Der Weg zum kleinen Tempel führt über verschlammte Straßen, vorbei an heruntergekommenen Plattenbauten. Es ist ein trostloses, graues Viertel am Rand der Grossstadt. Im festlich geschmückten Raum eines unauffälligen Hauses sitzt Buddha in weissem Marmor, glücklich strahlend, mit Baby face und dickem Bauch. „Das Lächeln steht für die universale Freude“, erklärt Hsu Chin-Huan, die den Tempel pflegt, „der grosse Bauch für barmherzige Toleranz, die langen Ohrläppchen für Gehorsam und Verständnis.“ Auf einem Tisch türmen sich Orangen, Opfergaben der Gläubigen. Aus einem Kessel steigt Weihrauch auf. Grosse chinesische Schriftzeichen hängen an den Wänden. Doch wir sind nicht in China, sondern in Rumänien. An die 7.000 Chinesen leben in Bukarest, der Hauptstadt des Landes. Die meisten arbeiten auf dem riesigen chinesischen Markt, der seltsamerweise den Namen „Europa“ trägt. Weshalb, weiss niemand. Sie verkaufen Stoffe, Pantoffeln, Lampen, Bettdecken, Porzellan – alles Importware aus dem Reich der Mitte. Zwei- bis dreimal im Jahre fliege er nach China, um einzukaufen, sagt ein Händler, der auf einem Ballen Stoffe sitzt. Wie alle hier verschweigt er seinen Namen. Und wie alle hier findet er nach der ersten Frage schon einen Vorwand zu verschwinden. Man will schliesslich keinen Ärger mit dem Steueramt oder der Ausländerpolizei.
Die Flüge wird sich der Mann bald sparen können. Künftig wird er die Ware der chinesischen Produzenten in einer Ausstellungshalle begutachten und ordern. Denn am Rand des Marktes wird zur Zeit die größte Chinatown Europas gebaut. Der „Rote Drachen“, ein riesiges Einkaufszentrum mit zehn Restaurants und 8.000 kleinen Läden, steht schon. Im großen Foyer sorgen meterhohe Lampions für chinesisches Flair. Noch sind erst 3.000 der Läden verkauft oder vermietet. Und noch stehen die meisten der 4.000 Parkplätze leer. Aber das wird sich ändern, wenn das Business Center von Chinatown mit seinem 16stöckigem Rundbau, in dem Büros und Konferenzsäle untergebracht werden, und den 100.000 Quadratmetern Ausstellungshallen fertiggebaut ist. Dazu kommen noch zwölf Wohnblocks mit Tiefgaragen, Kindergärten, Spielplätzen, Restaurants, Spielhallen und Banken. Wie Chinatown einmal aussehen wird, kann man sich in der luftigen Höhe des obersten Stockwerks des „Roten Drachen“ vorstellen. Hier zeigt Ion Badea ein Modell der imposanten Anlage. Der drahtige Rumäne ist PR-Mann der Niro Group. Die zu hundert Prozent rumänische Holding ist Bauherr von Chinatown. „Für die Chinesen wird Rumänien das Tor zum Markt der Europäischen Union“, prophezeit Badea.
