Die Sonne brennt erbarmungslos. Abfallhaufen modern vor sich hin. Tausende von Fliegen laben sich an verfaulenden Gemüseresten. Neben dem Brunnen, wo Mädchen mit Plastikeimern anstehen, verrichtet eine Kuh ihr Geschäft. Der Wind wirbelt Staub und Dreck auf. Es stinkt. Karian Toma gehört zu den elendesten Vierteln von Sidi Moumen, dem riesigen Slum mit seinen 170.000 Einwohnern am nördlichen Rand der Viermillionenstadt Casablanca. Sämtliche zwölf Attentäter, die am 16. Mai an fünf verschiedenen Orten der Geschäfts- und Handelsmetropole Marokkos nahezu zeitgleich sich selbst in die Luft sprengten und weitere 31 Menschen in den Tod rissen, wohnten in Sidi Moumen, über die Hälfte von ihnen in Karian Toma.

Man kann das Elend beschreiben. Man kann es auch errechnen. Nach amtlichen Angaben wohnen in Karian Toma 17.607 Einwohner auf einer Fläche von 14,8 Hektaren. Auf einem Areal von 385 mal 385 Metern wohnen also etwa so viele Leute wie in ganz Aarau. Und sie müssen alle auf einer Etage Platz finden. Denn mehrstöckige Häuser gibt es in Karian Toma nicht, nur 2.086 Hütten, zur Hälfte gemauert, zur Hälfte aus Blech. Durchschnittlich neun Personen pro Baracke, 8,4 Quadratmeter pro Person.


Er wollte nur beten

Karian Toma ist 1970 entstanden. Doch bis heute hat kein einziges Haus fliessendes Wasser, aber immerhin gibt es seit einem Jahr elektrischen Strom. Im Labyrinth der engen Gassen, von denen nur wenige asphaltiert sind, tummeln sich Hühner und Kinder. Hin und wieder schützt ein seltsamer Gegenstand am Wellblech vor dem bösen Blick oder verspricht Baraka, ein bisschen Glück in dieser Trostlosigkeit. Viele der Bewohner des Slums sind keine Araber, sondern Berber, bei denen mystische Ausformungen des Islam weit verbreitet sind.

Natürlich bringt Elend nicht zwangsläufig Terror hervor, und umgekehrt stammen Terroristen nicht zwangsläufig aus Elendsvierteln. In den entlegenen Dörfern des Hohen Atlas gibt es extremere Armut als in Karian Toma, aber keine Terroristen. Andererseits kamen viele der Attentäter, die am 11. September 2001 die Twin Towers von Manhattan in Schutt und Asche legten, aus der gehobenen Mittelschicht. Aber die Slums von Casablanca sind offenbar ein günstiges Rekrutierungsfeld islamischer Fundamentalisten.

Mohamed Kawtari ist Vater eines „Kamikaze“, wie hier die Selbstmordattentäter genannt werden. Er lebt vom Handel mit Pfefferminze, die in Marokko traditionell zusammen mit schwarzen Teekräutern aufgebrüht wird. Mit einer stummen Geste lädt er in den kleinen Innenhof seiner Baracke ein, wirft ein Schaffell hin, setzt sich auf den Boden, stützt die Stirn in die Hand, wendet sein Gesicht ab und schweigt. Seine Frau, in leuchtendem, karmesinrotem Gewand und weissem Kopftuch lässt sich in der Ecke des Raums nieder. Sie hat nächtelang geheult. „Nur Allah weiss, warum er uns das angetan hat“, beginnt der Mann schliesslich das Gespräch. Drei Nächte lang hat er im Polizeikommissariat von Casablanca verbracht, wurde immer wieder verhört und wusste doch nichts zu erklären. Man hat ihn ins Leichenschauhaus geführt und ihm einen blutigen Schädel gezeigt. „Ich konnte nicht hinsehen“, sagt Mohamed Kawtari, „ich weiss nicht, ob es mein Youssef war.“ Nach drei Tagen liess man den alten Mann endlich frei. Sein Haus hat er seither nicht mehr verlassen. Er erträgt die Beschimpfungen der Leute nicht mehr, und die Kinder haben sogar Steine nach ihm geworfen. Kein einziger Nachbar kam vorbei, um Trost zu spenden, um wenigstens ein Wort zu sprechen, um zu kondolieren.

