Keine Traumhochzeit für die Postkartenprinzessin

Marrakesch putzte sich heraus. Die Strassen wurden beflaggt und die Bordsteinkanten neu gestrichen. Und am Stadtrand waren schon an die dreihundert riesige Zelte aufgebaut, um die Delegationen aus allen Landesteilen vom Rif-Gebirge im Norden bis zur völkerrechtswidrig annektierten Westsahara im Süden zu empfangen, Stammesführer und Notabeln, die das Hochzeitspaar mit Geschenken überhäufen würden. Seine Majestät hat geheiratet. Mohammed VI., König von Marokko, kurz: M 6, und Salma Bennani haben sich das Ja-Wort gegeben. Ab morgen sollte nun drei Tage Hochzeit gefeiert werden. Ein Riesenfest, zu dem Hunderttausende erwartet wurden. Doch am Montagabend wurden die öffentliche Hochzeitsfeier abgeblasen – „aufgrund der Entwicklung im Nahen Osten und der dramatischen Konsequenzen für das palästinensische Volk“, wie der Palastsprecher verkündete. Über eine Million Menschen waren  am Tag zuvor in Rabat, der Hauptstadt des Landes, auf die Strasse gegangen, um ihre Wut auf die israelische Politik herauszuschreien, sich mit den Palästinensern zu solidarisieren oder einfach um mitzumarschieren, weil schliesslich sämtliche Parteien, Gewerkschaften und Organisationen der zivilen Gesellschaft zur Demonstration aufgerufen hatten.

In Marrakesch, der alten Königsstadt der Berber-Dynastien der Almoraviden und Almohaden, die vom 11. bis zum 13. Jahrhundert herrschten,  findet man niemanden, der die Entscheidung des Königs kritisieren würde. Man hat Verständnis. Schliesslich sieht man am Fernsehen jeden Tag die Bilder aus Ramallah und Bethlehem. „Zum Feiern ist hier niemandem zumute“, heisst es nun plötzlich überall, nachdem man sich tagelang auf das Fest gefreut hatte. Es ist, als ob Seine Majestät dem Land eine neue Gefühlslage verordnet hätte. Nur die Djemaa-el-Fna, der Hauptplatz in der Medina, der Altstadt, lässt sich von königlichen Verlautbarungen nicht beirren. Hier explodiert die Lebensfreude. Es ist ein wahrer Schmaus für Ohren, Augen, Nasen und Gaumen: Das Fagott der Schlangenbeschwörer wetteifert mit den Glocken der Wasserverkäufer, Alte begleiten mit ihren Trommeln junge Bauchtänzerinnen, dressierte Paviane schlagen neben Wahrsagerinnen Purzelbäume. Man verkauft Kobra-Häute, Stacheln von Stachelschweinen, Ziegenköpfe und wunderliche Pflanzen, alles was „Baraka“ verspricht, göttliche, heilbringende Kraft und Schutz vor dem bösen Blick. Marrakesch ist die einzige Grossstadt Marokkos, in der bis heute die Berber gegenüber den Arabern in der Mehrheit sind, und die Djemaa-el-Fna ist der Inbegriff berberischer Kultur.

Hassan II., der vor drei Jahren verstorbene Vater des heutigen Königs, hat wie schon sein eigener Vater, Mohammed V., eine Berberin geheiratet. Wohl aus politischen Gründen. Die rebellischen Volksstämme der Berber sollten mit dem Königreich versöhnt werden. Mohammed VI. kennt dergleichen Umsicht nicht. Der 38jährige König hat eine 24jährige Informatikerin geehelicht, eine Araberin aus Fes, dem geistlichen und religiösen Zentrum Marokkos. Salma war leitende Angestellte bei ONA, der ersten und bis heute grössten privaten Holding Marokkos, deren Hauptaktionär das Königshaus ist. Königin wird Salma zwar nicht werden, denn „der Islam kennt keine Königin“, wie M 6 selbst jüngst öffentlich klarstellte. Aber immerhin wird sie den Titel „Prinzessin“ tragen. Das ist neu. Latefa, die Frau Hassans II., eine der über 30 Konkubinen des Harems, war nur „Mutter der Prinzen“.

