Mustafa war gerade ein Jahr alt und machte die ersten Gehversuche, als der Vater aus seinem Leben verschwand. Nun studiert er im ersten Semester Geschichte und serviert dem Spätheimkehrer den Tee. Fast 19 Jahre hat Mohamed Bachi als Kriegsgefangener in einem Wüstenlager gelebt. Während andere Söhne und Töchter heranwachsen sahen, berufliche Pläne schmiedeten, sich ein Haus bauten oder mit der Familie am Strand Urlaub machten, sich über die Olivenernte freuten und Lämmer schlachteten, um den Eid al-Fitr, das Fastenbrechen nach dem Ramadan, zu feiern, stellte Bachi Lehmziegel her, Tag für Tag, unter der stechenden Wüstensonne, 19 Jahre lang.
Aufgewachsen ist Mohamed Bachi in Tahala, und dahin ist er auch zurückgekehrt. Das Berber-Dorf liegt 80 Kilometer östlich von Fès, einer der vier Königsstädte Marokkos, da, wo das sanfte Hügelland in den Rif-Atlas übergeht. Es ist eine friedliche Landschaft. Olivenbäume und Schafherden sichern den Bauern hier ein kärgliches Überleben. So gut wie jede Familie schickte einen Sohn in die Armee. „Es war für viele die einzige Möglichkeit, zu etwas Geld zu kommen“, sagt Bachi. 1973, gerade 21 Jahre alt geworden, zog er sich die Uniform über. In Marokko herrschte Frieden.
Doch zwei Jahre später schon sah die Lage anders aus. Nachdem Portugal seine großen Kolonien in Afrika – Mozambik, Angola und Guinea – verloren hatte, war Spanien die letzte Kolonialmacht in Afrika. Und als Generalísimo Francisco Franco, der letzte Diktator Westeuropas, auf dem Sterbebett lag, marschierte im November 1975 die marokkanische Armee in die spanische Kolonie Westsahara ein. Gleichzeitig begann die Polisario, eine Befreiungsbewegung der Sahrauis, wie die Bewohner der Sahara sich nennen, ihren Krieg um die Unabhängigkeit der Westsahara. Korporal Mohamed Bachi musste an die Front – „zur Verteidigung des Vaterlandes“, wie er auch heute noch sagt.
Es war ein erbitterter Krieg im Sand. Die Polisario-Kämpfer, Söhne der Wüste, hatten einen Standortvorteil. Sie kannten das Terrain. Vor allem aber waren sie von Algerien und Libyen mit modernster Artillerie und Luftabwehrraketen ausgerüstet. Am 25. Februar 1987 geriet Mohamed Bachi mit seiner Kompanie in einen Hinterhalt der Guerilla. Er wurde in ein Lager bei Tindouf gebracht, das unweit der Grenze auf algerischem Gebiet liegt. Es war der Anfang einer Gefangenschaft, die bis zum 18. August dieses Jahres dauerte, als die letzten 404 von insgesamt einst über 2.000 marokkanischen Kriegsgefangenen endlich frei kamen.
Auf den ersten Blick sieht man Mohamed Bachi die verlorenen Jahre seines Lebens nicht an. Doch wenn der athletisch gebaute Ex-Soldat sich setzt oder aufsteht, wirkt er seltsam steif. Jahrelange Schwerstarbeit haben seine rechte Schulter und die Wirbelsäule arg in Mitleidenschaft gezogen. Er hat Tag für Tag, jahraus jahrein grosse Kuhlen in den Sand gegraben, dann das Wasser aus Zisternenwagen herangeschleppt, es mit dem Sand zu Mörtel vermischt, es danach zum Ort geschleppt, wo er die Ziegel formen musste. Alles im Akkord. „Hundert Ziegel am Tag mussten es mindestens sein“, berichtet Bachi, „sonst setzte es Schläge. Und wer zu langsam arbeitete, wurde von den Polisario-Wächtern mit Elektrokabeln angetrieben.“ Die Misshandlungen seien erst im Jahr 2000 – nach einem Besuch des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes (IKRK) – eingestellt worden. Doch die Zwangsarbeit habe bis zum Tag der Entlassung angedauert.
