In Kairo laden sich Teenies Sätze aus seinen Freitagspredigten als Klingelton aufs Handy. In Damaskus beten fromme Muslime für ihn am Grab Saladins, der einst die Kreuzfahrer aus Jerusalem vertrieb. Von Marokko bis Malaysia hat die islamische Welt einen neuen Helden:    Hassan Nasrallah. Der libanesische Hisbollah-Führer trotzte mit seinen Truppen über einen Monat lang der stärksten Armee des Nahen Ostens. Israel, das 1967 in einem Dreifrontenkrieg innerhalb von sechs Tagen die Armeen Ägyptens, Syriens und Jordaniens besiegte und seither als unschlagbar galt, konnte den Widerstand der hoch motivierten und tief verbunkerten islamistischen Milizen im Libanon nicht brechen. Das ist Balsam für verwundete arabische Seelen, für die Kränkungen vergangener Jahrzehnte. Endlich hatte einer Mumm, hat es denen gezeigt, während so viele Führer arabischer Staaten kuschen, ja sich sogar den Amerikanern an die Brust werfen! Wenn die Volksseele kocht, mag mancher arabische Depot zittern.

Ob die am Wochenende vereinbarte Waffenruhe auch hält, ist ungewiss. Zu viele Unwägbarkeiten birgt der Konflikt, zu viele Passagen der UN-Resolution sind schwammig formuliert, zu lange könnte es dauern, bis internationale Truppen vor Ort ankommen. Israel will aus dem Libanon erst abziehen, wenn die libanesische Armee und die massiv aufgestockten UN-Verbände den Süden des Landes tatsächlich kontrollieren. Die Hisbollah akzeptierte zwar die Waffenruhe, doch fügte Nasrallah hinzu: „Solange israelische Truppen Teile unseres Landes besetzt halten, ist es unser natürliches Recht, gegen sie vorzugehen, sie zu bekämpfen und die Heimat, unsere Häuser, uns selbst zu verteidigen.“ Der UN-Sicherheitsrat fordert in seiner Resolution die Entwaffnung der Hisbollah – wie bereits vor einem Jahr, als die syrischen Truppen aus dem Libanon abziehen mussten. Auch diesmal ist nicht abzusehen, wer der islamistischen Miliz die Waffen abnehmen soll. Die libanesische Armee ist dazu weder willens noch in der Lage. Sie ist der Hisbollah waffentechnisch unterlegen, und die Hälfte ihrer Soldaten sind Schiiten, von denen wohl die meisten mit Nasrallahs Truppen sympathisieren. Das Kabinett in Beirut hat die Beratung über diese brisante Frage vertagt.

Freiwillig wird die Hisbollah ihre Waffen wohl nicht abgeben. Wenn sie sich aber nicht an die UN-Resolution hält, weshalb sollte sich Israel ihr verpflichtet fühlen? So sieht es ganz danach aus, als ob beide Seiten aus pragmatischen Gründen in die Waffenruhe eingewilligt haben. Die Hisbollah, weil sie nach der Zerstörung halb Libanons wohl eine Verschnaufpause braucht. Israel, weil die Resolution ihr erlaubt, ohne allzu grossen Gesichtsverlust eine Offensive zu beenden, die gescheitert ist – gemessen am ursprünglichen Ziel der Befreiung zweier Soldaten und der Zerschlagung der Hisbollah, aber auch gemessen am später formulierten, bescheideneren Ziel, die Bevölkerung Israels vor den Raketen der Hisbollah zu schützen. Über tausend Tote hat der 33-tägige Krieg im Libanon gefordert, zu neun Zehnteln Zivilisten. Israel seinerseits hat „nur“ 150 Opfer zu beklagen, zu zwei Dritteln Soldaten. Libanons Infrastruktur ist weitgehend zerstört, die materiellen Schäden in Israel hingegen halten sich in Grenzen. Trotz dieser Bilanz steht nicht Israel, sondern die Hisbollah als Sieger da, vor allem ihr Generalsekretär, der neue Held der arabischen Massen.

Hassan Nasrallahs Konterfei hängt an den Mauern der Häuser und wird auf Demonstrationen durch die Strassen getragen. Es ist das Porträt eines siegesbewusst lächelnden, leicht pausbäckigen jungen Imam mit ergrautem Bart und dem schwarzem Turban der Sayyid. Das ist der Titel jener, die sich rühmen, vom Propheten Mohammed über die (schiitische) Linie seines Enkels Hussein abzustammen. Der Mann strahlt Zuversicht aus. „Scheich Nasrallah“, sagt der israelische Schriftsteller Meir Shalev, „bringt in Israel jeden zum Wahnsinn, wie er dasitzt mit dieser sanften Stimme, nie wütend, nie fluchend, in gewisser Weise sogar gütig.“

