Ihre Stärke ist die Angst der andern

Sizilien hat in den letzten 3.000 Jahren viele fremde Herrschaften gekannt. Und sie alle haben Spuren hinterlassen: Es gibt sikulische Grabhöhlen, griechische Tempel und normannische Kirchen. Die Araber haben sich auf dem Speisezettel verewigt. Der bekannteste Nachtisch der Insel, die Cassata siciliana , ist von orientalischer Süße und hat im arabischen „qas’at“ (runder Topf) seinen Ursprung. Die Araber brachten den Insulanern zudem bei, wie man Salz gewinnt, Bodenschätze abbaut und das Land bewässert. Auch die Orangen und Zitronen, heute Markenzeichen Siziliens, haben die Araber gebracht. Es war eine Blütezeit. Die meisten Herrscher aber haben die Insel schamlos ausgeplündert. Die Römer holzten, um Schiffe zu bauen, gnadenlos  die Wälder ab. Die Franzosen wüteten auf der Insel, bis ein Volksaufstand losbrach und in der Hauptstadt sämtliche Franzosen niedergemetzelt wurden. Die Spanier erfanden immer wieder neue Steuern, die sie den Sizilianern abpressten. Doch die schlimmste Herrschaft sollte dann aus dem eigenen Volk kommen: die Mafia.

Fabio Messina hat ihr den Kampf angesagt. An der Via Vittorio Emanuele im Herzen der Altstadt von Palermo, gleich hinter der Vucciria, dem alten Gemüse- und Fischmarkt, der orientalisches Flair ausstrahlt, hat er einen Laden eröffnet: Emporio pizzo-free. Der 28-jährige ehemalige Offizier der Handelsmarine trägt ein grünes T-Shirt mit der Aufschrift: „Wenn ein ganzes Volk den Pizzo bezahlt, ist das ein Volk ohne Würde“, Pizzo ist das Schutzgeld, das die Mafia eintreibt. Messina verkauft Erzeugnisse von 35 Produzenten der Antimafiaorganisation Addiopizzo (Tschüss Schutzgeld): Wein, Lederwaren, Marmelade, Fahrräder, Mützen, Sonnenbrillen, Uhren, Hemden. „Als ich den Laden eröffnete“, sagt der bärtige Wuschelkopf, „kamen den ganzen Tag über Leute vorbei und gratulierten mir. Einige bedankten sich mit Wein, andere mit Cannoli“, köstlichen sizilianischen Teigrollen, die mit süßer Ricotta gefüllt sind.

Wie eine Krake hat die Mafia ihre Tentakel über Sizilien ausgebreitet. Mit ihren tausenden Saugnäpfen zieht sie bei reichen Industriellen wie armen Händlern Schutzgelder ein. Die Cosa Nostra, wie die sizilianische Mafia mit ihren in diversen Familienclans organisierten etwa 5.000 bis 6.000 Mitgliedern heißt, bereichert sich zwar auch über Waffen – und Drogenhandel sowie über die Erpressung bei der Vergabe lukrativer Bauaufträge.  Doch der Pizzo, das Schutzgeld, ist in Sizilien weiterhin ihre größte Einnahmequelle.  Ein Tabakhändler bezahlt im Durchschnitt monatlich 32 Euro, ein Ladenbesitzer zwischen 200 und 500 Euro und ein Supermarkt 5.000  bis 25.000 Euro, bei Unternehmern ist die Grenze nach oben offen. So fließen jährlich mehr als eine Milliarde Euro in die Taschen der Mafiosi.

Es ist noch nicht lange her, da ging kaum einem Sizilianer das Wort Mafia über die Lippen. Heute treten erpresste Händler und Angehörige von Ermordeten an den Schulen auf, um eine neue Generation über das alte Übel aufzuklären. Der öffentliche Raum wird der Mafia, deren Stärke schon immer die Angst der andern war, vor allem durch Addiopizzo  streitig gemacht.  In Palermo haben sich 250 Händler, Restaurant- und Ladenbesitzer in der Antimafiaorganisation zusammengeschlossen. Und 10.000 Palermitaner haben schriftlich versprochen, sie würden nur noch in Geschäften einkaufen, die keinen Pizzo bezahlen.

