriminelle Auftragsarbeit spezialisierte und von den spanischen Eroberern zu Beginn des 16. Jahrhunderts nach Neapel eingeschleppt wurde. Das Statut, das sich die Camorra 1842 gab, orientierte sich deutlich am Regelwerk der spanischen Bruderschaft. Es legte eine hierarchisch aufgebaute innere Struktur fest, verpflichtete die Camorristen zur materiellen Unterstützung flüchtiger und inhaftierter Kumpanen sowie derer Familien und bestimmte, wofür die erpreßten Schutzgelder zu verwenden seien. Die Camorristen durften nur Gott, die Heiligen und die Oberhäupter der Organisation als Autoritäten anerkennen. Außer gehörnten Ehemännern, Homosexuellen und Dieben konnte jeder in die „Gesellschaft des Schweigens“ oder die „Schöne Reformierte Gesellschaft“, wie sich die Camorra damals offiziell nannte, aufgenommen werden.
Die große Stunde der Camorra schlug 1860. Als im Zug der Einigung Italiens Piemont zur Eroberung des wankenden Königreichs Neapel ansetzte, übertrug ihr Liborio Romano, der Polizeichef der Stadt, offiziell die Polizeigewalt. Sämtliche Camorristen erhielten neue Uniformen, Kokarden und fast zwei Jahre lang ein reguläres Gehalt. Die Camorra sorgte für Ruhe und Ordnung und ermöglichte dem italienischen Freiheitsheld Giuseppe Garibaldi, die Stadt einzunehmen, ohne auch nur einen Schuß abzufeuern. Romano, hoher bourbonischer Beamter, war Freimaurer und insgeheim Anhänger Piemonts.
Doch mit der Einigung Italiens hatten die Camorristen ihre Schuldigkeit getan. Der neue moderne Staat versuchte schon bald sein Gewaltmonopol durchzusetzen. Es wurden Sondergesetze gegen die organisierte Kriminalität erlassen. Über tausend Camorristen wurden in die Verbannung geschickt. Erst mit der harten Repression am Vorabend des Ersten Weltkriegs aber gelang es dem Regime, der Camorra einen entscheidenden Schlag zu versetzen. Nach über 400 Festnahmen kam es 1911 zu einem ersten großen Prozeß mit 41 Angeklagten, der zwei Jahre dauerte und sicherheitshalber im fernen Viterbo nördlich von Rom stattfand. Doch die neapolitanische Tageszeitung „Il mattino“ sorgte für Öffentlichkeit. Sie filmte die Gerichtsverhandlungen und zeigte in der großen Galerie Umberto I. im Stadtzentrum auf einer Riesenleinwand jeden Abend das Geschehen vom Vortag. Ein Reporter kommentierte den Stummfilm. Es waren die ersten regelmäßigen Fernsehnachrichten – lange vor der Erfindung des Fernsehers. Die Anklage fußte im wesentlichen auf den Aussagen von Gennaro Abbatemaggio, dem ersten „reuigen“ Aussteiger. Als der 20 Jahre nach dem Prozeß in einem Anfall wirklicher Reue gestand, daß seine Aussagen frei erfunden und mit dem Polizeichef abgesprochen waren, interessierte dies die inzwischen faschistische Justiz nicht mehr. Die obersten Bosse der Camorra saßen hinter Schloß und Riegel. Die Organisation war enthauptet, doch die Camorra lebte weiter als ein kopfloses Geflecht sich bekämpfender Clans.
Das faschistische Regime setzte zunächst die Camorra zur Unterdrückung der Kleinkriminalität ein und versuchte danach, die Organisation zu zerschlagen. Tausende von Carabinieri wurden nach Neapel beordert – mit einigem Erfolg, doch ausrotten konnten auch sie die Camorra nicht. Und als die Amerikaner nach ihrer Landung in Sizilien Richtung Neapel marschierten, nahmen sie rechtzeitig Kontakt zur Camorra auf, um das Terrain vorzubereiten. Mit der Ankunft der GIs aber vervielfachten sich im völlig verelendeten Neapel die Möglichkeiten, sich zu bereichern. Prostitution und Schmuggel florierten und bildeten schnell den Humus, auf dem die alte Camorra zu neuem Leben erwachte. Neue Bosse kämpften und schossen sich an die Spitze: Carmine Spavone alias „’o malommo“ (der Bösewicht), ermordet im Auftrag von Giovanni Mormone alias „ ’o mpicciuso“ (der Schwierige), der schließlich von Antonio Spavone, Bruder des Ermordeten, erdolcht wurde; Pasquale Simonetti, der den ganzen Tomatenmarkt Neapels beherrschte, bis er im Auftrag von seinem Rivalen und Trauzeugen Antonio Esposito erschossen wurde. Pupetta, die junge schöne Gemahlin des Toten, nahm Rache und schoß auf den ideellen Mörder ihres Mannes. Ganz Neapel schwärmte von der Gangsterbraut. In den 50er und 60er Jahren gab es mächtige und gefürchtete Bosse. Die wenigsten starben eines natürlichen Todes. Einer aber sollte die Camorra zu neuen Höhen führen: Don Raffaele Cutolo.
