Frontstadt und Fenster zur Adria

Rom hatte den Postminister geschickt. Doch kaum hatte Antonio Maccanico auf der Piazza Unità d’Italia, dem großen, zum Meer hin offenen Platz im Zentrum von Triest, einige Sätze gesprochen, kam es zum Eklat: Drei Parlamentsabgeordnete der rechten Opposition, die als Gäste auf der Tribüne waren, ergriffen die Mikrophone und stimmten das „Va Pensiero“ an. Die Menge sang mit, grölte und pfiff, bis der Minister jeden Versuch, seine Rede fortzusetzen, aufgab und sich davonmachte. Der berühmte Gesang aus Verdis „Nabucco“ drückt die Sehnsucht der in babylonische Gefangenschaft geratenen Juden nach ihrer Heimat aus. Sie ist längst auch die Hymne der „esuli“ geworden, der heimatvertriebenen Italiener aus Istrien. Sie waren zusammengekommen, um des 50. Jahrestages des Friedensvertrages von Paris zu gedenken. 1947 wurde der jugoslawisch-italienische Grenzstreit geregelt. Die Siegermächte bildeten den Freistaat Triest, aufgeteilt in eine Zone A, in der die Stadt und ein paar umliegende Dörfer lagen und die unter angloamerikanische Militärverwaltung kam, und eine Zone B, die einen Teil der istrischen Halbinsel umfaßte und unter jugoslawische Militärverwaltung geriet. Etwa 300.000 Italiener flohen danach aus Istrien nach Triest, viele von dort nach Italien weiter oder gar nach Übersee. Im Memorandum von London wurde die Trennlinie zwischen den Zonen A und B zur Staatsgrenze erklärt. Ganz Istrien war nun formell Teil Jugoslawiens. Triest geriet wieder unter italienische Staatshoheit. Im Vertrag von Osimo ratifizierten 1975 beide Staaten die Grenze endgültig.

Minister Maccanico hatte auf der Piazza von Versöhnung und Zusammenarbeit zu sprechen begonnen. „In der Substanz hat er das Richtige gesagt“, urteilt Riccardo Illy, Bürgermeister der Grenzstadt, „doch zum falschen Zeitpunkt, am falschen Ort und vor den falschen Leuten – man redet schließlich nicht im Haus des Gehenkten vom Strick.“ Illy, nebenbei auch Vizepräsident des Kaffeehandel- und Röstereiunternehmens gleichen Namens, wurde als Unabhängiger 1993 zum Ersten Bürger der Stadt gewählt. Der 42jährige Unternehmer, ein schmächtiger Mann mit aristokratischen Zügen, ist ein moderater Politiker. Seine Geburtsstadt Triest versteht er als Brücke zwischen Ost und West. Selbst wenn er von der Zukunft der Stadt mit dem nördlichsten Adriahafen spricht, über den der Handel für einen Markt von 125 Millionen Menschen, angefangen vom unmittelbaren Hinterland, über Slowenien, Kroatien, Ungarn bis in die Ukraine und das ferne Belarus, abgewickelt werden könnte, redet er leise und bleibt betont sachlich.

Ganz anders Denis Zigante. Der Präsident des größten Verbandes der aus Istrien Vertriebenen, ein Jahr jünger als der Bürgermeister, redet sich schnell in Rage. Der Eklat auf der Piazza sei Folge der inakzeptablen Rede des Ministers gewesen. Bevor man von Zusammenarbeit und Versöhnung sprechen könne, müssten erst mal die offenen Wunden geheilt und die historischen Probleme gelöst werden. Dem Postminister, „der von unseren Problemen nichts versteht – das gehört ja auch nicht in sein Ressort“, hat Zigante immerhin das Versprechen abgeknöpft, eine Briefmarke zur Erinnerung des Exodus der Italiener aus Istrien herauszugeben, „dafür ist er ja zuständig.“

Für die übrigen Forderungen ist der Postminister in der Tat nicht zuständig. Die Vertriebenenverbände verlangen von Slowenien und Kroatien, die sich seit dem Zerfall Jugoslawiens Istrien teilen, die Rückgabe der Häuser und Güter an ihre Besitzer, die 1945 bis 1948 vom kommunistischen Regime enteignet wurden, oder an deren Erben. Vom italienischen Staat haben 34.000 Italiener formell eine Entschädigung für ihren verlorenen Besitz gefordert – immerhin hat sich Jugoslawien 1983 in der Übereinkunft von Rom verpflichtet, 110 Millionen Dollar Schadensersatz an Italien zu bezahlen. Davon ist allerdings höchstens ein Zehntel tatsächlich geflossen. Die Forderungen der Vertriebenen, so rechnet Zigante hoch, belaufen sich auf fünf Billionen Lire, umgerechnet etwa fünf Milliarden Mark. „Auf Zinsen verzichten wir“, sagt der Vertriebenenpolitiker großzügig.