Seit Jahresbeginn gehört Rumänien der Europäischen Union an. Rumänen können sich nun in allen Ländern der EU frei niederlassen. Doch viele, sehr viele haben nicht gewartet. Von den 22 Millionen Rumänen leben bereits über zwei Millionen im Ausland – vorwiegend in Spanien und Italien, beides Länder, deren Sprachen sie leicht lernen, weil auch das Rumänische zur lateinischen Sprachgruppe gehört, und wo sie schnell dreimal mehr verdienen als zu Hause. Der Exodus hat Folgen. Vor allem in der Moldau, der ärmsten Region Rumäniens, die an das noch ärmere unabhängige Moldawien angrenzt. Das Gymnasium der Kleinstadt Buhusi hat gerade noch tausend Schüler. Vor der Revolution, wie hier der Aufstand gegen die kommunistische Diktatur im Dezember 1989 genannt wird, der in die Erschiessung des Despotenpaares Ceausescu mündete, waren es noch 2.500. Ein Viertel der heutigen Schüler lebt bei Großeltern oder Nachbarn, weil die Eltern emigriert sind. „Als der Priester vor Weihnachten wie jedes Jahr von Familie zu Familie zog, um das Weihwasser zu segnen“, berichtet der Rektor Ion Fercu, „fand er in einem Wohnblock nur noch ein einziges verlassenes Kind“. Rund 20.000 Kinder leben in Rumänien ohne ihre Eltern. Viele von ihnen seien vermutlich unerwünschte Kinder, mutmasst Fercu. Der kommunistische Diktator hatte – im Bemühen sein Volk noch vor der Jahrtausendwende auf 30 Millionen Angehörige zu mehren, Abtreibungen mit langjährigen Haftstrafen geahndet und den gebärfähigen Frauen regelmässige gynäkologische Untersuchungen aufgezwungen. Im vergangenen Jahr rüttelte eine Tragödie die Öffentlichkeit auf: Der zehnjährige Razvan hatte sich erhängt. Seine Mutter war nach Italien ausgewandert und hatte ihn allein zurückgelassen.
In Rumänien fehlen seit der grossen Abwanderung nach Schätzungen von Wirtschaftsexperten 400.000 Arbeitskräfte, allein im Bauwesen sollen es 300.000 sein. Denn Rumänien boomt. Auch im vergangenen Jahr hat das Wirtschaftswachstum wie schon im Jahr zuvor über sieben Prozent betragen. Überall auf dem Land wird gebaut. Immerhin haben die Emigranten im vergangenen Jahr Gelder in Höhe von umgerechnet über sechs Milliarden Franken in ihre Heimat geschickt. Vielerorts haben Moldawier die von den Rumänen verlassenen Arbeitsplätze eingenommen. Bis zum 1. Januar konnten sie mit einer Identitätskarte über den Grenzfluss Prut einreisen. Seit Rumänien aber zur EU gehört, brauchen sie ein Visum. Inzwischen haben 400.000 Moldawier, die ja ebenfalls rumänisch sprechen, einen Antrag auf rumänische Staatsbürgerschaft gestellt.
„Im Jahr 2000 hatte ich tausend Arbeiter, ein Jahr später waren es noch 600, und 2003 musste ich schliessen“, erzählt Sorin Nicolescu in fliessendem Italienisch. Heute ist er Manager der vor einem Jahr gegründeten Textilfabrik Wear Company in Bacau, einer Grossstadt am Rand der Karpaten. Rumänische Arbeiter fand er keine – jedenfalls nicht zum angebotenen Lohn, „also habe ich sie aus China geholt.“ Eine in Schanghai ansässige Agentur vermittelte ihm 400 Arbeiterinnen, die jetzt an den Nähmaschinen Anoraks, Skianzüge und andere Sportkleidung herstellen. Umgerechnet 300 Dollar (375 Franken) würden sie verdienen, sagt Nicolescu, das sei fast viermal mehr als in China, Kost und Logis (in Fünfbettzimmern) seien gratis. Gegessen und geschlafen wird in der Fabrik. Die Wear Company hat sogar extra einen chinesischen Koch eingestellt, und über Satellit können die Arbeiterinnen chinesische Fernsehsender empfangen.