Von Messinas Laden sind es nur wenige Schritte zur Antica Focacceria San Francesco. Im 1834 gegründeten Restaurant speiste schon Garibaldi, nachdem er in Sizilien gelandet war, um Italien von Fremdherrschaft zu befreien und zu einigen. Noch heute isst man hier Pani ca’ meusa, gebratene Kalbsmilz im Brötchen. Vor dem historischen Lokal stehen 24 Stunden am Tag  zwei Busse der Carabinieri. Jahrelang hat Vincenzo Conticello, der Inhaber der Focacceria, den Pizzo bezahlt. Doch dann wurden die Forderungen der Mafiosi immer unverschämter. Hätte er ihnen nachgegeben, wäre er heute ruiniert. Also verpfiff er die drei Erpresser, die schließlich zu 10, 13 und 16 Jahren Gefängnis verurteilt wurden.  Seither genießt Conticello Personenschutz.

Noch ist die Mafia stark in Sizilien.  Doch in der Öffentlichkeit ist sie in die Defensive geraten. Der sizilianische Unternehmerverband hat beschlossen, Mitglieder, die Schutzgeld bezahlen, auszuschließen. Natürlich muss das Delikt, das als „Begünstigung der Mafia“ auch strafrechtlich relevant sein kann, erst mal nachgewiesen werden. Entscheidend aber ist die Botschaft. Dieselbe Botschaft geht von drei Agrarkooperativen außerhalb von Palermo aus, die auf konfisziertem Land, das verurteilten Mafiosi gehörte, vor allem Wein anbauen. Ihre Kooperativen sind nach Opfern der Mafia benannt, nach Pio La Torre, dem 1982 ermordeten Chef der Kommunistischen Partei in Sizilien, oder nach Placido Rizzotto, dem Gewerkschaftsführer von Corleone, der 1948 eine Bewegung von Landbesetzungen angeführt hatte und von der Mafia umgebracht wurde.

Aus demselben Corleone, einer kleinen Stadt im gebirgigen  Hinterland von Palermo stammen übrigens die drei bekanntesten Mafia-Bosse der Nachkriegszeit: Luciano Liggio, der Placido  Rizzotto ermordet hatte und in den 80er Jahren im so genannten „Maxi-Prozess“ zusammen mit über 400 Mafiosi vor Gericht gebracht wurde, Toto Riina, der die Cosa Nostra fast zwei Jahrzehnte lang (1974-1993) führte und vermutlich den Mord am Antimafiarichter Giovanni Falcone, erschossen 1992, in Auftrag gab, und Bernardo Provenzano, der 43 Jahre lang flüchtig war, bis er vor zwei Jahren in einem Schuppen zwei Kilometer außerhalb von Corleone festgenommen wurde. Zu Weltruhm gelangte das sizilianische Städtchen 1972 mit Francis Ford Coppolas Film „Der Pate“, in dem Marlon Brando die Hauptrolle des Mafiabosses Don Vito Corleone spielt.

Inzwischen muss sich in Corleone die Mafia die Macht mit ihren Gegnern teilen. Im Zentrum des Ortes steht ein Antimafia-Museum. Es besteht aus drei Sälen. In einem werden Hunderte von Bänden des erwähnten Maxi-Prozesses gegen die Mafia aufbewahrt, in den andern beiden hängen großformatige Fotos von Letizia Battaglia, der wohl bekanntesten Fotografin Italiens. Sie hat Täter wie Opfer im Bild festgehalten:  den mafiosen Bürgermeister von Palermo Vito Ciancimino  wie auch den Textilunternehmer Libero Grassi, der 1991 einem Killer zum Opfer fiel, weil er sich weigerte, den Pizzo zu bezahlen. Ein Foto zeigt einen Mann, dem in den Mund geschossen wurde. Die unmissverständliche Botschaft der Mafia: Er hat das Gesetz der Omertà missachtet, das Gesetz des Schweigens,  auf dem die Macht der Mafia beruht. Wer es bricht, bringt sich in Gefahr. Wenn es genügend viele tun, ist allerdings  die Mafia in Gefahr. Das ist das Kalkül von Fabio Messina, der seine schutzgeldfreien Waren verkauft, das Kalkül von Addiopizzo, das Kalkül der Kooperativ-Bauern, das Kalkül des Antimafia-Museums. Ob die Rechnung aufgeht, weiß niemand. Doch es scheint, es ist die einzige Chance, die Sizilien hat, sich nach Jahrhunderten der Fremdherrschaft auch von der eigenen kriminellen Herrschaft zu befreien.

Thomas Schmid, „Die Tageszeitung“ (taz), 7./8.06.2008

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