Zehn Kinder haben Mohamed Kawtari und seine Frau in die Welt gesetzt. Ein Sohn starb vor elf Jahren, als ihm ein Stein an den Kopf geworfen wurde, einer liegt zerfetzt in der Pathologie, und einer ist zwei Tage nach dem Attentat von der Polizei festgenommen worden. Seither – seit zwei Wochen schon – haben die Eltern nichts mehr von ihm gehört. Bis vor sechs Monaten sei Youssef ein ganz normaler junger Mann gewesen, sagt Mohamed Kawtari, „dann, im Ramadan, hat er den Bart wachsen lassen, besuchte niemanden mehr ausser seine bärtigen Freunde, ging täglich fünfmal in die Moschee beten und weigerte sich, den Fernseher anzumachen. Auch rührte er keine Frau mehr an, nicht mal seiner Schwester oder Mutter gab er noch die Hand.“ Früher habe er hier und da gearbeitet, Sport getrieben und vor dem Aid el Kebir, dem „Grossen Hammelfest“ zu Ehren Abrahams, habe er die gekauften Schafe bewacht. „Plötzlich war er wie verwandelt“, sagt der Vater des Selbstmordattentäters, „er sprach mit mir kein einziges Wort mehr. Ich sagte immer, er solle sich Arbeit suchen. Er aber wollte nur beten.“ Seine Frau schluchzt unablässig leise vor sich hin.

Einer der bärtigen Freunde Youssefs war Mohamed Laâroussi. Auch er wohnte in Karian Toma. Auch er hat sich in die Luft gesprengt. Sein Vater, Meamre Laâroussi, öffnet, tritt vor die Haustüre und wehrt jede Beileidsbekundung brüsk ab: „Hören Sie bloss auf! Es gibt nichts zu kondolieren! Ich will seine Leiche gar nicht haben! Ich werde ihn nicht beerdigen! Sollen sie doch seine Knochen ins Feuer werfen! In die Hölle soll er fahren!“ Noch sechs weitere Kinder hat er. Einer seiner erwachsenen Söhne versucht, ihn ins Haus zurückzuziehen. Schliesslich hat die Polizei die Angehörigen der „Kamikaze“ davor gewarnt, mit Journalisten zu sprechen. Doch dem Vater ist es schnurzegal. Dann sagt der Mann, der nur 44 Jahre alt ist, aber wie ein 60jähriger aussieht: „Ich weiss gar nicht, wo Mohamed ist. Vielleicht war er gar kein Kamikaze. Vielleicht ist er nur wieder mal abgehauen. Er ist ja oft illegal ins Ausland gereist, um Geld zu verdienen. Nach Europa und nach Saudiarabien.“ – „Aber er hätte sich doch von Ihnen wenigstens verabschiedet.“ – „Nein, er hat sich nie verabschiedet, wenn er ging, weil er wusste, dass ich versucht hätte, ihn davon abzuhalten.“ – „Haben Sie denn in letzter Zeit bei ihm keine Veränderungen festgestellt?“ – „Vor zwei Jahren liess er sich den Bart wachsen, aber das taten ja viele.“  Meamre Laâroussi weiss, dass sein Sohn diesmal nicht zurückkommen wird, und kann es sich doch nicht eingestehen. „Noch am Donnerstag haben wir zusammen in der Moschee gebetet“, sagt er, „und am Freitag hat er… hat er…“. Er hat sich und andere in die Luft gejagt.


Tod durch Steinigung

Mohamed Kawtari und Meamre Laâroussi ahnten gewiss nicht, was ihre Söhne vorhatten. Doch auch von den Umtrieben islamistischer Extremisten in Sidi Moumen wollen sie nichts gemerkt haben. Überhaupt will niemand die Veränderungen im Viertel wahrgenommen haben. Alle betonen ungefragt, dass der Islam eine tolerante Religion sei. Auch die vier erwachsenen Töchter von Imam Akh Laârbi beschwören es. Ihr Vater, in dessen kleiner Moschee die meisten Selbstmordattentäter täglich mehrmals zu beten pflegten, ist seit über zwei Wochen schon in Polizeigewahrsam. „Allah hat uns das Leben geschenkt, also dürfen wir nicht töten“, sagt die älteste, die Arabisch und allgemeine Linguistik studiert, „mein Vater hat, glauben Sie es bitte, mit diesen Salafisten wirklich nichts zu tun.“ Seltsam, alle Gesprächspartner im Viertel hatten bestritten, vor den Attentaten den Begriff „Salafismus“ je gehört zu haben. „Ach, alle wussten, dass es hier Salafisten gibt“, sagt die Studentin ungerührt, „spätestens nach dem Vorfall im vergangenen Jahr.“ Damals war in Sidi Mounem ein Mann gesteinigt worden.