Nur wenige verweigerten sich der Arbeit. Zum Beispiel Omar Finidi. Er war zusammen mit Mohamed Bachi gefangen genommen worden. „Sie haben ihn barbarisch gefoltert“, bezeugt Bachi, „fast ein Jahr verbrachte er jede Nacht, an Händen und Füssen gefesselt, in einer Kiste, in die er nur in gebückter Stellung reinpasste. Diese stand draussen vor dem Einstieg zu unserem Gefängnisraum, der fünf Meter unter der Erde lag. Jede Nacht befahl uns ein Wächter, einen schweren Stein auf die Kiste zu legen.“ Bis auf die Knochen sei Finidi abgemagert und dann wohl umgebracht worden. Jedenfalls ist er bis heute nicht wieder aufgetaucht.
Mindestens 121 Männer seien in den Wüstencamps an den Torturen gestorben, behauptete „France Libertés“ in einem Bericht, der vor zwei Jahren veröffentlicht wurde und der sich auf die Befragung von 338 Kriegsgefangenen vor Ort stützt. Vorsitzende der französischen Stiftung ist Danielle Mitterrand, die Gattin des früheren Staatspräsidenten, die sich jahrelang für die Polisario eingesetzt hatte. Der Bericht ist zwar ziemlich zusammengeschustert und der Nachweis der Verbrechen im einzelnen schwierig. Aber dass die Polisario ihre Gefangenen systematisch misshandelte und sie zur Arbeit zwang, kann kaum noch ernsthaft bestritten werden.
Das Recht zählte in der Wüste wenig. Nach Artikel 118 der III. Genfer Konvention hätte die Polisario die Kriegsgefangenen nach dem Waffenstillstand von 1991 „ohne Verzug“ freilassen müssen, das humanitäre Völkerrecht verbietet Misshandlung von Kriegsgefangenen und unbezahlte Zwangsarbeit. Auch dass der 1999 verstorbene König Hassan II., der die Westsahara annektierte und in Marokko eine der grausamsten Diktaturen der arabischen Welt errichtete, Tausende von Regimegegnern schwer foltern und Hunderte umbringen liess, kann die Verbrechen der Polisario nicht entschuldigen. Aber ist ihr politisches Anliegen nicht trotzdem berechtigt? Die Befreiungsfront fordert, die Bevölkerung der Westsahara in einem Referendum über ihre politische Zukunft entscheiden zu lassen – genauso wie es eine Uno-Resolution vorsieht. Doch Marokko stellt sich quer.
Doch über Politik mag Bachi nicht reden. Er hat in seinem Leben nur Diktaturen gekannt und ist deshalb gewohnt, seine Zunge zu zügeln. Er will nur Ruhe haben, sich zur Ruhe setzen. Während der langen Gefangenschaft hat den Sold seine Familie erhalten: monatlich 2.150 Dirham, umgerechnet etwas mehr als 300 Franken. Im Alter von 45 Jahren sind Unteroffiziere pensionsberechtigt. Über die Höhe seiner Rente wird noch verhandelt. Bachi rechnet sich etwa 5.000 Dirham aus. Das reicht, um in Tahala ein bescheidenes Leben zu führen.
Nur wenige Kilometer von Tahala entfernt liegt Smia, ein kleines Dörfchen, ebenfalls von Berbern bewohnt, die hier noch ihre eigene Sprache, Tamazight, sprechen. Einige Ziegen schleichen die staubige Strasse entlang. Im Schatten der wenigen Bäume dösen Hunde. Das Dorf scheint ausgestorben. Die Menschen haben sich vor der Mittagshitze hinter die dicken Mauern ihrer Häuser geflüchtet. Auch Mohamed Bouchoua. Er empfängt uns in einer gelben Dschellaba, dem knöchellangen Gewand marokkanischer Männer. Seine Frau, seine drei Töchter und sein Sohn kommen hinzu und schliesslich auch noch seine hochbetagte Mutter, die ihr Gesicht mit Henna tätowiert hat und ihr eigenes Alter nicht kennt. Man setzt sich in die Stube, ein großes leeres Zimmer, das mit dicken Berber-Teppichen ausgelegt ist. Ein Tisch wird hereingetragen. Das Cous-cous wird gemeinsam aus der grossen Schüssel gegessen – ohne Gabeln, mit einem Stück Fladenbrot zwischen den Fingern.