Raffaele Cutolo, wegen seiner Kurzsichtigkeit und goldberandeten Brille auch „der Professor“ genannt, in äußerst ärmlichen Verhältnissen in Ottaviano, einer Kleinstadt außerhalb Neapels, aufgewachsen, war noch keine 20 Jahre alt, als er seinen ersten Mord beging. Aus dem Gefängnis heraus baute er seinen mächtigen Clan auf, die „Neue organisierte Camorra“, eine streng hierarchisch gegliederte Organisation, die zeitweilig 2.000 Mitglieder zählte. Cutolo führte einen der „‘Ndrangheta“, der Mafia Kalabriens, abgeschauten Initiationsritus ein, einen mit Blut besiegelten Schwur: „Wir sind die Ritter der Camorra, wir sind Ehrenmänner, verschwiegen und mit hehren Prinzipien, wir sind die Herren des Guten, des Friedens und der Bescheidenheit, aber auch die Herrscher über Leben und Tod. Das Gesetz der Camorra ist manchmal gnadenlos.“ Mit unglaublicher Brutalität machte er sich daran, in der Unterwelt jede Konkurrenz auszuschalten, innerhalb und außerhalb der Gefängnismauern. Cutolos Clan beherrschte Ende der 70er Jahre nicht nur die traditionellen Finanzquellen der Camorra – Zigarettenschmuggel, Schutzgeldgeschäft, schwarzes Toto und illegales Lotto, sondern kontrollierte auch die Vergabe von Baugenehmigungen, stieg ins Immobiliengeschäft und den Rauschgifthandel ein, kaufte Politiker und Richter. Don Raffaele genoß allenthalben großen Respekt. In seinem Imperium herrschten Angst und Terror.
Einer ließ sich nicht einschüchtern und wurde der ärgste Feind des Camorra-Bosses außerhalb der Unterwelt: Don Antonio Riboldi, Bischof von Acerra, einer Stadt, die eine halbe Autostunde außerhalb Neapels liegt. „Ihr Herren von der Camorra“, donnerte er 1982 in der Predigt während eines Hochamtes, „ihr seid Mörder, ob Auftraggeber oder Komplizen, ihr seid Diebe, Räuber! Bekehrt euch, bevor euch jemand anders auf seine Weise bekehrt – mit einer Kugel. Ich weiß sehr wohl, daß ihr mich für das, was ich hier sage, ins Visier nehmt. Aber auch ich habe eine Pistole, die auf euch gerichtet ist. Meine Pistole ist die Barmherzigkeit Gottes. Ich hoffe, daß meine Kugel euch eher erreicht als eure mich.“ Schon kurz nach der aufsehenerregenden Predigt organisierte der Bischof den „Marsch auf Ottaviano“. Mit 5000 Jugendlichen zog er in die Hochburg Cutolos, um öffentlich gegen die Verbrechen der Camorra zu demonstrieren. „Niemand wußte, was passieren würde“, erinnert er sich, „aber die Jugendlichen hatten die Angst verloren. In Ottaviano aber waren die Geschäfte geschlossen, kein Mensch war zu sehen. Kaum war die Demonstration zu Ende, kam die Angst zurück, und die Masse der Jugendlichen schien sich im Nichts aufzulösen.“ Weiteren Predigten folgten weitere Märsche. Zumindest in Acerra hat sich das Klima verändert. Vor dem Amtsgericht der Stadt steht auf einer Gedenktafel, die an die beiden von der sizilianischen Mafia ermordeten Richter Giovanni Falcone und Paolo Borsellino erinnert, Falcones Satz: „Die Menschen sterben, aber die Ideen bestehen weiter und werden auf den Beinen anderer Menschen ihren Weg gehen.“ Die meisten Denkmäler der Stadt sind verschmiert, nicht aber diese Gedenktafel, die der Camorra den Kampf ansagt. „Ihre Macht ist unsere Angst“, sagt der unerschrockene Bischof zum Abschied. Er selber wird auf all seinen Wegen nicht nur von einem Schutzengel, sondern auch von einer diskreten Polizeitruppe eskortiert.