Es war am 23. Februar 2002. Da torkelte in Sidi Moumen, in unmittelbarer Nachbarschaft des Viertes Karian Toma, ein sturzbetrunkener Mann durch die Strassen. Fouad El Kerdoudi verfluchte lallend Gott und die Welt. Mohamed Ounahim, ein Salafist vom „Rechten Weg“, versuchte den Schluckspecht zum Schweigen zu bringen. Doch dieser zückte ein Messer und schlitzte dem Bärtigen die Backe auf. Am nächsten Tag fand sich der ausgenüchterte Fouad von einer Gruppe Männer umringt. Zakaria Miloudi, der Emir der salafistischen Gruppe und Gatte von vier Frauen, hatte in einem Schnellgericht eine Fatwa erlassen: der Mann wird wegen Drogenhandel und Gotteslästerung zum Tod durch Steinigung verurteilt. Das Urteil wurde am helllichten Tag unter Augen zufälliger Zeugen vollzogen.


Von Obama bin Laden gesteuert

„All dies war Polizei und Geheimdienst bekannt“, sagt Aboubakr Jamaï, Chefredakteur der französischsprachigen Wochenzeitung „Le Journal hebdomadaire“, die wegen ihrer kritischen Berichterstattung schon zweimal geschlossen wurde, „die Behörden wussten von den Umtrieben der Salafisten, deren Milizen den Alkohol verboten und die Rocklänge der Frauen bestimmten.“ Der Journalist legt eine Ausgabe seiner Wochenzeitung vom Mai vergangenen Jahres auf den Tisch. In einem sechsseitigen Dossier wird da vor den Umtrieben militanter Salafisten in den Slums der Grossstädte gewarnt. Ein Reporter hatte sich vor Ort umgesehen und schrieb einen langen Bericht –  ausgerechnet über Sidi Moumen. Mindestens acht Personen, unter ihnen einen pensionierten Polizeioffizier, haben die Salafisten ermordet. Weshalb die Behörden nicht schärfer durchgriffen, ist Jamai schleierhaft. Der marokkanische Geheimdienst jedenfalls hat nicht den Ruf, verschlafen zu sein.

Aber immerhin wurde vor einem Jahr Zakaria Miloudi verhaftet, der die tödliche Fatwa gegen den Trunkenbold ausgesprochen und „die Anwendung von Gewalt und Zwangsmitteln gegen Abtrünnige des Glaubens“ in einem offenen Brief zu „einer gesetzlichen Pflicht“ erklärt hatte. Die Selbstmordattentäter von Casablanca gehörten alle seinem „Rechten Weg“ an. Waren die fürchterlichen Anschläge eine Rache für die Festnahme des Emirs? Oder waren sie von Osama bin Laden gesteuert, wie die marokkanischen Behörden zu beweisen versuchen? Immerhin wird auf einer Kassette, die angeblich von Al-Qaida stammt und im Februar verbreitet wurde, Marokko neben Saudiarabien, Jordanien und Nigeria als ein Land aufgeführt, das vom Glauben abgefallen und deshalb zu bestrafen sei. Und immerhin hat Al-Qaida nachgewiesenermassen Kontakte zu den algerischen und höchstwahrscheinlich auch zu den marokkanischen Salafisten.

Albert Cohen, Präsident der „Alliance israélite“, einer jüdischen Kulturvereinigung, mag an eine Urheberschaft von Al-Qaida nicht so recht glauben. Er steht vor den Trümmern des Gebäudes seines Vereins. Ein „Kamikaze“ hat das Tor aufgesprengt, zwei weitere sind von der Rückseite über die Terrasse eingedrungen. Beide Stockwerke des Hauses sind total zerstört. Zerbrochene Tische und Stühle liegen herum. Im Mauerwerk klaffen Löcher. Nur der schwere Lüster hat die drei Explosionen unbeschadet überstanden. Die Wände sind von Blutflecken übersät. Am Geländer kleben noch Reste von Menschenfleisch. Irgendwo hat jemand mit Kreide „tête“ auf den Boden geschrieben. Hier wurde der abgetrennte Kopf eines Selbstmordattentäters gefunden. Noch zwei Wochen danach hängt der süssliche Geruch der Verwesung in den Räumen.