Oft wird Mohamed Bouchoua in der Wüste von einem solchen Cous-cous geträumt haben. 16 Jahre lang, sagt er, habe er nur Reis und Linsensuppe gegessen. Kein Fleisch, kein Tee, kein Kaffee, kein Dessert. Loch für Loch hat er über die Jahre hinweg in seinen Gürtel gebohrt, damit die Hose nicht herunterrutschte. „Wir waren unterernährt“, sagt Bouchoua, „und dann hat man uns noch regelmässig Blut abgezapft – für verletzte Polisario-Kämpfer.“ Auch er hat während seiner langen Gefangenschaft immer nur Ziegel hergestellt, für Schulen, Krankenhäuser, Polizeistationen, für die Infrastruktur der Flüchtlingscamps eben. 160.000 Sahrauis wohnen schliesslich in den Zeltlagern bei Tindouf. Als die marokkanische Armee unter dem Einsatz von Napalmbomben grosse Teile der Westsahara erobertezogen sie sich zusammen mit der Polisario auf algerisches Staatsgebiet zurück. Viele von ihnen leben nun schon seit 30 Jahren unter erbärmlichen Bedingungen in der algerischen Wüste, versorgt vom Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) und dem UNHCR sowie verschiedenen Hilfsorganisationen, regiert von der Polisario und gewissermassen von ihr auch bewacht. Jedenfalls ihre Bewegungsfreiheit laut „amnesty international“ eingeschränkt.
Mit den Flüchtlingen hätten sie kaum Kontakt gehabt, sagt Bouchoua. „Es war uns verboten, sie anzuschauen“, behauptet er, „erst recht, sie anzusprechen.“ Aber heimlich sei es trotzdem zu Gesprächen gekommen. Doch hätten die Flüchtlinge den Gefangenen zu bedeuten gegeben , sie könnten nichts für sie tun, und nach Verständnis geheischt. Aber bei jeder Kontakaufnahme hätten die Gefangenen Schläge riskiert. War denn alles nur schrecklich? Gab es nicht auch schöne Momente während der Lagerhaft? Bouchoua denkt lange nach, dann sagt er: „Na ja, nachts haben wir uns die schönen Erlebnisse aus unserem früheren Leben erzählt.“ Und dann die wenigen Lichtblicke, wenn wieder ein Brief von der Familie eintraf. Zweimal jährlich durften die Gefangenen an ihre Angehörigen schreiben und zweimal von ihnen Briefe erhalten. Als Post fungierte das IKRK. So konnte Bouchoua also seine drei Mädchen und seinen Knaben heranwachsen sehen – auf Fotopapier. Sie sind heute alle erwachsen bis auf die 16jährige Samira, die vier Monate alt war, als ihr Vater in Gefangenschaft geriet. Und als er vor wenigen Wochen zurückkehrte, war er 16 Jahre älter als auf dem Foto, das Samira kannte, und sah 30 Jahre älter aus. Die Jahre in der Wüste haben ihm sehr zugesetzt. Er leidet an Rheuma, und jede Nacht plagen ihn Alpträume.
Das Schlimmste in der Wüste war die Ungewissheit. Dauert es Jahre? Jahrzehnte? Nimmt es überhaupt ein Ende? Und ist dann die Freundin, die Verlobte, die Frau nicht längst mit einem andern über alle Berge? Als ob die stechende Sonne nicht schon genug das Gehirn martern würde! Man kann nicht jahrelang gegen ein solches Schicksal rebellieren. Irgendwann wird man apathisch. Es stellen sich Depressionen ein. Man ist gebrochen, liegt da mit zerfressener Seele. Salam Ergilli versucht noch sechs Wochen nach seiner Freilassung aus 18jähriger Haft, sich im Alltag zurechtzufinden. Beim letzten Gefecht vor seiner Gefangennahme am 26. April 1984 wurde er von Artillerie beschossen. Ein Granatsplitter traf ihn am linken Auge, ein anderer am rechten Fuss. Nun ist er auf einem Auge blind und sein verletzter Fuss passt noch heute in keinen Schuh. „Aber schlimmer ist“, stöhnt er, „ich bin krank im Kopf, ich habe ein Durcheinander im Gehirn.“
Unter den letzten 404 marokkanischen Kriegsgefangenen, die am 18. August direkt aus der algerischen Wüste nach Agadir ausgeflogen wurden, war Ergilli einer der wenigen, die nicht in der Kaserne der Touristenstadt am Atlantik untergebracht wurden, wo der Geheimdienst die Freigelassenen zunächst einmal verhörte. Sein Gesundheitszustand war so Besorgnis erregend, dass man ihn gleich ins Krankenhaus einlieferte. Doch schon nach zwei Wochen entliess man ihn. Jetzt lebt er bei der achtköpfigen Familie seines Bruders in Sidi Slimane, der Kleinstadt, in der er aufgewachsen ist, und hat gerade einen Termin beim Augenarzt erhalten – für den März nächsten Jahres. Über seine Geschichte redet er nicht gern. Er muss zunächst sich selbst einmal Klarheit verschaffen, die Gedanken sortieren, nach all dem, was ihm widerfahren ist. Aber dass ihm sein Bruder einen herzlichen Empfang bereitet hat, dass ihn alle Nachbarn nach der Rückkehr aufgesucht haben, hat ihn schon sehr gefreut. Hunderte seien gekommen, sagt er, das ganze Viertel sei auf den Beinen gewesen. Selbst die Polizei habe vorbeigeschaut und ihm mitgeteilt, er solle sich ruhig melden, wenn er Hilfe brauche.