Doch Mohammed VI. brach noch deutlicher mit der Vergangenheit. Bis heute gibt es kein Bild von Latefa, die im Alter von 13 Jahren als Geschenk des Führers eines Berberstammes in den königlichen Harem von Mohammed V. geriet. Ihre Heirat mit Hassan II. wurde der Öffentlichkeit überhaupt erst bekannt, als zwei Jahre später der Thronfolger geboren wurde. Mohammed VI. hingegen kündigte seine Verlobung im vergangenen Jahr vor dem Parlament an, das ihn umgehend mit rauschendem Beifall bedachte. Und von Salma zirkulierten schon bald Fotos im Internet. Doch erst vor drei Wochen, als vor dem Standesamt die Ehe besiegelt wurde, wagten die Zeitungen Bilder der „Prinzessin“ zu veröffentlichen. Ihre Auflagen stiegen ins Astronomische. Denn alles, was mit dem Königshaus zusammenhängt, ist für die Presse nach wie vor ein Tabu. Noch im vergangenen Oktober wurde ein Chefredakteur vor den Kadi zitiert, bloss weil seine Zeitung vermeldet hatte, dass einer der rund zwanzig königlichen Paläste zum Verkauf anstehe. Nun aber werden auf der Djemaa-el-Fna überall Postkarten mit dem Konterfei der „Prinzessin“ verkauft. Ihr Gesicht mit den langen, rötlich gefärbten Haaren ist unverschleiert. Eine Provokation für Islamisten.

Solch Offenheit könnte eine Bresche für die Emanzipation der marokkanischen Frauen schlagen. Salma Bennani steht für die moderne Frau, die mit beiden Beinen im Arbeitsleben steht. Zumindest haben nun viele Marokkanerinnen der jüngeren Generation Hoffnung geschöpft. „Sie ist eine von uns“, sagt Saida, die in Marrakesch ein Internet-Café betreibt, „sie ist wie wir.“ Saida ist Hochschulabsoventin, gleich alt wie Salma und eine halbe Generation jünger als die drei Schwestern des Königs, die alle nicht studieren durften. Lalla Mariem, die älteste von ihnen, erfuhr eine Woche vor ihrer Hochzeit, welchen Mann ihr Vater, der König,  unter seinen Günstlingen für sie ausgesucht hatte. Doch Saidas Optimismus ist gedämpft. Ein Gesetzesvorschlag, der vorsah, das heiratsfähige Alter von 15 auf 18 Jahre anzuheben, die Verstossung der Frau, wie sie die Scharia regelt, generell durch die juristische Scheidung zu ersetzen und die Polygamie zu verbieten, scheiterte jüngst schon im Vorfeld am hartnäckigen Widerstand der Islamisten.

Dabei hatte M 6 nach seiner Thronübernahme keinen schlechten Start hingelegt. Als erstes löste er den Harem seines Vaters auf, in dem neben seiner Mutter auch noch zwanzig gealterte Konkubinen seines Grossvaters lebten. Dann feuerte er den „Grosswesir“ Driss Basri, den verhassten Innenminister, der unter der Herrschaft Hassans II. der Mann fürs Grobe war. Schliesslich gestattete er Abraham Serfaty, dem bekanntesten Oppositionellen, der 18 Jahre lang im Gefängnis geschmort hatte und dann ins Exil geschickt worden war, die Rückkehr nach Marokko. Er begnadigte 8.000 Häftlinge und reduzierte die Haft von weiteren 35.000. Die Überlebenden von Tazmamart, des „königlichen Gulag“ in der Wüste, erhielten finanzielle Entschädigungen wie auch die Angehörigen von über hundert „Verschwundenen“. Und als der Monarch im Ramadan des Jahres 2000 über eine Million Essensrationen – oft in seiner Gegenwart – an Bedürftige verteilen liess, avancierte er schnell zum „König der Armen“, ein König zum Anfassen. Dass er später zum Aid-el-Kebir, dem Fastenbrechen, dann 200 Hummer aus der Bretagne für das Gala-Diner in seinem Palast in Casablanca einfliegen liess, steht auf einem andern Blatt.