„Jeden Abend versammelten sich hier 300 bis 350 Personen“, sagt Albert Cohen, „aber als die Kamikaze am Freitagabend um 22 Uhr kamen, hatte schon längst der Sabbat begonnen. Da war kein einziger Mensch im Saal.“ Wären die Attentäter zur gleichen Uhrzeit am Vortag gekommen, wären wohl viele Juden getötet worden. So aber traf es nur den Wachmann, einen Muslim. Ist das die Handschrift von Al-Qaida? Noch rätselhafter bleibt der Anschlag ganz in der Nähe des alten jüdischen Friedhofs, auf dem seit 1950 niemand mehr begraben wurde. Neben den beiden Terroristen wurden die Leichen von drei offenbar zufällig dort herumstreunenden Jugendlichen gefunden. Auch der Anschlag auf das gut besuchte italienische Restaurant „Positano“, das einen jüdischen Besitzer hat, war – bei aller Tragik –  gewissermassen stümperhaft. Als ein Kellner den drei „Kamikaze“ den Weg versperrte und einen von ihnen wegschubste, liessen diese ihre Bomben vor dem Eingang des Lokals hochgehen. Es starben ein Parkplatzwächter und zwei Polizisten, die vor dem belgischen Konsulat auf der gegenüberliegenden Strassenseite standen. Casablanca zählte am Ende des Zweiten Weltkrieges noch 80.000 Juden. Am Tag nach den Attentaten kamen 4.000 Muslime ins Viertel, in dem noch immer 17 Synagogen stehen, um den rund 3.000 Juden ihre Solidarität zu bekunden, die es – nach der Staatsgründung Israels und nach drei arabisch-israelischen Kriegen – in der Stadt noch gibt.

Die beiden übrigen Anschläge richteten sich nicht gegen Juden, sondern gegen Ausländer schlechthin. In der „Casa de España“, einem Lokal, das allerdings auch von vielen Marokkanern besucht wird, schnitt einer der drei Selbstmordattentäter dem Wachmann die Kehle durch, um sich Zutritt zu verschaffen. Bei den drei Explosionen starben 19 Gäste. Der fünfte Anschlag galt dem Hotel Farah, das in kuweitischem Besitz ist und in dem vorwiegend Ausländer absteigen. Als der Gepäckträger des Hotels den beiden „Kamikaze“ den Zutritt verwehrte, zog einer von ihnen ein Messer, worauf dem Angegriffenen ein Sicherheitsagent zu Hilfe kam. Beide Bedienstete starben, als einer der Terroristen seine Bombe zündete. Weitere Opfer gab es nicht. Denn der andere Attentäter kriegte es im letzten Moment mit der Angst zu tun. Er warf seine Tasche mit der Höllenmaschine ins Vestibül und floh, leicht verletzt, konnte aber schon wenige Strassenzüge vom Hotel entfernt gestellt und der Polizei übergeben werden.