1983 verhaftete die Polizei in Neapel über 800 Camorristen, von denen die Hälfte zwei Jahre später rechtskräftig verurteilt wurde. Dutzende Anhänger Cutolos hatten ausgepackt. Der Boss selbst sitzt eine lebenslängliche Haftstrafe im norditalienischen Cuneo ab. Die „Neue organisierte Camorra“ ist zerschlagen. Auch die „Neue Familie“, ein Kartell cutolofeindlicher Clans, mit deren Hilfe die Polizei Cutolos Imperium zerbrach, ist längst am Ende. All ihre Bosse sind im Knast. Die Camorra aber besteht weiter, sie rekrutiert sich aus dem Milieu von Eierdieben und „Scippatori“, Ganoven, die in oft abenteuerlichen Manövern von ihren Motorrädern aus den Passanten die Tasche entreißen, und vor allem von den Jugendlichen der seelenlosen Vorstädte wie Secondigliano, der Bronx Neapels. „Doch es gibt keine großen Familien mehr“, sagt der Journalist Gigi di Fiore, der zwei Bücher über Neapels Unterwelt geschrieben hat, „die Camorra ist zersplittert in Dutzende von Clans, die sich das Territorium streitig machen – deshalb auch die vielen Toten in den letzten Monaten.“ Immer jüngere würden die Bosse von Stadtvierteln. „Es fehlt an erfahrenen Camorristen mit Statur und Autorität, die auch mit Politikern umgehen können.“ Ein bißchen Wehmut schwingt in der Stimme des Journalisten mit. Die guten alten Camorra-Zeiten mit ihren schillernden Figuren sind vorbei.
Auch der Bürgermeister Antonio Bassolino, Mitglied der postkommunistischen PDS, glaubt an eine historische Niederlage der Camorra. „Die großen Bosse sind alle hinter Gitter oder tot“, sagt er „die größte Veränderung aber besteht darin, daß die Camorra aus dem Rathaus vertrieben ist.“ Früher hätten sie sich überall in den Vorzimmern eingenistet und nicht nur dort. Früher – damit meint er die Jahrzehnte der Kungelei christdemokratischer Lokalpotentaten mit Strohmännern der Camorra. Heute hingegen handele es sich nur noch um eine Mischung aus wenig klassischer Camorra und viel normaler Kriminalität, wie es sie allen Großstädten der Welt nun mal gebe. Und dieser will der erste Mann der Stadt, der alle Chancen hat, im nächsten November für weitere vier Jahre gewählt zu werden, auf vier Ebenen begegnen: mehr Kultur, mehr Arbeit, mehr Polizei – vor allem aber mehr Erziehung zur Legalität. Und dann führt er den Besucher auf den Balkon und zeigt zur großen Piazza hinunter. Früher hatten dort unten Dutzende illegaler Parkwächter ihre Geschäfte gemacht. Wer nicht bezahlte, riskierte zerstochene Reifen. Heute stehen überall Parkuhren. Jede Woche wird ein weiteres Viertel gesäubert und mit Parkuhren ausgestattet. Dann will er auch den Zigarettenschmugglern zu Leibe rücken. Nicht mit Brachialgewalt – einige zehntausend Familien leben vom Geschäft mit den nicht versteuerten Marlboro -, aber nach und nach. „Wir müssen neue Werte, neue Normen, eine neue Alltagskultur durchsetzen“, sagt der erste Mann der Stadt, „nur dann wird die Camorra wirklich verschwinden.“
Auch Antonio Gargano sieht die linke Stadtregierung auf dem richtigen Weg, den 68 Clans, die mit schätzungsweise 5.000 gut bewaffneten Mitgliedern und zehnmal soviel Helfershelfern im Raum Neapel operieren, das Wasser abzugraben. Daß er aber die Öffnung des Hauptportals des Palazzo Serra di Cassano noch selbst erleben wird, da hegt er, wie könnte es bei einem Philosophen auch anders sein, so seine Zweifel.
Thomas Schmid, „Berliner Zeitung“, 16./17.08.1997
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