Über die Vergangenheit redet Milkan nicht gern. „Man hat mich gefoppt, man hat mich belästigt, man hat mich angespuckt“, sagt er, „dabei war ich ja nur der Überbringer der schlechten Botschaft.“ Jahrelang bestand sein Job darin, jungen Männern den Einberufungsbefehl der jugoslawischen Armee auszuhändigen. Er suchte die Wehrpflichtigen zu Hause auf, um sie in den Krieg zu schicken – 1991 gegen Kroatien, ab 1992 gegen Bosnien, 1999 gegen die Nato. Erst der Krieg ums Kosovo hat ihm die Augen geöffnet. „Serbien liegt am Boden“, klagt er, „aber Milosevic und seiner Mafia geht es blendend.“ Als Milkan im März dieses Jahres selbst einen Einberufungsbefehl erhielt, türmte er.  Der Ex-Kurier befürchtet, dass der Potentat von Belgrad schon bald gegen Montenegro losschlagen will. Nun sitzt der 38jährige auf einer Bank im Flüchtlingslager von Bekescsaba im äußersten Südosten Ungarns, an der Grenze zu Rumänien, legt die Stirn in Falten, schlürft einen türkischen Kaffee und hofft, irgendwie in den Westen zu gelangen.

Zu Tibor kamen Milkans Ex-Kollegen mit Hunden. Am 1. April 1999. Die Nato hatte eine Woche zuvor die ersten Bomben auf Serbien abgeworfen. „Als die Militärpolizei um vier Uhr morgens klingelte, wusste ich, was die Stunde geschlagen hat“, berichtet er, „meine Frau öffnete die Tür, und ich verschwand durch den Keller.“ Hundertmal hat er sich den sichersten Weg durch den Wald an die nur zwölf Kilometer von seinem Haus entfernte ungarische Grenze durch den Kopf gehen lassen. Doch als es soweit war, hatte er gerade noch Zeit, in Hose und Schuhe zu schlüpfen. Anderthalb Kilometer jenseits der Grenze wurde er von ungarischen Polizisten entdeckt, nach Waffen abgetastet, in Handschellen gelegt, für zwei Tage in die Arrestzelle gesteckt und dann ins Flüchtlingslager überstellt. Da sitzt er nun seit über einem Jahr fest.

Tibor ist in einem ungarischen Dörfchen Serbiens aufgewachsen, seine Mutter gehört der Minderheit der Banatdeutschen an, sein Vater ist Kroate. Jeder Nationalismus ist dem Arbeiter eines Weinguts zutiefst suspekt. Und den Krieg empfand er schlicht als Verbrechen, an dem er sich nicht beteiligen wollte. Da gab es für ihn keine Zweifel. So  bat er in Ungarn um Asyl. Doch wurde sein Antrag abgelehnt. Die Begründung des ungarischen Flüchtlingsamtes: Kriegsdienstverweigerung sei kein Asylgrund, überall auf der Welt werde den Staaten das Recht zugebilligt, ihre Männer zum militärischen Dienst zu verpflichten. Daß Tibor einem mit internationalem Haftbehl gesuchten Kriegsverbrecher als Soldat dienen sollte, interessierte die Beamten nicht. Natürlich hat Tibor geglaubt, die Staaten der Nato würden ihm seine Grenzen öffnen. Aber der Feind seines Feindes war eben nicht automatisch sein Freund.

Wie in Deutschland, so erhält auch in Ungarn nur Asyl, wer nachweisen kann, dass er aufgrund seiner politischen Überzeugung, seiner Religion oder seiner ethnischen Zugehörigkeit staatlich verfolgt wird. Desertion und Kriegsdienstverweigerung sind keine Tatbestände, die ein Recht auf Asyl begründen. Von über 5.000 jugoslawischen Asylsuchenden haben im vergangenen Jahr gerade 37 Erfolg gehabt. In über 1.400 Fällen wurde immerhin, im Prinzip verlängerbar, eine Duldung für ein Jahr ausgesprochen, das heißt, die Betroffenen werden zwar nicht als politische Flüchtlinge akzeptiert, andererseits aber auch nicht ausgewiesen. Wer sich dem Kriegsdienst entzogen hat und dies glaubhaft machen kann, wird in der Regel „geduldet“, weil er bei der Rückkehr in sein Land eine Haftstrafe von ein bis zehn Jahren riskiert – oder von fünf bis 20 Jahren, wenn er unter Kriegsrecht, d.h. während der Nato-Intervention, getürmt ist. Rund 23.000 Gerichtsfahren laufen bereits, Hunderte sind schon im Gefängnis. Wer befürchtet, nicht glaubhaft machen zu können, dass er sich dem Krieg verweigert hat, wählt oft den klandestinen Weg. Über 2.000 illegal eingereiste Jugoslawen hat Österreich im vergangenen Jahr an die ungarischen Grenzbehörden überstellt. Wievielen die Ein- und Weiterreise geglückt ist, verrät keine Statistik.