Doch Nasrallah ist zweifellos ein Terrorist. Er liess Katjuscha auf nordisraelische Städte abfeuern. Ob die Raketen Zivilisten oder Soldaten, Frauen oder Männer, Juden oder Araber töteten oder einfach ins Leere gingen, überliess er dem Zufall. Viele Libanesen freuten sich über jeden Treffer, und nachdem die israelische Luftwaffe ganze Stadtviertel Beiruts in Schutt und Asche gelegt, Brücken und Straßen zerbombt hatte, stieg die Anzahl jener, die den Terror der Hisbollah billigten. Würden in Libanon heute demokratische Wahlen stattfinden, hätte Nasrallah durchaus Chancen, Präsident zu werden. So weit ist es gekommen im Land der Zedernrevolution, von dem aus – so dachten vor einem Jahr noch viele – die Demokratie in den arabischen Raum ausstrahlen würde.

„Israel ist ein Krebsgeschwür in dieser Region, es muss ausgemerzt werden“, hatte Nasrallah vor sechs Jahren gesagt. Nun bot er diesem Israel leichtfertig den Vorwand, Libanon zu zerstören. Nach einigen Tagen massiver Bombardierung beschwichtigte er seine Landsleute per Video aus dem Untergrund: „Macht euch keine Sorgen wegen des Wiederaufbaus.“ Seine Bewegung habe gute Freunde mit grossen finanziellen Ressourcen. Sie seien bereit zu helfen, ohne politische Bedingungen zu stellen. Die guten Freunde, das sind Syrien und der Iran. Syrien hat schon einmal dem Libanon geholfen: Mit dem Segen der Amerikaner marschierten 1991 seine Truppen ein, um einen 16jährigen Bürgerkrieg zu beenden. Und sie blieben, bis sie im vergangenen Jahr nach der Ermordung des libanesischen Ministerpräsidenten Rafiq al-Hariri unter dem Druck einer breiten Protestbewegung und der Amerikaner abziehen mussten. Und Irans Hilfe hat sich bislang auf die Ausbildung von Hisbollah-Kämpfern und die Lieferung von allerlei Waffen beschränkt. Wer aber ist dieser Mann, der nun der Führer des Widerstands gegen die israelischen Truppen im Land ist und andererseits auch einen Stellvertreterkrieg führt – für Syrien, das seine von Israel annektierten Golan-Höhen bislang vergeblich zurückfordert, und für den Iran, der ebenfalls das „Krebsgeschwür Israel“ ausmerzen will?

Nasrallah wurde 1960 als ältestes von neun Kindern eines Lebensmittelhändlers in Beirut geboren. Als 1975 im Libanon der Bürgerkrieg ausbrach, flüchtete die ganze Familie nach Bassouriyeh, an ihren Herkunftsort im Süden des Landes. Dort trat Nasrallah als 15jähriger der schiitischen Partei Amal (Hoffnung) bei. Deren Gründer und Führer, der Imam Musa as-Sadr, kümmerte sich vor allem um die sozialen Belange der armen Bauern und Tagelöhner. Als Israel 1978 den Süden Libanons besetzte, wandelte sich die Amal jedoch zu einer bewaffneten Widerstandsgruppe. Im selben Jahr verschwand Musa as-Sadr, nachdem er ein Flugzeug nach Libyen bestiegen hatte, und tauchte nie wieder auf. Nasrallah ging in Tyrus ins Gymnasium, und dort gab ihm der Prediger der Hauptmoschee ein Empfehlungsschreiben an Grossayatollah Baqir as-Sadr, ein sehr populärer Wirtschaftswissenschaftler im irakischen Nadschaf, wo sich das bedeutendste Heiligtum der Schiiten befindet, die Grabmoschee von Ali, dem Schwiegersohn des Propheten. Baqir as-Sadr, den Saddam Hussein 1980 hinrichten liess, war Cousin des verschwundenen Musa as-Sadr und Schwiegervater von Muqtada as-Sadr, dem heutigen Führer der radikalen Schiiten-Milizen im Irak.

Zwei Jahre studierte Nasrallah bei Baqir as-Sadr, bis er vom säkularen Baath-Regime Saddam Husseins zusammen mit Hunderten von Studenten und Islamisten des Landes verwiesen wurde. Nach der Rückkehr in den Libanon schloss er sich wieder der Amal an und wurde – es herrschte Bürgerkrieg im Libanon – deren Kommandant in der Bekaa-Ebene. Dort trafen nach dem Einmarsch israelischer Truppen und der Besetzung Beiruts 1980 rund 1.500 iranische Revolutionsgardisten (Pasdaran) ein. 1982 wurde aus einer radikalen Abspaltung der Amal in der iranischen Botschaft von Beirut die Hisbollah gegründet. Als Syrien 1991 im Libanon einmarschierte und den Bürgerkrieg beendete, blieb sie als einzige von unzähligen Milizen übrig. Nasrallah, zuvor Imam in der Hauptmoschee von Hareit Hreik, der Hochburg der Schiiten in Südbeirut, war damals Militärchef der Organisation. Nachdem die israelische Armee 1992 Abbas al-Musawi, den Generalsekretär der Hisbollah, samt seiner Frau und ihren drei Kindern tötete, wurde er auf Betreiben des iranischen Revolutionsführers Ayatollah Khamenei über die Köpfe ranghöherer und dienstälterer Aspiranten hinweg sein Nachfolger.