Vom Überlebensinstinkt überwältigt

Die zwölf Selbstmordattentäter schlugen an einem Freitagabend zu, zwei Stunden vor Mitternacht. Schon am Samstag und Sonntag nahm die Polizei zahlreiche Eltern und Geschwister der „Kamikaze“ fest. Woher hatte sie die Namen und Adressen, wo doch die Attentäter nach den Explosionen alle bis zur Unkenntlichkeit entstellt waren? Die Antwort ist simpel: Mohamed Omari, der im Hotel Farah von einem Überlebensinstinkt überwältigt und kurz danach gefasst worden war, hatte ausgepackt: Er verriet die Namen seiner Mitstreiter und auch, wo er selbst das explosive Gemisch gebraut und gelagert hatte. Ob Omari freiwillig oder unter Zwang ausgesagt hat, ist eine Frage, die sich in Marokko niemand stellte. Doch zehn Tage nach dem Blutbad wurde in der alten Königsstadt Fès der Mann festgenommen, der nach Angaben von Omari die Attentate geplant und koordiniert hatte: Abdelhaq Bentassir alias „Moul Sebbat“.  Während seiner Überführung im Polizeibus nach Casablanca starb er – offiziell an Herz- und Leberversagen. Abdelhamid Amine, Präsident der „Marokkanischen Vereinigung für Menschenrechte“ verlangt eine zweite Autopsie der Leiche unter Aufsicht unabhängiger Pathologen. „Er ist nicht am 26. Mai festgenommen, wie die Polizei bekannt gab, sondern bereits am 21. Mai, wie mir seine Mutter berichtete“, sagt der Menschenrechtler, „er war kerngesund, hat Sport getrieben und keine Medikamente genommen.“ Amine hat auf sein Schreiben bisher keine Antwort erhalten. Er erwartet er auch keine.

Wie kommt es, dass zwölf junge Menschen, fast alle zwischen 18 und 25 Jahre alt, dem Leben Adieu sagen, auf Familie, Freunde und Fussball verzichten, sich selbst in die Luft jagen und unschuldige Menschen mit in den Tod reissen? Marokko ist nicht Tschetschenien und auch nicht der Gaza-Streifen. Hier gibt es keine Besatzungsmacht, die Menschen demütigt und ihnen ein unwürdiges Leben aufzwingt. Und die Selbstmordattentäter werden auch von niemandem als Helden gefeiert. Es gibt keine stolzen Mütter, sondern nur zutiefst verstörte und beschämte. Mag sein, dass unter den frustrierten Jugendlichen in den Slums mancheiner klammheimliche Freude empfindet. Doch zu zeigen wagt sie keiner. In  Casablanca herrschen weithin Entsetzen und Verständnislosigkeit.

„Man muss die PJD zur Rede stellen, sie spricht mit doppelter Zunge, ihre Ideologie ist der Humus, auf dem der Terrorismus wächst“, sagt Abraham Serfaty. Die PJD, das ist die angeblich moderate islamistische „Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung“, die drittgrösste Kraft im Parlament, die nach den Gemeindewahlen im kommenden September möglicherweise die Bürgermeister sämtlicher Grossstädte Marokkos stellen wird. Und Abraham Serfaty ist nach Scheich Abdessalam Yassine, von dem noch die Rede sein wird, der bekannteste Ex-Häftling des Landes. König Hassan II. hat den jüdischen Linksextremisten, der nur Bücher schrieb und nie eine Waffe trug, wegen „Komplottes gegen die Sicherheit des Staates zu einer lebenslänglichen Gefängnisstrafe verurteilt. Doch wurde der Marokkaner 1991 nach 17 Jahren Haft entlassen, offiziell zum Brasilianer deklariert, der er nie war, um ihn nach Frankreich ins Exil abschieben zu können. Mohammed VI., der seinem Vater vor vier Jahren auf den Thron folgte, holte den prominenten Mann nach Hause, besorgte ihm in Mohammedia, einem Badekurort bei Casablanca, eine Villa direkt am Meer und machte ihn zum Berater der nationalen Erdölgesellschaft.

Der Dissident

Nun sitzt also Abraham Serfaty, inzwischen 77 Jahre alt, im Rollstuhl und schaut auf den Ozean hinaus. „König Mohammed VI. will das Land modernisieren, er ist für den Fortschritt“, resümiert er, „doch er ist vor den Islamisten zurückgeschreckt.“ Der Sündenfall fand vor drei Jahren statt. Vom jungen Monarchen unterstützt, machte sich die Regierung damals daran, die „Moudawwana“, die reaktionäre Familiengesetzgebung, zu reformieren. Die Polygamie sollte künftig nur noch ausnahmsweise erlaubt sein – bei Sterilität der Frau und ihrem Einverständnis. Frauen sollten ohne Erlaubnis eines männlichen Verwandten heiraten dürfen. Und das Recht des Mannes, seine Frau einfach durch eine Willensbekundung zu verstossen, wollte die Regierung durch ein modernes Scheidungsrecht ersetzen. Die Islamisten mobilisierten zwei Millionen Menschen, die gegen das „unislamische“ Reformvorhaben auf die Strassen gingen. Regierung und König gaben klein bei. „Man darf nicht zulassen, dass irgendeine Partei in diesem Land die Religion für politische Zwecke missbraucht“, sagt Serfaty, „wenn die Regierung es nicht schafft, dieses Land zu modernisieren, werden sich die Islamisten durchsetzen.“ Und davor hat der alte Jude Angst, Angst wie auch viele Muslime vor allem im urbanen Milieu.