„Ein neues Zeitalter schien angebrochen“, erinnert sich Jamila, die in Marrakesch eine Buchhandlung führt, „aber …“. Den verschluckten Halbsatz verwandelt sie in ein Schulterzucken. Auf ihrem Ladentisch liegt „Die Affäre Benabderrazik“, ein authentischer Bericht über eine kafkaeske Justizposse, eine fulminantes „J’accuse“ gegen das bis ins Mark korrupte Polizei- und Justizwesen Marokkos. Vor wenigen Jahren noch war es schlicht undenkbar, im Königreich ein solches Buch zu verkaufen. Andererseits gibt es die berühmten „roten Linien“, Tabus, die man nicht ungestraft verletzt: Die Westsahara-Frage, das Militär und vor allem das Königshaus. Jean-Pierre Tuquois „Le dernier roi“, eine kritische Biographie über Mohammed VI., die im Dezember in Paris erschienen ist, kennt in Marokko inzwischen jeder Intellektuelle. Man hat eben so seine Kontakte. Doch im Reich von M 6 ist der Vertrieb des Buches untersagt.

„Die Person des Königs ist unverletztlich und heilig“, heisst es im Artikel 28 der marokkanischen Verfassung. Zwar versprach Mohammed VI. in seiner ersten Thronrede, dass er in Marokko eine konstitutionelle Monarchie einführen werde. Viele Intellektuelle träumten schon von spanischen Verhältnissen. Doch nichts deutet darauf hin, dass der König seine eigene Macht beschneiden will. Er steht weiterhin formell über der Verfassung. Er nimmt sich das Recht,  die wichtigsten Minister – Innen-, Aussen und Justizminister – selbst einzusetzen. Einen Verteidigungsminister gibt es nicht. Denn Oberkommandierender der Armee ist der König, der zudem auch noch „Emir der Gläubigen“ ist. Die Marokkaner sind Mohammed VI. somit gleich dreifach zur Loyalität verpflichtet: als Staatsbürger, als Untertan und als Muslime.

Doch der Muff, unter dem Marokko in den Jahren von Hassans II. Königsdiktatur zu ersticken drohte, hat sich unter dem Druck der frischen Brise aus dem Palast verflüchtigt. Man atmet freier. Die Presse, die sich vor wenigen Jahren noch im wesentlichen auf Lobhudeleien auf den Souverän beschränkte, prangert heute Missstände an. Die Angst vor einem allgegenwärtigen Geheimdienst ist verflogen. Aber nach der Euphorie, die nach dem Thronwechsel ganz Marokko ergriffen hat, macht sich nun Ernüchterung breit. Schon wieder wurden Menschenrechtler eingesperrt. Schon wieder wurden Zeitungen verboten. Die Fragen stehen im Raum. Hat M 6 Gefallen an der Macht gefunden? Hat er doch nicht die Kraft, mit den schlechten Seiten der Tradition der alawitischen Dynastie zu brechen? Wird er von den Militärs in die Schranken gewiesen? Ist er einfach überfordert, wie der berühmte marokkanische Schriftsteller Driss Chraibi mutmasst („Wie soll dieser junge König mit seiner Clique von Klassenkameraden Marokko regieren können?“)? Oder hat er schlicht die Schnauze voll von den Geschäften des Alltags und träumt von seinem früheren Leben, als er schnelle Wagen fuhr und die Diskotheken und Nachtbars europäischer Hauptstädte abklopfte?

In den Kaffeestuben an der Djemaa-el-Fna, dem quirligen Platz im Zentrum von Marrakesch, ist man sich im grossen und ganzen einig: Man kann die Verhältnisse in Marokko eben nicht von einem Tag auf den andern ändern. „Mohammed VI. will sicher nur das Beste“, meint Ahmed, ein Taxifahrer aus der Pariser Banlieue, der extra wegen der königlichen Hochzeit nach Marrakesch gekommen ist, „aber die allmächtige Bürokratie…, dagegen kommt auch er nicht an, er kann ja nicht überall gleichzeitig sein.“ Seine Freunde pflichten ihm bei. „Wir haben alle unsere Sorgen“, fährt Ahmed fort, der jährlich 900 Dirham, umgerechnet 150 Franken an die Wafabank überweist, den Betrag für die Leichentransportversicherung – schliesslich will er nach seinem Ableben auf marokkanischem Boden beerdigt werden, „auch der König wird seine Sorgen haben.“ Seine Freunde nicken. Ja, so ist es. Seine Hochzeit feiert Mohammed VI. im Königspalast deshalb im kleinen familiären Rahmen.

Thomas Schmid, „Die Weltwoche“, 11.04.2002