Nasrallah formte aus den oft unkoordiniert agierenden Hisbollah-Gruppen eine disziplinierte schlagkräftige Guerilla, die die israelischen Armee im Süden Libanons immer wieder in Kämpfe verwickelte. Bei einem Feuergefecht starb auch Nasrallahs ältester Sohn Hadi. Sein Vater zeigte sich stolz auf den „Märtyrer“. Als die Besatzer im Jahr 2000 schliesslich entnervt und überstürzt das Land verliessen, stand Nasrallah als glänzender Sieger da. Er war der erste, der Israel auf militärischem Weg ein Stück Land abgetrotzt hatte.

Nasrallah wurde nun als Befreier Libanons gefeiert. Doch wichtiger als seine militärischen Erfolge waren seine sozialen und politischen Leistungen. Der ehemalige Prediger baute in den armen schiitischen Vierteln der Hauptstadt und im von der Hisbollah kontrollierten Süden des Landes ein engmaschiges Netz sozialer Hilfs- und Wohltätigkeitsorganisationen auf, die den Leuten halfen, die unterschiedlichsten Probleme im mühseligen Alltag zu bewältigen. Die Hisbollah hat ihre eigene Armee, ihre Schulen, ihre Krankenhäuser und ihren Fernsehsender al-Manar (Leuchtturm), der zu Beginn des aktuellen Krieges zerbombt wurde, aber schon zwei Minuten später seine Arbeit aus dem Untergrund aufnahm. Die Hisbollah bildet – ähnlich wie Arafats PLO in den 70er Jahren –  im Libanon einen Staat im Staat. Unter Nasrallah stieg sie schliesslich auch in die Politik ein. Heute stellt die Schiitenpartei im Kabinett zwei Minister.

Die Hizbollah ist so zwar in die nationale Politik eingebunden. Doch an ihrer politischen Loyalität gibt es begründete Zweifel. Als im vergangenen Jahr der libanesische Ministerpräsident Hariris erschossen wurde, der für einen souveränen Libanon eintrat, verlangten Hunderttausende Libanesen den Abzug der Truppen Syriens, das den Mord wohl arrangiert hatte. Die Hisbollah mobilisierte daraufhin eine Million Anhänger, um gegen die Einmischung fremder Staaten in libanesische Angelegenheit zu demonstrieren. Damit meinte sie nicht Syrien, das Libanon anderthalb Jahrzehnte lang die Politik diktiert hatte, sondern die USA und Frankreich, die sich für einen unabhängigen Libanon einsetzten.

Die Zedernrevolution siegte, und Syrien zog seine Truppen zurück. Das war vor einem Jahr. Im Nahen Osten gab es seither zwei einigermassen demokratische Staaten: Israel und Libanon. Israel mit dem kleinen Makel eines auf religiöser Grundlage verfassten Gemeinwesens, Libanon mit dem größeren einer Machtverteilung nach konfessionellen Kriterien. Aber beide Staaten haben – einzigartig in der Region – frei gewählte Regierungen und eine freie Presse. Die Tragik Libanons aber besteht darin, dass der Staat sein Gewaltmonopol nie auf dem ganzen Territorium durchsetzen konnte. Hätte er es versucht, wäre es aller Voraussicht nach zu einem Bürgerkrieg gekommen. Ob nun, nachdem die eine Demokratie die andere in ihren wirtschaftlichen Grundlagen um zwei Jahrzehnte zurückgebombt hat, die Chancen für einen dauerhaften Frieden besser stehen, darf bezweifelt werden. Mit der Frustration einer Generation, die aus den Ruinen des 15jährigen Bürgerkriegs ein neues Libanon gebaut hat, das nun in 33 Tagen zerstört wurde, ist riesig, paart sich nun neuer Hass auf Israel und Enttäuschung über den Westen, der dieses so lange gewähren liess. Und als  strahlender Sieger steht Scheich Sayyed Hassan Nasrallah da, der Chef einer terroristischen Organisation mit Massenbasis.

Thomas Schmid, „Facts“, 17.08.2006 (unredigierte Fassung, die veröffentlichte mag abweichen)