Said Saâdi hat als Familienminister das Gesetz zur Reform der „Moudawwana“ ausgearbeitet. Er verteidigte es bis zuletzt, auch noch als seine Ministerkollegen schon längst zurückgekrebst waren. Jetzt hat er sich wieder an die Universität zurückgezogen. Der Wirtschaftsprofessor ist ein jovialer, offener Mensch. Er weiss, dass ihm die Geschichte eines Tages recht geben wird. „Damals wagte die politische Klasse den Konflikt mit den Islamisten nicht“, sagt er, „aber letztlich kommt sie nicht umhin, ihn durchzufechten. Die PJD führt einen rassistischen Diskurs gegen die Juden, sie verfolgt ein totalitäres Projekt und hat ein taktisches Verhältnis zur Demokratie. Sie hat immer den Hass gepredigt und deshalb ist sie moralisch mitverantwortlich für den Terror vom 16. Mai.“ Abdelilah Benkirane, einer der wichtigsten Führer der PJD, habe ihn öffentlich der Apostase, der Abtrünnigkeit vom richtigen Glauben, bezichtigt, sagt Said Saâdi. „Als ich als Minister der Parlamentskommission mein Budget vorstellte“, behauptet er, „hat Benkirane mir gesagt: ‚Steh auf und bete‘, und als ich sitzen blieb: ‚Fahr zur Hölle!‘“

Abdelilah Benkirane ist das, was man einen Gemütsmenschen nennen könnte: warmherzig, vertrauenserregend, einnehmend. Er kommt gerade vom Gebet. „So, so, das hat Ihnen also der Saâdi über mich erzählt.“ Na ja, es sei doch damals gerade Gebetszeit gewesen, erinnert er sich, und den Spruch mit der Hölle, den könne er nicht dementieren, es habe sich eben eine erregte Debatte entwickelt. Ob er selbst denn an die Hölle glaube? „Aber sicher“, sagt der Islamist und krault sich den Bart, „und ich hoffe, dass möglichst viele Marokkaner vor ihr Angst haben.“ Dann lächelt er und lässt offen, ob er es ironisch gemeint hat. Die marokkanische Verfassung lässt Parteien auf religiöser Grundlage nicht zu. Das weiss auch Benkirane. „Wir sind keine religiöse Partei“, behauptet er, „sondern eine Partei, die aus der Tradition des Islams ihre Ideen schöpft. Wir beziehen uns auf den Islam wie die Sozialisten auf die soziale Gerechtigkeit und die Liberalen auf die Marktwirtschaft. Ohne Religion gibt es weder Fortschritt noch Glück.“

Und die „Moudawwana“, die die Frauen zu nahezu rechtslosen Wesen degradiert? Wo ist da der Fortschritt? „Gerechtigkeit ist wichtiger als Gleichheit“, kontert Benkirane, „die Frauen durchleben Perioden, während derer sie besonderen Schutz brauchen – durch den Mann. Wieviele Frauen leben bei Ihnen in der Schweiz unglücklich als Single? Wieviele Alte sind in Europa vereinsamt? Weshalb gibt es in den islamischen Ländern weniger Aids? Nein, wir wollen keinem europäischen Modell nacheifern.“ Natürlich lehne seine Partei den Terror ab, ja, jede Gewalt überhaupt, und gegen die Juden habe man nichts, weshalb denn? Was kann er dafür, dass „Attajdid“, die Zeitung seiner Partei, unkommentiert eine Erklärung von Abdelbari Zemzmi druckte? Darin behauptete der bei der Parteijugend in Casablanca einflussreiche Imam: „Die Juden sind von Natur aus Heuchler und Verräter, wie es ja auch im Koran steht.“ Früher schon hatte Zemzmi öffentlich für die Tötung der Juden in Palästina plädiert. „Man verteufelt uns“, sagt Benkirane, „weil die Leute grosse Hoffnungen in uns setzen.“