„Wenn eine aber nicht richtig arbeiten will, dann bringe ich sie persönlich zum Flughafen“, sagt der Manager, und „wenn eine ausgeht und um 17 Uhr nicht zurück ist, hole ich die Polizei.“ – „Wie bitte?“ – „Zu ihrer eigenen Sicherheit“, beeilt sich der Manager zu erklären, „im Winter wird es um fünf Uhr dunkel. Ausserdem wollen sie ja gar nicht in die Stadt. Sie verstehen die Sprache nicht. Die meisten sind einfache Bäuerinnen und haben Angst in der fremden Umgebung. Nein, nein, sie sind sehr zufrieden hier und glücklich, Geld an ihre Familien schicken zu können.“ – „Ach so.“ Und schliesslich sei Wear Company kein Trojanisches Pferd, keine Einfallstor für Chinesen, die dann irgendwo nach Europa einsickern. Nach Ablauf des Vertrages, der maximal auf drei Jahre verlängert werden könne, so verpflichtet sich Nicolescu persönlich, werde er seine Chinesinnen bis zum Flughafen begleiten. Wem die Fabrik gehört, weiss der Manager im übrigen nicht, nur, dass sie hundertprozentig in Schweizer Händen liegt. Eine Nachfrage im Handelsregister von Bacau ergibt tatsächlich, dass 50 Prozent einer (Treuhand-)Firma Eldamco, ansässig in Castel San Pietro, einem Dörfchen bei Chiasso, gehören und die andern 50 Prozent einer (Treuhand-)Firma Idefid, ebenfalls ansässig in Castel San Pietro gehören.
Zwei Wochen nach dem Gespräch über die angeblich zufriedenen und glücklichen Chinesinnen titelt die rumänische Presse: „Aufstand der Chinesinnen in Bacau“ und „Chinesinnen greifen Manager mit Löffel und Gabel an“. Die Arbeiterinnen waren zuvor in Streik gegangen, und die Lokalzeitung zitiert Nicolescu mit den Worten: „Als sie heute (Sonntag) arbeiten kommen mussten, um die verlorenen Tage nachzuholen, habe sie sich mit Gabeln, Messern und Löffeln über mich hergemacht. Ich habe die Polizei und die Wache gerufen. Ich werde sie aus dem Land rauskriegen. Ich war in China und ich habe tausend Arbeiterinnen über eine andere Agentur rekrutiert, die ich herbringe.“
Er habe zahlreiche Anfragen von Unternehmern der Region erhalten, die ebenfalls bereit seien, Chinesen zu ordern, behauptet Nicolescu, „50.000 könnte ich vermitteln.“ Kommt die „Gelbe Gefahr“, die vor einem halben Jahrhundert beschworen wurde, nun durch die Hintertür herein? Bereits heute ist China das Land mit den weltweit meisten Emigranten. 35 Millionen chinesische Staatsbürger leben im Ausland, vornehmlich in den USA, aber auch im wirtschaftlich darniederliegenden Bosnien-Herzegowina gibt es inzwischen kaum eine Kleinstadt, die nicht ihre neu zugezogenen Chinesen hätte. Je mehr Arbeitskräfte aus den osteuropäischen EU-Staaten und dem Balkan ihr Heil in Westeuropa suchen, desto mehr Menschen werden aus weiter östlich gelegenen Gebieten einsickern: aus Moldawien, der Ukraine oder eben auch China.
Vor anderthalb Jahren noch gab man sich hierzulande optimistisch. „Von Massenzuwanderung in die ‚alte’ EU kann nicht die Rede sein“, titelte die NZZ (6.8.2005) und der Tages-Anzeiger (7.9.2005) schlagzeilte „Auch die Polen arbeiten am liebsten daheim“. Die Abstimmung über die Ausdehnung des Personenverkehrsabkommens auf die zehn neuen EU-Mitgliedsstaaten stand kurz bevor. Man wollte das eigene Volk beschwichtigen. Heute wissen wir es besser: Über zwei Millionen Rumänen sind in den Westen getürmt. 500.000 Polen arbeiten in Grossbritannien und 400.000 in Irland, wo sie zehn Prozent der Bevölkerung ausmachen. In Polen fehlen inzwischen 60.000 Krankenschwestern. Dafür leben 300.000 Ukrainer illegal in Polen. Viele Russen sind in den Westen ausgewandert, aber noch mehr Menschen – etwa fünf Millionen seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion – sind vor allem aus Zentralasien und dem Kaukasus nach Russland eingewandert. Jeder zehnte Litauer hat sein Land verlassen. In Libyen leben etwa eine Million Menschen aus Staaten südlich der Sahelzone, die Hälfte als legale Immigranten, die andere Hälfte lebt illegal und wartet auf ein Boot, das sie zur italienischen Insel Lampedusa bringt. Undsoweiter undsofort.