Aus seiner rechten Gesinnung macht Zigante kein Hehl. Er ärgert sich darüber, dass Italien „die Slawokommunisten hofiert, die in Slowenien an der Macht sind“. Den Vertrag von Osimo hält er für ungültig, da ja einer der beiden Unterzeichner-Staaten, Jugoslawien, nicht mehr existiere. Daß Koper (Capodistria), Novigrad (Cittanova), Rijeka (Fiume), Zadar (Zara) italienische Städte sind, steht für ihn außer Frage. Ja auch Split (Spalato) und Dubrovnik (Ragusa), die nie zu Italien gehörten, sind für ihn „italianissimo“, weil einst Teil der Seerepublik Venedig, „deren Kultur schließlich Teil der italienischen Kultur war“. Vielleicht, so träumt Zigante, „ist dies alles eines Tages wirklich wieder Italien“. Doch er ist auch Realist: Eine militärische „Rückeroberung“ der dalmatischen Küste kommt für ihn nicht infrage, „außerdem hätten wir dann ja 600.000 bis 700.000 Slawen im Haus“. Zum Abschied schenkt der Präsident des Vertriebenenverbandes dem Gast eine Bilderbroschüre. Das erste Foto zeigt das Dokument des Friedensvertrags von Paris von 1947 und ist überschrieben mit „Das Diktat“. Dann folgen Bilder grausam von kommunistischen Partisanen verstümmelter Leichen, von ausgemergelten Körpern jugoslawischer Lagerhäftlinge, von fliehenden Menschenmassen, vom Protest der Triestiner gegen den Vertrag von Osimo. An der Authentizität der Bilder gibt es keinen Zweifel. Doch sie zeigen nur eine Seite des Dramas.

Serbisch-orthodoxe Kathedrale in Triest

Das sollte sich nach dem Krieg radikal ändern. Im November 1918 landeten italienische Marinesoldaten im Hafen und wurden von der Bevölkerung stürmisch begrüßt. Triest, „la irredenta“ („die Unerlöste“), war endlich Teil der großen italienischen Familie. Der Nationalismus der Irredentisten, die schon immer die „Italianität“ Triests beschworen hatten, war ein guter Nährboden für die faschistische Bewegung, die hier schon früh eine Hochburg hatte. Schon im Juli 1920 setzten faschistische Schwarzhemden am helllichten Tag, von Polizei und Armee in keiner Weise gestört, das „Narodni Dom“ (Volkshaus), das Zentrum der kulturellen und politischen Vereinigungen der slowenischen Minderheit, in Brand. Nach dem Vertrag von Rapallo vom November 1920, der Italien ganz Istrien, Rijeka (Fiume) und Zadar (Zara) zugestand, wurden 200.000 Kroaten und 350.000 Slowenen von Rom aus regiert. „Wir müssen uns immer klar vor Augen halten, dass uns diese Leute nie mögen werden“, warnte Mussolini, „also dürfen wir keine Skrupel haben.“ Und so ließ der Duce, der Ende 1922 die Regierung übernahm, bedenkenlos an die 500 slowenische und kroatische Schulen schließen, im öffentlichen Dienst wurden Angehörige der Minderheit entlassen, Vor- und Nachnamen wurden italianisiert, selbst noch auf den alten Grabsteinen der Friedhöfe. Von den 42 Angeklagten, die die faschistische Sonderjustiz zwischen 1927 und 1943 (also noch vor Beginn des breiten bewaffneten Widerstands) zum Tod verurteilte, waren 33 Slowenen oder Kroaten. Zehntausende Angehörige der slawischen Minderheiten hielten dem Druck nicht stand und flohen ins neu entstandene Königreich der Serben, Slowenen und Kroaten, das sich 1929 in Jugoslawien umbenannte.