Auch Momir, der eigentlich anders heißt und Maurer von Beruf ist, wurde in Österreich aufgegriffen. Er hatte bei der deutschen Botschaft in Budapest einen Antrag auf ein Visum gestellt. Vergeblich. Wer nicht als Kind oder Ehepartner nachzugberechtigt ist, kann – vorausgesetzt, es liegt eine Einladung mit Garantieerklärung aus Deutschland vor – ein Einreisevisum nur erlangen, wenn er glaubhaft die Rückkehrbereitschaft nachweisen kann. Das ist noch schwieriger als der Nachweis der Kriegsdienstverweigerung oder der Desertion. Aus gutem Grund gehen die deutschen Behörden davon aus, dass Serben unter den gegebenen Umständen nicht darauf erpicht sind, in ihre Heimat zurückzukehren. Im übrigen werden alle Jugoslawen seit Februar angewiesen, ihren Antrag in Belgrad zu stellen. Nur wer in Ungarn offiziell geduldet ist, kann den Antrag auch in Budapest stellen. Die Duldung aber wird nur denjenigen zugestanden, die den Ungarn glaubhaft machen konnten, dass sie bei einer Rückkehr nach Jugoslawien gefährdet wären. Und nun sollen also ausgerechnet sie ihren Rückkehrwillen nachweisen!

Momir war während der Nato-Intervention bei Urosevac, im Süden des Kosovo, im Einsatz. Er weiß nicht mehr, ob er mehr aus Angst vor den Bomben oder mehr aus Ekel vor dem Krieg gegen eine schutzlose Bevölkerung desertiert ist. Irgendwo im Aufmarschgebiet im Süden Serbiens hatte er zwei Wochen zuvor ein Flugblatt der Nato gefunden, auf dem stand, er solle sich nicht von Milosevic als Kanonenfutter missbrauchen lassen. Ist er deswegen desertiert? „Ja, vielleicht auch deswegen.“ Er weiß nur noch, dass er den Entschluss gefasst hat, abzuhauen. Er hat sich nachts durch die Wälder geschlagen, hinüber nach Serbien, nach Leskovac, dann in die Industriestadt Nis, von dort nach Belgrad, wo er sich bis Kriegsende versteckt hielt. Kann er das beweisen? Hat er die Geschichte so oft erzählt, dass er sie selber glaubt? Momir schaut entrüstet auf. „Ich wäre der erste, der nach Serbien zurückginge, wenn eine Amnestie erlassen würde“, behauptet er. Doch hat er den Glauben, dass sich in Serbien je etwas ändern könnte, längst verloren. Er will nur noch weg. „Hier verfaule ich doch nur.“ Hier, das ist die ehemalige Kaserne der Sowjetarmee bei Debrecen im Osten Ungarns.

Jovan und Vjosa – auch sie wollen ihre wirklichen Namen nicht preisgeben – leben wie 1.500 weitere Flüchtlinge, die Hälfte von ihnen Jugoslawen, in einem heruntergekommenen grauen Wohnblock der Kaserne, wo sie vom ungarischen Staat verköstigt werden. Sogar ein Taschengeld gibt es – 2.500 Forint monatlich, umgerechnet 20 Mark. „Eigentlich gehören wir beide ins Museum“, frotzelt Jovan und kann seinen Groll doch nicht verbergen, „wir sind vielleicht der letzte noch lebende Beweis dafür, dass Serben und Albaner zusammenleben können.“ Das Ehepaar kommt aus einem kleinen Dorf aus dem Westen Kosovo, das hier anonym bleiben muss. Er ist Serbe, sie Albanerin. Mischehen waren im Kosovo höchst selten, und die beiden selbst kennen keinen einzigen weiteren Fall. Über den Mißmut ihrer Eltern haben sich die beiden hinweggesetzt, auch über die Drohungen im Dorf. Doch als Jovan dann im Spätherbst 1998 den Einberufungsbescheid der Armee erhielt, flüchtete er nach Montenegro. Schon kurz danach setzte sich Vjosa, die von Albanern der Kollaboration mit den Serben bezichtigt wurde, nach Serbien ab.