In Zeiten der Globalisierung zirkuliert das Kapital frei. Per Mausklick werden Milliarden von Dollars täglich um den Erdball gejagt. Im Dienstleistungsbereich fallen die nationalen Schranken. Kein Wunder, dass da auch die Arbeitskraft mobiler wird, zumal die große weite Welt übers Fernsehen in die Strohhütten und Wellblechbuden auch der Ärmsten dringt. Und wie das Spekulationskapital da hin fliesst, wo die grössten Profite locken, wie Unternehmen ganze Produktionszweige outsourcen, um Lohnkosten zu sparen und Gewinne zu mehren, so zieht es eben die Habenichtse der Welt da hin, wo sie sich ein besseres Leben versprechen.
Da nützen Mauern, Patrouillenboote, Infrarotkameras und Bewegungsmelder letztlich wenig. Noch immer wandern jährlich eine halbe Million Mexikaner und Mittelamerikaner illegal in die USA ein. Bloss verdursten und erfrieren mehr Wirtschaftsflüchtlinge, seit sie wegen des Grenzzauns bei Tijuana in die Wüste ausweichen, um die Grenze zu überqueren. Seit die Strasse von Gibraltar, die Afrika von Europa trennt und an der engsten Stelle nur 14 Kilometer breit ist, immer schärfer überwacht wird, gibt es mehr Tote, aber kaum weniger Flüchtlinge. Die Emigranten besteigen nun ihre Boote eben an den Küsten Senegals und Mauretaniens, um nach tagelanger Fahrt auf den zu Spanien gehörenden Kanarischen Inseln zu landen. Im vergangenen Jahr haben es etwa 30.000 geschafft. Vermutlich etwa 6.000 ertranken. Auch eine Kontingentregelung nützt da wenig. Wenn Spanien legal jährlich 100.000 Marokkaner ins Land lassen würde, um die Obst- und Gemüseernte zu sichern, würden weiterhin jene, die eben nicht das Glück hatten, ins Kontingent aufgenommen zu werden, den Weg übers Meer suchen. Und selbst wenn über Entwicklungshilfe in Afrika sich das extreme Elend beseitigen und die Kaufkraft verdoppeln liesse, was man füglich bezweifeln darf, selbst dann würden Hunderttausende, ja Millionen auswandern wollen, weil sie in Europa statt zehnmal soviel noch immer fünfmal soviel verdienen würden als in ihrer Heimat.
Im übrigen brauchen die westeuropäischen Länder die Einwanderer. In der Schweiz sind Hotels und Krankenhäuser, Bauunternehmen und Fabriken auf die Ausländer angewiesen. In Deutschland helfen Millionen Türken, Griechen und Ex-Jugoslawen, die Rente zu sichern. Aber auch Länder wie Spanien, die noch vor wenigen Jahrzehnten klassische Auswandererstaaten waren, sind heute auf die Einwanderung angewiesen. In Andalusien würden Gemüse und Obst ohne die marokkanischen Erntehelfer verfaulen.
In El Ejido, einer Kleinstadt in der andalusischen Provinz Almería, machen die Ausländer genau 30 Prozent der Bevölkerung aus. Hier gibt es die weltweit grösste Konzentration von Intensivkultur. Zwischen dem kahlen, braunen Gebirgszug und dem azurblauen Meer breitet sich ein riesiger, silbrig-grau schimmernder Teppich aus. Wo früher einmal Wiesen und Äcker waren, stehen heute, so weit das Auge reicht, grosse Treibhäuser. Im Januar und Februar bestreitet die Provinz, die 35.000 Hektar Land unter Plastik hält, 80 Prozent des gesamten Gemüseexports Spaniens. Die über 20.000 Landwirte, die im Durchschnitt ein Treibhaus mit einer Fläche von anderthalb Hektar besitzen, haben es zu einem bescheidenen Wohlstand gebracht. Doch so gut wie jeder von ihnen hat seinen „Moro“, einen Marokkaner, der die Melonen, Pfefferschoten, Paprika, Tomaten oder was auch immer gerade reif ist, pflückt, manche beschäftigen auch zwei oder mehr. 32 bis 35 Euros, umgerechnet 50 bis 55 Franken, verdienen die Erntearbeiter am Tag.