Triest, an der Nahtstelle zwischen lateinischer und slawischer Welt gelegen, von Maria Theresa im 18. Jahrhundert von einem 5.000- Seelennest zu einer Handelsstadt entwickelt, war einst Schmelztiegel verschiedenster Kulturen und Nationen. Seine wirtschaftliche Blüte erreichte es im 19. Jahrhundert. Franz Joseph hatte Triest, das Fenster zur Adria, zur Hafenstadt für ganz Mitteleuropa erkoren. Entsprechend wurde gebaut. „Machen’s es so wie in Wien“, soll der alte Herr den Stadtplanern und Architekten gesagt haben, „nur ein bisserl kleiner.“ Noch heute künden die prächtigen Palazzi der Assicurazioni Generali und der Lloyd Triestino vom einstigen Reichtum der Handelsstadt. Die große serbisch-orthodoxe Kirche, in der das Patent der Kaiserin aufbewahrt wird, das den Serben die freie Ausübung ihrer Religion und ihrer Bräuche verbürgt, die griechisch-orthodoxe Kirche, die für die zahlreichen Matrosen und Seeleute aus der Balkanhalbinsel errichtet wurde, und die in syrischem Stil gebaute Synagoge zeugen vom kosmopolitischen Charakter der Stadt, in der zu Beginn dieses Jahrhunderts noch 6.000 Juden lebten. In Triest gab im Jahre 1877 der Wiener Medizinstudent Sigmund Freud seine „Beobachtungen über Gestaltung und feineren Bau der als Hoden beschriebenen Lappenorgane des Aals“ in Druck. An der Volksuniversität von Triest dozierte James Joyce, der elf Jahre in der Hafenstadt verbrachte, über Defoe und Shakespeare. Bei Joyce lernte übrigens der Triestiner Jude Ettore Schmitz, Direktor einer Lackfabrik, der später als Italo Svevo zu literarischem Weltruhm gelangte, sein Englisch. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges machten die Italiener knapp die Hälfte der Bevölkerung der österreichischen Hafenstadt aus, die Slowenen ein Viertel.

Die Revanche kam während und vor allem am Ende des Zweiten Weltkriegs. Sechs Wochen nach dem Sturz Mussolinis rief dessen Nachfolger Marschall Badoglio Anfang September 1943 den Waffenstillstand aus. Die italienische Armee löste sich an der jugoslawischen Front weitgehend auf. Und in Istrien  wurde sofort Rache geübt – zunächst an den Beamten des faschistischen Regimes, das Tausende von Kroaten und Slowenen interniert und ein Jahr zuvor ein ganzes Dorf, Podhum, dem Erdboden gleichgemacht und 108 Bewohner füsiliert hatte, bald aber auch an den Italienern schlechthin und manchmal sogar an Partisanen des antifaschistischen Widerstands. Es kam zu privaten Abrechnungen, zu Vergewaltigungen und Lynchjustiz. In der Regel machte sich der Volkszorn unkontrolliert Luft, mitunter wurde er auch von den kommunistischen Partisanen Titos gesteuert. 500 bis 700 Menschen wurden im Herbst 1943 in die oft mehrere hundert Meter tiefen Schlucklöcher des Karstgebirges geworfen.

Am 1. Mai 1945 marschierten – einen Tag vor der Ankunft der Alliierten – Titos Truppen in Triest ein, das mehr als anderthalb Jahre lang von den Deutschen besetzt war und wo die Nazis in einer Reismühle am Stadtrand das einzige Konzentrationslager auf italienischem Boden eingerichtet hatten. Die jugoslawischen Partisanen blieben 42 Tage in der Stadt, bis sie sich auf angloamerikanischen Druck hin zurückzogen. In den sechs Wochen nahm die OZNA, die politische Polizei, die im Auftrag des ZK der Slowenischen Kommunistischen Partei agierte, in Triest und seinem Umland Tausende von Personen fest, viele wurden standrechtlich erschossen, noch mehr in jugoslawische Lager deportiert, die sie oft nicht mehr lebend verließen. Etwa 4.000 bis 5.000 Personen verschwanden in den Tiefen des Karsts: gefallene oder gefangengenommene deutsche Soldaten, italienische Faschisten, wirkliche oder vermeintliche Kollaborateure.