Marokko hat sich in den letzten Jahren rapide verändert. Am 18. August begaben sich der Innenminister und der Aussenminister Marokkos nach Agadir, um am Flughafen die letzten 404 freigelassenen Soldaten zu begrüssen. In früheren Jahren sind die repatriierten Kriegsgefangenen von kaum jemandem bemerkt in ihr Land zurückgekommen. Viele von ihnen begriffen ihre Gefangennahme als unehrenhafte Niederlage und schämten sich der Haft. Sie erzählten allenfalls der Familie und engsten Freunden, was ihnen widerfahren war. Zudem erinnerten die Rückkehrer an eine Zeit, die man ohnehin am liebsten verdrängte. Zwar gilt die Zugehörigkeit der Westsahara zu Marokko weiterhin als sakrosankt, und wer sie infragestellt, verletzt eines der wenigen Tabus, die es in der marokkanischen Öffentlichkeit noch gibt. Aber unter Mohammed VI., der 1999 den Thron bestieg, herrscht eine neue Atmosphäre. Vor einem Jahr durften ehemalige Häftlinge zur besten Sendezeit im staatlichen Fernsehen ausführlich sogar berichten, wie sie unter Hassan II., dem Vater des heutigen Königs, in marokkanischen Gefängnissen gefoltert wurden.
Ahmed el Bourkizi kann sich über den frischen Wind, der in Marokko weht, nicht so recht freuen. Im September 1986 hat er geheiratet. Wie es in seinem Dorf im Rif-Atlas üblich war, hatten die Eltern die Braut ausgesucht. Er hat sie erst wenige Tage vor der Hochzeit bei den Vorbereitungen des Festes kennengelernt. Ganze elf Tage waren die beiden zusammen, dann musste er an die Front. Doch nach drei Monaten schon fiel er in einen Hinterhalt der Polisario. „Wir waren 16 Soldaten in unserer Gruppe und wollten bis zum Tod fürs Vaterland kämpfen“, erzählt el Bourkizi in der armseligen Wohnung eines Verwandten in der Hauptstadt Rabat, „nur drei überlebten.“ Fast 19 Jahre lang hat er als Kriegsgefangener im Wüstencamp verbracht. Auch er erzählt von der Zwangsarbeit, vom schlechten Essen und den Misshandlungen. Doch – Allah sei Dank – hat er die Tragödie überstanden und ist gesund geblieben.
Sein grösstes Problem ist seine Frau. Sie hat nicht bei seinen Eltern auf ihn gewartet, sondern ist schon bald nach seiner Gefangennahme zur eigenen Familie zurückgekehrt. Vielleicht hat sie sich auch anderweitig liiert. Jedenfalls will sich el Bourkizi scheiden lassen, um eine andere zu heiraten, die er noch sucht. Doch seine Frau zögert. Bis vor zwei Jahren war alles so einfach. Nach der „Mouddawana“, der traditionellen Familiengesetzgebung, konnte der Mann seine Frau im Beisein eines männlichen Zeugen mit drei Sätzen verstoßen. Damit war die Scheidung rechtsgültig vollzogen. Jüngst aber hat der König die Frauen emanzipiert. Nunmehr muss jede Scheidung auf gerichtlichem Wege erzwungen werden. Vom neuen Scheidungsrecht hat Ahmed el Bourkizi in der Wüste nicht erfahren. Und er ist einigermassen entsetzt. Die alte „Mouddawana“ findet er allemal besser. Aber dann besteht er darauf: „Bitte schreiben Sie, dass ich für den König, für Marokko, für die marokkanische Fahne bin und gegen die Polisario.“ Er hat fast zwei Jahrzehnte lang in Haft. Er will keinen neuen Ärger.
Thomas Schmid, „Facts“ (Zürich), Oktober 2005