Der Scheich

In der Tat haben die Parteien der Regierungskoalition von der konservativen Istiqlal bis zur sozialistischen USFP die Chance, die ihnen das fünffache Attentat bot, ergriffen, um die Islamisten unter Druck zu setzen. Unisono fordern sie die PJD auf, sie solle sich zu ihrer moralischen Verantwortung bekennen. Das tut die zwar keineswegs, aber seit dem Blutbad raspeln ihre Führer Süssholz. Mohamed Tozi, Professor für politische Wissenschaften und Autor eines vielbeachteten Buches über den politischen Islam in Marokko, hält die PJD für populistisch und pragmatisch gleichermassen. Sie handele ganz nach der Maxime: „Kannst du die Hand nicht abschlagen, dann küsse sie.“ Die eigentliche Gefahr für das Regime gehe vom Scheich Abdessalam Yassine aus. Seine klandestine islamistische Organisation „Al adl wal Ihsan“ (Gerechtigkeit und Spiritualität) ist in der Gesellschaft stärker verankert als jede Partei, die PJD eingeschlossen. Ihre karitativen Organisationen springen, vor allem in den Armenvierteln der Grossstädte, da ein, wo der Staat versagt. Sie organisieren Medikamente, ärztliche Hilfe und sorgen sich auch um die Seelen.

Yassine hatte 1974 unter dem Titel „Der Islam oder die Sintflut“ einen hundertseitigen offenen Brief an König Hassan II. geschrieben, in dem er ihn des Diebstahls am Volk bezichtigte und mit donnernder Sprache aufforderte: „Kehr zu Gott zurück! Versöhne dich wieder mit Gott!“ Eine ungeheure Frechheit für marokkanische Ohren, zumal der Monarch nach der Verfassung auch „Amir al-Mouminin“, Kommandant der Gläubigen, und damit oberste religiöse Instanz des Landes ist. Als Antwort wurde der mutige Untertan dreieinhalb Jahre weggeschlossen, zwei davon in einer psychiatrischen Anstalt. Nach weiteren zwei Jahren Gefängnis, 1983 bis 1985, wurde er unter Hausarrest gestellt. Kaum hatte Mohammed VI. nach dem Tod seines Vaters den Thron bestiegen, griff Yassine erneut zur Feder. Er mahnte den jungen König, er solle das geerbte Milliardenvermögen dem Volk zurückgeben und Reue zeigen. Der entliess den alten Scheich trotz des respektlosen Schreibens schon bald aus dem Hausarrest. Nun eifert Yassine weiter übers Internet, auf Kassetten und auf CDs und warnt vor einer „Judenherrschaft in Marokko“. Es ist eine indirekte Aufforderung an den König, gegen Israel eine rigorose Haltung einzunehmen und seinen jüdischen Berater André Azoulay zu entlassen.

In  der Öffentlichkeit zeigt sich der 75jährige Scheich höchst selten. Für Journalisten ist die Pressesprecherin, seine Tochter Nadja, zuständig. Sie empfängt in einer einfachen Wohnung ganz in der Nähe des Gefängnisses, in dem ihr Vater eingeschlossen war, in Salé, einer Stadt, die von Rabat, der Hauptstadt des Landes, nur durch einen Fluss getrennt ist. Nadja Yassine, die ihr Haar unter einem schwarzen Kopftuch versteckt, spricht ein akzentfreies und distinguiertes Französisch. Ihre Bewegung werde sich nicht an den Wahlen beteiligen, sagt sie, sondern „ganz nahe beim Volk Politik machen“. Das Parlament sei Teil eines Machtapparats, der 0,5 Prozent der Bevölkerung repräsentiere und 80 Prozent des nationalen Vermögens. „Wir wollen eine wirkliche Demokratie, nicht die westliche Variante, bei der das Volk nicht an der Macht ist.“ Der Begriff „Volk“ fehlt in kaum einem ihrer Sätze. „Das Volk muss erzogen, politisiert werden, damit es eines Tages in der Lage ist, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Wir haben es nicht eilig, an die Macht zu kommen.“ Bevor sie zum Freitagsgebet entschwindet, betont Nadja Yassine ein letztes Mal: „Gewaltanwendung lehnen wir grundsätzlich ab.“ Ihr Vater, ein grosser Mystiker, habe sich immer gegen Gewalt ausgesprochen. Professor Tozi unterscheidet zwischen Worten und Taten. An seiner Universität, sagt er, seien die Anhänger des Scheichs intolerant, würden sich der Diskussion entziehen und sich mit Gewalt durchsetzen.