Wenn sie denn Arbeit finden. Ibrahim hat in den ersten beiden Januarwochen gerade an drei Tagen gearbeitet. Er lebt in einer etwa vier Quadratmeter großen Hütte, die rundum Plastikwände und auf anderthalb Meter Höhe ein Plastikdach hat – ohne Elektrizität und ohne Wasser. Irgendwo am Rand des Plastikmeers der Treibhäuser. Am Eingang zur Hütte hängt ein ein Fahrradschloss, als ob es hier noch etwas zu holen gäbe. „Die Afrikaner nehmen uns die Arbeit weg“, sagt der Marokkaner verbittert. Noch sind etwas mehr als die Hälfte der 23.000 in El Ejido registrierten Ausländer Marokkaner. Nur etwa 2.000 leben wie Ibrahim in „Chabolas“, Plastikhütten. Die meisten haben irgendwo ein Zimmer oder gar eine Wohnung in der Stadt. „Und die meisten lassen sich nicht mehr alles gefallen“, sagt der Marokkaner Abdelkader Chacha vond der radikalen Landarbeitergewerkschaft SOC, die für die Rechte der Immigranten eintritt. Deshalb ziehen die Spanier die „Subsaharianos“ vor, diejenigen, die von „unterhalb der Sahara kommen“, die Schwarzen.
Am der Ausfallstrasse von El Ejido stehen jeden Morgen schon in der Dunkelheit Männer und auch wenige Frauen auf einer Länge von etwa dreihundert Metern. Am Ende der Reihe warten die Schwarzafrikaner. Fast jeder von ihnen hat eine dramatische Geschichte zu erzählen – von der Reise durch die Wüste, von Hunger und Durst, von gefährlichen Banditen und üblen Polizisten und von der Überfahrt in beschränkt seetüchtigen Pirogen auf die Kanaren. Die meisten sind erst wenige Wochen oder Monate hier. Sie warten, bis einer der in Jeeps und Kleinlastern vorbeifahrenden spanischen Landwirte die Scheibe hinunterkurbelt und einen, zwei oder drei Finger herausstreckt: Arbeit für einen, für zwei oder für drei. Die übergrosse Mehrheit der Tagelöhner aber, die hier ihre Arbeitskraft anbieten, sind nicht Afrikaner, sondern – Rumänen. Sie sind die zweitgrösste Ausländergruppe in El Ejido. 2574 Rumänen gibt es nach offiziellen Angaben in der Stadt.
Die meisten der vielleicht 600.000 Rumänen in Spanien leben aber verstreut im Grossraum Madrid und vor allem in Castellón. Die Hafenstadt zwischen Valencia und Barcelona hat 40.000 Rumänen aufgenommen, und sie machen 13 Prozent der städtischen Bevölkerung aus. Die Männer arbeiten vorzugsweise auf dem Bau oder als Fliesenleger, die Frauen in der Orangenernte. Dimitru Stepanovici ist eher die Ausnahme. Er ist Metzger und verkauft rumänische Würste, die er im Hinterzimmer räuchert, wo ein Lamm abhängt. Aber die ausschliesslich rumänische Kundschaft kauft bei ihm auch rumänische Biere, rumänisches Brot und Zeitschriften aus Bukarest. Stepanovici ist nach einer Odyssee durch Österreich, Deutschland und Kanada 1995 in Spanien gestrandet. Jetzt will er bleiben, zumindest so lange, bis die Kinder aus der Schule sind.
