König Ludwig I., ein Freund der Wissenschaft und Künste, war tief beeindruckt von der klösterlichen Stille. Nach einem Besuch der kleinen Insel in der Lagune von Venedig im Jahre 1841 griff der Bayer zur Feder und dichtete: „Neigend sich die Rosen hoch erheben/Und der Oleander prächtig blüht/Von dem Meer, dem südlichen umgeben/Alles flößet Ruhe ins Gemüth.“ So ist es heute noch. Wer dem Lärm am Markusplatz und den Touristenströmen an der Rialto-Brücke entfliehen will, der mag in der Serenissima abseits der ausgetretenen Pfade viele stille Plätzchen entdecken. Doch diese heilige Ruhe, wie sie von San Lazzaro degli Armeni ausgeht, wird er in der Stadt schwerlich finden.
Die Insel, dem Lido vorgelagert, ist nur drei Hektar groß. Gerade Platz genug für das Kloster, den Garten und den kleinen Friedhof. Es ist ein kleines Stück Land mit einer großen Geschichte. Die Mechitharistenmönche hüten einen kostbaren Kulturschatz. „Wir haben hier die drittgrößte armenische Bibliothek der Welt“, sagt Pater Vertanès und fügt dann in etwas verschwörerischem Ton leise hinzu, „bloß die drittgrößte, aber zweifellos die wertvollste überhaupt.“ Damit hat er bestimmt recht. Zwar mögen in den Bibliotheken in der armenischen Hauptstadt Eriwan und in der Jakobskathedrale in Jerusalem mehr Bücher stehen, doch nirgendwo sonst sind so viele Perlen armenischen Schriftguts versammelt wie hier. Bevor der Besucher aber die Schatzkammer betritt, wird er in die Klosterkirche geführt, wo vor dem Hauptaltar hinter einem dunklen Stein mit armenischer Inschrift Mechithar von Sebaste begraben liegt.
Mechithar, geboren 1676 im anatolischen Sivas (armenisch: Sebaste), gründete 1701 in Konstantinopel zusammen mit zehn weiteren Mönchen einen Orden, der sich schon zwei Jahre danach in einem Kloster in Morea (heute: griechischer Peleponnes) niederließ, das damals unter der Herrschaft der Seerepublik Venedig stand. Als das Osmanische Reich Morea eroberte, flohen die Gottesmänner nach Venedig, wo sie 1715 eintrafen. Zwei Jahre später überließ ihnen der Doge die kleine Insel San Lazzaro. Dort hatten Mönche im 12. Jahrhundert schon eine Leprastation eingerichtet. Später – zu Zeiten der verheerenden Pestepidemien, die ganz Europa heimsuchten – diente das Eiland als Quarantänestation. Doch als die 17 Mechitharisten die Insel 1717 in Besitz nahmen, fanden sie neben der alten Kirche nur noch verfallene Gebäude vor.
Die lange Tafel im Refektorium, feinstes Nussbaumholz, ist für acht Personen gedeckt. Zwei Flaschen Rotwein reichen. „Als ich 1950 auf San Lazzaro ankam, um ins Seminar einzutreten“, erinnert sich Pater Vertanès, „wohnten hier 20 Geistliche und einige Dutzend Seminaristen. Während des Essens las ein Klosterschüler von der Kanzel des Speisesaals den Patres aus der Bibel oder aus der armenischen Geschichte vor.“ Doch 1999 wurde das Seminar wegen mangelnden Nachwuchses geschlossen. Seither werden die Priester im Libanon ausgebildet. Dort sitzt auch der Patriarch der armenisch-katholischen Kirche, die sich im 18. Jahrhundert von der armenischen Kirche abgespalten hat und den Papst anerkennt, ihre Messe aber weiterhin nach der alten armenischen Liturgie mit ihren wunderbaren Chorälen feiert. Etwa 300.000 der insgesamt acht Millionen Armenier gehören der armenisch-kahtolischen Kirche an. Unter ihnen die acht Mechitharisten (weltweit sind es 30) von San Lazzaro. Sieben von ihnen stammen aus Syrien und dem Libanon, wo es traditionell große armenische Gemeinden gibt, Pater Vertanès ist in Frankreich geboren. Über die Geschichte seiner Familie mag er nicht erzählen. Es ist eine Geschichte von vielen. Als das Osmanische Reich während des Ersten Weltkrieges in einem Genozid über eine Million Armenier hinmordete, hatten sich Zehntausende übers Meer nach Marseille geflüchtet. Auch über seinen persönlichen Werdegang schweigt sich der Pater lieber aus. Er nimmt sich selbst nicht wichtig. Wichtig sind ihm nur die Gemeinschaft der Mönche und die Nähe zu Gott.