In den Armenvierteln von Sidi Moumen kennt jeder den Scheich. Man hat grossen Respekt vor ihm. Doch niemand weiss, wer im Quartier seiner Bewegung angehört. Oder will es dem Fremden bloss niemand sagen? Die Frage nach der Gewalt findet Rachid nur komisch. Seinen Familiennamen mag er nicht nennen. Wie die meisten jungen Männer lebt er von „bricolage“, Gelegenheitsjobs, das heisst, meistens hat er keine Arbeit. „Hier hat doch jeder ein Messer“, sagt der 19jährige, „ohne Messer bist du verloren, hier herrscht das Gesetz des Dschungels, der Schwächere zieht Leine, und wenn die Polizei kommt, verpissen wir uns alle.“ – „Und die Islamisten?“ – „Ja, die haben uns auch Ärger gemacht, aber jetzt haben sie ihre Bärte geschnitten und halten alle still.“ – „Ärger? Weshalb?“ – „Ich trinke Bier und ich kiffe. Das mögen sie nicht. Aber das tun wir hier doch alle.“ – „Und was sagen deine Eltern?“ – „Na ja, was sollen sie schon sagen? Die möchten am liebsten mehr Polizei im Quartier, und wir eben weniger.“ – „Und wie läuft das so mit den Mädchen? Ich meine…“ – „Ach, sobald es dunkel ist, bleiben die zu Hause, da läuft eigentlich gar nicht viel, aber angeben tun natürlich alle mit irgendwelchen Geschichten.“ Nächste Woche haut Rachid wieder nach Spanien ab. Illegal. Zum drittenmal. Über welche Wege, will er nicht verraten. Er braucht Geld und sucht Sex und vielleicht auch ein Leben mit weniger Gewalt.

Ein selbst geschriebener Koran

Vor dem Haus neben der kleinen Moschee von Karian Toma, dem Viertel, aus dem die Selbstmordattentäter stammten, rufen die Töchter des Imam. Ihr Vater, Akh Laârbi, ist nach 16 Tagen Polizeihaft gerade nach Hause gekommen. Der Vorbeter, ein schmächtiger Mann in weisser Dschellaba und mit weissem Kopftuch, bittet in den Empfangsraum, der mit dicken Berberteppichen ausgelegt ist. Er setzt sich hin, legt einen Koran, den er in fast zweijähriger Arbeit in schönster Kalligraphie selbst geschrieben hat, auf die Knie und wartet auf die Fragen. „Weshalb wurden Sie festgenommen?“ – „Erstens weil es Allahs Wille war und zweitens, weil die Kamikaze in meiner Moschee täglich fünfmal beteten.“ Einige der Selbstmordattentäter habe er gekannt. Ja, sogar Angst habe er vor ihnen gehabt, Angst, dass sie ihn töten könnten. „Ihr Islam ist nicht der wahre Islam, er ist über Kassetten und über das Internet importiert. Sie verkaufen Katzenfleisch als Hasenfleisch.“ Wird er nun das Gespräch mit den Jugendlichen seines Viertels suchen? Wird er zu einer Diskussion über die Attentate, den Salafismus und den wahren Islam einladen? „Nein, dazu bin ich nicht berufen“, sagt er, „ich bin nur der Imam.“ Die Gemeinschaft der Gläubigen von Karian Toma hat ihn vor 26 Jahren zu ihrem Vorbeter bestimmt. „Der Imam muss den Koran – Sure für Sure – auswendig können“, sagt Akh Laârbi, „und er muss gut predigen. Und wenn er bereits verheiratet ist, umso besser.“ Der kleine Raum füllt sich, Dutzende alte Männer stehen Schlange, um den Rückkehrer zu küssen. Es ist Zeit zu gehen. „Und vergessen Sie nie“, sagt der freundliche Imam zum Abschied, „der Islam ist eine Religion der Toleranz.“ Ob er das auch den „Kamikaze“ je gesagt hat?

Thomas Schmid, Weltwoche, 10.07.2003 (ungekürzte Fassung)