Nach der Nato-Intervention erst trafen sie sich im vergangenen Sommer in Subotica, einer Stadt im äußersten Norden Serbiens, und Jovan sah zum erstenmal seinen damals gerade sechs Wochen alten Sohn. Noch krabbelt der Kleine. Früher hätte er, einmal groß geworden, auf die Frage nach seiner Nationalität wie so viele Sprösslinge aus Mischehen „Jugoslawe“ antworten können. Heute versteht man unter Jugoslawen Serben oder Montenegriner. Die Kosovo-Albaner, ethnisch ohnehin keine Slawen, sind nur noch staatsrechtlich Jugoslawen. Und morgen schon wird es vielleicht überhaupt keine Jugoslawen mehr geben, weil Montenegro unabhängig wird und die Serben alleine übrig bleiben. Irgendwann aber, so glaubt Jovan, werden den Menschen auf dem Balkan die Augen aufgehen, und sie werden merken, dass sie alle Europäer sind. Jovan träumt von einem Europa ohne Papiere – ohne Asylanträge, ohne Visumsanträge, wo man keine „Duldung“ mehr braucht, um geduldet zu werden.

Vermutlich leben einige tausend Kriegsdienstverweigerer und Deserteure in Ungarn. Viele haben die Lager verlassen und sind irgendwo in Budapest untergekommen – so wie Vladimir, Branimir, Branko, Janos, Miroslav, Milomir, Sinisa. Die sieben jungen Männer leben zusammen mit einer Frau und einem Kind in einer Zweizimmerwohnung im Herzen der ungarischen Hauptstadt. Seit bald einem Jahrzehnt kennen sie sich. Sie kommen alle aus Lazarevac, einer kleinen Stadt 60 Kilometer südlich von Belgrad. Sie haben immer wieder Demonstrationen gegen Milosevic organisiert, Flugblätter entworfen, über die Zukunft diskutiert. In ihrem Café, das sie „Bastion des Friedens“ nannten, haben sie über die Jahre hinweg die Entwicklung in ihrem Land diskutiert. Und sie haben gemeinsam den Tag X vorbereitet, den Tag, an dem sie sich dem Krieg verweigern würden. Kurz nach dem Beginn der Nato-Angriffe war es so weit. Die Armee kam ins Städtchen, um die wehrfähigen Männer einzuziehen.

In getrennten Gruppen schlichen sie zur serbisch-bosnischen Grenze, überquerten die Drina, schlugen sich durch die bosnische Serbenrepublik nach Sarajevo durch, um von dort nach Budapest zu fliegen. Bei verschiedenen Botschaften suchten sie um Visen nach. Brankomir hat Verwandte in Kanada. Doch für konsularische Angelegenheiten, sei, so habe man ihm gesagt, die Botschaft in Wien zuständig. Vladimir hat einen Onkel und einen Großvater in den USA. Er hat sogar eine Einladung mit Garantieerklärung, aber keinen gültigen Pass. Von Pontius zu Pilatus sind sie gelaufen. Vergeblich. „Sollen wir hier in dieser Zweizimmerwohnung warten, bis Milosevic die Macht verliert?“ fragt Branko. Vladimir will auch dann nicht zurück. „Die Opposition in Serbien tut nichts für uns“, stellt er fest, „letztlich hält auch sie uns für Landesverräter.“  So verlieren die sieben Männer im ungarischen Wartesaal ihre Zeit – von Milosevic angeklagt, von der serbischen Opposition totgeschwiegen, und vom Westen, der sie einst aufgefordert hat, sich einem verbrecherischen Krieg zu verweigern, schlicht hängen gelassen.

Thomas Schmid, „Die Zeit“, 18.05.2000 (dort unter dem Titel „Wo bitte geht’s zum Frieden?“ erschienen)

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