Hinter dem Refektorium liegt das Museum. Hier sind Fundstücke römischer, etruskischer, byzantinischer und indischer Kunst ausgestellt, vor allem aber Zeugnisse armenischer Geschichte: Geld und Briefmarken der kurzlebigen Republik Armenien, die sich 1918 nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches gebildet hatte, aber auch Gegenstände kirchlicher Kunst: Kelche, Bischofsstäbe und Tiaren, sowie Mechithars Hinterlassenschaft: seine Kutte, sein Bischofsring und die rund 50 religiösen Werke, die er verfasst hat. Prunkstück allerdings ist die ägyptische Mumie von Nemenkhet Amen, die vor über 3.000 Jahren einbalsamiert wurde und die Boghos Bey Youssouf, armenischer Außenminister des Vizekönigs von Ägypten, 1825 dem Kloster schenkte.
Die armenische Bibliothek umfasst an die 100.000 Bücher, eine europäische Bibliothek mit weiteren 50.000 Bänden schließt sich an. Es sind wunderschöne Säle mit Schränken aus Birnenholz. Die kostbarsten Schätze aber befinden sich in einem modernen, voll klimatisierten und hoch gesicherten Rundbau, der erst 1970 fertiggestellt wurde. Hier liegen über 4.500 Manuskripte aus den Jahren 862 bis 1700. Wertvolle Handschriften mit Miniaturen, Pergamentrollen, Briefe auf indischem Papyrus und Bücher in silberbeschlagener Einfassung. Hier findet man eine armenische Übersetzung einer verloren gegangenen griechischen Biographie Alexanders des Großen, einen Koran von Sultan Ahmet aus dem Jahr 1500, das Buch Ester auf hebräisch, ein Medizinbuch aus dem Jahre 1281, ein streichholzschachtelgroßes Johannes-Evangelium, päpstliche Schriften und ein vom russischen Zar Peter dem Großen signiertes Edikt von 1717.
Die Mechitharisten haben die armenische Kultur über die stürmischen Zeiten euoropäischer Kriege, über Pogrome und Genozid hinweg gerettet, und sie haben auch zu ihrer Verbreitung beigetragen. Mechithar selbst verfasste neben religiösen Werken auch ein Lexikon der armenischen Sprache. Schon 1796 eröffneten die Mönche auf der Insel eine Druckerei und gaben im klostereigenen Verlag die Hauptwerke der armenischen Literatur heraus. Auch übersetzten sie die lateinischen Klassiker – Cäsar, Cicero, Virgil, Horaz, Seneca und Tacitus – ins Armenische und die wichtigsten Werke der italienischen Literatur: „Die göttliche Kommödie von Dante, „Die Verlobten“ von Manzoni und „Das befreite Jerusalem“ von Torquato Tasso. Zudem publizierten sie eine Reihe Wörterbücher, unter ihnen ein englisch-armenisches, an dem der Romantiker und Weltenbummler Lord Byron mitarbeitete, der 1816 auf der Insel die Sprache der Mönche lernte. Die Mechitharisten verlegten Bücher in 36 Sprachen und in zehn Alphabeten.
Etwa fünf Bücher gibt der Verlag noch jährlich heraus. Seit 1994 wird allerdings nicht mehr auf San Lazzaro gedruckt. Doch Giovanni Bianchini kommt noch jede Woche auf die Insel heraus. 35 Jahre lang, bis zu ihrer Schließung, hat er in der Druckerei der Mechitharisten gearbeitet. Zeitweilig waren bis zu 30 Typographen im Kloster beschäftigt. „Natürlich aßen wir nicht im Refektorium“, erzählt der Frührentner, der heute auf dem Festland wohnt, weil ihm Venedig wie vielen Venezianern zu teuer geworden ist, „wir waren ja Drucker, Setzer, aber die Patres haben uns immer zuvorkommend behandelt.“ Er hat hier gern gearbeitet. In der Mittagspause setzte man sich in den Garten, unter Zedern und Zypressen oder zwischen die Obstbäume, deren Samen aus Armenien stammten. Und bei schlechtem Wetter, na ja, da ruhte man sich auch mal im Kreuzgang des Klosters aus. Heute kommt Giovanni Bianchini nur noch her, um da und dort mal auszuhelfen. Vielleicht auch nur, weil er, wie einst der bayrische Monarch, Ruhe sucht. Oder wegen des Blickes auf die Lagune, an deren Horizont bei schönem Wetter der Campanile von San Marco zu sehen ist. Es ist ein Blick von einem kleinen Stück Paradies auf die ferne Erde mit ihren Sorgen und Nöten, ihrer Hektik und ihrem Lärm. Die Mechitharistenmönche haben zweifellos eine gute Wahl getroffen.
Thomas Schmid, „Die Zeit“, 12.06.2003
Foto: Anton Borisovich Nossik, Wikipedia Commons
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