Der große Exodus der Italiener aus Istrien, der mannigfache Gründe hat, steht in einem ursächlichen Zusammenhang mit diesen Traumata von 1943 und 1945. Die „esuli“, die aus Istrien geflohenen oder vertriebenen Italiener, aber „wurden von einem Großteil der Linken allesamt vorschnell als Nationalisten oder gar Faschisten apostrophiert“, schrieb der Triestiner Schriftsteller, Kulturkritiker und Germanist Claudio Magris anlässlich des 50. Jahrestags des Friedensvertrags von Paris, „und von rechter Seite wurden sie absichtsvoll in die Isolation getrieben, um ihre Verbitterung zu schüren und aus ihrem Leiden politisches Kapital zu schlagen.“

Der Vergleich mit den Sudetendeutschen drängt sich auf. In beiden Fällen haben zudem Verbandsfunktionäre oft mehr dafür getan, die Wunden offen zu halten, als sie zu heilen. Doch es gibt auch die Nestbeschmutzer. Zum Beispiel Fulvio Tomizza, Jahrgang 1935, wohnhaft in Triest. Aufgewachsen in Materada, einem kleinen Dörfchen im istrischen Hinterland, das 1947 formell unter jugoslawische Verwaltung kam, erlebte er hautnah, wie seine italienischen Landsleute mit willkürlichen Hausdurchsuchungen, Festnahmen, Prozessdrohungen und Prügeln aus dem Land geekelt wurden. Sein Vater starb im Alter von 47 Jahren an den Folgen der Haft. Auch er gab schließlich auf und zog nach Italien. Dem großen Exodus der istrischen Italiener hat Tomizza mit seinem auch in deutsch erschienenen Roman „Materada“ 1960 ein literarisches Denkmal gesetzt. Für jene Triestiner, die ihrer Frontstadt bei jeder Gelegenheit das Gütesiegel der „italianità“ verpassen, hat er nur Spott übrig. Oft müsse man nur den Endvokal des Familiennamens streichen, und schon komme der Slawe hervor. „Die Triestiner sind Mischlinge“, sagt der Schriftsteller, „drei Viertel von ihnen haben slawische Vorfahren.“ Trotzdem oder gerade deswegen hätten viele von ihnen für alles Slawische nur Verachtung übrig, das für sie gleichbedeutend sei mit obskur, mysteriös, potentiell explosiv, irrational, kurzum balkanisch.

Die Forderungen der slowenischen Minderheit in Italien, die Denis Zigante, der Verbandspräsident der Vertriebenen, für völlig überzogen hält, kann der Italiener Tomizza, der auch slowenisch und kroatisch spricht, alle unterschreiben. Weshalb sollten die Slowenen in der Gemeindeversammlung und vor Gericht nicht in ihrer Muttersprache reden dürfen? Natürlich soll man ihrer Vertretung einen sicheren Sitz im Parlament der Region Friaul-Julisch Venetien, dessen Hauptstadt Triest ist, einräumen. Aber auch für die aus Istrien geflohenen Italiener hat Tomizza Verständnis. Ihre Forderungen nach Entschädigung seien ganz und gar berechtigt. Zwar geißelt er die Verbandsfunktionäre, die am liebsten eine Regierung hätten, die gegen den Nachbarn immerzu Krieg führt, doch andererseits habe sich Italien für das Schicksal der Vertriebenen nie wirklich interessiert. „In Italien hat man nie verstanden, dass diese Leute alles zurückgelassen haben, gerade weil sie sich als Italiener fühlten.“

Mit seiner Rede auf der Piazza Unità d’Italia habe der Postminister den richtigen Ton getroffen, sagt Tomizza, man müsse offensiv und öffentlich für die Zusammenarbeit zwischen den Nationen und Völkern eintreten. In „Franziska“, seinem Roman, der gerade zum 50. Jahrestag des Friedensvertrags von Paris erschienen ist, geht es um die Geschichte einer Liebe zwischen einem slowenischen Mädchen und einem italienischen Offizier, um die Begegnung zweier Welten mit verschiedenen Kulturen, die die Individuen prägen, ihre Seelenzustände und Idiosynkrasien. Die Beziehung scheitert. Denn der Roman spielt in den Jahren unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg, als Faschisten und Irredentisten die Konfrontation zwischen Italienern und Slawen schürten. Wäre Triest damals Brücke statt Frontstadt gewesen, so legt uns der Autor nahe, hätte die Liebe zwischen Franziska und ihrem Nino zumindest eine Chance gehabt.

Thomas Schmid, „Berliner Zeitung“, 03./04.01.1998

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