Es gibt in Castellón auch eine rumänische Bäckerei („Transsilvania“), einen rumänischen Bauunternehmerverband, eine rumänisch-spanisches Nachrichtenmagazin, eine rumänisch-orthodoxe Kirche mit einem rumänischen Priester. Und es gibt vor allem den rumänischen Fussballclub „CD Independent“, der immerhin schon in die die E-Liga der Region aufgestiegen ist. Torwart und Trainer ist Ungurianu Ion Florin, der einst bei „Steaua Bukarest“, dem besten Fussballclub Osteuropas, gespielt hat. Tagsüber arbeitet er in einer Farbenfabrik für tausend Euro im Monat. Als Torwart in Bukarest hatte er zwar mehr verdient. Aber nun ist er schon 35 Jahre alt und muss sich eine Zukunft bauen.
Seit Jahresbeginn ist Rumänien Mitglied der EU. Und so sind die Rumänen nun alle legal in Spanien, auch wenn sie illegal arbeiten. Auf lokaler Ebene haben sie nun das Wahlrecht. In Castellón buhlen sowohl die konservative Volkspartei, die den Bürgermeister der Stadt stellt, wie auch die sozialdemokratische PSOE von Ministerpräsident Zapatero um die Stimmen der rumänischen Einwanderer. „Doch sie nehmen die Probleme der Immigranten nicht ernst“, behauptet Augusto Constantin Tecu, der schon Anfang 1990 – wenige Wochen nach dem Sturz des kommunistischen Diktators in Spanien eingetroffen ist. Zuerst war er Putzmann, dann arbeitete er vier Jahre in einer Fabrik. Heute ist er Bauunternehmer. Am 18. Januar hat er beim Innenminister in Madrid seine „Unabhängige Partei der Rumänen“ registrieren lassen, die sich für die Belange der Einwanderer einsetzen will. Sie hat bereits 500 Mitglieder. Und wenn alle Rumänen von Castellón bei den Gemeindewahlen vom kommenden Mai seine Partei wählen, dann hätte diese mindestens zwei Sitze im Stadtrat. Dann könnte sie das Zünglein an der Waage sein, den Königsmacher spielen. Eine hübsche Idee, findet Tecu, wichtiger aber sei ihm, so sagt er, „die kulturellen Barrieren einzureissen“.
Die Barrieren sind da. Die rumänischen Banden, die spanische Städte verunsichern, die Frauen aus Osteuropa und Afrika, die sich auf den Strassen Spaniens und Italiens und in den Puffs von Amsterdam bis Zürich prostituieren, leisten der Stigmatisierung der Emigranten Vorschub. Die Anpassungsleistung der übergrossen Mehrheit aber, die Familie, Freunde und das gewohnte Umfeld verlassen hat und sich in einer fremden Umgebung zurecht finden muss, wird in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Die Emigranten mögen Opfer widriger Umstände sein, die sie zur Auswanderung zwangen. Sie sind aber oft auch die Pioniere, die Nomaden der Moderne, die in verschiedenen Ländern gelebt haben, fliessend zwei oder mehr Sprachen sprechen, ein Dutzend Jobs hinter sich haben, die Mobilität aufbringen, die in den Zeiten der allgemeinen Beschleunigung, wie sie die Globalisierung erzeugt, gefordert ist.
In der Geschichte haben Migranten oft neue Wege gewiesen. Tessiner Steinmetze bauten in Italien Paläste und Kathedralen, französische Hugenotten hatten einen entscheidenden Anteil an der kulturellen Entwicklung Berlins, deutsche Bauern trugen zur landwirtschaftlichen Entwicklung südamerikanischer Länder bei. Und viele Emigranten, die heimkehren – seien es die indischen Unternehmer in Sillicon Valley oder die rumänischen Bauarbeiter, die das neue Wimbledon-Stadion in London errichteten – bringen neue Werte nach Hause, zersetzen die Milieus, aus denen sie kommen. Kulturen verändern sich da, wo sich Altes mit Neuem reibt, wo neue Erfahrungen in alte Welten einbrechen. Vermutlich ist der Beitrag, den Migranten zur Entwicklung der Zivilisation beitragen, erst mit zeitlichem Abstand und aus örtlicher Entfernung angemessen zu würdigen.
Thomas Schmid, gekürzt erschienen in „Facts“ (Zürich), 15.02.2007