Ob sie sich vorstellen könne, einen Albaner zu heiraten? Monika glaubt, nicht richtig gehört zu haben, lacht etwas schräg und sagt dann entschieden: „Nein.“ – „Und wenn Du Dich in einen Albaner verliebst, was dann?“ – „Unmöglich.“ – „Weshalb unmöglich? Kann doch passieren.“ – „Nein, wo denn? Die gehen doch in andere Cafes und in andere Diskotheken.“ Monika ist Makedonierin und lebt in Tetovo, einer Stadt im Westen ihres Landes, unweit der Grenze zum Kosovo. Hier sind die Albaner, die größte Minderheit Makedoniens, in der Mehrheit. „Wenn die demonstrieren, getraue ich mich nicht auf die Straße“, sagt Monika. Im übrigen findet die Germanistikstudentin, die sollten sich endlich mal als Makedonier fühlen.
Nun, die Albaner Makedoniens scheinen sich tatsächlich als Albaner zu fühlen. Kaum einer verhehlt seine Sympathie für die UCK-Guerilla des Kosovo. Und man macht sich Sorgen, wie es nun weitergehen soll, nachdem diese ihre Hochburgen räumen mußte. Unter den Makedoniern hingegen findet man durchaus Verständnis für die Serben. „Kein Staat auf der Welt kann doch zulassen, daß sich Terroristen ganzer Regionen bemächtigen“, sagt Vlado, der gerade sein Abitur hinter sich hat, „auch Deutschland hat sich gegen seine Terroristen gewehrt.“ Jüngst hat er im Fernsehen einen Film über Baader und Meinhoff und die Flugzeugentführung von Mogadischu gesehen. Welten scheinen in Tetovo die Makedonier und die Albaner zu trennen. Doch oft ist es nur eine Straße. Auf der einen Seite das albanische Cafe, auf der andern Seite das makedonische.
Im Kosovo verlangen sämtliche Parteien und erst recht die UCK die Unabhängigkeit der zu 90 Prozent von Albanern besiedelten serbischen Provinz. Doch darauf will sich der Westen nicht einlassen. Sein Hauptargument heißt Makedonien, wo offiziellen Angaben zufolge 67 Prozent der Bevölkerung (orthodoxe) Slawen sind, die makedonisch, eine dem Bulgarischen verwandte Sprache sprechen, und 23 Prozent der Minderheit der (muslimischen) Albaner angehören. Ein unabhängiges Kosovo, so wird befürchtet, würde separatistische Bestrebungen der Albaner Makedoniens verstärken, die sich dann dem Kosovo anschließen möchten, um sich später vielleicht mit dem Mutterland, Hauptstadt Tirana, zu einem Großalbanien zu vereinigen. Makedonien würde längs seiner ethnischen Linie zerbrechen mit unabsehbaren Folgen für den Balkan.
Arben Xhaferi hält solche Szenarien für Propaganda. Der Präsident der Demokratischen Partei der Albaner in Makedonien (PDSH) sieht zwei Probleme. Eines liegt in Kosovo, wo die Serben die albanische Mehrheit aller Autonomie-Rechte beraubt haben. Das andere liegt in Makedonien mit seinem „ethnozentrischen Staat“, wie sich der gelernte Philosoph ausdrückt. „Makedonien konstituiert sich als nationaler Staat des makedonischen Volkes“, heißt es in der Präambel der Verfassung, „in dem volle bürgerliche Gleichberechtigung und dauernde Koexistenz des makedonischen Volkes mit den Albanern, Türken, Vlachen und Roma und den andern nationalen Minderheiten, die in Makedonien leben, gewährleistet ist.“ Das ist Xhaferi zu wenig. Weshalb können Makedonier und Albaner nicht gleichberechtigte, den Staat konstituierende Nationen sein? Es ist dies keineswegs nur ein theoretisches Problem. Auch praktisch sind die Albaner – „ein Drittel aller Makedonier“, behauptet Xhaferi – benachteiligt. Makedonisch ist alleinige Amtssprache. Unter den Angestellten des Öffentlichen Dienstes sind nur sechs Prozent Albaner.
Seit fünf Jahren kämpft die PDSH für mehr Rechte für die Albaner. Ihre zwei populärsten Vertreter sitzen im Gefängnis. Es sind Demiri und Osmani, die Bürgermeister von Tetovo und Gostivar, der beiden größten Städte im albanisch besiedelten Westen Makedoniens. Demiri muß zwei Jahre gesiebte Luft atmen, Osmani sieben Jahre. Beide hatten sie im vergangenen Jahr auf dem Rathaus neben der makedonischen auch die albanische Flagge gehißt. Osmani wurde außerdem bezichtigt, einen Aufruhr angezettelt zu haben. Bei Demonstrationen wurden zwei Albaner erschossen – von der makedonischen Polizei. Die Richter bei den Prozessen gegen die beiden Bürgermeister, sagt Xhaferi, seien alles Makedonier gewesen. Seit den Vorfällen boykottiert die PDSH die Gemeinderäte, die Rathäuser und auch das Parlament in Skopje, wo sie mit vier Abgeordneten vertreten ist.
„Unsere Programme sind identisch“, sagt Abdyladi Vejseli, einer der elf Abgeordneten der PPD, der andern Partei der Albaner, die seit der Unabhängigkeit Makedoniens 1991 an allen Regierungen beteiligt ist. „Sie kämpfen auf der Straße, wir im Parlament und im Kabinett.“ Den Vorwurf der PDSH, daß seine Partei in all den Jahren nur Feigenblatt war und nichts erreicht habe, weist Vejseli, Inhaber eines Nahrungsmittelbetriebs mit 160 Angestellten, zurück. Doch gibt er zu, daß es letztlich recht wenig war: mehr Mittelschulen in albanischer Sprache, etwas mehr albanische Beschäftigte in einigen Ministerien. Die Forderung nach einem Staat gleichberechtigter Nationen, die auch die PPD erhebt, stößt auf taube Ohren. „Anders als die Hitzköpfe von der PDSH wollen wir den Dialog“, sagt Vejseli, „aber wenn es keinen Fortschritt gibt, werden wir andere Alternativen suchen müssen. Wenn man uns mit Gewalt auf diesen Weg zwingt..“
„Die Spaltung im politischen Lager der Albaner Makedoniens hat auch mit den Generationen zu tun“, meint Milaim Fejziu, „die Jungen sind radikaler. Sie verlieren die Geduld.“ Vier Jahre lang hatte er in Sarajevo Hamburger verkauft, nachdem ihn der früher alleinherrschende Kommunistische Bund Jugoslawiens aus dem ZK gefeuert hatte. Der Anlaß: Er hatte an der Beerdigung eines Cousins seiner Frau teilgenommen, der nach seiner Haftentlassung unter dubiosen Umständen tödlich verunglückt war. Jetzt ist Fejziu Romanistik-Professor und Präsident des Senats der Universität von Tetovo. Die hatte er vor vier Jahren mitgegründet, wofür er mit sechs Monaten Gefängnis bestraft wurde. Denn an der Universität von Tetovo wird in albanischer Sprache unterrichtet. Der Staat anerkennt sie nicht, aber scheint sie inzwischen zumindest zu tolerieren. Vor kurzem hat der erste Studentenjahrgang seine Diplome gekriegt – „wertlose Papiere“, wie Präsident Kiro Gligorov meinte.
Tetovo ist nicht das Kosovo Makedoniens. Die Albaner sympathisieren zwar mit der UCK. Eine Guerilla im eigenen Land aber wünschen sie sich nicht. „Jüngst flogen hier Gläser über die Straße hinweg“, sagt Monika, die Germanistikstudentin, im ethnisch reinen Cafe, „es gibt makedonische Gangs, die Albaner aufmischen gehen – und umgekehrt.“ Nur so zum Jux. Weil sie nichts besseres zu tun haben.
Thomas Schmid, 15.08.1998 (vermutlich unveröffentlicht)